Bilder vom Morgen nach der Katastrophe lassen erstmals genaue Schlüsse zu, was sich in der Bar zugetragen hat. Währenddessen drängen die Angehörigen der Opfer immer vehementer nach Aufklärung. Das Betreiber-Ehepaar wurde auf offener Straße attackiert.

Sechs Wochen ist es jetzt her, dass es in der Bar "Le Constellation" im Schweizer Nobelskiort Crans-Montana zu einem verheerenden Feuer gekommen ist. Bei dem Brand in der Silvesternacht starben 41 zumeist junge Menschen, weitere 115 wurden teils lebensgefährlich verletzt. Viele von ihnen werden für den Rest ihres Lebens mit den Folgen ihrer Verwundungen zu kämpfen haben.
Längst scheint klar, dass Sprühkerzen auf Champagnerflaschen, die zu nahe an die Kunststoffverkleidung der Decke gehalten wurden, den Brand auslösten. Was sich in den darauffolgenden Minuten abgespielt hat, konnte bislang allerdings nur gemutmaßt werden.
Doch nun sind Fotos der zuständigen Staatsanwaltschaft Wallis aufgetaucht, die das "Constellation" am Morgen nach dem Feuer zeigen. Die Körper der Toten waren zu diesem Zeitpunkt bereits geborgen worden. Sonst war die Bar auf den Bildern aber genau so, wie sie ausgesehen hat, nachdem der Brand gelöscht werden konnte.
Die Spuren des Feuers erzählen mit schrecklicher Nüchternheit und Präzision davon, was in jenen furchtbaren Minuten geschehen sein dürfte, als sich das Leben hunderter Menschen – die Opfer des Brandes und ihre Angehörigen – für immer veränderte.


Was aus den Bildern vom Morgen nach der Katastrophe herausgelesen werden kann, wie das Feuer am Unglücksort wütete und wie die Angehörigen der Opfer mittlerweile immer verzweifelter und aggressiver auf die weiterhin nur schleppend verlaufenden Ermittlungen der Behörden reagieren – die jüngsten Erkenntnisse über das Todesfeuer von Crans-Montana:
Was weiß man über die Silvesternacht in Crans-Montana mit Sicherheit?
Fakt ist, dass um 1.26 Uhr früh in der Bar "Le Constellation" im Zentrum des Schweizer Luxusskiortes im Kanton Wallis in der Westschweiz ein Feuer ausbrach. Allem Anschein nach entzündeten Sprühkerzen, die in Champagnerflaschen steckten, die mit Lärm dämmenden Schaumstoffplatten flächendeckend beklebte Decke im Untergeschoß der Bar.

Wie reagierten die Menschen in der Bar auf das Feuer?
Sehr unterschiedlich. In einer Dokumentation des Schweizer Fernsehens schildern Überlebende des Infernos die entscheidenden Minuten. Demzufolge begriffen einige sofort, dass es sich um eine gefährliche Situation handelt und ergriffen die Flucht, während andere noch weiter feierten, als bereits Teile der Decke in Flammen standen. Überlebende berichten auch, dass teilweise noch versucht wurde, mit Pullovern oder Küchentüchern die Flammen auszuschlagen.
Wie rasch war die Feuerwehr vor Ort?
Laut Schweizer Medien dauerte es etwa zehn Minuten, bis die ersten Einsatzkräfte am Brandort eintrafen. Was neu ist: Feuerwehrmänner berichteten, dass zu diesem Zeitpunkt die Flammen zum großen Teil bereits wieder abgeklungen waren.
Wie viele Menschen waren in der Bar, als das Feuer ausbrach?
Dazu gibt es keine genauen Zahlen. Das "Constellation" war sehr angesagt und in der Silvesternacht herrschte ein stetes Kommen und Gehen. Unglücklicherweise – oder eher fahrlässiger weise – wurden sämtliche Überwachungsaufnahmen der Gemeinde Crans-Montana, die darüber Aufschluss hätten geben können, gelöscht, ehe sie ausgewertet werden konnten.

