Als einziges Land der Welt verfügt China neben Marine und Küstenwache über eine maritime Miliz, die primär aus Fischerbooten besteht. Tausende dieser paramilitärischen Boote erprobten zuletzt nördlich von Taiwan ihre Einsatzmöglichkeiten in einem riesigen Manöver.

Die Buchten des Zhoushan-Archipels vor Chinas Ostküste liegen voller blau gestrichener Fischerboote. Nach einer intensiven Saison im Ostchinesischen Meer, in der Krabben und Gelber Umber gefangen wurden, haben die meisten Schiffe inzwischen festgemacht. Doch nicht alle waren in den vergangenen Monaten ausschließlich mit Fischfang beschäftigt.
Im Dezember führten mehr als 1.000 Boote aus Zhoushan und anderen Küstenregionen Ostchinas ein bislang beispielloses Manöver durch. Nördlich von Taiwan formierten sie sich zu einer L-förmigen Formation, hielten diese über mehr als zwölf Stunden aufrecht und lösten sie anschließend wieder auf. In den folgenden Monaten versammelten sich chinesische Fischerboote im Ostchinesischen Meer vier weitere Male zu ähnlich angelegten Formationen.
Die staatlichen Medien Chinas stellen diese Vorgänge als gewöhnliche kommerzielle Fischerei dar. Doch daran bestehen erhebliche Zweifel.
China verfügt über eine maritime Sicherheitsarchitektur, die weltweit nahezu einzigartig ist. Neben Marine und Küstenwache greift die politische Führung seit den 1950er-Jahren auf einen Teil der Fischereiflotte als paramilitärische Seemiliz zurück. Diese schwer durchschaubare Organisation besteht aus gewöhnlichen Fischerbooten ebenso wie aus größeren Stahlschiffen, die offenbar eigens für robuste Einsätze auf See gebaut wurden.
Vor allem im Südchinesischen Meer ist die maritime Miliz seit Jahren präsent. Dort wird sie regelmäßig eingesetzt, um Pekings Gebietsansprüche an umstrittenen Riffen und Inselgruppen zu untermauern – notfalls auch mit Gewalt.

Im Ostchinesischen Meer beschränkten sich die Aktivitäten der Fischer bislang weitgehend auf den regulären Fang. Die jüngsten Entwicklungen könnten jedoch auf einen Strategiewechsel hindeuten. Die neuen Formationen übertrafen alles, was bislang selbst im Südchinesischen Meer beobachtet worden ist.
Vieles spricht daher dafür, dass nicht nur Angehörige der maritimen Miliz beteiligt waren, sondern auch zahlreiche zivile Fischerboote. Die Schiffe lagen derart dicht beieinander, dass mehrere Frachter ihren Kurs änderten, um die Verbände zu umfahren.
Die Manöver lassen vermuten, dass Peking die Einsatzmöglichkeiten seiner maritimen Miliz unter realitätsnahen Bedingungen testet. Beobachter befürchten, dass diese Fähigkeiten im Fall einer militärischen Eskalation um Taiwan von erheblicher Bedeutung sein könnten.
Über die Größe der maritimen Miliz veröffentlicht China keine offiziellen Angaben. Staatliche Medien bestreiten mitunter sogar ihre Existenz. Gleichzeitig bezeichnete ein 2014 in einer chinesischen Verteidigungszeitschrift erschienener Beitrag die Truppe als "unersetzlich". Ihre Stärke liege in ihrer flächendeckenden Präsenz, ihrer Tarnung als zivile Schifffahrt und ihrer Vertrautheit mit den Gegebenheiten auf See.
Gerade darin liegt ihr strategischer Wert. Während Einsätze der Marine eindeutig dem Staat zugerechnet werden können, ermöglicht die Seemiliz Peking ein gewisses Maß an politischer Distanz. Kommt es zu Zwischenfällen mit Schiffen anderer Staaten, lässt sich argumentieren, es habe sich lediglich um eigenmächtig handelnde "patriotische Fischer" gehandelt. Diese Form glaubhafter Abstreitbarkeit macht die Miliz zu einem wichtigen Instrument chinesischer Grauzonenpolitik.
Lange Zeit galt die Truppe allerdings als wenig schlagkräftig. Ihr Ruf war der einer lose organisierten Hilfstruppe mit veralteter Ausrüstung und geringer Disziplin. Hinzu kommt, dass die chinesische Fischerei altert.

