Fünfeinhalb Monate nach dem Brand wurden jetzt Chat-Nachrichten bekannt, die das Betreiber-Ehepaar schwer belasten. Sie hätten seit Jahren von der Gefahr durch Sprühkerzen gewusst – und trotzdem nur Wochen vor dem Feuer 900 Stück davon besorgt.

Vor knapp einem halben Jahr, in der Silvesternacht 2025/26, zerstörte ein Feuer eine Nachtbar im Schweizer Nobelskiort Crans-Montana. Bilanz des Unglücks: 41 Tote, 115 zum Teil lebensgefährlich Verletzte.
Die Unglücksursache waren aller Wahrscheinlichkeit nach Sprühkerzen, die in Champagnerflaschen steckten und die Kunststoff-Deckenverkleidung des Lokals in Brand setzten.
Die Betreiber der Bar, das französische Ehepaar Jacques und Jessica Moretti, bestritten bislang vehement, sich der Gefahr eines Brandes durch den verwendeten Isolations-Schaumstoff und die Nutzung von Wunderkerzen bewusst gewesen zu sein.
Nun neu aufgetauchte WhatsApp-Nachrichten zeichnen indes ein anderes Bild. Demnach warnte Jessica Moretti bereits im Jahr 2019 ihre Mitarbeiter vor der Gefahr, die von Sprühkerzen ausging. Und bestellte, ungeachtet dessen, wenige Wochen vor der Katastrophe 900 solcher Feuerwerkskörper für das "Le Constellation".
Und ihr Ehemann Jacques Moretti ließ sich mutmaßlich von Mitarbeitern per Textnachricht bestätigen, ob der Notausgang des Keller-Lokals auch "blockiert" sei. Zur Erinnerung: Auch aufgrund versperrter Notausgänge waren die Folgen des Feuers gar so verheerend.
Was es mit den besagten WhatsApp-Nachrichten auf sich hat, wie das Ehepaar Moretti die Botschaften erklärt und was die Behörden davon halten – das sind die jüngsten Entwicklungen rund um das Feuer–Drama von Crans-Montana aus der Silvesternacht:

Worum geht es?
In der Silvesternacht 2025/26 kam es in der Bar "Le Constellation" im Schweizer Wintersportort Crans-Montana zu einer der schwersten Brandkatastrophen der letzten Jahre. 41 vorwiegend junge Menschen starben, 115 wurden verletzt, viele davon schwer.
Wie kam es zu dem Feuer?
Die Ermittler gehen davon aus, dass sogenannte Wunderkerzen beziehungsweise Sprühkerzen an Champagnerflaschen den Brand ausgelöst haben. Das Feuer soll auf hoch brennbaren Akustikschaumstoff an der Decke übergegriffen haben. Innerhalb weniger Sekunden entwickelte sich daraus ein Inferno.
Worauf konzentrieren sich die Ermittlungen der Behörden?
Im Zentrum der Ermittlungen stehen die Betreiber der Bar, Jessica und Jacques Moretti. Gegen sie wird bereits wegen fahrlässiger Tötung und weiterer Delikte ermittelt. Laut mehreren Schweizer Medien, die aus aus Ermittlungsakten, Vernehmungsprotokollen und internen WhatsApp-Nachrichten zitieren, kommen nun neue Vorwürfe gegen das Paar hinzu.
Was sind die neuen Erkenntnisse?
Die neuen Erkenntnisse drehen sich vor allem um eine zentrale Frage: Wie viel wussten die Betreiber bereits vor der Katastrophe über die Brandgefahr in ihrer Bar? Bislang lautete die Verteidigung der Morettis im Kern, man habe die Gefährlichkeit der Situation nicht erkannt und niemals mit einer derartigen Katastrophe gerechnet. Die nun bekannt gewordenen Unterlagen stellen diese Darstellung zumindest teilweise infrage.
Worauf beruht dieser Verdacht?
Auf einen WhatsApp-Chat von Jessica Moretti aus dem Dezember 2019. Laut NZZ schrieb sie sechs Jahre vor der Brandkatastrophe an ihr Personal: Wenn Gäste brennende Funkenfontänen wollten – wie sie in der Bar "Le Constellation" offenbar regelmässig mit Champagnerflaschen serviert wurden –, dann solle das Personal sehr aufpassen.
Wie lautet das Zitat genau?
"Bleibt, bis die Funkenfontäne erlischt (…)", schrieb Moretti in der Whatsapp-Gruppe. "Denn falls sie fällt, auf das Sofa oder den Boden", oder falls Gäste die Funkenfontäne "hochhalten und den Schaumstoff an der Decke anbrennen, dann brennt das 'Constel'…". Letzteres war die umgangssprachliche Bezeichnung für das Lokal "Le Constellation". Genau dieser Schaumstoff gilt den Ermittlern heute als entscheidender Brandbeschleuniger.

