Prozess-Beginn gegen Marius Borg Høiby, Sohn von Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit. Ihm werden 38 Straftaten vorgeworfen, darunter Vergewaltigung. Am Dienstag sagte das erste Opfer aus, sie soll von Marius vergewaltigt und gefilmt worden sein.

Bis Montagabend war es nicht völlig sicher, ob der norwegische "Prozess des Jahres" auch wirklich wie geplant würde starten können. Denn der Angeklagte, Marius Borg Høiby, Sohn von Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit und Stiefsohn von Thronfolger Kronprinz Haakon, war am letzten Sonntag für alle Beteiligten vollkommen überraschend festgenommen worden.
Gegen den 29-Jährigen waren neue Anschuldigungen bekannt geworden, die Behörden setzten ihn daraufhin kurzerhand fest, obwohl er eigentlich bis zum Prozessbeginn auf freiem Fuß bleiben sollte.
Und um sicherzugehen, dass Marius Borg Høiby auch wirklich verhandlungsfähig ist, wurde er noch Montagabend in einem Krankenhaus untersucht und erhielt danach auch kurz Besuch von seiner königlichen Familie, ehe es für den Prozessauftakt grünes Licht gab.
Der Prozess ist für sieben Wochen anberaumt. Dutzende Zeugen sollen verhört werden, insgesamt geht es um 38 Anklagepunkte. Ob die sechs am Sonntag neu hin zu gekommenen Vorwürfe ebenfalls gleich mit verhandelt werden sollen, war zunächst noch unklar.
Was dem Sohn von Mette-Marit alles vorgeworfen wird, wie die erste Aussage eines seiner mutmaßlichen Opfer ablief, weshalb seine Mutter und sein Stiefvater Haakon nicht beim Prozess dabei sind – so startete der Prozess gegen Marius Borg Høiby:

Worum geht es?
Um den norwegischen "Prozess des Jahres". Seit Dienstag, dem 3. Februar, findet am Bezirksgericht Oslo die Hauptverhandlung gegen Marius Borg Høiby, 29, statt. Dem blonden jungen Mann mit Schmollmund und einem arroganten Zug um die Augen werden insgesamt 38 Straftatbestände vorgeworfen, darunter Vergewaltigung, Misshandlung junger Frauen sowie Drogendelikte.
Weshalb ist das außerhalb Norwegens ein Thema?
Weil Marius Borg Høiby der uneheliche Sohn von Mette-Marit ist, der Ehefrau von Norwegens Thronfolger, Kronprinz Haakon. Und obwohl Marius kein offizielles Mitglied der Königsfamilie ist, galt das royale Patchworkmodell als europaweites Vorzeige-Projekt.
In welcher Weise?
Mette-Marit, geborene Tjessem Høiby, brachte Marius im Januar 1997 unehelich zur Welt. Mit seinem Vater, dem verurteilten Straftäter Morten Borg, hatte sie keine feste Beziehung. Als Marius zur Welt kam, saß sein leiblicher Vater wegen Drogendelikten in Haft. 1999 lernte die Alleinerzieherin Mette-Marit auf einem Musikfestival Thronfolger Haakon kennen, im August 2001 heirateten sie im Osloer Dom und Mette-Marit wurde Kronprinzessin.
Märchen gut, alles gut?
Haakon und Mette-Marit bekamen zwei Kinder, Prinzessin Ingrid Alexandra von Norwegen (geboren am 21. Januar 2004) und Prinz Sverre Magnus von Norwegen (geboren am 3. Dezember 2005). Marius lebte bei seiner Mutter, seinen Halbgeschwistern und seinem Stiefvater – Haakon adoptierte den Buben nicht, behandelte ihn aber wie einen Sohn.
Wo war der leibliche Vater des Buben?
Er nahm immer wieder am Leben von Marius teil und war bei Ereignissen wie seiner Einschulung oder seiner Firmung dabei. Letztlich wuchs Marius aber im Schoße der königlichen Familie auf.

