Die Ukraine kann sich kaum mehr gegen russische Raketen verteidigen. Und bei Amerikas Verbündeten wächst die Angst, bei einem Krisenfall mit leeren Händen dazustehen. Wie es so weit kommen konnte, was jetzt geschehen muss, wie rasch es Ersatz geben kann.

Die Bewohner Kiews schlafen wieder in überfüllten U-Bahn-Stationen oder in Autos in Tiefgaragen. Über ihnen wird der Luftkrieg zunehmend zum Schießstand. Russland bombardiert die Stadt mit immer mehr ballistischen und Hyperschall-Raketen. Die Ukraine, die solche Angriffe zuvor mithilfe von Patriot-Flugabwehrsystemen weitgehend abwehren konnte, "geht auf Winchester" – so lautet der militärische Ausdruck dafür, dass die Munition zur Neige geht.
Die Notlage der Ukraine ist das deutlichste Zeichen für die Abfangraketen-Knappheit im Westen. Auch das erschöpfte amerikanische Arsenal hilft zu erklären, warum Präsident Donald Trump wiederholt davor zurückgeschreckt ist, seine Drohungen wahrzumachen, erneut Krieg gegen Iran zu führen. Amerikas Verbündete sind alarmiert.
Die Schweiz rechnet damit, dass sich ihre Bestellung von Patriot-Systemen um bis zu sieben Jahre verzögern könnte. Taiwan befürchtet, dass 102 vor Jahren bestellte Systeme nicht wie vorgesehen noch in diesem Jahr eintreffen werden. Lockheed Martin, Hersteller der modernsten Variante PAC-3 MSE, erklärt, angesichts der Möglichkeit des Pentagon, Raketen für andere Zwecke abzuziehen, könne man ausländischen Kunden derzeit keine Liefertermine garantieren.
Munitionsengpässe sind in Kriegszeiten nichts Ungewöhnliches, insbesondere in großen Abnutzungskriegen. Doch Amerika geht die Munition nach einem kurzen Krieg gegen eine Mittelmacht aus. Was wäre, wenn es gegen das mächtige China kämpfen müsste? Das Land würde seine Abfangraketen innerhalb weniger Tage aufbrauchen und seine Stützpunkte in Japan und Guam nicht mehr nutzen können, schätzt eine jüngst veröffentlichte Studie der Heritage Foundation, einer Denkfabrik in Washington.

Der unmittelbare Auslöser der Krise ist der enorme Verbrauch von Abfangraketen durch Amerika und seine Verbündeten im Nahen Osten während Trumps diesjährigem Krieg gegen Iran. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS), eine weitere Denkfabrik, geht davon aus, dass das Pentagon fast zwei Drittel seines Vorkriegsbestands an Patriot-Raketen verschossen hat, dazu beträchtliche Teile seiner Bestände an anderen Abfangraketen (siehe Grafik oben).
Doch der Krieg hat lediglich eine Entwicklung beschleunigt, die sich seit Jahrzehnten anbahnt. Auf beiden Seiten des Atlantiks arbeiten die Rüstungsindustrien noch immer im Takt des Friedens, obwohl die Trommeln des Krieges immer schneller schlagen. Dieser Fehler wird durch die weltweite Verbreitung von Raketen verschärft, durch die Neigung von Generälen, mehr Geld für spektakuläre Waffensysteme als für die Munition auszugeben, die diese verbrauchen, durch Amerikas dysfunktionalen Haushaltsprozess und durch die Selbstzufriedenheit angesichts der amerikanischen militärischen Luftüberlegenheit.
Das CSIS schätzt, dass es bis 2029 dauern wird, die Patriot-Bestände wieder auf das Vorkriegsniveau zu bringen. Voraussetzung dafür wäre, dass der Kongress Trumps gewaltige Forderung nach einem Verteidigungshaushalt von 1,5 Billionen Dollar genehmigt – eine Steigerung um 50 Prozent gegenüber den derzeitigen Ausgaben, die jedoch unwahrscheinlich ist. Dabei sind Patriot-Systeme inzwischen für 19 Länder das wichtigste System zur Punktverteidigung, also zum Schutz eines bestimmten Ziels wie eines Luftwaffenstützpunkts.
