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Es geht um Gold

Tatort Friedhof: Wie eine Gruft-Bande 240 Gräber leer räumte

In Wien, Niederösterreich und dem Burgenland wurden in den letzten Monaten insgesamt 22 Friedhöfe Ziel einer skrupellosen Bande. Sie schiebt Grabplatten weg, schneidet Särge auf und hat es auf Zahngold und Grabbeigaben abgesehen. Was man bisher weiß.

Am Zentralfriedhof und auf 21 anderen Friedhöfen in Wien, NÖ und dem Burgenland plünderte die Bande bisher mindestens 240 Gräber
Am Zentralfriedhof und auf 21 anderen Friedhöfen in Wien, NÖ und dem Burgenland plünderte die Bande bisher mindestens 240 GräberGetty Images (Symbolbild)
Martin Kubesch
Akt. 09.05.2026 00:27 Uhr

Es klingt wie das Szenario zu einem schlechten Film: Seit Monaten sucht eine besonders abgebrühte und skrupellose Verbrecherbande immer wieder Friedhöfe in Ostösterreich heim, um systematisch Gräber und Grüfte aufzubrechen, Särge aufzuschneiden und Verstorbenen ihre Goldzähne oder goldenen Plomben aus dem Kiefer zu reißen.

Zunächst war Wien an der Reihe, nun haben sich die Verbrecher Niederösterreich vorgenommen. 18 Friedhöfe wurden hier von der Bande bereits heimgesucht, ein weiterer im Nordburgenland. Insgesamt haben die Täter so bereits 240 Gräber leer geräumt, berichtet auch Die Presse.

Die Polizei war bislang machtlos gegen die Verbrecher – und hält sie für brandgefährlich. Die Täter seien Menschen, die keine Grenzen kennen. Denn zur Grabschändung brauche es eine große Abgebrühtheit, so die Exekutive.

Wie die Verbrecher bei ihren Raubzügen vorgehen, wie viel Beute sie bislang gemacht haben und weshalb es so gut wie unmöglich ist, einen Friedhof lückenlos zu überwachen – das ist über die dreisten Grabräuber und ihren Modus operandi bisher bekannt:

Worum geht es?
Um eine seit Sommer 2024 andauernde Serie von Grabschändungen in Wien, Niederösterreich und dem nördlichen Burgenland. Dabei wurden auf 22 Friedhöfen bislang mindestens 240 Gräber aufgebrochen und aus den Särgen Schmuck sowie Goldzähne geraubt.

Die Täter schlagen immer nur nachts zu, so die Annahme der Exekutive
Die Täter schlagen immer nur nachts zu, so die Annahme der Exekutive
APA-Images / APA / MAX SLOVENCIK

Wann und wo ging das los?
Laut Landespolizeidirektion Wien begann die Serie im August 2024. Betroffen waren zunächst der Zentralfriedhof, der Kagraner Friedhof und der Großjedlersdorfer Friedhof. Insgesamt wurden laut Exekutive zwischen August 2024 und Jänner 2025 zumindest 60 Gräber auf den drei Friedhöfen von den Grabräubern heimgesucht.

Wie ging es weiter?
So plötzlich wie die Tat-Serie in Wien begonnen hatte, endete sie auch wieder. Dann war einige Wochen lang Ruhe. Im April 2025 schlugen die Täter wieder zu, dieses Mal allerdings in Niederösterreich.

Welcher Friedhof war betroffen?
Der (wahrscheinlich) erste Zwischenfall in Niederösterreich ereignete sich auf dem Friedhof der Klosterneuburger Katastralgemeinde Kierling. Dort wurde ein Grab geöffnet, aber nichts gestohlen. Ab da ging es dann Schlag auf Schlag.

Was heißt das?
Bis Ende 2025 wurden auf weiteren sechs niederösterreichischen und einem burgenländischen Friedhof teils Dutzende Gräber geöffnet. Und allein seit Anfang 2026 sind bislang aus elf Gemeinden Meldungen über Einbrüche und Grabschändungen bekannt geworden.