Was geschah in den Minuten zwischen dem Ausbruch des Feuers und dem Eintreffen der Feuerwehr?
Darüber konnte sich die Öffentlichkeit bislang nur anhand der Schilderungen Überlebender sowie der Einschätzungen von Experten ein ungefähres Bild machen. Nun tauchten allerdings Bilder aus den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Wallis auf, die am Morgen nach der Katastrophe gemacht wurden. Darauf sind noch die unmittelbaren Auswirkungen des Feuers zu erkennen.
Was ist auf den Bildern, die jetzt bekannt geworden sind, genau zu sehen?
Die Bilder zeigen, wo das Feuer besonders stark gewütet hat, und wo sich seine Auswirkungen eher in Grenzen gehalten haben. Daraus lassen sich folgende Schlüsse ziehen:


Die im Barbereich aufgehängten Gläser schmolzen durch das Feuer, das Glas tropfte nach unten. Laut der Schweizer Zeitung NZZ muss die Temperatur auf mehr als 600 Grad Celsius steigen, um diesen Effekt zu erreichen. Das lässt darauf schließen, dass das Feuer primär von der Schaumstoff-Deckenverkleidung gespeist worden ist.
Was weiß man über das Material, aus dem die Deckenverkleidung war?
Dazu sind bislang keine offiziellen Erkenntnisse bekannt geworden. In der italienischen Zeitung Il Messaggero wurde berichtet, dass sich ein Zeuge bereits kurz nach dem Feuer gemeldet hätte. Er soll den Barbetreibern, dem französischen Ehepaar Jacques und Jessica Moretti, 2016 das Lokal eingerichtet haben. Dabei habe er ihnen vorgeschlagen, feuerhemmenden Schaumstoff für die Decke zu verwenden. Die Morettis hätten das jedoch aus Kostengründen abgelehnt.
Kann das stimmen?
Möglich ist es natürlich. Allerdings wäre das bereits vor zehn Jahren gewesen. Und niemand außer den Betreibern der Bar kann sagen, ob und wie häufig seither der Schaumstoff ausgewechselt worden ist. Erst vor einigen Wochen sind Bilder aufgetaucht, die zeigen, wie Mitarbeiter der Bar versuchen, herab hängende Schaumstoffplatten mit Billardqueues zu fixieren. Auskunft über die Beschaffenheit der Deckenplatten, sprich, wie feuerhemmend diese waren, können nur technische Untersuchungen der Rückstände geben.


Zahlreiche Möbelstücke aus Holz und auch die hölzerne Wandtäfelung wurden vom Feuer kaum beschädigt. Da Holz jedoch bereits ab 300 Grad brennt, lässt das darauf schließen, dass das Feuer in Bodennähe weniger heiß brannte als weiter oben. Und es lässt weiters den Schluss zu, dass das Feuer nur relativ kurz brannte, ehe ihm der "Brennstoff" ausging.
Was bedeutet das?
Das Feuer entzündete sich an der Schaumstoffdecke und breitete sich dort blitzschnell auf den gesamten Raum aus. Viele Kunststoffe können so rasch und heftig wie Benzin brennen und entsprechend hohe Temperaturen erreichen. Fehlt es jedoch an Nachschub, dann brennt das Feuer nicht lange genug, um die weniger leicht entzündlichen Stoffe wie eben Holz so weit zu erhitzen, dass sie ebenfalls zu brennen beginnen.
Lassen die Spuren noch weitere Schlüsse zu?
Sie bestätigen zumindest die Aussagen von Feuerwehrleuten, die etwa zehn Minuten nach der Alarmierung am Unglücksort eintrafen. Sie sagten später aus, dass es zu dem Zeitpunkt kaum noch Flammen gab, die zu löschen gewesen wären, das Feuer war mehr oder weniger von selbst ausgegangen. Eben, weil ihm der Nachschub an Brennstoff fehlte.

Was Brandexperten bereits kurz nach dem Feuer vermuteten, scheinen die nun bekannt gewordenen Bilder zu bestätigen. Die meisten Todesopfer dürften nicht verbrannt, sondern an den durch den Schaumstoff entstandenen giftigen Rauchgasen erstickt sein.
Wie rasch füllt sich so ein Raum mit Rauch?
Tödlich schnell – im Untergeschoss der Bar hätten extreme Bedingungen geherrscht, so der Brandschutz-Sachverständige Marcus Alter im Schweizer Blick: "Der Rauch hat sich dort teilweise schlagartig durchgezündet und eine Feuerwalze ist durch den kompletten Raum durchmarschiert." Dadurch war die Sicht in dem Keller schon nach kurzer Zeit gleich Null.
Was war die Folge?
Die meisten Toten – 34 von insgesamt 41 Todesopfern – wurden am Fuß der Treppe ins Erdgeschoß gefunden, schreibt 20 Minuten, einige weitere in jenem engen Gang, der zu dem – mutmaßlich versperrten – Notausgang führt. Diese Menschen schafften es nicht mehr rechtzeitig nach oben, ehe sie aufgrund des Rauchs und der Dämpfe das Bewusstsein verloren.


