Sie sah es nicht kommen. Donald Trumps neue Pressesprecherin Katie Zacharia gab gerade ein Interview, als sie zu einer Besprechung gerufen wurde – und nicht mehr zurückkehrte. Rückblick auf fünf Tage, die selbst für das Weiße Haus unter Trump ungewöhnlich waren.

Bilder sagen mehr als Worte. Selbst wenn sie – mangels Fotograf – nur mit Worten gezeichnet werden.
Katie Zacharia, zu diesem Zeitpunkt noch Pressesprecherin des Weißen Hauses von Donald Trump, saß Freitagmittag kurz vor 13 Uhr Washingtoner Zeit gerade in ihrem neuen, engen, spärlich eingerichteten Büro und gab der Zeitung Wall Street Journal ein Interview zwischen einer weißen Orchidee, einem Lockenstab und ein Paar High Heels, die neben einer Kosmetiktasche auf einem Regal standen.
Sie plauderte über ihre Pläne für das Amt, das sie erst fünf Tage zuvor angetreten hatte, als Jason Miller, ein hochrangiger Berater des Präsidenten, an ihre Tür klopfte, berichtete das Wall Street Journal später. "JD wollte kurz mit uns sprechen", sagte Miller und bezog sich dabei auf den Vizepräsidenten.
Zacharia verließ ihr enges Büro, die Orchidee, den Lockenstab und die High Heels – und kehrte nicht mehr zurück.
Es war der Schlusspunkt einer Woche, die selbst für ein Weißes Haus unter Donald Trump äußerst ungewöhnlich und turbulent verlief. Und die, nach Ansicht zahlreicher US-Kommentatoren, exemplarisch den rapiden Verfall der Präsidentschaft Trumps aufzeigt. Das gerade einmal zweieinhalb Wochen vor den Midterms, den Kongresswahlen, die darüber entscheiden werden, ob Trump in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit noch einigermaßen gestalterisch (oder zerstörerisch) agieren kann, oder zur "lame duck", zur lahmen Ente wird.
Wie Kurzzeit-Pressesprecherin Katie Zacharia bereits am zweiten Tag im Weißen Haus all ihre Chancen versemmelte, warum Trump sie überhaupt gegen den Willen seiner Berater durchsetzte und wie es mit der toughen 41-Jährigen, die selbst nach ihrem unrühmlichen Abgang kein schlechtes Wort über Trump kommen ließ, jetzt weiter geht – Blick zurück auf fünf Chaos-Tage in Washington:

Wer ist Katie Zacharia?
Geboren 1985 als Katie Sharon Black in Los Angeles, machte sie 2007 einen Abschluss in Politikwissenschaft an der Pepperdine University im kalifornischen Malibu und erwarb dort 2011 den akademischen Grad Juris Doctor. Sie wurde am 9. Oktober 2026 vollkommen überraschend von US-Präsident Donald Trump als neue Pressesprecherin des Weißen Hauses und damit als Nachfolgerin von Karoline Leavitt präsentiert, die im August von ihrem Amt zurücktrat.
Wie kam Donald Trump auf Katie Zacharia?
Er kannte sie offenbar von einigen Auftritten bei seinem Lieblings-TV-Sender Fox News sowie beim noch weiter rechts stehenden Kabelnachrichtensender Newsmax, wo Zacharia als konservative Kommentatorin auftrat. Dabei griff sie nach eigener Aussage in der Washington Post häufig Themen auf, die Trump zuvor auf Truth Social angesprochen hatte. Sie arbeitete außerdem als Kommunikationsberaterin für die Trump Media & Technology Group, die die Social-Media-Plattform Truth Social betreibt.
Mit wem besprach Trump das Engagement von Zacharia?
Er dürfte da eine recht einsame Entscheidung getroffen haben. Laut ihrer eigenen Aussage rief Trump sie am 7. Oktober an und lud sie zu einem Gespräch ins Weiße Haus nach Washington ein. Am 8. Oktober flog sie aus ihrer Heimat in Kalifornien in die Bundeshauptstadt, traf den Präsidenten und nahm sein Job-Angebot an. Am 9. Oktober gab Trump sie schließlich offiziell als neue Pressesprecherin des Weißen Hauses bekannt.
