In Ruanda soll ein neuer Formel-1-Kurs entstehen, Ex-Pilot Alex Wurz wird ihn mitgestalten. Aber: Staatspräsident Paul Kagame gilt als Autokrat, der seine Gegner verfolgt. Letztes Wochenende wurde einer seiner schärfsten Kritiker tot aufgefunden. Er wurde enthauptet.

Am Stadtrand von Kampala, der Hauptstadt des zentralafrikanischen Landes Ugandas, machten Anrainer am vergangenen Wochenende eine grauenhafte Entdeckung. Sie fanden den leblosen Körper eines Mannes, doch der Kopf des Toten war verschwunden. Der Mann wurde enthauptet, von dem Körperteil fehlt bis jetzt jede Spur.
Den ermittelnden Behörden wurde bald klar, dass es sich hier um keinen gewöhnlichen Mordfall handelt. Denn das Opfer ist Robert Kabera, ein 50-jähriger Ex-Armeeangehöriger aus dem Nachbarland Ruanda, der als scharfer Kritiker von Ruandas autokratisch regierendem Präsidenten Paul Kagame bekannt war, berichtet die BBC.
Was den Fall besonders brisant macht: Kabera ist bei weitem nicht der erste Exil-Ruander, der unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Und sämtliche dieser Todesfälle betrafen Menschen, die sich als Kritiker von Ruandas Präsidenten einen Namen gemacht hatten.
Seit wann es zu einer Häufung von Todesfällen unter Kritikern der Regierung Ruandas kommt, weshalb Menschenrechtsorganisationen Präsident Kagame als Autokraten, teilweise sogar als Diktator einordnen und was Österreichs ehemaligen Formel-1-Star und jetzigen ORF-Kommentator Alex Wurz mit Ruanda und seinem Machthaber verbindet – die Fakten in einem unglaublichen Fall:

Worum geht es?
Um den Mord an dem ehemaligen ruandischen Armeeangehörigen und bekannten Musiker Robert Kabera. Er floh 2020 ins Nachbarland Uganda, wo er seither als politischer Flüchtling lebte.
Was ist passiert?
Der 50-jährige Kabera wurde am Wochenende in einem Außenbezirk von Kampala, der Hauptstadt Ugandas, enthauptet aufgefunden. Sein Kopf blieb bisher verschwunden. Der ugandische Polizeisprecher Kituuma Rusoke bestätigte den Fund am Montag.
Wer war Robert Kabera?
Nach seiner Flucht aus Ruanda etablierte sich Kabera als beliebter YouTuber und Sänger, er hatte zuletzt über 144.000 Abonnenten. Auf seinem Kanal veröffentlichte er mehr als 800 Videos, in denen er den ruandischen Präsidenten Paul Kagame, dessen Regierung und die Menschenrechtslage in seinem Heimatland scharf kritisierte.
Warum lebte er im Exil?
Kabera begann seine regierungskritische Tätigkeit bereits vor seiner Flucht nach Uganda im Jahr 2020. Als Grund für die Flucht gab er damals an, er sei politischer Verfolgung ausgesetzt gewesen, da er familiäre Verbindungen zum verstorbenen ruandischen Nationalhelden General Fred Rwigema gehabt habe.
Wie reagierte man in Ruanda auf seine Flucht?
Unmittelbar nach seiner Flucht erhob die ruandische Militärstaatsanwaltschaft schwere Vorwürfe gegen ihn. Er wurde beschuldigt, ein minderjähriges Familienmitglied sexuell missbraucht zu haben. Kabera wies dies vehement als fabrizierte staatliche Propaganda zurück.
Wie wurde er ermordet?
Die genauen Umstände sind noch unklar. Nach Angaben seiner Familie war Robert Kabera unterwegs, um eine Baustelle etwa 45 Kilometer außerhalb von Kampala zu inspizieren, bevor er verschwand. Sein Körper wurde von Anwohnern entdeckt.
Wie reagiert seine Familie?
Kaberas Witwe, Jeanne d Arc Rwigema Uwizeye, teilte der BBC in einer schriftlichen Nachricht mit, dass sie nun um die Sicherheit ihrer Familie fürchte. Konkrete Details nannte sie nicht.
Gab es offizielle Reaktionen?
