Durchhängende Schaumstoffplatten an der Decke, verräterische Videos und Sprachnachrichten, gelöschte Überwachungsvideos: Die Aufklärung des verheerenden Brandes in der Silvesternacht mit 40 Toten wird für die Schweizer Behörden zum Armageddon.

Kaum ein Tag ohne neue Enthüllungen über die Brandkatastrophe von Crans-Montana. Am Dienstag wurde bekannt, dass es offenbar bereits in den Wochen vor dem verheerenden Feuer mit 40 Toten und insgesamt 116 teils schwerst Verletzten zu Problemen mit der Deckenverkleidung der Bar "Le Constellation" gekommen ist. Diese Abdeckung war wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass der Brand sich so rasch ausbreiten konnte.
Recherchen von Schweizer Medien haben zudem ergeben, dass es bei den Ermittlungen der Behörden offenbar zu einer gravierenden Panne gekommen ist. So dürften möglicherweise relevante Überwachungsvideos – irrtümlich – von der Polizei gelöscht worden sein.
Zunehmend ins Visier der Ermittler gerät auch der französische Betreiber der Todes-Bar. Er soll Umbauarbeiten an dem Lokal ohne behördliche Bewilligung und Kontrolle durchgeführt haben.
Umso empörender empfinden es viele Opfer und Hinterbliebene, dass er von der Schweizer Justiz trotzdem erst kürzlich aus der Untersuchungshaft entlassen worden ist. Die italienische Regierung fordert deshalb nun offiziell Konsequenzen für den Ermittlungs-Pfusch der Schweizer Behörden und hat sogar ihren Botschafter aus Bern abgezogen.
Welche Probleme bei der Deckenverkleidung die Brandkatastrophe ausgelöst haben könnten, was es mit den Überwachungsvideos auf sich hat und was über die Renovierungsarbeiten an der Bar mittlerweile bekannt ist – alle neuen Erkenntnisse im Überblick:

Der Reihe nach: Welche neuen Erkenntnisse gibt es über die Schaumstoffdecke in der Unglücks-Bar?
Der französische Sender France 2 veröffentlichte ein Video und eine Konversation zwischen dem Betreiber der Bar, Jacques Moretti, und einem seiner Kellner aus dem "Le Constellation". Daraus geht hervor, dass es Mitte Dezember, etwa zwei Wochen vor dem verheerenden Brand, Probleme mit den Schaumstoffplatten an der Decke des Lokals gegeben hat.
Welche Art von Problemen?
Offenbar lösten sich die Platten von der Decke ab. Auf dem veröffentlichten Video (siehe unten) vom 14. Dezember 2025 ist zu sehen, wie mit Billard-Queues und Stößen von Papierservietten versucht wird, die durchhängenden Schaumstoffplatten an die Decke zu drücken.
Was sagte der Bar-Betreiber dazu?
Er kommunizierte mit seinem Kellner, einem 28-jährigen Mann namens Gaëtan, der später selbst bei dem Brand verletzt wurde, per Sprachnachrichten. Offenbar waren die Schaumstoffplatten frisch an der Decke angebracht worden, schienen aber nicht zu halten. Daher der Versuch mit den Billard-Queues und den Servietten, den Gaëtan in seinem Video festhielt.
Was war die Reaktion darauf?
"Ja, es sieht ganz gut aus. Bitte entfernen Sie die anderen", antwortete Jacques Moretti. Doch der Kellner schien nicht überzeugt. Er antwortete: "Nur an dieser einen Stelle hat es meiner Meinung nach noch nicht richtig gehalten. Sehen Sie, man kann die Decke durchsehen, im Vergleich zu vorher, als der Schaumstoff noch da war. Vielleicht sollten wir dort noch etwas Schaumstoff anbringen."
Wie ging es weiter?
Bar-Betreiber Jacques Moretti antwortete: "Ja, Gaëtan, versuch mal, einen rauszunehmen und schau, ob er runterfällt, denn ich habe da etwas Schaumstoff reingetan, mit dem ich nicht vertraut bin … Sag mir, ob es in Ordnung ist. Sag mir, ob er runterfällt oder nicht; wenn er runterfällt, müssen wir sie leider so lassen."
Worauf lässt das schließen?