Nach einer Erhebung aus dem Jahr 2024 sind lediglich fünf Prozent der Fischer jünger als 30 Jahre. Der Beruf gilt als körperlich hart und findet unter jungen Chinesen kaum noch Anklang. Entsprechend schwierig ist es, die Besatzungen im Umgang mit modernen Kommunikations- und Führungssystemen auszubilden.
Auch die Motivation der Angehörigen gilt als begrenzt. Die Vergütung sei vergleichsweise niedrig, sagt Collin Koh von der Nanyang Technological University in Singapur. Das liege auch daran, dass die Miliz ihrem Selbstverständnis nach nicht aus finanziellen Motiven, sondern aus patriotischer Verpflichtung handeln solle. Hinzu kommen regelmäßige Streitigkeiten zwischen lokalen Behörden und Militär darüber, wer die Kosten der Organisation zu tragen hat.
Seit Xi Jinping Ende 2012 die Führung Chinas übernahm, treibt Peking jedoch den Aufbau einer "maritimen Miliz neuen Typs" voran. Sie soll moderner ausgerüstet, professioneller organisiert und besser ausgebildet sein als ihre Vorgänger. Wie hoch die Investitionen tatsächlich ausfallen, lässt sich kaum beziffern. Provinzen und Städte finanzieren unterschiedliche Förderprogramme, zugleich werden staatseigene Unternehmen ermuntert, sich an den Kosten zu beteiligen.
Besonders großzügig fallen die Anreize für Einsätze in umstrittenen Gewässern aus. Einige Fischerboote erhalten tägliche Zuschüsse von mehr als 24.000 Yuan – umgerechnet rund 3.500 US-Dollar –, wenn sie dort über längere Zeit auf Position bleiben. Die Subventionen decken nicht nur sämtliche Betriebskosten, sondern ermöglichen den Eigentümern sogar Gewinne, ohne dass überhaupt Fisch gefangen werden muss.

Die Modernisierung der maritimen Miliz ist im Südchinesischen Meer am weitesten fortgeschritten. Das Seegebiet, das reich an Fischbeständen und Energieressourcen ist, wird von Peking nahezu vollständig beansprucht. Tatsächlich erheben jedoch sechs weitere Anrainerstaaten – darunter Vietnam und die Philippinen – konkurrierende Gebietsansprüche.
Dort hat sich die Seemiliz in den vergangenen Jahren von einer Hilfstruppe zu einem festen Bestandteil der chinesischen Machtprojektion entwickelt. Manche Fischer sind inzwischen hauptberufliche Angehörige der Miliz. Sie bemannen große, stahlverstärkte Schiffe, die unter anderem mit leistungsfähigen Wasserwerfern ausgerüstet sind. In Gruppen operierend, umkreisen sie von China beanspruchte Riffe und Sandbänke, überwachen ausländische Schiffe und setzen sie durch aggressive Manöver unter Druck.
Die Aktivitäten der Miliz lassen sich naturgemäß nur schwer erfassen. Gleichwohl sprechen die verfügbaren Daten für eine stetige Ausweitung ihrer Einsätze. Die Asia Maritime Transparency Initiative, ein Forschungsprogramm des Washingtoner Thinktanks Center for Strategic and International Studies (CSIS), wertet regelmäßig Satellitenaufnahmen aus. Gesucht wird dabei nach typischen Verhaltensmustern: Schiffe, die über längere Zeit regungslos verharren, ohne Fanggerät auszubringen, oder sich zu schwimmenden Sperren zusammenschließen.

Im vergangenen Jahr registrierte das Programm durchschnittlich 241 chinesische Schiffe pro Tag, die nach Einschätzung der Forscher der maritimen Miliz zuzurechnen waren und sich in umstrittenen Gewässern des Südchinesischen Meeres aufhielten. Seit Beginn der systematischen Beobachtung im Jahr 2021 ist dies der höchste bislang gemessene Wert.
Auch im Ostchinesischen Meer ist China in territoriale Konflikte verwickelt – nicht nur mit Taiwan, sondern ebenso mit Japan und Südkorea. Dennoch trat die Seemiliz dort bislang deutlich zurückhaltender auf. Ihre Aufgaben beschränkten sich überwiegend auf zivile Unterstützungsleistungen, etwa bei der Katastrophenhilfe nach Taifunen.
Dafür gibt es einen einfachen Grund. Das Ostchinesische Meer umfasst weniger als ein Viertel der Fläche des Südchinesischen Meeres, und Pekings Ansprüche richten sich dort auf klar umrissene Gebiete wie die unbewohnten Senkaku-Inseln, die China Diaoyu nennt, nicht jedoch auf das gesamte Seegebiet. Die chinesische Küstenwache sollte daher grundsätzlich in der Lage sein, Patrouillen und Konfrontationen mit ausländischen Schiffen selbst zu bewältigen, ohne auf zivile Boote zurückgreifen zu müssen.
Umso rätselhafter erscheinen die ungewöhnlichen Schiffsformationen der vergangenen Monate.

Nach Angaben des Analyseunternehmens IngeniSPACE, das die Bewegungen chinesischer Fischereiflotten auswertet, fanden innerhalb von weniger als sechs Monaten fünf großangelegte Formationsmanöver statt.
Das erste entstand um die Weihnachtstage 2025. Mehr als 1.000 Schiffe bildeten zwei parallele Reihen, die sich über rund 450 Kilometer erstreckten – eine Dimension, die in dieser Form bislang nicht beobachtet worden war.

Die zweite Formation folgte im Januar 2026. Einige Boote hielten ihre Position mehr als 30 Stunden lang. Wenige Tage zuvor hatte die chinesische Volksbefreiungsarmee umfangreiche Militärmanöver rund um Taiwan durchgeführt.