"Patriot ist eine Lösung wie ein Smoking: Man braucht sie nicht oft, aber wenn man sie braucht, gibt es kaum einen Ersatz", sagt Justin Bronk vom britischen Royal United Services Institute (RUSI).
Das Problem: Ballistische Raketen sind im Allgemeinen billiger als die Abfangraketen, die sie zerstören sollen. Eine PAC-3-MSE-Rakete kostet etwa vier bis fünf Millionen Dollar. Irans Shahed-Drohnen und andere unbemannte Luftfahrzeuge sind noch zwei Größenordnungen billiger.
"Wenn der Gegner eine Einweg-Drohne zum Preis eines Gebrauchtwagens einsetzen kann und Ihre Antwort eine Boden-Luft-Rakete ist, die in London so viel kostet wie eine kleine Wohnung, verlieren Sie den Tausch – selbst wenn Sie jedes einzelne Gefecht gewinnen", sagte Oberst Sabah Al Sabah, ein kuwaitischer Offizier, kürzlich bei einer RUSI-Veranstaltung. Hinzu kommt, dass Verteidiger typischerweise mindestens zwei Abfangraketen auf eine anfliegende Rakete abfeuern, um die Wahrscheinlichkeit eines Treffers zu erhöhen.

Die Ukraine hat deshalb ein System aus mehreren Verteidigungsschichten improvisiert. Gegen Schwärme russischer Drohnen verfügt sie über ein weltweit führendes Abwehrnetz. Auch die meisten größeren Marschflugkörper kann sie dank europäischer Flugabwehrsysteme ausschalten. Doch nur die kostbaren Patriot-Systeme können Russlands ballistische Raketen Iskander-M und Kinschal bekämpfen.
Im März konnte die Ukraine nach eigenen Angaben rund 70 Prozent der ballistischen Raketen abfangen. Im Juli waren es noch 20 Prozent. Im August dürfte die Quote noch deutlich schlechter ausfallen. In einer einzigen Nacht – dem 5. August – wurde keine einzige Rakete abgefangen. Die ukrainische Luftwaffe hat ihre regelmäßigen Lageberichte inzwischen eingestellt. Russland hat dies offenbar zur Kenntnis genommen und steigert die Raketenproduktion.
Mit Blick auf den herannahenden Winter hat die Ukraine um mindestens 300 Patriot-Abfangraketen gebeten. Einige Länder verfügen noch über relativ große Bestände, darunter Deutschland, Griechenland, Polen und Spanien. Doch ihre Bereitschaft, diese abzugeben, nimmt ab.
Eine andere Lösung wäre, die Raketen schneller zu produzieren. Die Hersteller haben in diesem Jahr zugesagt, die Produktion der PAC-3 von 600 auf rund 2000 Stück jährlich bis Anfang der 2030er-Jahre zu steigern. Das Pentagon hat inzwischen Ideen angefordert, wie sich die Produktion noch schneller hochfahren ließe. Doch Tom Karako vom CSIS weist darauf hin, dass bislang noch keine konkreten Verträge für die höhere Produktion unterzeichnet worden seien.
Auch die industrielle Kapazität der Verbündeten kann helfen. Japan produziert jährlich rund 30 PAC-3-Abfangraketen in Lizenz, überwiegend für den eigenen Bedarf. MBDA, ein europäischer Rüstungskonzern, will in Deutschland demnächst mit der Produktion älterer PAC-2-Modelle beginnen. Auf einem NATO-Gipfel im Juli sagte Trump, auch der Ukraine solle erlaubt werden, Patriot-Abfangraketen in Lizenz herzustellen. Inzwischen hat er diese Idee jedoch wieder infrage gestellt. Berichten zufolge befürchten die Hersteller Lockheed Martin und RTX, Know-how zu verlieren oder von billigeren ukrainischen Varianten überholt zu werden.