Wenn das stimmt, was Jacques Moretti in seinen Sprachnachrichten sagt, dann wurden offenbar wenige Wochen vor dem Feuer die Schaumstoffplatten an der Decke ausgetauscht. Und zwar gegen neue Platten, die einerseits nicht ausreichend fest an der Decke hielten und andererseits offenbar aus einem Material waren, über dessen Beschaffenheit der Chef nicht ausreichend Bescheid wusste.
Weshalb ist das relevant?
Weil die Ermittler davon ausgehen, dass in der Unglücksnacht Sprühkerzen oder Pyrotechnik auf Alkoholflaschen die Schaumstoffplatten an der Decke des Lokals entzündet haben und so die Brandkatastrophe auslösten.

Gibt es weitere Anhaltspunkte, die für die Theorie der "hängenden Schaumstoffplatten" sprechen?
Ja. Vier Tage vor der Katastrophe habe ein Gast der "Constellation" eine Beobachtung gemacht, berichtet die Frankfurter Rundschau. Der Lärmschutz-Dämmstoff über dem Billardtisch soll lose von der Decke heruntergehangen sein und "Wellen" gebildet haben. Samuel M., der Gast, meldete sich nach dem Unglück bei den Ermittlern: "Jemand sagte mir, dass es von der Decke regnen würde. Ich bemerkte, dass der Schaum über dem Billardtisch eine Welle bildete. Er war nicht richtig an der Decke befestigt, sondern hing ein wenig herunter."
Wurde Bar-Chef Jacques Moretti dazu schon befragt?
Ja. Laut der französischen Zeitung Le Parisien habe er während einer Anhörung am 20. Januar erklärt, dass der Schaumstoff keine Gefahr darstelle und er ihn sogar getestet habe. "Ich habe einen Brenner genommen, um den Schaumstoff zu testen. Er hat gebrannt, ich musste das Feuer löschen, aber das Einzige, was mich gestört hat, war der Rauch, ansonsten hat mich nichts schockiert", so Moretti laut dem französischen Sender France 2.
Was ist damit gemeint?
Morettis Anwalt Nicola Meier präzisierte, dass der Geschäftsmann sich an ein Fachgeschäft gewandt habe, um den Schallschutzschaumstoff auszuwählen. "Dieser Schaumstoff wurde ihm empfohlen", erklärte der Advokat. "Nach dem Einbau wurde der Schaumstoff mehrfach überprüft", versicherte er. Insbesondere in Anwesenheit eines Verantwortlichen der Feuerwehr, und niemand habe etwas daran auszusetzen gehabt.
Könnte das stimmen?
Das versuchen die Ermittler nun jedenfalls herauszufinden. Wie das Schweizer Medium 24 Heures recherchierte, hat es offenbar immer nur lückenhafte behördliche Kontrollen der "Constellation"-Bar gegeben. So seien Umbauarbeiten im Jahr 2015 ohne Baubewilligung erfolgt. Auch sei niemals ein Brandschutzkonzept für das Lokal verlangt worden, so die Online-Plattform Watson.
Das klingt beängstigend …
Es kommt noch schlimmer. Laut Watson sei die Veranda des Lokals in Eigenregie umgebaut, dafür aber niemals Baupläne eingereicht worden. Die Veranda sei in der Brandnacht zur Todesfalle für viele der jungen Menschen geworden (siehe Video unten). Bei Kontrollen durch die Gemeinde Crans-Montana in den Jahren 2018 und 2019 seien verschiedene Mängel festgestellt worden, darunter bauliche Probleme, fehlende Schulungen und keine Evakuierungsübungen. Der Betrieb durfte aber dennoch unter Auflagen weitergeführt werden. Und nach 2019 fanden keine weiteren Kontrollen mehr statt, die nächste sei für das Frühjahr 2026 vorgesehen gewesen.
Gibt es neue Erkenntnisse über die Notausgänge der Bar?
Wie Le Parisien berichtet, sei laut mehreren Zeugen der Notausgang an der Rückseite des Nachtclubs in der Brandnacht verschlossen gewesen. Ein Foto von einer Überwachungskamera zeigt, dass ein Stuhl den Ausgang nur wenige Minuten vor dem Brand blockierte. "Ich denke, ein Gast hat ihn am Abend oder am Tag zuvor dort hingestellt", sagte Jacques Moretti dazu während seiner Vernehmung. Und auch eine sogenannte "Service-Türe" im Erdgeschoß sei zum Zeitpunkt des Feuers versperrt gewesen, so der Stand der Ermittlungen.
Was heißt das alles?
