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Gen-therapie nach Mass

Warum der Tod dieses Mädchens tausenden Kranken neue Hoffnung schenkt

Ein Gendefekt kostete Mila das Leben. Eine rechtzeitige Behandlung mit einem auf sie abgestimmten Medikament hätte sie vielleicht gerettet. Nun wird auf Basis jener Forschung, die Mila helfen sollte, die Behandlung derartiger Erkrankungen revolutioniert.

Mila und ihre Mutter Julia Vitarello: Das Mädchen starb mit Zehn an den Folgen eines seltenen Gendefekts. Doch ihr Tod könnte nun Tausenden anderen Kindern das Leben retten
Mila und ihre Mutter Julia Vitarello: Das Mädchen starb mit Zehn an den Folgen eines seltenen Gendefekts. Doch ihr Tod könnte nun Tausenden anderen Kindern das Leben rettenMila's Legacy
Martin Kubesch
Akt. 23.01.2026 00:24 Uhr

Mila kam am 5. November 2010 zur Welt, sie war von Beginn an eine Frühentwicklerin. In fast allem.

Mit einem Jahr konnte sie alleine gehen, mit 18 Monaten plauderte sie fast wie ein Wasserfall. Mit zwei stand sie auf Skiern und unternahm mit ihren Eltern stundenlange Wanderungen. Mit zehn Jahren und drei Monaten war Mila tot.

Das aufgeweckte Kind starb an den Folgen eines möglicherweise einzigartigen Gendefekts. Obwohl Julia Vitarello, die Mutter von Mila, Millionen an Spenden für die Behandlung ihrer Tochter sammelte und ihr so eine völlig neuartige Form der Therapie ermöglichte, hatte die Krankheit den kleinen Körper schon zu sehr geschwächt, um langfristig darauf anzusprechen.

Doch der Tod des Mädchens könnte nun zur Hoffnung für tausende andere kranke Kinder werden, die ebenfalls an seltenen Gendefekten leiden.

Denn auf der Basis jener Forschung, die Milas Leben retten sollte, wurde jetzt erstmals ein neues Verfahren zugelassen, das es möglich macht, maßgeschneiderte Medikamente rascher und günstiger als bisher zu entwickeln und anzuwenden.

<div>Die kleine Mila, kurz bevor die ersten Anzeichen ihrer Krankheit auftraten</div>
Die kleine Mila, kurz bevor die ersten Anzeichen ihrer Krankheit auftraten
Mila's Legacy

Welcher heimtückische Gendefekt die kleine Mila das Leben kostete, wie ihre Mutter seither dafür kämpft, die Behandlung von anderen Kindern, die an ähnlichen Krankheiten leiden, rascher voranzutreiben und wie viele Menschen in Österreich überhaupt von solchen seltenen Krankheiten betroffen sind – die Fakten im Überblick:

Worum geht es hier?
Vor allem einmal um das viel zu kurze Leben und den tragischen Tod der kleinen Mila aus dem US-Bundesstaat Colorado.

Was hatte das Mädchen?
Das war für ihre Eltern wie auch die Ärzte lange ein Rätsel. Im Alter von drei Jahren traten die ersten sichtbaren Veränderungen in ihrem Verhalten auf. Sie bekam Schwierigkeiten mit Wörtern, die sie zuvor längst aussprechen konnte. Auch konnte sie ihre Schritte plötzlich nicht mehr so gezielt setzen wie gewohnt.

Wie ging es weiter?
Mit fünf Jahren wurde sie immer wackeliger, gelegentlich stürzte sie nach hinten, weil sie ihre Körperspannung nicht halten konnte.

Was taten ihre Eltern?
Sie ließen kaum einen Experten aus: Neurologen, Augenärzte, Optiker, Orthopäden sowie Sprach-, Seh-, Ergo- und Physiotherapeuten untersuchten Mila. Aber keiner fand eine Erklärung für ihre ungewöhnliche Entwicklung.

Was passierte dann?
"Als sie sechs Jahre alt wurde, verschlechterte sich ihr Zustand innerhalb weniger Wochen rapide", erinnert sich Julia Vitarello. Die Eltern brachten das Mädchen ins Kinderkrankenhaus Colorado, wo sie eine Woche lang gründlich untersucht wurde. Dann erhielten sie die niederschmetternde Nachricht: Die Ärzte diagnostizierten bei Mila die Batten-Krankheit.