Die ruandische Regierung hat sich zu dem Vorfall bislang nicht geäußert. Exil-Oppositionsgruppen wie der Rwanda National Congress (RNC) fordern eine unabhängige Untersuchung des Mordes. Obwohl es bisher keine Beweise für eine direkte Verwicklung des ruandischen Geheimdienstes gibt, erinnert der brutale Mord an frühere Fälle, in denen prominente Kagame-Kritiker ermordet wurden.

Kaberas gewaltsamer Tod ist also kein Einzelfall?
Nein. Mindestens sechs bekannte Kritiker von Ruandas Präsident sind in der Vergangenheit bereits getötet worden – sowohl in Ruanda als auch im Ausland. Bereits 1998 wurde etwa Seth Sendashonga, der ehemalige ruandische Innenminister, der mit Kagame brach, in Nairobi in seinem Auto ermordet. Die kenianischen Behörden ließen damals Verdächtige aus dem Umfeld der ruandischen Botschaft laufen. Der bislang bekannteste Fall ereignete sich 2014. Da wurde Patrick Karegeya, ein ehemaliger ruandischer Geheimdienstchef und Mitbegründer des oppositionellen Rwanda National Congress (RNC), tot in einem Hotelzimmer in Johannesburg in Südafrika aufgefunden. Er hatte sich mit Kagame überworfen und war nach einer Gefängnisstrafe ins Exil geflohen. 2019 erließ Südafrika deshalb Haftbefehle gegen zwei Ruander wegen Mordes, ausgeliefert wurden die beiden Männer allerdings nie.
Wie reagierte Präsident Kagame auf die Todesfälle?
Nach dem Tod von Patrick Karegeya machte Kagame Äußerungen, die weithin als Warnung an andere Kritiker verstanden wurden: "Wer auch immer sich gegen Ruanda verschwört, wird den Preis zahlen. Wer es auch ist, es ist nur eine Frage der Zeit." Diese Aussagen wurden und werden von Kritikern und Beobachtern oft als indirekte Bestätigung der staatlichen Verfolgungspolitik gewertet.
Wer ist Paul Kagame?
Paul Kagame regiert Ruanda seit dem Jahr 2000 als Präsident. Er kam während des Völkermords 1994 – damals starben binnen weniger Tage mehr als 800.000 Menschen – an die Macht und gilt als starker Mann des Landes. International wird er für wirtschaftliche Erfolge gelobt, gleichzeitig kritisieren Menschenrechtsorganisationen die Unterdrückung von Opposition und Meinungsfreiheit.
Kann man Präsident Kagame Diktator oder Autokrat nennen?
Das hängt von der Definition der Begriffe ab, aber grundsätzlich ja. Kagame regiert das Land seit dem Ende des Völkermords 1994, seit dem Jahr 2000 als Präsident. Durch Verfassungsänderungen wurde ihm eine lange Amtszeit ermöglicht. Eine echte politische Opposition gibt es in Ruanda nicht – bei den Präsidentschaftswahlen 2024 wurde Kagame mit 99,18 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Relevante Kritiker werden systematisch ausgeschlossen, inhaftiert oder ins Exil getrieben. Berichte über die Verfolgung und Ermordung von Kritikern im In- und Ausland zeichnen zudem immer wieder das Bild eines Polizeistaates, in dem abweichende Meinungen nicht toleriert werden.
Gibt es auch positive Aspekte seiner Regentschaft?
Unterstützer seines Kurses bezeichnen Paul Kagame oft als "gütigen Diktator" oder "Entwicklungsautokraten", dem es durch strenge Gesetze gelungen sei, nach dem verheerenden Völkermord von 1994 das Land zu stabilisieren und ein erneutes Aufflammen ethnischer Gewalt zwischen den Bevölkerungsgruppen der Hutu und Tutsi zu verhindern.
Wie steht Ruanda international da?
Unter Kagames Führung verzeichnete das Land enorme Fortschritte bei der Armutsbekämpfung, dem Zugang zu Bildung, der Gesundheitsversorgung und der Frauenquote im Parlament. Das Land gilt als eines der sichersten und am wenigsten korrupten in Afrika. Auch aus diesen Gründen genießt der Präsident in weiten Teilen der Bevölkerung große Popularität, weil er trotz des Mangels an demokratischem Spielraum als Garant für Frieden und Modernisierung gesehen wird.

Woher kommt das Geld für all diese Entwicklungen?