Hatte Zacharia zuvor keinen fixen Job, den sie erst kündigen musste?
Offensichtlich nicht. Überhaupt wirkt ihr beruflicher Werdegang eher unstet. Laut ihrem Wikipedia-Eintrag arbeitete sie für eine chinesische Wirtschaftskanzlei und die Weltbank in Peking. Zurück in den USA jobbte sie dann für eine Anti-Abtreibungs-Gruppe, war Rechtsberaterin bei der Organisation Fix California, Mitarbeiterin des Heimatschutzministeriums und trat als TV-Kommentatorin auf. Sie präsentierte sich in den sozialen Medien als MAGA-Anhängerin – wie sie später erklärte bewusst mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit von Donald Trump zu erregen.
Was ist über ihre privaten Verhältnisse bekannt?
Die 41-Jährige ist mit dem Filmproduzenten Tyler Zacharia verheiratet, hat vier Kinder und wohnt in Orange County in Kalifornien.
Hatte Zacharia Unterstützer im Umfeld von Trump?
Sie hatte einige Fürsprecher, etwa die (von Trump entlassene) ehemalige Heimatschutzministerin Kristi Noem oder den ehemaligen US-Botschafter in Deutschland, Richard Grennell, mit dem sie seit Jahren befreundet ist und für dessen Organisation Fix California sie gearbeitet hatte.

Hatte sie Erfahrungen in der Pressearbeit?
Nein, wohl auch deshalb sprach sich Trumps Stabschefin Susie Wiles gegen sie als Pressesprecherin aus. Wiles, die als alter Hase in ihrem Job gilt, wollte eher den konservativen CNN-Journalisten Scott Jennings auf dieser Position sehen, wurde aber von Trump diesbezüglich übergangen.
Wie startete Katie Zacharia in den neuen Job?
Überraschend blauäugig, könnte man sagen. Sie war offenbar so sehr darauf fixiert, den Job zu bekommen, dass sie keinen konkreten Plan zu haben schien, wie sie diesen ausfüllen könnte. Sie startete am Montag, dem 12. Oktober, im Weißen Haus, in den USA ein Feiertag (Columbus Day). Bereits am Dienstag musste sie das Pressebriefing des Weißen Hauses leiten, ohne zuvor auch nur irgendwelche Erfahrungen gesammelt zu haben oder über Abläufe und Strukturen genauer informiert worden zu sein.
Sie wurde ins kalte Wasser geworfen …
Könnte man so sagen, ja. Und nachdem sie niemanden im Weißen Haus hatte, der sich für sie einsetzte, beschützte sie auch niemand oder warnte sie vor den Gefahren, die da lauerten. Sie erhielt ihre Unterlagen, einen Ordner mit Hintergrundinformationen und Stichpunkten, erst am Morgen der Pressekonferenz. Was man ihr zugutehalten muss: Sie nahm diese Herausforderung offenbar ohne zu zögern an. Nicht besonders clever, aber couragiert.
Und wie lief es?
Es ging so ziemlich alles schief. Sie war nervös, las ihre Statements von einem Zettel ab, wirkte, hölzern, verhaspelte sich, war in vielen Fragen unsicher und beendete das Briefing nach nur 14 Minuten und drei Fragen. Üblicherweise dauert ein Briefing etwa eine Stunde. Bereits zu diesem Zeitpunkt war sowohl im Weißen Haus, als auch im Pressekorps vielen klar: Das könnte schwierig werden.
Stimmt es, dass sie falsche Angaben über ihre beruflichen Qualifikationen machte?
Ja, und das machte sie auch für den Präsidenten angreifbar. Katie Zacharia stellte sich offenbar selbst als Anwältin dar und ließ sich bei ihren Expertenauftritten im TV auch als solche bezeichnen. Sie verschwieg aber, dass sie das Anwaltsexamen nicht bestanden hatte.
Wie kamen die Medien überhaupt auf die Idee, danach zu fragen?
