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Es war Insider-Job

Protokoll eines Millionen-Coups: So räumte Bande 3.083 Schließfächer aus

Einbrecher bohrten sich zu Weihnachten in den Tresorraum einer Bank, räumten ausgewählte Schließfächer aus, verschwanden spurlos. Im Millionen-Coup von Gelsenkirchen sind viele Fragen ungeklärt. Aber die Hinweise verdichten sich, dass es einen Helfer im Institut gab.

Chaos pur: So präsentierte sich der Tresorraum der Sparkassenfiliale in Gelsenkirchen am 29. Dezember 2025 den Ermittlern
Chaos pur: So präsentierte sich der Tresorraum der Sparkassenfiliale in Gelsenkirchen am 29. Dezember 2025 den ErmittlernPolizei Gelsenkirchen
Martin Kubesch
Akt. 16.02.2026 23:16 Uhr

Knapp zwei Monate sind seit dem Millionen-Coup in einer Bank im westdeutschen Gelsenkirchen mittlerweile vergangen. Und nach wie vor sind die Ermittler in erster Linie damit beschäftigt, das Chaos, das die Einbrecher hinterlassen haben, zu sortieren.

Erst vor wenigen Tagen gaben die Spurensicherungsexperten der Polizei den Tresorraum frei, in dem die nach wie vor unbekannten Täter in den Tagen nach Weihnachten mehr als 3.000 Schließfächer knackten und bis zu 100 Millionen Euro Beute machten.

Die Skepsis vieler Geschädigter, sich den Behörden über das Ausmaß ihrer finanziellen Verluste anzuvertrauen, macht die Sache für die Polizei auch nicht einfacher. Und nun kommen auch noch neue Ermittlungserkenntnisse dazu, die den Verdacht nahe legen, ein Insider könnte den Verbrechern geholfen und den Weg in das Institut geebnet haben.

Was über den größten Einbruchsdiebstahl in der deutschen Kriminalgeschichte bekannt ist, was dafür spricht, dass die Täter einen Helfer innerhalb des Systems hatten und weshalb es nie eine genaue Beute-Summe geben wird – der aktuelle Stand der Ermittlungen:

Das Loch, durch das die Täter in den Tresorraum eindrangen – von diesem Tresorraum aus gesehen
Das Loch, durch das die Täter in den Tresorraum eindrangen – von diesem Tresorraum aus gesehen
Polizei Gelsenkirchen

Worum geht es?
Um den vermutlich größten Bankraub der deutschen Kriminalgeschichte. Zwischen 24. und 28. Dezember 2025 bohrte sich eine Einbrecherbande in den Tresorraum einer Sparkassenfiliale im Ortsteil Buer (gesprochen Buur) der westdeutschen Stadt Gelsenkirchen.

Moment, Gelsenkirchen – war da nicht was?
Die Stadt liegt mitten im Ruhrgebiet, dem westdeutschen Steinkohlerevier. Bis 2018 wurde hier vor allem das "Schwarze Gold" abgebaut. Diese Historie prägt Gelsenkirchen bis in die Gegenwart. Hier ist auch der Traditions-Fußballverein Schalke 04 daheim.

Was muss man über den Ortsteil Buer wissen?
Buer war früher eine eigenständige Gemeinde und wurde 1928 an Gelsenkirchen angeschlossen. Bis heute gilt der Stadtteil als "bessere" Gegend. Der Anteil an Bürgern mit Migrationshintergrund liegt hier bei 15 Prozent, in Gelsenkirchen gesamt bei 26 Prozent. Der Torhüter des FC Bayern und der DFB-Elf, Manuel Neuer, selbst in Gelsenkirchen geboren und mit Schalke 2011 deutscher Pokalsieger, bezeichnete Buer einmal als das "Monaco von Gelsenkirchen".

Weshalb ist das wichtig?
Weil es Rückschlüsse darauf erlaubt, wie groß die Beute der Verbrecher sein könnte. Denn bis jetzt ist nicht einmal annähernd klar, wie viel die Bande letztlich erbeuten konnte.

Wie lief der Bankraub ab?
Eigentlich war es ein Einbruch. Denn die Täter kamen still und leise irgendwann zwischen 24. und 28. Dezember und drangen über eine benachbarte Tiefgarage in die Sparkassen-Filiale in der Nienhofstraße ein. Genauer lässt sich das bis jetzt offenbar nicht eingrenzen.