Was ist die Batten-Krankheit?
Eine äußerst seltene, angeborene neurodegenerative Erkrankung, die sich meistens im Alter von sechs oder sieben Jahren manifestiert. Dabei erleiden die Kinder kognitive Beeinträchtigungen, ihre Muskulatur baut langsam ab, ihre motorischen und intellektuellen Fähigkeiten werden schwächer und sie erblinden. Es kommt auch zu krampfartigen Anfällen und die Patienten werden zunehmend bettlägerig, bevor sie in jungen Jahren sterben.

Wodurch entsteht die Krankheit?
Durch die Mutation bestimmter Gene in unserer DNA. Dadurch ist die Bildung eines speziellen Proteins gestört, von dem die Forscher annehmen, dass es "die Müllabfuhr der Zellen" unterstützt. Ist diese Funktion gestört, sammelt sich nicht abgebautes Material in den Zellen, bis diese daran zugrunde gehen. Bei Mila geschah dieser Prozess in Zellen in ihrem Gehirn und in ihren Augen.

Kann man etwas tun, damit es nicht zu dieser Mutation kommt?
Nein, man weiß nicht einmal, dass jemand diese Mutation in sich trägt, bis sich die ersten Symptome der Krankheit bemerkbar machen.

Wie häufig tritt diese Krankheit auf?
Sie tritt glücklicherweise so selten auf, dass es keine eigenen Fallzahlen für bestimmte Länder gibt, sondern nur Hochrechnungen aufgrund der bekannt werdenden Fälle. Man geht davon aus, dass etwa ein bis maximal fünf von 100.000 Geburten jene Gen-Mutation aufweisen, die schließlich zum Ausbruch der Batten-Krankheit führen.

Besteht eine Möglichkeit auf Heilung?
Nein, bislang nicht.

Aber?
"Wir erfuhren, dass ganz neue Gen-Therapien vielversprechend sein können", erzählt Milas Mutter Julia Vitarello. "Deshalb gründeten wir eine Stiftung und begannen einen Wettlauf gegen die Zeit, um einen Weg zu finden, wie Mila doch geheilt werden könnte. Und gleichzeitig genug Geld aufzutreiben, um diese Heilung auch finanzieren zu können."

Wie verlief diese Suche?
Die Suche nach Spenden klappte hervorragend. Binnen kurzer Zeit sammelten die Eltern mit ihrer "Mila's Miracle Foundation" drei Millionen Dollar für die Behandlung ihrer Tochter ein. Doch jemanden zu finden, der sich auf die Suche nach einer möglichen Therapie machen wollte, erwies sich als schwieriger. Schließlich landete die Familie bei dem Mediziner Timothy Yu vom Boston Children's Hospital.

Was tat Doktor Yu?
Er stellte zunächst fest, dass Milas Gen-Mutation noch einmal anders war als jene, die man bislang bei Batten-Patienten beobachtet hatte. Jener Bereich ihrer DNA, in dem die Gene sitzen, die die Krankheit auslösen, war so aufgebaut, dass das Mädchen eigentlich nicht hätte erkranken dürfen. Trotzdem brach die zerstörerische Batten-Krankheit bei ihr aus.

Das ist kein echter Trost für die Betroffenen …
Sollte man meinen. Aber Timothy Yu erkannte in dieser Anomalie eine Möglichkeit, wo er ansetzen konnte. Denn bei Mila war der Gendefekt offenbar nicht so gravierend wie bei anderen Erkrankten. Und so entwickelte der Mediziner eine Möglichkeit, durch ein spezielles Medikament direkt in Milas Genetik einzugreifen und – vereinfacht ausgedrückt – die defekte Stelle zu reparieren.

Wie schnell geht so etwas?
Doktor Yu und sein Team benötigten insgesamt etwa ein Jahr, dann hatten sie das neue Medikament fertiggestellt. Es war quasi individuell an die Anforderungen von Milas Körper angepasst, salopp formuliert war das Medikament ein Einzelstück nach Maß. Entsprechend nannten sie das Medikament auch "Milasen".