Im März tauchte eine weitere Formation rund 100 Kilometer weiter östlich auf – näher an der südkoreanischen Insel Jeju als bei den vorherigen Einsätzen.

Im April versammelten sich schließlich die Schiffe erneut auf demselben Längengrad. Die Aktion fand unmittelbar vor Beginn des alljährlichen chinesischen Sommerfangverbots statt, währenddessen große Teile der Fischereiflotte ohnehin nicht auslaufen dürfen.

Eine derart große Zahl ziviler Schiffe über viele Stunden oder gar Tage hinweg präzise auf Position zu halten, sei nicht nur eine technische Herausforderung, sondern vor allem Ausdruck außergewöhnlicher politischer Kontrolle, sagt Gregory Poling vom CSIS.
Viele Staaten hätten schon Mühe, ihre Fischer dazu zu bewegen, ihre Position kontinuierlich per AIS zu übermitteln. Nicht wenige Kapitäne schalteten ihre Transponder bewusst ab oder hielten ihre besten Fanggründe geheim, um Konkurrenz fernzuhalten.
China dagegen verfüge über eine politische Steuerungsfähigkeit gegenüber seiner zivilen Flotte, die weltweit ihresgleichen suche, so Poling. Kaum ein anderes Land könne eine derart große Zahl privater Schiffe gleichzeitig koordinieren und über einen so langen Zeitraum zu einem exakt vorgegebenen Verhalten veranlassen.
Gerade diese Fähigkeit dürfte das eigentliche Signal der jüngsten Formationen gewesen sein. Weniger die einzelnen Boote als vielmehr die Demonstration, dass Peking im Ernstfall auf einen erheblichen Teil seiner zivilen Fischereiflotte zugreifen und diese nahezu militärisch koordinieren kann.

Welche Rolle könnte eine so eng gesteuerte zivile Flotte im Ernstfall spielen? Im Falle eines militärischen Konflikts um Taiwan könnte die maritime Miliz die Volksbefreiungsarmee in vielfältiger Weise unterstützen. Denkbar wären Aufklärungsaufgaben ebenso wie logistische Hilfe oder die Absicherung militärischer Operationen.
Chinesischen Milizschiffen wird darüber hinaus vorgeworfen, wiederholt Untersee-Kommunikationskabel beschädigt oder durchtrennt zu haben – eine Fähigkeit, die in einer Krise erhebliche strategische Bedeutung gewinnen könnte.
Sollte Peking den Versuch einer amphibischen Landung auf Taiwan unternehmen, könnten große Schwärme ziviler Fischerboote den Verteidigern zusätzliche Probleme bereiten. Ein skrupelloser militärischer Planer könnte sie bewusst einsetzen, um den Gegner mit einer Vielzahl potenzieller Ziele zu überfordern und dessen Aufmerksamkeit sowie Ressourcen zu binden.
Noch wichtiger könnte die Rolle der Seemiliz jedoch in einem anderen Szenario sein: einer Blockade Taiwans.
Dabei müsste China die Insel nicht zwangsläufig vollständig von der Außenwelt abschneiden. Denkbar wäre auch eine abgestufte Form wirtschaftlichen Drucks – von chinesischen Strategen mitunter als "Quarantäne" bezeichnet –, bei der lediglich bestimmte Waren oder ausgewählte Schiffsverbindungen kontrolliert oder unterbunden würden.
Tausende zivile Fischerboote könnten in einem solchen Fall den Schiffsverkehr zu den taiwanesischen Häfen erheblich erschweren, Handelsrouten stören oder die Arbeit ausländischer Reedereien verkomplizieren, ohne dass die chinesische Marine überall gleichzeitig präsent sein müsste.

Dass sich ausgerechnet die Fischer von Zhoushan an solchen Einsätzen beteiligen könnten, ist nicht ohne historische Ironie.
Nachdem die Kommunisten 1950 den chinesischen Bürgerkrieg auf dem Festland für sich entschieden hatten, gehörte Zhoushan zu den letzten von der antikommunistischen Kuomintang gehaltenen Gebieten. Beim Rückzug nach Taiwan wurden Tausende Männer aus der Region zwangsweise für die nationalchinesische Armee rekrutiert und gegen ihren Willen auf die Insel gebracht. Die Erinnerung daran ist in manchen Familien bis heute lebendig.
Ein älterer Kapitän, dessen wettergegerbtes Gesicht Jahrzehnte auf See verrät, äußert sich jedoch weit weniger ideologisch. Ein Krieg wäre vor allem eine Katastrophe für sein Geschäft, sagt er. Helfen würde er nur, wenn die Behörden ihn ausdrücklich dazu verpflichteten.
Ein jüngerer Fischer sieht die Dinge anders. Er ist überzeugt, dass die Menschen in Zhoushan ihrer Pflicht nachkommen würden, sollte es zu einem Konflikt kommen. "Wir Chinesen sind wie verstreuter Sand", sagt er. "Aber wenn die Zeit gekommen ist, schließen wir uns zusammen. Dann werden wir alle Teil der Miliz."
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"From The Economist, translated by www.deepl.com, published under licence. The original article, in English, can be found on www.economist.com"