Eine gute Frage. Das Thema von Zacharias fehlender Anwaltsprüfung wurde so rasch und zielsicher von den US-Medien aufgegriffen, dass es nicht verwundern würde, wenn hier ein Insider gezielt Hinweise durchgesteckt hätte. Und die 41-Jährige agierte auch hier ungeschickt, druckste zunächst herum, ehe sie am Donnerstag zugab, keine Zulassung als Anwältin zu besitzen.

Wie reagierte Trump darauf?
Er wusste offenbar nicht, dass es hier ein Problem gab und fühlte sich von "seiner Entdeckung" hintergangen. Loyalität ist für den 80-Jährigen alles. Und nicht über jeden Faktor Bescheid zu wissen – nicht zuletzt um darauf reagieren zu können –, betrachtet er als Illoyalität. Insofern hatte Zacharia spätestens zu diesem Zeitpunkt auch bei Trump ausgespielt.
Wie kam das Ende?
Es kündigte sich Donnerstagabend an, als Katie Zacharia bei Trumps Leib-Sender Fox News im Studio saß und anstatt nachsichtig behandelt und für ihre Blauäugigkeit milde getadelt zu werden, von Star-Moderator Sean Hannity scharf angegangen wurde. Polit-Insidern und Washingtons Journalisten-Blase war spätestens zu diesem Zeitpunkt klar, dass die Tage der neuen Pressesprecherin des Weißen Hauses schon wieder gezählt waren.
Wer verkündete das Aus von Katie Zacharia?
Als die 41-Jährige am Freitag zu JD Vance gerufen wurde, ging Donald Trump gerade zu seinem Hubschrauber Marine One und erklärte den Journalisten, dass er am Donnerstagabend noch mit Zacharia gesprochen hätte. "Ich sagte: 'Ist das für dich, Katie? Denn ehrlich gesagt, brauchst du das nicht'", sagte er den Reportern und fügte mit Blick auf ihre Entscheidung, die Position anzunehmen, hinzu: "Ehrlich gesagt, wenn ich du wäre, würde ich es mir noch einmal überlegen", zitiert das Wall Street Journal den Präsidenten.
Wie reagierte die Geschasste?
Ebenso ruhig, wie sie in die bislang wohl schlimmste Woche ihres Berufslebens startete. Nachdem die Meldung durchgesickert war und Zacharia ihre Kosmetiktasche, ihren Lockenstab und ihre High Heels eingepackt hatte, erreichte das Wall Street Journal sie Freitagabend telefonisch. "Ich habe in der mir zur Verfügung stehenden begrenzten Zeit und mit den wenigen Informationen alles in meiner Macht Stehende getan, um eine Unterrichtung durchzuführen", sagte sie demnach. "Mein Ziel war es, Präsident Trump und dem amerikanischen Volk nach besten Kräften zu dienen."
Wie geht es jetzt mit Katie Zacharia weiter?
Steven Cheung, der Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses, kündigte noch am Freitag an, sie werde in einer anderen Rolle weiter im Kommunikationsteam bleiben und arbeiten. Ob das wirklich so sein wird und ob Zacharia diese neue Rolle auch annehmen wird, steht derzeit noch in den Sternen. Immerhin warten in Kalifornien vier Kinder auf ihre Mutter. Ob diese für einen Bürojob weiter in Washington bleiben möchte, wird sich erst zeigen.
War sie die bisher am kürzesten dienende Pressesprecherin des Weißen Hauses?
Ja, bei weitem. In seiner ersten Amtszeit entließ Trump seinen Pressesprecher Anthony Scaramucci nach knapp elf Tagen (Scaramucci hat sich mittlerweile als vehementer Trump-Kritiker und Buchautor etabliert). Diesen bisherigen "Bestwert" hat Zacharia halbiert.

Was sagt die Episode über Donald Trumps Führungsqualitäten aus?
Sie stellt ihm einmal mehr ein erbärmliches Zeugnis als Teamleader aus. Er hört nicht auf seine Berater und macht sich kein umfassendes Bild, sondern folgt seinen Intuitionen und Gefühlen. Selbst der Pförtner des Weißen Hauses hätte vermutlich erkannt, dass Katie Zacharia der Rolle, für die sie vorgesehen war, noch nicht gewachsen war. Sie dennoch in diese Situation zu schicken beschädigt nicht nur den Menschen, um den es geht, sondern auch das Amt an sich und das Ansehen des Weißen Hauses.