Mila mit ihrer Mutter und Doktor Timothy Yu
Mila mit ihrer Mutter und Doktor Timothy Yu
Mila's Legacy

Was soll "Milasen" bedeuten?
Es ist eine Zusammensetzung aus dem Namen der Patientin und dem Anhängsel "-en". Das steht für "n=1", ein medizinischer Ausdruck dafür, dass die Stichprobengröße für dieses Medikament 1 ist, weil es ja auch nur für eine Patientin individuell angefertigt wurde.

Weshalb ist das von Bedeutung?
Deshalb, weil solch ein "Medikament nach Maß" logischerweise nicht jene Tests durchlaufen kann, die eigentlich vorgeschrieben sind, ehe die Arzneimittelbehörde eines Landes ihre Zustimmung zur Verabreichung erteilt.

Aber wenn die Patientin ohnedies sterben wird? So besteht zumindest der Hauch einer Chance auf Heilung …
So einfach ist das nicht, wie die für den Fall von Mila zuständige US-Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) erklärte: Selbst wenn es wie bei Mila um ein todgeweihtes Kind gehe, müsse ausgeschlossen sein, dass die Therapie das Leid vergrößert.

Und wenn der Arzt das Medikament ohne Zustimmung der Behörde verabreicht?
Kann er nicht nur seine Zulassung verlieren, sondern schlimmstenfalls auch verklagt werden. In solchen Fällen geht es oft um Menschenleben, aber es geht auch um Existenzen.

Wie ging die Sache aus?
Offenbar gab die FDA schließlich doch ihr Einverständnis, denn 2018 erhielt Mila "ihr" Medikament verabreicht.

Und?
Das "Milasen" bewirkte, dass sich Milas Zustand nicht mehr weiter verschlechterte und in einigen Bereichen auch merkbar verbesserte, wie Timothy Yu im New England Journal of Medicine berichtete.

Was heißt das?
Vor dem Start der Therapie hatte das Mädchen noch 15 bis 30 Krampfanfälle pro Tag. Durch die Therapie sanken Zahl und Heftigkeit der Krämpfe deutlich, es gab sogar Tage ganz ohne Anfälle. Und die motorischen und kognitiven Fähigkeiten des Mädchens blieben auf einem niedrigen Niveau überwiegend stabil.

Was kann man sich darunter vorstellen?
Zu diesem Zeitpunkt war Mila bereits erblindet, konnte nicht mehr gehen, ohne Hilfe stehen, sprechen oder schlucken. Sie musste also über eine Magensonde ernährt werden. Trotzdem beobachteten die Mediziner, dass sich der Krankheitsfortschritt verlangsamte.

Wie lange hielt dieser Effekt an?
Etwa zwei Jahre, dann erhöhte sich die Dynamik der Krankheit wieder so weit, dass Milas kleiner, geschwächter Körper dem nichts mehr entgegensetzen konnte. Im Februar 2021 starb Mila im Alter von zehn Jahren und drei Monaten.

Mila im fortgeschrittenen Stadium ihrer Krankheit: Sie konnte nicht mehr sehen, sprechen und schlucken, nicht mehr gehen und stehen
Mila im fortgeschrittenen Stadium ihrer Krankheit: Sie konnte nicht mehr sehen, sprechen und schlucken, nicht mehr gehen und stehen
Mila's Legacy

Wie reagierte ihre Mutter darauf?
Julia Vitarello sagt, dass das erste Jahr nach der Verabreichung des Medikaments erstaunlich gewesen sei: "Der Zustand meiner Tochter stabilisierte sich und sie hatte keine Anfälle mehr." Erst im dritten Jahr habe sich Milas Krankheit wieder verschlimmert. Aber, so Julia Vitarello: "Was wäre geschehen, wenn Mila das Medikament erhalten hätte, bevor so große neurologische Schäden entstanden waren?"

Gibt es darauf eine Antwort?
Nein, jede mögliche Antwort auf diese Frage wäre Spekulation. Es fehlen die Vergleichsmöglichkeiten. Aber Julia Vitarello ist davon überzeugt, dass der Weg, den sie bei ihrer Tochter mit dem "Medikament nach Maß" eingeschlagen hat, genügend Potenzial birgt, um zigtausenden weiteren Patienten mit seltenen Gendefekten helfen zu können.