Welche Gemeinden wurden bisher von den Grabräubern heimgesucht?

  • Zwischen August 2024 und Jänner 2025 wurden in Wien am Zentralfriedhof, am Kagraner Friedhof und am Großjedlerdorfer Friedhof insgesamt zumindest 60 Gräber aufgebrochen.
  • Ab April 2025 waren die Täter in Niederösterreich unterwegs. Als vermutlich Erstes brachen sie ein Grab auf dem Kierlinger Friedhof auf, machten dabei aber keine Beute.
  • In Fels am Wagram wurden neun Grüfte geöffnet. Ob die Grabschänder auch etwas gestohlen haben, konnte die Polizei nicht mit Sicherheit feststellen.
  • In Wolkersdorf im Weinviertel wurden acht Grüfte aufgebrochen. Auch hier ließ sich nicht feststellen, ob etwas entwendet wurde.
  • Am Friedhof von Mistelbach kam es an 27 Gräbern zu Manipulationen, es wurden aber keine Särge geöffnet.
  • Der Poysdorfer Friedhof wurde ebenfalls heimgesucht. Wie viele Gräber hier aufgebrochen worden sind, ist nicht bekannt.
  • Auf dem Friedhof von Parndorf im Nordburgenland wurden insgesamt 20 Gräber aufgebrochen. Beute: unbekannt.
  • Weißenkirchen in der Wachau und Schwechat waren danach Ziel der Grabräuber. Die Zahl der betroffenen Gräber ist nicht bekannt.
  • 2026 forcierten die Grabräuber das Tempo ihrer Raubzüge merklich. Seit Anfang des Jahres wurden die Friedhöfe von Korneuburg (mehr als 40 Gräber), Spitz an der Donau, Weigelsdorf, Götzendorf, Berndorf, Pischelsdorf, Pottendorf, Wampersdorf, Ebenfurth und Brunn am Gebirge Ziel der Grabräuber.
  • Der bislang letzte und größte Coup gelang den Tätern am Friedhof von Großweikersdorf. Am 23. April dieses Jahres wurde hier ein Einbruch angezeigt. Am Ende entdeckten die Ermittler auf dem Friedhof 50 geöffnete Gräber – ein Zeichen dafür, dass die Täter offenbar immer selbstsicherer werden
  • Insgesamt, so die Ermittler, wurden bislang mindestens 240 Gräber und Grüfte aufgebrochen.
Den Tätern geht es vor allem um Zahngold, so die Annahme der Ermittler
Den Tätern geht es vor allem um Zahngold, so die Annahme der Ermittler
Getty Images

Ist das auch die Reihenfolge, in der die Grabschändungen stattgefunden haben?
Mutmaßlich, aber die Polizei kann es nicht mit letzter Sicherheit bestätigen. Denn nicht in jedem Fall wurden die Einbrüche sofort entdeckt und angezeigt. Es besteht die Möglichkeit, dass manche Übergriffe bereits Tage oder sogar Wochen, bevor sie entdeckt wurden, geschehen sind.

Könnte es auch sein, dass ein Einbruch noch überhaupt nicht entdeckt worden ist?
Das wäre zwar ungewöhnlich, aber es ist nicht vollkommen auszuschließen. In Niederösterreich gibt es geschätzt mehr als 600 Friedhöfe und Millionen Gräber, wie Die Presse schreibt. Dass irgendwo weitere Gräber aufgebrochen worden sind, ohne dass es bislang entdeckt worden wäre, ist da durchaus im Bereich des Möglichen.

Wie gehen die Täter vor?
Die Vorgehensweise ist offenbar immer die Gleiche. Die Grabräuber arbeiten nach Ansicht der Polizei nachts und suchen sich nur Grüfte oder Gräber als Ziel, die von einer Grabplatte abgedeckt werden. Diese Platte schieben sie zur Seite (meist muss dafür zuerst eine Silikonabdichtung zwischen Grabplatte und Einfriedung aufgeschnitten werden) und holen danach den oder die Särge nach oben.