Die Regierung Ruandas ist sehr beweglich, was das Auftun von Möglichkeiten betrifft. So schloss etwa die britische Regierung unter Premierminister Boris Johnson 2022 mit Ruanda einen Pakt, bei dem Migranten, die ohne Genehmigung nach Großbritannien eingereist waren, direkt nach Ruanda hätten ausgeflogen werden sollen. Sie sollten ihr Asylverfahren in Ruanda durchlaufen und bei Anerkennung dauerhaft dort bleiben müssen. Als finanzielle Gegenleistung zahlte Großbritannien 340 Millionen Euro an das Kagame-Regime. Der oberste Gerichtshof Großbritanniens stufte den Plan im November 2023 schließlich als illegal ein und der Vertrag wurde aufgekündigt.
Was ist das mit der Formel 1?
Schon seit Jahren bemüht sich die höchste Automobil-Rennsportserie, wieder einen Grand Prix in Afrika zu etablieren. Zuletzt wurde 1993 in Kyalami in Südafrika gefahren. Am 13. Oktober dieses Jahres konnte die Formel-1-Muttergesellschaft schließlich einen Abschluss vermelden. Es wurde mit der ruandischen Regierung vereinbart, dass ab Beginn der 2030er-Jahre zunächst zehn Jahre lang ein Rennen in dem Land stattfinden wird.
Gibt es bereits eine Strecke dafür?
Nein, und da kommt Österreichs ehemaliger Formel-1-Fahrer und aktuelle ORF-Rennkommentator Alex Wurz ins Spiel. Er soll mit seinem Unternehmen WurzDesign gemeinsam mit dem deutschen Planungs- und Bauunterehmen Tilke Engineers and Architects einen komplett neuen Kurs errichten.
Was weiß man bereits darüber?
Die Strecke soll demnach in die natürliche Hügellandschaft im Distrikt Bugesera südlich der Hauptstadt Kigali eingebettet werden. Wurz habe bereits ein spektakuläres Konzept für das Streckenlayout vorgelegt, das die natürliche Hügellandschaft einbindet, heißt es. Die Strecke wird demnach mit rund 197 Metern Höhenunterschied pro Runde extrem hügelig sein, heißt es – das ist fast doppelt so viel Höhenunterschied wie auf der legendären Strecke in Spa-Francorchamps. Wurz verspricht einen fahrerisch anspruchsvollen "Achterbahn-Kurs" mit guten Überholmöglichkeiten.
Die Strecke wird irgendwo ins afrikanische Nirgendwo gebaut?
Nein, die ruandische Regierung verfolgt für die Region einen ehrgeizigen Entwicklungsplan. Neben der Rennstrecke soll ein komplett neuer internationaler Flughafen entstehen. Einer der Geldgeber ist Qatar Airways, die staatliche Luftlinie des Golf-Emirats, die 60 Prozent an dem Flughafen halten wird und auch einer der größten Sponsoren der Formel 1 ist.
Wann sollen die Bauarbeiten losgehen?
So rasch wie möglich hieß es bei der Präsentation Mitte Oktober. Bis Anfang 2030 soll die Strecke stehen und befahren werden können.
War die Menschenrechtslage in Ruanda bei den Verhandlungen ein Thema?
Bei der offiziellen Präsentation der Pläne war davon jedenfalls keine Rede. Allerdings fielen die Reaktionen darauf umso schärfer aus. Amnesty International warf der Formel 1 vor, sich von den ruandischen Behörden vor den Karren spannen zu lassen, um von willkürlichen Inhaftierungen, Folter und der Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Ruanda abzulenken. Und Human Rights Watch wies darauf hin, dass die Repression der Regierung Kagame Journalisten gefährde, die das makellose Image des Landes hinterfragen würden.
Gab es auch Reaktionen von staatlicher Seite?
Die Demokratische Republik Kongo, das größte Nachbarland Ruandas, sorgte für eine politische Zuspitzung, nachdem Außenministerin Thérèse Kayikwamba Wagner das Formel-1-Rennen in Ruanda als "moralisch unvertretbar" bezeichnete. Der Deal poliere das Image eines autoritären Führers auf, dessen Regierung mit der Unterstützung von Rebellen einen Krieg im Osten des Kongo befeuere.
Wie steht die Formel 1 zu diesen Vorwürfen?
Als Reaktion verteidigte sich die Formel 1 in einer Stellungnahme mit dem Argument, dass Sport eine "treibende Kraft für den Wandel und eine einende Kraft" sein könne. Man stelle bei weltweiten Rennen sicher, dass die außergewöhnlichen Standards und Werte der Rennserie auch von den jeweiligen Partnern vor Ort geteilt und umgesetzt würden.