Wie viele dieser besonders seltenen Erkrankungen gibt es eigentlich?
Das hängt davon ab, wie man "selten" definiert. Die Batten-Krankheit, unter der Mila litt, ist sehr selten – statistisch erkranken ein bis maximal fünf von 100.000 Neugeborenen daran. Und in der Form, in der sie das Mädchen hatte, ist sie bislang möglicherweise einzigartig. Aber das ist ein Ausnahmefall. Generell gilt eine Krankheit als selten, wenn weniger als eine von 2.000 Personen daran leidet.

Wie viele solche Erkrankungen kennt man?
Insgesamt wurden bislang mehr als 7.000 Erkrankungen und Leiden definiert, die von der Forschung als selten betrachtet werden.

Sind das alles genetische Erkrankungen?
Nein. Die Wissenschaft geht derzeit davon aus, dass etwas mehr als 70 Prozent der seltenen Krankheiten einen genetischen Ursprung haben, also angeboren sind.

Und wie viele Menschen sind davon betroffen?
Statistiker haben errechnet, dass zwischen sechs und acht Prozent der Weltbevölkerung von derartigen Erkrankungen betroffen sein könnten. Das wären alleine in den USA etwa 30 Millionen Menschen.

Und in Österreich?
Statistisch kommt man auf etwa 450.000 bis 500.000 Menschen, die von einer seltenen Erkrankung betroffen sein könnten.

Wie soll das Schicksal der kleinen Mila diesen Menschen jetzt helfen können?
Sehr viele seltene Erkrankungen nehmen nicht solch einen schrecklichen Verlauf, wie es bei dem Mädchen der Fall gewesen ist. Aber man nimmt an, dass zwischen 1.800 und 2.400 Krankheiten potenziell tödlich verlaufen. Und die meisten davon treten bereits im Kindesalter auf. Deshalb sollen die Erfahrungen, die bei der Behandlung des Mädchens gemacht wurden, diesen Patienten jetzt helfen.

In welcher Form?
In Großbritannien wurde am 13. Jänner mit Zustimmung der Gesundheitsbehörden ein Feldversuch gestartet. Insgesamt zehn Kinder, die an ähnlich degenerativen Erkrankungen leiden, wie es Mila getan hat, werden dabei individuell behandelt. Das heißt, es werden für sie ebenfalls Medikamente nach Maß, auf ihr individuelles Krankheitsbild hin, erzeugt und verabreicht.

Was erhofft man sich dadurch?
Im besten Fall, dass die Medikamente wirken und die Krankheiten eingedämmt oder sogar aufgehalten werden können.

Und weiter?
In weiterer Folge sollen so Basis-Medikamente gefunden werden, die künftig nur mehr für jeden einzelnen Patienten individuell adaptiert werden müssen. Das würde nicht nur die Behandlungskosten deutlich senken, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der eine Behandlung gestartet werden kann, drastisch erhöhen. Und damit die Überlebenschancen der Patienten deutlich steigern.

Apropos Kosten – wie viel kostet so ein "Medikament nach Maß"?
Laut Julia Vitarello, die mittlerweile das Biotech-Unternehmen "EveryONE Medicines" mitbegründet (siehe Instagram-Post oben) und sich damit auf die Entwicklung derartiger personalisierter Medikamente spezialisiert hat, kostet es derzeit noch "zwischen zwei und drei Millionen Dollar" (ca. 1,7 bis 2,55 Millionen Euro), so ein Medikament herzustellen. Funktioniert allerdings der britische Feldversuch, sollen die Kosten auf "weniger als eine Million Dollar" (ca. 850.000 Euro) gedrückt werden können.

Was ist das Ziel?
Irgendwann, so Julia Vitarello, sollten alle Neugeborenen routinemäßig auf derartige genetische Abweichungen getestet und – im Bedarfsfall – so früh wie möglich mit maßgeschneiderten Medikamenten behandelt werden. "Anstatt ein kurzes und qualvolles Leben führen zu müssen", so die Mutter der kleinen Mila, "würde man es kranken Kindern so ermöglichen, ein Leben führen zu können, das der Normalität zumindest näherkommt."

Martin Kubesch
Akt. 23.01.2026 00:24 Uhr