In einem Bericht fährt die Schweizer Finanzpolizei schwere Geschütze gegen das Ehepaar Moretti auf. Im Lokal der beiden in Crans-Montana starben zu Silvester 41 Menschen. Der Verdacht: Möglicherweise hätte das Paar die Unglücks-Bar gar nicht besitzen dürfen.

Brisante neue Ermittlungsergebnisse der Schweizer Behörden im Zusammenhang mit der verheerenden Brandkatastrophe in einer Bar in Crans-Montana in der Silvesternacht 20025/26, bei der 41 Menschen ums Leben kamen.
Laut Recherchen der Schweizer Bundespolizei hat das aus Frankreich stammende Ehepaar, dem die Unglücks-Bar gehört, diese möglicherweise nur durch Finanz-Tricksereien in seinen Besitz gebracht.
Außerdem soll es schon vor dem verheerenden Feuer zweimal in Betrieben des Paares zu Bränden gekommen sein, wobei der Verdacht von Versicherungsbetrug im Raum steht. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Und: Barbetreiber Jacques Moretti kam zuvor bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt, mehrere Verurteilungen sind aktenkundig.
Was die Finanzexperten der Schweizer Bundespolizei im Umfeld des Betreiber-Ehepaares ausgruben, was alles bei einer Hausdurchsuchung bei den Morettis ans Tageslicht kam und was verhinderbar gewesen wäre, wenn Aufsichtsorgane etwas genauer hingeschaut hätten – die jüngsten Erkenntnisse der Behörden im Überblick:
Worum geht es?
Um die juristische Aufarbeitung des verheerenden Feuers in der Bar "Le Constellation" im Schweizer Nobelskiort Crans-Montana in der vergangenen Silvesternacht.
Was ist damals geschehen?
Im Souterrain des Lokals kam es kurz vor halb zwei Uhr Früh zu einem Feuer, das sich rasend schnell ausbreitete. Wahrscheinlich hatten Sprühkerzen, die in Champagnerflaschen steckten, die Lärmschutzdecke aus Schaumstoff entflammt. Bei dem Feuer kamen 41 meist junge Menschen ums Leben, weitere 115 wurden teils lebensgefährlich verletzt.
Weshalb gab es so viele Opfer?
Den Ermittlungen zufolge, war der Notausgang in der Unglücksnacht versperrt, auch eine Servicetüre, die ins Freie führte, ließ sich nicht öffnen. Auch soll der einzige Treppenaufgang aus optischen Gründen schmäler gemacht worden sein. Möglicherweise waren auch mehr Menschen in dem Lokal als zugelassen. Die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis sind noch nicht abgeschlossen.
Aber wurden die feuerpolizeilichen Auflagen nicht regelmäßig kontrolliert?
Nein, wie sich unmittelbar nach der Katastrophe herausstellte, war die Bar seitens der lokalen Behörde, also der Gemeinde Crans-Montana, bereits seit sechs Jahren gar nicht mehr kontrolliert worden.
Wem gehört die Bar "Le Constellation"?
Dem französischen Ehepaar Jacques und Jessica Moretti. Sie besitzen insgesamt drei Lokale in Crans-Montana und im benachbarten Ort Lens.
Stehen die Morettis unter Verdacht, etwas mit dem Feuer zu tun zu haben?
Jacques und Jessica Moretti werden der fahrlässigen Tötung, der fahrlässigen Körperverletzung sowie der fahrlässigen Brandstiftung verdächtigt. Noch wurden sie allerdings nicht angeklagt, die Erhebungen der Behörden dazu sind nach wie vor im Gang.