Bayern- und DFB-Torhüter Manuel Neuer, gebürtiger Gelsenkirchener: "Buer ist das Monaco von Gelsenkirchen"
Bayern- und DFB-Torhüter Manuel Neuer, gebürtiger Gelsenkirchener: "Buer ist das Monaco von Gelsenkirchen"
REUTERS

Warum das?
Es waren die Weihnachtsfeiertage, gleich darauf folgte das Wochenende. Die Bank war fünf Tage lang geschlossen – alle Zeit der Welt für die Verbrecher, ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Wann wurde der Coup entdeckt?
In den frühen Morgenstunden des 29. Dezember, exakt um 3.58 Uhr. Da wurden Feuerwehr und Polizei durch einen Brandalarm zur Filiale gerufen. Sie entdeckten zwar kein Feuer, dafür aber ein großes Loch in jener Wand, hinter der der Tresorraum der Bank liegt.

Wie sah es im Tresorraum selbst aus?
Apokalyptisch, wie erst vor wenigen Tagen freigegebene Fotos der Polizei Gelsenkirchen zeigen. Mehr als 3.000 Schließfachboxen wurden aufgebrochen und nach Geld, Schmuck und Wertgegenständen durchsucht. Was die Täter nicht wert befanden, mitgenommen zu werden, landete auf dem Boden: Urkunden, Souvenirs, Erinnerungsstücke, Krimskrams.

Der Tresorraum am 29. Dezember 2025: Die Ermittler mussten insgesamt mehr als 100.000 Objekte sichten. Das Bild ist teilweise verpixelt, um nicht gegen den Datenschutz zu verstoßen
Der Tresorraum am 29. Dezember 2025: Die Ermittler mussten insgesamt mehr als 100.000 Objekte sichten. Das Bild ist teilweise verpixelt, um nicht gegen den Datenschutz zu verstoßen
Polizei Gelsenkirchen

Wie verschwanden die Täter?
So wie sie offenbar gekommen waren: Über die benachbarte Tiefgarage, das Parkhaus Marientor. Von hier gibt es Bilder aus einer Überwachungskamera. Sie zeigen das mutmaßliche Fluchtfahrzeug, einen großen Audi, in dem mehrere Männer sitzen.

Was weiß die Polizei über die Täter?
Noch nicht viel mehr, als am 29. Dezember, dem Tag, als der Einbruch entdeckt wurde. Zumindest sagt sie das. Denn die Beamten waren bis vor wenigen Tagen vor allem einmal damit beschäftigt, die Spuren am Tatort zu sichern.

Wie darf man sich das vorstellen?
Die Einbrecher hinterließen ein riesiges Chaos. Insgesamt landeten an die 100.000 zurückgelassene Gegenstände aus den Schließfächern auf dem Boden. Damit es für die Ermittler komplizierter wird, verstreuten die Täter Unmengen an Haaren, wie die Wochenzeitung Zeit berichtet. Die Haare hatten sie vermutlich aus einem Frisiersalon – um falsche Spuren zu legen und die Ermittler zu beschäftigen. Aber damit noch nicht genug.

Was denn noch?
Am Boden des Tresorraums stand zentimeterhoch Wasser, das die Täter aus der Damentoilette umgeleitet hatten, um ihren Diamantkernbohrer zu kühlen, mit dem sie die Wand zum Tresorraum durchbrachen. Und weil ihnen das noch nicht genügte, um ihre Spuren zu verwischen, versprühten sie im gesamten Raum Desinfektionsmittel und Feuerlöschschaum.

Die Filiale der Sparkasse Gelsenkirchen in der Nienhofstraße am Tag, als der Einbruch entdeckt wurde
Die Filiale der Sparkasse Gelsenkirchen in der Nienhofstraße am Tag, als der Einbruch entdeckt wurde
APA-Images / dpa / Christoph Rei

Also, was hat die Polizei bislang ermittelt?
Vor allem hat sie einmal eine Bestandsaufnahme gemacht. Alle gut 100.000 Gegenstände, die die Verbrecher zurückließen, wurden auf mögliche Spuren hin untersucht. Auf etwa 50.000 davon konnten auch tatsächlich Spuren (etwa Fingerabdrücke, Haare oder DNA-Rückstände) gesichert werden, die möglicherweise zu einem der Täter passen könnten.