Werden die Särge aufgebrochen?
Soweit es bekannt ist, wurden einige Särge im oberen Bereich, wo sich der Kopf des Verstorbenen befindet, aufgeschnitten. Ob manche Särge auch komplett geöffnet worden sind, wurde bislang nicht bestätigt.

Und dann?
Werden die Särge wieder zurück in die Gräber gelegt und die Grabplatten zurückgeschoben. In vielen Fällen gelang das den Tätern so exakt, dass es zunächst gar nicht auffiel, dass die Gräber manipuliert worden waren.

Was wiegt solch eine Grabplatte?
Das ist unterschiedlich, je nach Dicke und verwendetem Stein. Aber im Schnitt etwa 100 bis 200 Kilo. Auf jeden Fall zu viel, als dass eine Person allein so eine Platte ohne technische Hilfsmittel bewegen könnte.

Lässt sich ein Muster erkennen, welche Gräber bevorzugt aufgebrochen werden?
Laut Polizei nicht. Es deutet demzufolge nichts darauf hin, nach welchen Kriterien die Täter die Gräber aussuchen, die sie öffnen.

Eine verschobene Grabplatte muss vom Steinmetz wieder neu aufgesetzt und versiegelt werden
Eine verschobene Grabplatte muss vom Steinmetz wieder neu aufgesetzt und versiegelt werden
Getty Images

Könnte Rassismus ein Motiv der Täter sein?
Anfangs gab es diesen Verdacht, da viele der zunächst in Wien aufgebrochenen Grabstätten von Sinti und Roma waren. Aber schon bald setzte sich die Meinung durch, dass nur deshalb zunächst Gräber dieser Gemeinschaft zum Ziel wurden, weil diese angeblich ihre Toten mit üppigen Schmuckbeigaben beerdigt.

Und ist das so?
Laut Natalie Bordt, Seelsorgerin der Erzdiözese Wien für Sinti, Roma und Jenische, sei das ein Irrglaube. "Es ist eigentlich nichts drin, was in der Mehrheitsgesellschaft nicht auch drinnen ist – außer ein Ehering oder einmal eine Kette oder ein Rosenkranz", sagte sie im ORF.

Worauf haben es die Täter dann abgesehen?
Die Ermittler gehen davon aus, dass es ihnen um Zahngold, goldene Zahnspangen und den Verstorbenen allfällig mitgegebene Schmuckstücke geht, die sie in den Särgen zu finden hoffen. Eine andere logische Erklärung würde es für die Taten nicht geben.

Lässt sich damit viel Geld holen?
Das ist schwer einzuschätzen. Laut der Zeitung Presse bekommt man für einen Goldzahn, eine Goldplombe oder eine goldene Brücke im Bestfall zwischen 200 und 300 Euro – bei einem offiziellen Goldhändler. Wer allerdings mit einem ganzen Säckchen Goldzähnen auftaucht, wird wohl eher früher als später misstrauisch beäugt werden. Und findet man einen Händler, der über solche Aufälligkeiten hinwegsieht, wird der erzielte Preis pro Zahn rasch sinken.

Weiß man, wie viel bereits gestohlen worden ist?
Nein, diesbezüglich tappt die Polizei völlig im Dunkeln. Zwar wurde bei einigen Leichen festgestellt, dass einzelne Zähne oder ganze Teile des Kiefers fehlten. Aber es konnte nur ein Bruchteil der geöffneten Gräber überhaupt genau untersucht werden.

Weshalb ist das so?
Weil die Behörde das Einverständnis der Angehörigen benötigt, um eine Graböffnung zu veranlassen. Gibt es das nicht, darf sie auch nicht die Leichen exhumieren und untersuchen.