Welcher Schluss lässt sich daraus ziehen?
Für die Opferanwälte sind diese Nachrichten von enormer Bedeutung: Sie sehen darin einen Hinweis, dass die Betreiber die Brandgefahr nicht nur abstrakt kannten, sondern konkret benennen konnten.
Wie erklärt Jessica Moretti ihre Nachrichten?
Das Ehepaar wurde von der Staatsanwaltschaft Wallis am 5. Juni bei seiner jüngsten Einvernahme mit diesen Nachrichten konfrontiert. Jessica Moretti beteuerte dabei mehrfach, dass sie und ihr Ehemann sich keiner Gefahr bewusst gewesen seien. An die konkrete Anweisung würde sie sich nicht erinnern, so Jessica Moretti. Der Text sei in ihren Augen aber humorvoll und nicht wörtlich zu verstehen.
Verstanden ihn ihre Mitarbeiter auch humorvoll?
Mindestens eine Person im Gruppenchat nahm die Nachricht jedenfalls wörtlich. Diese antwortete: "Wir werden aufpassen, machen Sie sich keine Sorgen." Ungeachtet dessen halten die Morettis weiterhin daran fest, die Katastrophe weder vorhergesehen noch billigend in Kauf genommen zu haben.
Ist das glaubwürdig?
Es bestehen zumindest grobe Zweifel. Denn wie die italienischen Zeitung La Repubblica schreibt, liegt auch eine Sprachnachricht vom 6. Dezember 2025 vor, mit der das Wirtspaar ebenfalls bei der Befragung konfrontiert wurde. Jessica Moretti spricht darin über die Vorbereitungen zur kommenden Silvester-Party.
Und zwar?
"Ich habe 900 Wunderkerzen bestellt", sagt die Barbetreiberin in der Sprachnachricht. "Wir müssen sie aber in Frankreich abholen, da sie explosiv sind und nicht in die Schweiz geliefert werden."
Gibt es dafür eine vernünftige Erklärung?
Das Ehepaar gab gegenüber den Ermittlern an, es könnte sich nicht daran erinnern, die Wunderkerzen in Frankreich abgeholt zu haben. "Es lag an der Firma, die sie nicht liefern konnte, nicht daran, dass wir sie nicht bekommen konnten", so Jacques Moretti.

Folgt die Staatsanwaltschaft dieser Darstellung?
Es sieht nicht danach aus. Laut dem Schweizer Online-Medium Watson erschienen der Staatsanwaltschaft die Moretti-Aussagen "wenig wahrscheinlich", so eine Staatsanwältin. Es sei hingegen wahrscheinlicher, dass sich die Morettis über die Gefährlichkeit der verwendeten Wunderkerzen in Kombination den Schaumstoffisolierungen im Klaren waren.
Worum geht es bei der Sache mit dem blockierten Notausgang?
Laut einer weiteren Whatsapp-Nachricht aus dem Jahr 2021 erkundigte sich Jacques Moretti in einer Chatgruppe, ob ein Notausgang gegenüber den Toiletten "immer noch blockiert" sei. Laut NZZ könne es sich dabei nur um den Notausgang im Untergeschoss des "Constellation" handeln, der in der Silvesternacht durch einen Stuhl blockiert war.
Was ist damit konkret gemeint?
Offenbar kannten zum Zeitpunkt der Brandkatastrophe nicht einmal langjährige Mitarbeiter der Bar diesen Ausgang, so die NZZ weiter. Denn alle Personen im Untergeschoss hätten nach Ausbruch des Feuers versucht, über die enge Treppe ins Erdgeschoss zu flüchten, anstatt den Notausgang zu nutzen.
Bekam Jacques Moretti auf seine Frage in der Whatsapp-Gruppe eine Antwort?
Eine Person (offenbar ein Mitarbeiter) bestätigte, dass der Notausgang weiterhin blockiert sei: "Wir lassen die Türen nicht offen!" Moretti antwortete darauf mit einem nach oben gestreckten Daumen.
Gibt es zur Frage der Notausgänge weitere neue Erkenntnisse?
Laut einem Sicherheitsmann, der im "Constellation" arbeitete, soll Jessica Moretti in der Silvesternacht sowohl die Blockade des Notausgangs im Keller, als auch einer Servicetüre im Erdgeschoß angeordnet haben, um unerlaubten Zutritt zum Lokal zu verhindern. Die Morettis bestreiten auch das.
Gibt es noch weitere neue Erkenntnisse?
Ja, die Staatsanwaltschaft wirft Jessica Moretti inzwischen auch Urkundenfälschung vor. Konkret geht es um eine Rechnung aus dem Jahr 2015 für den Akustikschaumstoff, der später als mutmaßlicher Brandbeschleuniger eine zentrale Rolle spielen sollte. Nach dem Ermittlungsstand soll die Rechnung verändert beziehungsweise unter einer anderen Bezeichnung verbucht worden sein.

