Nach tagelangem Rätselraten, wer das Satelliten-Internet Starlink für die ukrainischen Truppen gedrosselt haben könnte, outete sich Elon Musk persönlich als Urheber der Störung. Wie er die Aktion begründet, weshalb es bis jetzt keine europäischen Alternativen gibt.

Es ist ein Sinnbild für die Globalisierung des Krieges. Weil im Silicon Valley in Kalifornien jemand einen Schalter umlegte, mussten die ukrainischen Verteidiger ihrer Heimat über eine Woche lang hilflos dabei zusehen, wie Russland hunderte, tausende Drohnen auf ukrainische Städte abfeuerte und Wohnhäuser, Schulen, Kindergärten und zivile Infrastruktur in Schutt und Asche legte.
Denn um etwas gegen die russische Übermacht am Himmel unternehmen zu können, ist die Ukraine auf ein stabiles Internet an der Front angewiesen. Dieses liefert Elon Musks Starlink-Satellitenflotte. Oder besser gesagt lieferte. Denn vor gut zehn Tagen verlor das Starlink-Netz so viel an Leistung, dass die ukrainische Abfangdrohnen nichts mehr gegen die russischen Angreifer ausrichten konnten.
Lange wurde gerätselt, woran die plötzliche Schwäche des Netzes liegen könnte. Ob US-Präsident Trump, Starlink-Besitzer Elon Musk oder ein technisches Gebrechen die Ukraine zur Untätigkeit verdammte. Seit letztem Wochenende ist klar: Es war offenbar der reichste Mensch der Welt persönlich, der die Weichen zugunsten Russlands stellte, berichtet CBS News.
Was Multimilliardär Musk veranlasst hat, der Ukraine sprichwörtlich den Stecker zu ziehen, weshalb Starlink jetzt scheinbar wieder in bekannter Weise funktioniert und wie groß die Gefahr ist, dass es künftig erneut zu derartigen Einschränkungen kommen könnte – das muss man über die aktuelle Lage an der ukrainischen Front wissen:

Was genau ist Starlink?
Starlink ist ein Satelliten-Internetdienst des US-Unternehmens SpaceX, das von Elon Musk gegründet wurde. Tausende kleine Satelliten umkreisen die Erde und liefern schnelles Internet auch in abgelegene Gebiete – oder eben in Kriegszonen, wo herkömmliche Infrastruktur zerstört ist. Für die Ukraine ist Starlink seit Kriegsbeginn eine Lebensader.
Wofür braucht die Ukraine Starlink?
Die ukrainische Armee nutzt Starlink auf vielfältige Weise: für die Steuerung von Drohnen, für die Kommunikation zwischen Einheiten an der Front und für die Koordination der Luftverteidigung. Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte, die Geschwindigkeit sei entscheidend für die Frontlogistik und den Schutz vor russischen Raketenangriffen. Ohne zuverlässiges Internet wäre die moderne Kriegsführung längst undenkbar.
Was ist passiert?
In der Nacht zum 14. Oktober drosselte SpaceX die Starlink-Geschwindigkeiten in der Ukraine deutlich. Drohnen konnten nicht mehr zuverlässig gesteuert werden, Verbindungen brachen ab. Zunächst war unklar, wer den Befehl dazu gegeben hatte. US-Präsident Donald Trump sagte, er sei es nicht gewesen. Elon Musk schwieg tagelang.
Wie reagierte Präsident Selenskyj?
Der ukrainische Präsident wandte sich direkt an Trump und andere US-Vertreter mit der Bitte, das System wiederherzustellen. Er bezeichnete die eingeschränkten Starlink-Netzwerke als Gefahr für ukrainische Menschenleben und betonte die Bedeutung direkter Kommunikation auf höchster Ebene.
Hat sich Elon Musk mittlerweile dazu geäußert?