Da ihnen die gleiche Kampferfahrung fehlt, beeilen sich europäische Unternehmen, eigene Systeme zu entwickeln. Das französisch-italienische SAMP/T soll angeblich in der Lage sein, ballistische Raketen kurzer und mittlerer Reichweite zu treffen. Ukrainische Militärquellen sagen jedoch, dass es weniger zuverlässig funktioniere als Patriot-PAC-2-Systeme – von PAC-3 ganz zu schweigen. Die Ukraine soll ab dem kommenden Jahr schrittweise verbesserte SAMP/T-Batterien mit modernisierten Abfangraketen erhalten. Allerdings werden diese in deutlich geringeren Stückzahlen produziert als Patriots.

Die wendige ukrainische Rüstungsindustrie und junge westliche Unternehmen haben die Drohnenkriegsführung revolutioniert. Nun arbeiten sie auch an der Raketenabwehr. Eines dieser Vorhaben ist das Projekt Freyja, an dem das ukrainische Unternehmen Fire Point und zahlreiche weitere europäische Rüstungshersteller beteiligt sind.
Ziel ist es, eine Abfangrakete zu entwickeln, die nur ein Viertel einer PAC-3 kostet und ohne amerikanische Technologie auskommt. Die Tests sollen im kommenden Jahr beginnen. Skeptiker gibt es viele. Douglas Barrie vom International Institute for Strategic Studies, einer weiteren britischen Denkfabrik, bezeichnet Freyja als "Mondmission".
Taiwan versucht, die Produktion seiner Sky-Bow-III-Abfangraketen auszuweiten, die angeblich mit PAC-2 und älteren PAC-3-Systemen vergleichbar sind. In diesem Jahr soll die Serienproduktion der Sky Bow IV anlaufen, die nach taiwanischen Angaben leistungsfähiger ist als die PAC-3. Nur wenige Länder allerdings würden es wagen, mit dem Kauf taiwanischer Waffen den Zorn Chinas auf sich zu ziehen.
Lockheed Martin hat die Entwicklung der PAC-3 ACE angekündigt, auch "Baby Patriot" genannt. Sie ist kleiner und weniger leistungsfähig als die PAC-3 MSE, soll aber nur halb so viel kosten. Die Produktion könnte 2028 beginnen.
Manche hoffen, dass Laserwaffen, an denen seit Langem gearbeitet wird, die düstere Kostenrechnung der Luftverteidigung verbessern könnten. Doch bei experimentellen amerikanischen und israelischen Systemen wurden bislang Erfolge nur gegen Drohnen gemeldet.
"Luftverteidigung lässt sich nicht von offensiven Operationen trennen", sagt David Deptula, ein ehemaliger General der US-Luftwaffe. "Das billigste Abfangsystem ist jenes, das man nie abfeuern muss, weil die Waffe nie gestartet wurde."

Viel spricht dafür, den Bogenschützen zu treffen – also feindliche Produktionsstätten, Kommandozentralen, Munitionsdepots und Raketenwerfer – statt den Pfeil abzufangen. Doch auch Amerikas Bestände an weitreichenden Angriffswaffen sind geschrumpft. Das CSIS schätzt, dass die USA ein Drittel ihrer rund 3.000 Tomahawk-Marschflugkörper eingesetzt haben. Die Lieferung solcher Waffen an die Ukraine haben sie bislang verweigert; auch Lieferungen an andere Kunden wie Australien, Deutschland, Japan und die Niederlande könnten sich verzögern.