Gibt es dafür eine Erklärung?
Die Verteidigung meint, dies habe steuerliche Gründe gehabt und stehe nicht in direktem Zusammenhang mit der Brandkatastrophe. Für die Ermittler ist die Angelegenheit dennoch relevant, weil sie Fragen zur Renovierung und Dokumentation der Umbauten aufwirft.
Welche Fragen?
Bereits zuvor hatten Ermittlungen ergeben, dass wesentliche Umbauten an der Bar offenbar ohne vollständige Bewilligungen vorgenommen wurden. Im Fokus stehen die Verengung des Treppenaufgangs; Veränderungen im Fluchtwegsystem; die Montage des Akustikschaumstoffs; Fragen zur Brandschutzbewilligung. Mehrere Gutachten prüfen derzeit, ob diese baulichen Veränderungen den Fluchtweg verschlechtert und damit die Zahl der Opfer erhöht haben könnten.
Richten sich die Ermittlungen nur gegen das Ehepaar Moretti?
Nein, mittlerweile stehen auch mehrere weitere Personen unter Verdacht, darunter frühere und aktuelle Behördenvertreter; Verantwortliche aus Verwaltung und Kontrolle; sowie Personen aus dem Umfeld der baulichen Genehmigungen.
Was bedeuten all diese neuen Erkenntnisse für die Ermittlungen?
Vor allem die WhatsApp-Chats könnten die juristische Bewertung des Falls verändern. Bislang steht vor allem fahrlässiges Verhalten im Raum. Opferanwälte vertreten inzwischen jedoch die Auffassung, die neuen Dokumente könnten auf ein sogenanntes Eventualvorsatz-Szenario hindeuten.
Was würde das bedeuten?
Vereinfacht gesagt: Wer eine tödliche Gefahr kennt, das Risiko erkennt und dennoch weitermacht, könnte unter Umständen nicht mehr nur fahrlässig handeln. Genau deshalb haben mehrere Anwälte von Opfern der Katastrophe inzwischen beantragt, die Vorwürfe gegen die Morettis von fahrlässiger Tötung auf vorsätzliche Tötung mit Eventualvorsatz zu verschärfen. Ob die Staatsanwaltschaft diesem Antrag folgt, ist derzeit offen.
Wie geht es jetzt weiter?
Nach Einschätzung von Schweizer Justizbeobachtern nähert sich die Untersuchung der Staatsanwaltschaft ihrer entscheidenden Phase.

Es ist also bald mit einer Anklageerhebung zu rechnen?
Nicht sofort zumindest. Realistisch erscheint ein Zeitraum zwischen Ende 2026 und Anfang 2027. Vorher dürften noch weitere Gutachten und Konfrontationseinvernahmen stattfinden.
Wurden trotzdem bereits Konsequenzen aus dem Feuer gezogen?
Ja, in der Schweiz wird intensiv über strengere Vorschriften für Indoor-Feuerwerke diskutiert. Im Zentrum steht ein mögliches Verbot von Sprüh- und Wunderkerzen in Innenräumen; strengere Kontrollen von Bars und Clubs; schärfere Vorschriften für Akustikschaumstoffe; neue Anforderungen an Fluchtwege; bessere Dokumentation von Umbauten.
Es wird nur diskutiert?
Nicht nur. Seit 1. April ist das Anzünden von Pyrotechnik in öffentlichen Räumen verboten. Das gilt für sogenannte Kleinstfeuerwerke, also Wunderkerzen, Knallerbsen oder die an Silvester oder an Kindergeburtstagen beliebten Tischbomben. Das wurde als Sofortmaßnahme von allen Kantonen umgesetzt. Bis spätestens Herbst 2027 soll eine neue Brandschutzverordnung in Kraft treten.