Die neuen Ermittlungsergebnisse belasten den Betreiber der Bar jedenfalls schwer. Gegen ihn und seine Ehefrau Jessica wird wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Brandstiftung ermittelt. Umso verwunderlicher erscheint es, dass Jacques Moretti Ende vergangener Woche aus der Untersuchungshaft entlassen worden ist.
Gibt es dafür eine offizielle Begründung?
Das Fluchtrisiko sei erneut bewertet worden, so das zuständige Zwangsmaßnahmengericht des Kantons Wallis laut der Zeitung Blick. Der 49-Jährige habe als Bedingung für seine Freilassung dieselben Auflagen wie seine Frau bekommen, heißt es. Diese durfte die ganze Zeit über auf freiem Fuß bleiben.
Welche Bedingungen sind das?
Er musste seine Ausweis- und Aufenthaltsdokumente bei der Staatsanwaltschaft hinterlegen und soll sich täglich bei einer Polizeidienststelle melden. Auch eine Kaution in der Höhe von 216.000 Euro musste der Betreiber des "Le Constellation" hinterlegen.
Und so viel Geld hatte er flüssig?
Offenbar nicht. Wie die Frankfurter Rundschau berichtet, habe ein "Freund aus Genf" die Kautionen für Jacques und Jessica Moretti hinterlegt. Das Geld, insgesamt mehr als 400.000 Euro, sei von einem Konto in Dubai überwiesen worden, hieß es.
Das wirft eher kein gutes Licht auf die Justizbehörden, richtig?
Tatsächlich steht kaum eine der involvierten Schweizer Behörden gut da. Weder die Gemeinde Crans-Montana, noch die zuständige Staatsanwaltschaft haben sich bislang mit Ruhm bekleckert. Und eine neue Ermittlungspanne lässt nun auch die Gemeindepolizei von Crans-Montana schlecht aussehen.
Worum geht es da?
Wie die NZZ berichtet, sind die Videoaufzeichnungen von insgesamt etwa 250 Überwachungskameras im gesamten Ortsgebiet von Crans-Montana gelöscht worden, ehe die Staatsanwaltschaft diese auf mögliche Hinweise sichten konnte.
Was heißt das konkret?
Kurz zusammengefasst: Die Gemeinde Crans-Montana verfügt laut NZZ seit 2006 über ein lückenloses Videoüberwachungssystem, auf das sie auch sehr stolz ist. Dadurch konnte der Nobelskiort zu einem der sichersten Flecken in der Eidgenossenschaft gemacht werden.

Aber?
Das System hat nur Speicherkapazitäten für sieben Tage. Danach werden die alten Aufzeichnungen automatisch überspielt, wenn man dies nicht durch einen manuellen Eingriff ins System verhindert.
Bedeutet in diesem Zusammenhang was?
Offenbar sind die Kameraaufzeichnungen rund um die Brandnacht gelöscht worden. Das berichtet laut NZZ der Polizeikommandant der Gemeinde, Yves Sauvain, in einem Brief an die Staatsanwaltschaft. Zwar seien die Aufnahmen aus der Brandnacht von 0 bis 6 Uhr früh vor dem Löschen gesichert worden. Aber alle Aufnahmen vor 24 Uhr und nach 6 Uhr früh seien unwiederbringlich verloren.
Wie kann so etwas geschehen?
Laut dem Polizeikommandanten habe die Staatsanwaltschaft zu spät, nämlich erst am 15. Jänner, die Aufnahmen angefordert. Da seien diese bereits gelöscht gewesen.
Und es gab nicht den Auftrag der Justizbehörde, alle Aufnahmen rund um das Unglück zu speichern?
So einen Auftrag gab es scheinbar schon, er sei aber offenbar zu allgemein ausgeführt gewesen, so die Zeitung.
Aber hat denn bei der Gemeindepolizei niemand so viel Verstand, um zu erkennen, dass diese Aufnahmen wichtig ein könnten?
Diese Frage müssen sich die Verantwortlichen in Crans-Montana jetzt jedenfalls gefallen lassen. Dazu kommt noch: Es gab bereits unmittelbar nach der Katastrophe die Aufforderung der verzweifelten Eltern eines der Opfer, alle Videoaufnahmen zu sichern. Doch dieser Hinweis verhallte offenbar ungehört.
Was hätte man aus den Videoaufnahmen ermitteln können?