Das klingt alles sehr aufgeschlossen …
Das norwegische Königshaus ist diesbezüglich generell sehr liberal eingestellt. Als im Sommer 2024 Haakons Schwester Märtha Louise in zweiter Ehe einen Schamanen mit karibischen Vorfahren ehelichte, fand – von König Harald und Königin Sonja abwärts – kaum jemand im nordischen Vorzeigestaat viel dabei.
Wie ging es mit dem jungen Marius weiter?
Marius Borg Høiby war niemals berufstätig, nach einem abgebrochenen Wirtschaftsstudium geisterte er als Promi durch die lokale Society, etwa als Statist in norwegischen TV-Serien. Aber es gelang dem Palast ganz offensichtlich, den jungen Mann aus gröberen Kalamitäten herauszuhalten – jedenfalls dachte man das …
Bis?
Bis zum 4. August 2024. Damals wurde Marius das erste Mal festgenommen. Die Influencerin und Reality-TV-Darstellerin Nora Haukland war von Herbst 2022 bis Sommer 2023 mit Marius Borg Høiby liiert und brachte schwere Anschuldigungen gegen den Sohn von Mette-Marit vor. Sie berichtete von Schlägen, Würgen, Tritten und einer toxischen Beziehung, aus der sie sich nur unter Angst lösen konnte.
Wie ging es weiter?
Im Zuge der Ermittlungen wurden immer wieder neue Anschuldigungen gegen Marius Borg Høiby erhoben bzw. neue Straftatbestände bekannt. Am Ende stehen jetzt insgesamt 38 Delikte in der Anklage der Staatsanwaltschaft.

Wie startete der Prozess?
Unter riesigem Medieninteresse – über 190 Journalisten haben eine Akkreditierung beantragt – wurden zunächst sämtliche Anklagepunkte verlesen und Marius Borg Høiby musste erklären, ob er sich der jeweiligen Vorwürfe schuldig bekennt oder nicht, berichtet die norwegische Zeitung Verdens Gang (VG).
Und?
Wie bereits im Vorfeld der Verhandlung bestritt der 29-Jährige vor allem die Vergewaltigungsvorwürfe. Andere Gewalttaten, etwa schwere Körperverletzung, gab er teilweise zu. Dabei sprach Marius Borg Høiby extrem leise, teilweise war er kaum zu verstehen.
Wie ging es weiter?
Staatsanwalt Sturla Henriksbø und die Verteidiger von Marius, Ellen Holager Andenæs and Petar Sekulic, gaben zahlreiche Erklärungen ab, um den weiteren Prozessverlauf zu definieren. Es wurden Tatbestände geschildert, Zeugenlisten vorgelesen und Rechtsgrundsätze erläutert. Während all dem hörte Marius Borg Høiby schweigend zu und spielte mit seiner Halskette. Danach ging es in die Mittagspause.
Was war am Nachmittag?
Da kam die erste Zeugin zu Wort. Eine Frau, die Marius Borg Høiby im Dezember 2018 zu einer Party auf Skaugum, einem Anwesen des Thronfolgerpaares am Land, eingeladen hatte. Dabei soll es zu einer Vergewaltigung ohne Geschlechtsverkehr gekommen sein.
Was ist konkret passiert?
Die junge Frau gab an, viel Alkohol getrunken zu haben. Es wurden auch Spiele wie Flaschendrehen gespielt. Irgendwann im Laufe des Abends begleitete Marius die Frau auf die Toilette, dort hatten sie einvernehmlichen Sex, den die Frau dann aber abbrach.

Welcher Moment spielte im Prozess nun eine Rolle?
Später soll sie das Bewusstsein verloren haben und Marius soll sich an der besinnungslosen Frau vergangen haben, indem er sie am Unterleib berührte. Zu diesem Zeitpunkt lag sie auf einem Sofa.
Warum weiß man das?
Weil es vier Videos gibt, die innerhalb von fünf Minuten aufgenommen wurden, dazu zehn Standbilder. Sie wurden auf einem externen Datenträger von Marius gefunden.
Wusste die Frau, was mit ihr passiert ist?
Nein, als sie wieder erwachte, hätte sie sich gut gefühlt: "Ich erinnere mich noch, wie ich aus Skaugum herauskam. Ich spürte Frieden und keine Gefahr. Ich war sogar richtig gut gelaunt", so die Zeugin vor Gericht.
Was erzählte sie noch über den Angeklagten?
Sie habe vor der Party einen guten Eindruck von Marius Borg Høiby gehabt. Er habe ihn als "supernett, charmant, freundlich und höflich" kennengelernt, sein Ton sei sanft und angenehm gewesen, erklärt sie. Es hätte allerdings nie eine romantische Stimmung zwischen ihnen gegeben.