Welche Erkenntnisse sind jetzt neu dazu gekommen?
Die Schweizer Bundespolizei (Fedpol) hat sich das wirtschaftliche Vorleben von Jacques und Jessica Moretti angesehen und ist dabei auf einige höchst dubiose Vorgänge gestoßen. Diese wurden nun in einem Bericht zusammengefasst und der in der Brandsache ermittelnden Staatsanwaltschaft im Kanton Wallis übergeben.
Es hat also nichts mit dem Feuer zu tun?
Jedenfalls nicht unmittelbar. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass der eine oder andere dubiose Vorgang in der Vergangenheit sehr wohl Auswirkungen auf die Brandkatastrophe gehabt haben könnte.
Worum geht es konkret?
Unmittelbar nach dem Feuer in der Silvesternacht haben offenbar mehrere Banken ihre Geschäftsbeziehungen mit den Morettis durchleuchtet. Einige von ihnen hätten in der Folge ungewöhnliche Transaktionen an die "Meldestelle für Geldwäscherei" (MROS) übermittelt. Die MROS ist der Schweizer Bundespolizei unterstellt und so führte eins zum anderen, berichtet die Neue Zürcher Zeitung (NZZ).
Was entdeckten die Beamten?
Ein "mutmaßlich kriminelles Finanzkonstrukt" (O-Ton im Bericht der MROS vom 23. Februar), das den Verdacht nahelegt, die Morettis könnten ihr Vermögen durch Geldwäsche sowie mithilfe eines Schneeballsystems erworben haben, bei dem Kredite aufgenommen wurden, um bestehende Verpflichtungen zu decken und gleichzeitig den Eindruck wirtschaftlichen Erfolgs zu erwecken, so die SZ.

Wie lautet das Fazit der Fedpol-Ermittler?
"Dieses Imperium hat sich stetig weiterentwickelt, indem eine leere Struktur mit Hypotheken belastet wurde, wie im Fall des öffentlichen Lokals 'Le Constellation' (die Unglücksbar, Anm.), das im Laufe der Jahre weitere Bars und Restaurants in den Regionen Crans-Montana und Lens erworben hat, wodurch die von Finanzinstituten gewährten Hypothekarschulden stetig erhöht wurden."
Und wie hat man sich getarnt?
"Nach außen hin wurde jedoch ein fiktiver kommerzieller Erfolg dargestellt, unter anderem durch die Zurschaustellung von geleasten Luxusfahrzeugen auf den Namen der Gesellschaft", so die Ermittler in ihrem Bericht.
Was bedeutet das alles jetzt?
Dass es dem Ehepaar mutmaßlich gelungen ist, sich mit einem Minimum an Eigenkapital insgesamt drei Lokale in der Schweiz sowie mehrere Immobilien in Frankreich anzueignen. Das "Imperium" der Morettis in der Schweiz beruhe ausschließlich auf der Gewährung von Darlehen, die wahrscheinlich auf unrechtmäßige Weise erlangt wurden oder aus privaten Quellen stammten, so die Ermittler. "Offenbar verfügten die Eheleute Moretti nicht einmal über das notwendige Kapital zur Gründung einer GmbH", fasst es Fedpol zusammen.
Was heißt das im Zusammenhang mit der Unglücksbar in Crans-Montana?
Dass die Morettis das "Le Constellation" nie hätten übernehmen dürfen, so die Bundespolizei in ihrer Analyse, weil sie sich diese nicht kraft ihrer finanziellen Mittel aneigneten, sondern erschlichen hätten.
Aber welche Konsequenzen hätte das gehabt?
Das kann man natürlich nie sagen, es handelt sich hier um eine reine "Was wäre gewesen, wenn…"-Gedankenspielerei. Zu sagen, wenn die Morettis die Bar nicht bekommen hätten, hätte es kein Feuer gegeben, wäre unseriös. Andererseits ist es logisch, wenn angesichts der neuen Erkenntnisse über das Betreiber-Paar solche Überlegungen angestellt werden.
Es gab schon vor letztem Silvester ein Feuer im "Le Constellation"?
Ja, es stellte sich etwa heraus, dass es in zweien ihrer Lokale - dem "Le Constellation" sowie einem anderen Lokal – gebrannt hat und die Eheleute deshalb knapp 250.000 Franken (etwa 275.000 Euro) an Versicherungsgeldern erhalten haben. Insgesamt erhielten die Betriebe der Morettis seit 2015 von Versicherungen und Krankenkassen fast 1,6 Millionen Franken an Leistungen (knapp 1,8 Millionen Euro), deren Rechtmäßigkeit Fedpol teilweise anzweifelt.