Im Keller herrschte durch die verbrennenden Kunststoffplatten kurzzeitig große Hitze (600 Grad und mehr). Der schmale Treppenaufgang (er wurde vom Barbetreiber angeblich eigens schmäler gemacht, um eine bessere Optik zu erzielen) wirkte da wie ein Kamin, der Hitze und Flammen nach oben, ins Erdgeschoß leitete. Beweis: Die Deckenverkleidung im Erdgeschoß ist oberhalb des Treppenaufgangs stark beschädigt, im Rest des Raums jedoch kaum bis gar nicht. Und auch die Möbel blieben hier unversehrt.
Worauf lässt das schließen?
Dass die Flammen und die mörderische Hitze mit riesiger Kraft nach oben schossen. Und jene Gäste, die das Glück hatten, über die Treppe vor den tödlichen Rauchgasen im Keller fliehen zu können, überlebten zwar, erlitten aber die schwersten Brandverletzungen.
Was ist mit dem Ausgang?
Der wurde für die fliehenden Menschen zu einem weiteren Nadelöhr. Denn von den beiden Türen öffnete offensichtlich nur eine, die zweite blieb geschlossen. Weshalb das so war, müssen die Sachverständigen klären. Und jene Tür, die aufging, ist gerade einmal 90 Zentimeter breit und öffnet nach innen.


Was bereits unmittelbar nach dem Feuer bekannt geworden war, wird nun durch die Fotoaufnahmen bestätigt: Der Notausgang im Keller der Bar war laut Süddeutscher Zeitung ebenso versperrt wie jene Servicetüre im Erdgeschoß der Bar, die rechts vom Treppenaufgang ins Freie führt.
Hier ist auf den Fotos jener Riegel zu sehen, den die Menschen in Panik versuchten aufzudrücken. Die Türe wurde angeblich später von Barbetreiber Jacques Moretti mit Werkzeug aufgestemmt.

Während sich die Öffentlichkeit mittlerweile ein immer genaueres Bild davon machen kann, was in jener Unglücksnacht geschehen ist und welche Versäumnisse es möglicherweise gegeben hat, scheinen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis nach wie vor eher schleppend vor sich zu gehen.
Jedenfalls ist das der Eindruck, der entstehen kann, wenn man die Nicht-Kommunikation der Behörde betrachtet. Sechs Wochen nach dem Feuer gibt es keine bekannten neuen Erkenntnisse, was die Verantwortlichkeiten betrifft. Gleichzeitig werden Presseanfragen abgewiegelt ("Wir geben gegenüber der Presse keine Stellungnahmen ab" ist die einzige Auskunft, die zu erhalten ist) und auch die Angehörigen der Opfer werden weitgehend darüber im Dunkeln gelassen, wo die Ermittlungen stehen.
In dieser Atmosphäre der Trauer und der Ungewissheit kam es am Donnerstag, dem 12. Februar, zu einem Zusammentreffen zwischen den Bar-Betreibern, dem Ehepaar Jessica und Jacques Moretti, sowie mehreren Dutzend Angehörigen von Opfern der Katastrophe.
Aus Trauer wird Wut und Hass Vor dem Gerichtsgebäude von Sion bedrängten und beschimpften viele der Angehörigen am Donnerstag das Ehepaar, das eigentlich zu einer Anhörung mit Opferanwälten geladen war. Sätze wie "Ihr habt meinen Sohn getötet." – "Ihr habt meinen Bruder getötet." – "Wo ist mein Sohn?" – "Wie könnt ihr essen und schlafen?" seien ihnen um die Ohren geschlagen worden, so die NZZ.
Ein einziger Polizist begleitete das Ehepaar und seinen Anwalt – und hatte Mühe, die drei sicher ins Gerichtsgebäude zu bringen. Dort angekommen, versagten Jessica Moretti die Nerven. Sie brach zusammen und weinte hemmungslos in den Armen ihres Mannes.
Die Staatsanwaltschaft handelt – ein bisschen Für die Anklagebehörde waren diese Szenen Anlass, ihr Procedere zu überdenken: Künftig sollen die Morettis nicht mehr mit den Angehörigen zusammentreffen können, um solch Szenen zu verhindern.
Wann die Hinterbliebenen der Brandopfer mit Antworten auf ihre Fragen rechnen können, verriet die Staatsanwaltschaft allerdings nicht.