Die Ukraine hat Drohnen entwickelt, die Ziele immer tiefer im russischen Hinterland erreichen können, insbesondere Energieinfrastruktur, Rüstungsfabriken und Lagerhäuser für Konsumgüter. Doch sie sind langsam und tragen nur eine geringe Sprengladung. Der schwerere Flamingo-Marschflugkörper von Fire Point hatte gewisse Erfolge. Die Ukraine hofft, bald ihre ballistischen Raketen FP-7 und die größere FP-9 einsetzen zu können, die angeblich eine Reichweite von mehr als 800 Kilometern besitzen.
Mobile Raketenwerfer zu zerstören ist schwierig. In diesem Jahr behaupteten Amerika und Israel, den iranischen Raketenbeschuss durch die Bombardierung von Abschussrampen und Eingängen zu unterirdischen "Raketenstädten" um bis zu 90 Prozent reduziert zu haben.
Doch selbst bei vollständiger Kontrolle des Luftraums und hochpräziser Aufklärung konnten sie den Beschuss nie vollständig unterbinden. Amerika verlor Radaranlagen, Kommandozentralen, Frühwarnflugzeuge, Tankflugzeuge, Drohnen, Kampfjets und weitere Systeme. Selbst nach dem Waffenstillstand im April war es den USA nicht möglich, Iran daran zu hindern, Schiffe in der Straße von Hormus zu beschießen.
Ein künftiger Luftkrieg gegen China – etwa um Taiwan – wäre ein gewaltiges Unterfangen. Chinesische Raketen können Stützpunkte erreichen, die so weit entfernt sind wie Alaska und Hawaii, ebenso Kriegsschiffe mitten im Pazifik. Um sich gegen die Volksbefreiungsarmee (PLA) zu verteidigen, wären nach Einschätzung der Heritage Foundation mehr als 19.000 Patriot-Abfangraketen nötig – mehr als das Zwanzigfache dessen, was das CSIS als aktuellen Bestand der USA schätzt.
Auf den Bogenschützen der PLA zu zielen, wäre eine verlockende Alternative. Doch jenseits des Problems, Chinas Luftverteidigung zu überwinden, birgt dies zwei große Risiken.

Erstens müssten die USA das chinesische Festland angreifen, was Vergeltungsschläge gegen das amerikanische Kernland provozieren könnte. Zweitens ist die Raketenstreitmacht der PLA nicht nur für konventionelle Raketen zuständig, sondern auch für landgestützte Atomwaffen. Angriffe auf sie könnten daher als Versuch verstanden werden, Chinas nukleare Streitkräfte zu zerstören – mit dem Risiko einer nuklearen Eskalation.
Stattdessen üben amerikanische Streitkräfte, wie sie innerhalb der chinesischen "Wirkungszone" verschiedener Waffen überleben können. Sie setzen dabei auf unterschiedliche Formen der Zerstreuung. In einer Welt, in der billige Drohnen und Raketen immer weiter verbreitet sind, werden es entscheidende Fähigkeiten sein, militärische Ziele zu härten, zu verteilen und zu tarnen – und sie nach ihrer Zerstörung rasch wieder aufzubauen.
Auch wenn weitreichende Angriffswaffen kein Allheilmittel sind, tragen sie doch dazu bei, einen Angriff abzuschrecken. Das erklärt, warum Amerikas Verbündete fieberhaft nach Möglichkeiten suchen, Ziele in großer Entfernung anzugreifen. Die Ukraine, die bereits unablässig attackiert wird, hofft, dass die Verlagerung des Krieges nach Russland genug Schmerz verursachen wird, um Wladimir Putin dazu zu bringen, den endlosen Konflikt noch einmal zu überdenken.
Alle möglichen Lösungen für die Knappheit an Abfangraketen werden Zeit brauchen – selbst wenn ihre Entwicklung und Produktion beschleunigt und massiv ausgeweitet werden. In der Ukraine müssen Zivilisten derweil weiterhin unter der Erde Schutz suchen. Während sie einem weiteren eisigen Winter voller Gefahren entgegensehen, werden sich viele fragen, wie ihre Führung es so weit kommen lassen konnte.
Andere Regierungen sollten daraus ihre Lehren ziehen.
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