Was weiß man über das Vorleben der Morettis?
Jessica Moretti ist offenbar ein unbeschriebenes Blatt, aber ihr Ehemann Jacques kam seit den 1990er-Jahren immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Der gebürtige Korse ist seit den 1990er-Jahren in Frankreich wegen diverser Delikte aktenkundig, u. a. wegen Entführung oder Freiheitsberaubung (1995), Betrugs (2003 und 2004), Hehlerei (2004), Zuhälterei (2008) und Sozialbetrugs (2010). Vorgeworfen wurde ihm zudem ein weiterer Fall von Betrug sowie die Verwendung gefälschter Dokumente (2019).
War's das jetzt?
Noch nicht ganz. Ende Februar schaffte es die Staatsanwaltschaft Wallis endlich, bei den Morettis eine Hausdurchsuchung durchzuführen – eigentlich hatte der Staatsanwalt bereits am 1. Jänner, also unmittelbar nach dem Brand, eine solche Hausdurchsuchung angeordnet.
Wurde dabei etwas gefunden?
Die Ermittler entdeckten u. a. sechs Luxusuhren von Marken wie Rolex und Audemars Piguet im Gesamtwert von mehr als 120.000 Euro. Und es wurde eine Pistole vom Typ Glock 19 des österreichischen Herstellers sichergestellt. Ob Jacques Moretti dafür die notwendigen Papiere besitzt, war zunächst nicht klar.
Wie geht es jetzt weiter?
Alle Ermittlungserkenntnisse der Bundespolizei Fedpol wurden der Staatsanwaltschaft Wallis weitergereicht. Diese hat nun zu entscheiden, ob und in welchen Punkten sie aus dem Material eine Anklage gegen Jacques und / oder Jessica Moretti formuliert.
Welche Anklagepunkte könnten dadurch noch dazukommen?
Die neu zusammengetragenen Anschuldigungen könnten theoretisch zu Anklagen wegen Geldwäsche, Untreue, Versicherungsbetrug, Brandstiftung und Urkundenfälschung führen.
Gibt es bei den Ermittlungen zu dem Feuer neue Erkenntnisse?
Seit gestern, Montag, ist bekannt, dass der Gemeindepräsident (vulgo Bürgermeister) von Crans-Montana, Nicoas Féraud, nun offiziell als Verdächtiger im Fall der Brandkatastrophe geführt und gegen ihn ermittelt wird. Féraud hatte unmittelbar nach dem Feuer zugegeben, dass die Unglücks-Bar seit sechs Jahren von der Gemeinde nicht mehr feuerpolizeilich kontrolliert worden war.

Weiß man schon Näheres über den Auslöser des Feuers?
Es ist mittlerweile eine Rechnung aus dem Jahr 2015 aufgetaucht, die besagt, dass Barbetreiber Jacques Moretti im Herbst 2015 bei einem Onlineshop im Osten Deutschlands insgesamt 1.360 Akustik-Schaumstoffplatten des Modells "Mousse Acoustique pyramidale PRO 90 cm/45 cm/6 cm P085" gekauft hat. Der Preis damals: 13.464 Euro.
Was bedeutet das?
Laut der Schweizer Zeitung Tagesanzeiger ist es die seinerzeitige Produktbeschreibung, die diese Erkenntnis besonders brisant macht: Denn dem Bericht zufolge, wurden die Dämmplatten als "nicht brennbar" und "selbstverlöschend" beworben. Daher hätte sich das Produkt auch für "Kindergärten, Schulen, Gaststätten und Bars" geeignet. Allerdings: Noch ist nicht geklärt, welche Schaumstoffplatten tatsächlich in der "Constellation" am Plafond klebten, als das Feuer ausbrach.
Wie geht es jetzt weiter?
Die Staatsanwaltschaft Wallis ist nach wie vor die federführende Ermittlungsbehörde im Fall des Feuers und jetzt auch, was die neuen Anschuldigungen gegen das Ehepaar Moretti wegen der geschilderten Finanzdelikte betrifft. Sie muss als Nächstes entscheiden, wen sie aufgrund der gesammelten Beweise vor Gericht stellen möchte. Wann die Anklagebehörde diese Entscheidung treffen wird, ist aber noch vollkommen unklar.