Die Videos hätten laut NZZ womöglich die Frage beantworten können, wie viele Minderjährige die Bar nach 22 Uhr betreten haben, als sie dort nur in Begleitung eines gesetzlichen Vertreters sein durften. Noch wichtiger wären Erkenntnisse, was vor der sogenannten Service-Tür im Erdgeschoß sowie vor dem Notausgang im Keller geschah, die nach Ausbruch des Brandes verschlossen oder versperrt waren. Oder auch, welche involvierten Personen sich in den Tagen nach der Brandkatastrophe womöglich verdächtig verhalten haben? So wurden nach Angaben der Gemeinde etwa Unterlagen zur Bar im Haus eines Mitarbeiters gefunden.
Was ist eigentlich mit der Videoüberwachung im Inneren der Bar?
Die sei leider ausgefallen, und zwar um 1.23 Uhr, exakt drei Minuten vor Ausbruch des Feuers, so Bar-Chef Jacques Moretti.
Kann das stimmen?
Die Kantonspolizei bezweifelt es. Sie erstellte eine Chronologie der Ereignisse in der "Constellation", und zwar "insbesondere auf der Grundlage der Zeitstempel der Videoüberwachungsaufnahmen" der Bar. Und diese Chronologie beginnt um 1.26 Uhr, also nach dem angeblichen Ausfall des Systems, mit der Bestellung von zehn Flaschen Alkoholika, an denen Feuerwerkfontänen befestigt waren. Demnach müsste es also Bilder aus dem Videoüberwachungssystem geben, als das Feuer bereits brannte.

Sind so viele Zufälle tatsächlich möglich?
Diese Frage kann man nicht objektiv beantworten. Aber das Zusammentreffen so vieler Faktoren ist schon auffällig. Zumal, wenn man bedenkt, dass hier fast alle in die Aufklärung der Katastrophe involvierten Behörden alles andere als professionell verhalten haben.
Und das geht einfach so? Immerhin ist das die Schweiz und keine Bananenrepublik?
Ja, das ist schon außergewöhnlich. Neben den Eltern einiger Opfer, die ihrem Zorn über die Vorgänge auf die eine oder andere Weise Luft machen, ist es vor allem die italienische Regierung, die am lautesten gegen das Vorgehen der Schweizer Behörden protestiert.
In welcher Art?
Rom zog mittlerweile seinen Botschafter aus Bern ab und lässt ihn im italienischen TV schwere Geschütze auffahren. In der Sendung "Cinque minuti" auf Rai 1 sprach Botschafter Gian Lorenzo Cornado ganz undiplomatisch von Manipulation im Zuge der Ermittlungen.
Wie begründet der Diplomat diesen Vorwurf?
"Dass man neun Tage wartete, bevor Jacques Moretti verhaftet wurde, seine Wohnung nicht durchsuchte, sein Handy nicht beschlagnahmte und die von der Gemeinde Crans-Montana verwahrten Dokumente nicht sicherstellte, hat mit Sicherheit zur Beweismittelmanipulation beigetragen", so Botschafter Cornado im italienischen Fernsehen.
Weshalb lehnt sich Italien so aus dem Fenster in der Sache?
Einerseits sind viele der Opfer Italiener – allein sechs der Toten stammen aus Italien. Und dann hat die rechtspopulistische Regierung erkannt, dass sie mit einem harten Kurs gegenüber Bern offenbar Sympathien sammelt, denn die Stimmung im Land ist aufgeheizt.
Was will Rom?
Regierungschefin Giorgia Meloni hat angekündigt, den Botschafter erst dann wieder nach Bern zu entsenden, wenn die Schweiz einem gemeinsamen Ermittlungsteam aus Schweizer und italienischen Beamten zustimmt.

Ist das realistisch?
Nein, aber es bringt die Eidgenossen in Zugzwang. Denn es sind bei den Ermittlungen bereits so viele Pannen passiert, dass man nur schwer gegen die Forderung aus Rom argumentieren kann.
Wie geht es jetzt weiter?
Der Druck seitens der Opfer und Hinterbliebenen, die Ursachen für die Katastrophe zu ermitteln, wird in den nächsten Wochen eher noch zu- statt abnehmen. Wenn es den Schweizer Behörden nicht gelingt, hier ohne Rücksicht auf mögliche Fehler in den eigenen Reihen Ergebnisse zu liefern, wird das internationale Ansehen der angeblich so perfekten Eidgenossen einen massiven Kratzer bekommen.