Wie erfuhr sie von den Videos?
Die Polizei kam irgendwann auf sie zu und informierte sie darüber, was sie auf dem Computer von Marius gefunden hatte. Erst danach beschloss sie, gegen ihn auszusagen. Bis dahin hatte sie den Eindruck, dass der Sohn der Kronprinzessin ein angenehmer junger Mann sei: "Ich habe Marius noch nie randalieren, noch nie Drogen nehmen sehen", so die Frau bei ihrer Aussage laut der Zeitung VG.
War Marius Borg Høiby bei ihrer Aussage anwesend?
Nein, er musste den Saal verlassen und hörte die Aussage per Videoübertragung in einem Nebenraum. Auch die meisten Pressevertreter mussten während der Aussage der Zeugin aus dem Saal.
Wurden auch die Videos gezeigt?
Ja, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Nur das Gericht und die Anwälte bekamen sie zu sehen.
Wie ging es der Zeugin bei ihrer Aussage?
Sie war offensichtlich sehr nervös, es war ihr unangenehm, auszusagen. Sie weinte einige Male.

Wer wird noch aller beim Prozess aussagen?
Insgesamt sind 53 Zeugen geladen, so norwegische Medien. Neben Personen aus Marius' Umfeld, Familienangehörigen und Wachleuten aus Skaugum stehen vor allem zwei Ex-Freundinnen von Marius Borg Høiby im Mittelpunkt.
Wer sind diese Frauen?
Wie das Schweizer Online-Portal Watson berichtet, wird neben seiner Ex-Freundin Nora Haukland, die als erste Anzeige erstattete, auch die Moderatorin Linni Meister aussagen. Sie wirft dem Angeklagten vor, sie 2018 im Schlaf missbraucht und dabei auch gefilmt zu haben.
Warum wiegt das besonders schwer?
"Dabei handelt es sich um das schwerste Delikt", so der norwegische Rechtsanwalt Patrick Lundevall-Unger in der Bunten. Der Umstand, dass Marius Borg Høiby offenbar selbst Wörter wie "Vergewaltigung" und "sexuelle Nötigung" auf Google recherchiert haben soll, bevor es zu den Handlungen gekommen ist, sei aus rechtlicher Sicht dramatisch. Lundevall-Unger: "Das norwegische Recht ist hier sehr streng. Høiby riskiert bis zu 16 Jahre Haft, sollte er bei sämtlichen Punkten verurteilt werden."
Ist Marius bei den Norwegern eigentlich beliebt?
Nein, das kann man nicht behaupten. Vielmehr sei er von Beginn an von Teilen der Gesellschaft wie ein schwarzes Schaf behandelt worden, so Rechtsanwalt Patrick Lundevall-Unger: "Es ist natürlich nicht einfach, in solchen Verhältnissen aufzuwachsen. Als Strafverteidiger sehe ich, dass er ein isoliertes Leben geführt hat, ohne richtige Anerkennung in der Öffentlichkeit bekommen zu haben."
Wozu hat das geführt?
Dass Marius nie eine wirklich klar definierte Rolle in seiner royalen Welt bekommen habe, so der norwegische Historiker Ole-Jørgen Schulsrud Hansen im Stern. Gleichzeitig hätte er sich aber auch schwer getan, für sich eine Rolle in der normalen, bürgerlichen Welt zu finden. "Diese Sondersituation habe sich damals wohl niemand klargemacht", so der Historiker.