Wurde Katie Zacharia verheizt?
Davon gehen zahlreiche Beobachter in Washington aus. Man muss dazu aber auch sagen: Sie hat sich verheizen lassen. Wer mit so wenig Wissen, Erfahrung und Vorbereitung in solch eine Arbeitssituation geht, leidet entweder an maßloser Selbstüberschätzung oder ist schlicht nicht fähig, die Anforderungen eines Jobs zu erkennen. Beides ist ein Ausschlussgrund für eine solch exponierte Position.
Sucht der Präsident nach Bewundererinnen?
Auf jeden Fall. Er sucht permanent nach jungen Mitarbeiterinnen, die ihn bewundern und ihm huldigen, berichten Insider. Natalie Harp, seine persönliche Assistentin, gehört in diese Kategorie. Sie hat ihr eigenes Leben beiseitegestellt und dient Trump 24 Stunden am Tag, begleitet ihn auf jeder Reise himmelt ihn an. Das ist Balsam für sein Ego. Von Katie Zacharia hatte er sich wohl Ähnliches erhofft. Aber anders als bei Natalie Harp, nahmen die Medien die Newcomerin erbarmungslos ins Visier.
Hat Donald Trump ein Frauenproblem?
Das könnte man so sagen. Bei den meisten seiner bisherigen Personalentscheidungen in der Regierung hat er Frauen ausgewechselt und durch Männer ersetzt: Heimatschutzministerin Kristi Noem, Justizministerin Pamela Bondi, Arbeitsministerin Lori Chavez-DeRemer, Geheimdienstchefin Tulsi Gabbard, zuletzt die Botschafterin in Griechenland, seine Beinahe-Schwiegertochter Kimberly Guilfoyle. Gleichzeitig lässt er die maskulinen Schwachstellen in seinem Minister-Team weiter agieren, sei es jetzt sein infantiler "Kriegsminister" Pete Hegseth oder der unsägliche Impfskeptiker Robert F. Kenney Jr. als Gesundheitsminister.
Was sagt die Opposition zu alledem?
Die oppositionellen Demokraten nutzen den Fall als Beweis für Chaos im Weißen Haus. Wenige Wochen vor den Midterm-Wahlen, bei denen die Kontrolle über den Kongress auf dem Spiel steht, ist der Zeitpunkt besonders ungünstig für die Republikaner.
Worum geht es bei den Midterms?
Es werden zahlreiche Positionen in den beiden Kammern des Kongresses, dem Senat und dem Repräsentantenhaus, neu besetzt. In beiden Kammern könnten Trumps Republikaner ihre Mehrheit verlieren. Dadurch würde die zweite Hälfte von Trumps zweiter Amtszeit von Stillstand geprägt sein, weil der Präsident dann nicht mehr so ungehindert regieren könnte wie bisher. Beobachter gehen davon aus, dass Trump in diesem Fall noch wütender und erratischer agieren und noch mehr Chaos anrichten würde als bisher schon.

Warum ist der Fall Zacharia politisch doppelt brisant?
Weil die Pressesprecherin bzw. der Pressesprecher das öffentliche Gesicht der Regierung ist. Ein derart schnelles Scheitern wirft einerseits Fragen über die Personalauswahl im Weißen Haus auf. Es nährt auch die Kritik, dass Loyalität über Kompetenz gestellt werde. Und last but not least hat das Weiße Haus derzeit so viel Erklärungsbedarf wie schon lange nicht, nachdem Trump gerade wieder seine politische Schwerpunktsetzung völlig über den Haufen geworfen hat – etwa punkto Weiterführung des Iran-Krieges oder die plötzliche Zuwendung zu Putins Russland, während er diesem die Ukraine auf dem Silbertablett serviert.
Und wer wird jetzt Pressesprecher im weißen Haus?
Das ist derzeit noch offen. Das Weiße Haus hat noch keine Nachfolgerin oder keinen Nachfolger benannt. Bis dahin dürften andere Mitarbeiter die Briefings übernehmen – oder Trump wird wieder öfter selbst vor die Kameras treten.