Ja, am Samstag, dem 24. Oktober, nahm Musk schließlich auf der Plattform X dazu Stellung. Er warf der ukrainischen Armee vor, gegen die Nutzungsbedingungen von Starlink verstoßen zu haben. Das Militär habe den zivilen Dienst für offensive Drohnenangriffe eingesetzt, um Menschen zu töten. Das sei nie erlaubt gewesen und werde es auch künftig nicht sein. Diese Lücke sei geschlossen worden.
Gibt es Beweise für Musks Vorwürfe?
Konkrete Belege, Fälle oder Zeiträume nannte Musk nicht. Er lieferte keine Details, welche ukrainischen Einsätze genau gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen haben sollen. Die Vorwürfe bleiben damit vage und sind von unabhängiger Seite nicht überprüfbar.
Was sagt die Ukraine zu den Vorwürfen?
Ein Sprecher von Präsident Selenskyj bestritt am Sonntag, dass die Ukraine Starlink missbräuchlich verwendet hätte. Man hätte gar nicht die Möglichkeit, das System für Angriffshandlungen zu benutzen, hieß es.
Also lag die Verantwortung für die Drosselung des Internets alleine bei Musk?
Das geht nicht ausdrücklich aus der Stellungnahme des Milliardärs hervor. Er betonte nämlich auch, dass die US-Regierung alle Änderungen an Starshield, der militärischen Version des Starlink-Satelliteninternetdienstes von SpaceX, kontrolliere.
Was ist der Unterschied zwischen Starlink und Starshield?
Starlink ist die zivile, kommerzielle Version des Satelliteninternets für Privatpersonen und Unternehmen. Starshield hingegen ist die militärische Variante, die speziell für Streitkräfte und Regierungen entwickelt wurde. Starshield stellt das Rückgrat der ukrainischen Drohneneinsätze und Kommunikation dar. Musk betonte, dass die US-Regierung kontrolliere, was mit Starshield passiere.
Funktionieren Starlink und Starshield jetzt wieder?
Ja, Präsident Selenskyj bestätigte am Samstag, dass die Verbindungen wiederhergestellt wurden. Die Geschwindigkeiten seien jetzt wieder dort, wo sie vor den Einschränkungen waren. Das sei entscheidend für die Frontlogistik und die Verteidigung gegen die düsengetriebenen und damit sehr schnellen, russischen Shahed-Drohnen, so Selenskyj.
Wer hat die Wiederherstellung veranlasst?
Das blieb bis zuletzt unklar. Trump erklärte zunächst, er habe nicht mit Musk über die Situation gesprochen, würde das aber tun, wenn die Störung anhalte. Am folgenden Tag bestätigte er ein Gespräch mit Musk über die Ukraine, ohne Details zu nennen. Kurz darauf wurde die volle Funktionalität wiederhergestellt. Musk solle nicht beschuldigt werden, aber auch, er selbst habe die Drosselung nicht angeordnet, so Trump. Die genauen Hintergründe und wer letztlich eingriff, sind nicht transparent.

Gibt es politische Konsequenzen?
Eine parteiübergreifende Gruppe von US-Senatoren forderte Antworten zu den Störungen und verlangte eine offizielle Untersuchung durch das Pentagon. Die Abhängigkeit von einem privaten Unternehmen für kriegswichtige Infrastruktur wirft zudem grundsätzliche Fragen auf - auch über die Grenzen zwischen staatlicher Kontrolle und privatwirtschaftlichem Handeln. Wie können Staaten sicherstellen, dass sie nicht von privaten Unternehmen abhängig werden?
Welche Folgen hat der Streit für die Beziehungen zwischen den USA und der Ukraine?
Der Vorfall belastet das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Kiew und Washington weiter. Die Ukraine fühlt sich von den USA im Stich gelassen – nicht nur wegen Starlink, sondern auch wegen angeblich nicht gelieferter Patriot-Abfangraketen.
Was bedeutet das Geschehene generell für die Zukunft?