Heißt unterm Strich?
"Die Sonderbehandlung, die Marius wahrscheinlich früher erhielt, bewusst oder unbewusst, war richtig, denn sein Stiefvater ist der nächste König von Norwegen und seine Mutter die künftige Königin", so Historiker Schulsrud Hansen. Aber daraus müsste dann auch folgen, dass seine früheren Erziehungsberechtigen viel Verantwortung dafür tragen, dass er offenbar auf die schiefe Bahn geraten ist."
Wie sehen Mette-Marit und Haakon die Sache?
Marius' Mutter äußerte sich in der TV-Sendung "Das Jahr mit der Königsfamilie" zu den Anschuldigungen und kritisierte die öffentliche Berichterstattung: "Was mich vielleicht am meisten ärgert, ist die Kritik an unserem Umgang mit der Situation als Eltern", so die Kronprinzessin. "Dass wir sie nicht ernst genommen hätten. Das finde ich schwierig." Sie und ihr Mann hätten vielmehr den Ernst der Lage erkannt und entsprechend gehandelt. "Gemeinsam haben wir unser Bestes gegeben und professionelle Hilfe gesucht."
Was sagt der Thronfolger?
Als unehelich geborener Sohn von Matte-Marit gehöre Marius Borg Høiby nicht zur königlichen Familie, so Kronprinz Haakon. "Aber wir lieben ihn natürlich, und er ist ein wichtiger Teil unserer Familie und ein Bürger Norwegens." Deshalb habe Marius dieselbe Verantwortung wie alle anderen, aber auch dieselben Rechte.
Wie geht es jetzt weiter?
Dienstagabend sollte Marius Borg Høiby im Gefängnis abermals medizinisch untersucht werden, um sicherzugehen, dass er haftfähig ist. Wenn es seitens der Ärzte keine Einwände gibt, dann wird der Prozess am Mittwoch wie geplant fortgesetzt. Dann soll der 29-Jährige selbst das erste Mal zu diversen Vorwürfen Stellung beziehen.
Werden Mette-Marit und Haakon dem Prozess beiwohnen?
Nein, darauf legte sich der Palast offiziell fest. Man wolle die Justiz ungestört von übermäßiger öffentlicher Aufmerksamkeit ihre Arbeit machen lassen. Vielmehr ginge es der Familie jetzt darum, im Privaten in dieser herausfordernden Zeit für Marius da zu sein. Haakon: "Wir haben diese Entscheidung getroffen, weil wir denken, dass es in der gegenwärtigen Situation die beste Lösung ist. Aber wir werden den Fall natürlich aufmerksam verfolgen und selbstverständlich werden wir auch Marius währenddessen im Auge behalten."

Bedeutet im Klartext?
Während der angesetzten 24 Verhandlungstage wird kein Mitglied der Königsfamilie Kommentare abgeben. Das hat das Königshaus auch in einer offiziellen Stellungnahme festgehalten.
Was werden Haakon und Mette-Marit stattdessen tun?
Der Kronprinz wird seinen Terminen nachgehen, während Marius' Mutter eine private Reise antreten werde, so der Palast.
Könnte die Reise auch etwas mit ihrem Lungenleiden zu tun haben?
Dazu gibt es keinerlei Informationen, auszuschließen ist es allerdings nicht. Bei Mette-Marit wurde im Herbst 2018 chronische Lungenfibrose diagnostiziert, eine chronische, unheilbare Krankheit, bei der die Lungenkapazität immer stärker eingeschränkt wird.
Und weiß man, wie es Mette-Marit damit geht?
Kurz vor Weihnachten 2025 ließ der Königspalast in Oslo verlauten, dass die Kronprinzessin über kurz oder lang eine Lungentransplantation benötigen wird. Darauf werde ihr Organismus jetzt langsam vorbereitet, so das offizielle Statement.
Ist schon bekannt, wann sie sich dem Eingriff unterziehen wird?
Nein. Aber man kann davon ausgehen, dass alle Energie von Mette-Marit zunächst ihrem ältesten Sohn gehört, ehe sie sich wieder auf sich selbst und ihre Gesundheit konzentriert.