Wie hat die Polizei diese Mammutaufgabe bewältigt?
Mit einem Mammut-Personalaufwand. Bis zu 350 Beamte waren in der Soko "Bohrer" (der Fachausdruck für solch eine riesige Einheit lautet "Besondere Aufbauorganisation") mit den Ermittlungen befasst und arbeiteten sprichwörtlich rund um die Uhr. Da die Räumlichkeiten der Polizei für so viele Beamte nicht groß genug waren, wurden 20 Räume in einem Gewerbegebiet angemietet.

Gibt es Hinweise, wo man nach den Tätern suchen könnte?
Es seien etwa 600 Hinweise eingegangen, so die Polizei Gelsenkirchen. Polizeipräsident Tim Frommeyer ist zuversichtlich, dass man den Tätern auf die Spur kommen wird, denn: "Je mehr Personen in die Planung und Durchführung eines so aufwendigen Kriminalfalls involviert sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass Fehler gemacht werden", so Frommeyer in der WAZ.

Was sagen die Ermittler selbst?
Sie bezeichnen den Coup als "Kriminalfall des Jahrhunderts" und als "Champions League", so die Zeit. Denn die Täter hätten in mancherlei Hinsicht entweder hellseherische Fähigkeiten bewiesen, unendliches Glück gehabt – oder die Hilfe eines Insiders in der Bank genossen.

4 Gründe, die dafür sprechen, dass die Täter Hilfe in der Bank hatten

  • Das Bohrloch: Es sei exakt an der idealen Stelle gesetzt worden, um ungehindert in den Tresorraum zu gelangen, so die Zeit.
  • Die Bewegungsmelder: Diese seien von den Tätern abgeklebt worden – aber wie kamen sie unbemerkt an die Melder heran, um sie abzukleben? Möglicherweise wurden diese bereits vorher lahmgelegt, so die Vermutung.
  • Die Parkhaus-Türe: Wie man inzwischen weiß, sind die Täter durch eine Brandschutztüre vom Untergeschoß des Parkhauses in die Bank gelangt. Diese Brandschutztüre sei an sich von außen nur mit einem Schlüssel zu öffnen gewesen. Doch die Zarge der Türe war mit Silikon ausgefüllt. Die Türe fiel zwar zu, aber das Schloss sperrte nicht und die konnten Täter die Tür mühelos öffnen.
  • Die Schließfächer: Von insgesamt 3.223 vermieteten Schließfächern wurden von den Tätern 3.083 aufgebrochen. 140 Schließfächer waren zum Tatzeitpunkt nicht vermietet und die meisten davon wurden von den Einbrechern gar nicht erst aufgebrochen – Zufall?
"Je mehr Personen in einen so aufwendigen Kriminalfall involviert sind, desto wahrscheinlicher werden Fehler gemacht", so Polizeipräsident Tim Frommeyer
"Je mehr Personen in einen so aufwendigen Kriminalfall involviert sind, desto wahrscheinlicher werden Fehler gemacht", so Polizeipräsident Tim Frommeyer
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Geht man also von einem Insider-Job aus?
Die Polizei von Gelsenkirchen äußert sich dazu offiziell nicht. Aber der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul hält diesen Verdacht laut Zeit für "naheliegend". Und er lässt sich regelmäßig über den Ermittlungsstand berichten. Denn sollten die Täter tatsächlich einen Helfer innerhalb der Bank gehabt haben, wäre das eine extrem negative Optik für alle Geldinstitute.

Was sagt die Sparkasse selbst?
Wenig. Der Chef des betroffenen Institutes, Michael Klotz, wurde bei einer Ratsversammlung von der politischen Führung Gelsenkirchens nach seinem Erkenntnisstand befragt. "Mir liegen keinerlei Erkenntnisse dafür vor, dass es Insiderinformationen gegeben hat", so der 62-Jährige dabei schmallippig.

Weshalb das große Interesse der Politik an dem Fall?
Weil der Einbruch tausende Bürger betrifft. Und die Höhe des Schadens kann noch nicht einmal ansatzweise abgeschätzt werden.

Weshalb ist das so?
Weil es viele Betroffene vermeiden, sich der Polizei über ihre Verluste anzuvertrauen. Von etwa 3.000 Bestohlenen (manche hatten mehr als ein Fach gemietet) haben bislang erst etwa 1.200 eine Aussage darüber gemacht, was ihnen alles gestohlen wurde. Weitere etwa 300 Personen hätten in den nächsten Tagen und Wochen Termine für ihre Aussagen bei der Polizei. Und gut die Hälfte der Betroffenen hat sich dem Wunsch der Ermittler nach einem Gespräch bisher elegant entzogen.