Die Episode wirft grundsätzliche Fragen auf: Sollte ein einzelner Milliardär die Macht haben, mitten im Krieg lebenswichtige Infrastruktur abzuschalten? Und wie können Staaten sicherstellen, dass sie nicht von privaten Unternehmen abhängig werden, wenn ein einzelner Konzernchef über die Kommunikationsfähigkeit einer kämpfenden Armee entscheiden kann? Diese Debatte wird die kommenden Monate prägen, nicht nur in der Ukraine.
Könnte so etwas wieder passieren?
Das hängt davon ab, wie die beteiligten Parteien ihre Vereinbarungen gestalten. Die Ukraine ist auf Starlink angewiesen, hat aber begrenzte Verhandlungsmacht gegenüber einem privaten US-Unternehmen. Ohne verbindliche Regelungen zwischen Regierungen und Technologiekonzernen bleibt das Risiko ähnlicher Vorfälle bestehen.
Gibt es keine europäischen Alternativen zu Starlink?
Doch, aber sie hinken weit hinterher, so eine Analyse der BBC. Die Hauptalternative ist Eutelsat, die besteht aber nur aus etwa 600 aktive Satelliten – Starlink betreibt aktuell mehr als 11.000. Das EU-Projekt Iris² soll ebenfalls unabhängige, sichere Kommunikation ermöglichen. Das Projekt wird aber frühestens 2029 einsatzbereit sein und soll dann nur aus insgesamt 348 Satelliten bestehen.
Hätte die Ukraine Alternativen?
Die beste kurzfristige Option ist Govsatcom, das Satelliten-Sharing-Netzwerk der EU. Es ermöglicht sichere Kommunikation zwischen EU-Mitgliedstaaten. Die EU verhandelt bereits mit Kiew über einen Beitritt. Das Problem: Govsatcom kann derzeit noch nicht für militärische Operationen wie Drohnensteuerung genutzt werden. Das soll sich zwar Anfang 2027 ändern, eine vollständige Alternative zu Starlink gibt es aber auf absehbare Zeit nicht.

Gibt es noch andere europäische Projekte?
Ja, das Project Bromo – ein Joint Venture von Airbus, Leonardo und Thales. Es soll ebenfalls eine Alternative zu SpaceX werden. Allerdings befindet sich das Projekt noch in einer sehr frühen Phase. Selbst mit sofortiger Finanzierung wäre laut Experten erst 2032 oder 2033 mit einem funktionierenden System zu rechnen.
Was bedeutet das für Europas Verteidigungsfähigkeit generell?
Die Abhängigkeit von amerikanischer Technologie wird immer sichtbarer. Trumps Kritik an der NATO und seine Drohungen gegen Grönland haben die EU aufgeschreckt. Ein Sprecher der EU-Kommission betonte: Europas Sicherheit hängt vom Weltraum ab, die Satellitenkapazitäten müssen dringend verstärkt werden. Das geht allerdings nicht von heute auf morgen.
Wie lange brauchte Elon Musk, um Starlink dorthin zu bekommen, wo es jetzt steht?
Der offizielle Startschuss fiel 2015, die ersten Satelliten wurden 2019 ins All geschossen. Allerdings entwickelte sein Weltraumunternehmen SpaceX parallel dazu eine Technologie mit wiederverwendbaren Raketen. Das führte dazu, dass Musk heute seine Raketen um einen Bruchteil des Geldes starten kann, den Europa für jede seiner (nicht wiederverwendbaren) Ariane-Trägerraketen ausgeben muss, wenn es Satelliten ins All befördern möchte.
Wie geht es im Ukraine-Krieg jetzt weiter?
Parallel zum Starlink-Thema gibt es neue diplomatische Bemühungen für einen umfassenden Waffenstillstand. Russland hat Dreiergesprächen mit Washington und Kiew im kommenden Monat zugestimmt. Zudem wurde ein lokaler Waffenstillstand in der Stadt Oleschki vereinbart. Ob diese Initiativen zu einem breiteren Frieden führen, oder ob Russland entgehen seiner Aussagen weiterhin ungehemmt angreift, bleibt abzuwarten.