Die Bande plündert nur Gräber, die mit einer Grabplatte verschlossen sind
Die Bande plündert nur Gräber, die mit einer Grabplatte verschlossen sind
Getty Images

Was bedeutet das?
Dass offenbar viele Angehörige, die über die Grabschändungen informiert wurden, kein gesteigertes Interesse daran haben, zu erfahren, ob dem oder der Verblichenen Goldzähne geraubt worden sind oder nicht.

Das klingt herzlos …
Es ist aber vor allem eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Denn werden Verstorbene exhumiert, müssen sie zumindest neuerlich beerdigt werden. Ist der Sarg durch das Aufschneiden zu sehr zerstört, muss vielleicht auch ein neuer Sarg angeschafft werden. Das alles sind Kostenfaktoren, die sich am Ende auf mehrere tausend Euro summieren können. Und nicht jedem ist es offenbar so viel wert, um zu erfahren, ob sein Vorfahre Goldzähne hatte, die nun verschwunden sind.

Aber zumindest erneut verschlossen werden muss das Grab?
Ja, und auch das kostet schon Geld. Denn in jedem Fall muss die Grabplatte wieder exakt aufgesetzt, fixiert und versiegelt werden.

Kann man sich gegen so etwas versichern?
Ja, es gibt eigene Friedhofs-Versicherungen, die auch bei Schäden durch Vandalismus oder Einbruch wirksam werden. Sonst bleibt man als Mieter einer Grabstelle selbst auf den Kosten sitzen, wie etwa Der Konsument berichtet.

Wegen welcher Delikte ermittelt die Polizei hier eigentlich?
Wegen Einbruchsdiebstahl, wenn dieser von den Angehörigen angezeigt worden ist. Außerdem wegen schwerer Sachbeschädigung (die Gräber und Särge) und wegen Störung der Totenruhe.

Wie sucht die Polizei nach den Tätern?
Sie hat die betroffenen Gräber kriminaltechnisch auf Spuren untersucht, befragt potenzielle Zeugen und wertet allfällige Videoaufzeichnungen aus. Der große Wurf war aber bisher offenbar noch nicht dabei.

Der Wiener Zentralfriedhof ist 2,5 Quadratkilometer groß – Überwachung undenkbar
Der Wiener Zentralfriedhof ist 2,5 Quadratkilometer groß – Überwachung undenkbar
HARALD SCHNEIDER / APA / picturedesk.com

Weshalb weiß man, dass alle Taten von denselben Tätern begangen worden sind?
Man weiß es nicht, geht aber wegen der fast immer gleichen Vorgehensweise davon aus. Zudem passen die Taten auch vom zeitlichen Ablauf her zusammen.

Gibt es ein ungefähres Täterprofil?
Die Behörden gehen aufgrund der großen körperlichen Anstrengungen, die mit den Einbrüchen verbunden sind, von mindestens zwei Tätern aus. Zudem gilt es als wahrscheinlich, dass die Täter die Friedhöfe vorab auskundschaften: Wie kommt man am besten ungesehen hinein, wo kann man sein Auto parken, welche Gräber nimmt man sich vor usw.

Was soll man tun, wenn man auf einem Friedhof Personen wahrnimmt, die einem verdächtig erscheinen?
Die Polizei warnt davor, selbst in irgendeiner Form aktiv zu werden. Die Täter seien Menschen, die keine Grenzen kennen, denn zur Grabschändung brauche es eine große Abgebrühtheit. Wer daher tagsüber oder auch in der Nacht auffällige Beobachtungen macht, soll nicht zögern und den Polizeinotruf 133 wählen.

Besteht keine Möglichkeit, die Friedhöfe besser zu schützen?
Das ist naturgemäß von Fall zu Fall verschieden. Manche Friedhöfe werden nachts versperrt, haben aber oft niedrige Mauern. Andere stehen rund um die Uhr für alle Personen offen. Aber letztlich bleibt: Um einen Friedhof, der oft viele Hektar groß ist, auch nur ansatzweise überwachen zu können, müsste man das ganze Gelände mit Video oder Securitys kontrollieren. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Martin Kubesch
Akt. 09.05.2026 00:27 Uhr