Dürfen sie das denn überhaupt?
Nein und ja. Wie die Polizei auf ihrer Homepage selbst schreibt, würden die Vernehmungen sowie allfällige schriftliche Vorladungen der Betroffenen auf Freiwilligkeit basieren. Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft könne jedoch eine Pflicht zur Aussage erwachsen.

Das Parkhaus Marientor: Durch eine Brandschutztüre im Untergeschoß gelangten die Täter in den Keller der Sparkassenfiliale
Das Parkhaus Marientor: Durch eine Brandschutztüre im Untergeschoß gelangten die Täter in den Keller der Sparkassenfiliale
Foto: Martin Möller / Funke Foto Services

Warum so viel Zurückhaltung?
Möglicherweise aufgrund eines grundlegenden Misstrauens gegenüber den Behörden. Möglicherweise aber auch, weil viele Betroffene nicht sagen wollen, was sie tatsächlich alles eingelagert hatten. Etwa weil sie Sozialleistungen kassieren, die ihnen nicht zustehen würden, wenn den Behörden bekannt wäre, wie viel Vermögen sie wirklich besitzen, mutmaßt die Zeit.

Gibt es Schätzungen, wie viel Beute die Täter wirklich gemacht haben?
Die ersten Angaben lagen bei etwa 33 Millionen – dabei ging man aber nur vom offiziellen Wert aus, mit dem jedes einzelne Schließfach versichert ist, nämlich 10.300 Euro. Rasch stiegen die Schadens-Schätzungen auf 100 Millionen (das wären durchschnittlich 32.400 Euro pro Schließfach) oder noch mehr. Zuletzt spekulierte die Bild Zeitung sogar mit einer Schadensumme von bis zu einer halben Milliarde Euro. Das wären 162.000 Euro pro Schließfach – enorm viel, aber nicht unmöglich. Die wahre Summe wird irgendwo dazwischen liegen.

Sprechen auch Betroffene über ihren Schaden?
Es gibt mittlerweile immer mehr Anwälte, die versuchen, Geschädigte als Klienten für Sammelklagen oder Vergleichsverhandlungen mit der Sparasse zu werben. Um dafür gute Stimmung zu machen, präsentieren diese Anwälte jene Klienten, die sie bereit fix gewonnen haben. Einer davon ist Joachim Alfred Wagner. Der 63-jährige Beamte hatte in seinem Schließfach Gold sowie ererbten Schmuck aufbewahrt und hofft auf vollständigen Schadenersatz.

Wie soll das funktionieren?
Sein Anwalt Daniel Kuhlmann bereitet nach eigener Aussage derzeit Klagen gegen die Sparkasse vor, da angeblich Sicherheitsmängel vorgelegen hätten. Es wird sich weisen, ob diese Klagen von Erfolg gekrönt sind.

Joachim Alfred Wagner zeigt Bilder vom Familienschmuck her, den er im Schließfach gelagert hatte
Joachim Alfred Wagner zeigt Bilder vom Familienschmuck her, den er im Schließfach gelagert hatte
Foto: Kerstin Kokoska/ FUNKE Foto Services

Gab es denn erwiesene Sicherheitsmängel?
Ja, sagt ein – ungenannter – Sachverständiger, der angeblich ein Gutachten erstellt hat, was in Gelsenkirchen alles schiefgelaufen sei, berichtet der Stern. Kleiner Schönheitsfehler: Der Sachverständige stützt sich in seinem Gutachten nur auf öffentlich zugängliche Informationen wie Medienberichte. Den Tatort selbst konnte er nicht begehen.

Was steht in dem Gutachten?
Zusammengefasst: Wären die Sicherheitsmaßnahmen in der Sparkasse auf dem anerkannten Stand der Technik gewesen, hätten die Täter den Einbruch mit "an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" nicht durchführen können, zitiert der Stern.

Was sagt die betroffene Sparkasse?
Wenig überraschend, dass die "Sicherheitsvorkehrungen in der Filiale Buer auf dem anerkannten und aktuellen Stand der Technik" seien. Es würden Wartungsverträge mit spezialisierten Unternehmen existieren, die eine regelmäßige Überprüfung sicherstellen würden. Wie die verschiedenen Sicherungen in der Filiale dennoch überwunden werden konnten, ermittle die Polizei. Es bleibt spannend.

Martin Kubesch
Akt. 16.02.2026 23:16 Uhr