Noch sind nicht alle Verletzten wieder daheim, da verschicken Schweizer Behörden exorbitante Rechnungen an die Angehörigen von Brand-Opfern. Die Empörung ist groß, die Schweiz spricht von einem Missverständnis. Wie es dazu kam, wo die Ermittlungen stehen.

Vier Monate nach der Brandkatastrophe im Schweizer Nobelskiort Crans-Montana sind noch immer mehr als 30 Personen in Spitalbehandlung. Aber während die Brandverletzungen der meist jungen Opfer langsam heilen, reißt die Schweizer Bürokratie bei ihren Angehörigen gerade neue Wunden auf.
Die Familien mehrerer italienischer Opfer des Feuers erhielten zuletzt elektronische Post aus der Schweiz. Es waren Krankenhausrechnungen für die Behandlung ihrer Kinder in teils exorbitanter Höhe: Einer Familie in Rom wurden umgerechnet 72.000 Euro in Rechnung gestellt, berichtet die italienische Zeitung La Repubblica. Die Empörung in Italien darüber ist nachvollziehbar groß.
Es ist nicht das erste Mal, dass diesbezüglich die Wogen zwischen Italien und der Schweiz hochgehen. Bereits in den letzten Monaten kam es zu politischen Scharmützeln. Vor allem, weil die Ermittlungsarbeit der Schweizer Behörden den Italienern zu lax erschien.
Die vermeintlichen Forderungen der Eidgenossen führten jetzt prompt zu einer weiteren Eskalation zwischen Rom und Bern, kaum hatten sich die Gemüter zuletzt ein wenig beruhigt. Und wäre der Vergleich nicht völlig geschmacklos, könnte man feststellen, dass die Schweizer Bürokratie keine Gelegenheit auslässt, Öl ins Feuer zu gießen und sich selbst ein denkbar schlechtes Image zu verpassen.
Worum es bei der Auseinandersetzung über die Krankenhausrechnungen aus der Schweiz geht, weshalb in Italien inzwischen jeder falsche Ton aus der Schweiz für einen Aufschrei bei Politik und Bürgern sorgt und wie es bei den Ermittlungen über die Ursachen für die Katastrophe weitergeht. Und: Warum die Schweizer Behörden jetzt den Angehörigen der Opfer neue Videos aus der Brandnacht zeigen – die neuesten Entwicklungen rund um eine der furchtbarsten Brandkatastrophen der jüngeren Vergangenheit:

Worum geht es? Um einen Brand in der Bar "Le Constellation" im Westschweizer Skiort Crans-Montana in der Silvesternacht 2025/2026. Dabei kamen 41 Personen ums Leben, 115 wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt.
Was war die Ursache? Als sicher gilt: Feuerwerksfontänen, die in Champagnerflaschen steckten, haben wohl die Deckenverkleidung aus Kunststoff im Untergeschoß der Bar in Brand gesetzt. Aufgrund diverser physikalischer Umstände gloste der Brand zunächst vor sich hin und breitete sich danach blitzartig aus.
Und die Folgen? Zahlreiche Gäste des voll besetzten Lokals schafften es nicht mehr, rechtzeitig zu flüchten. Wie die Ermittlungen ergaben, war zudem mutmaßlich der Notausgang im Kellergeschoß versperrt. Auch im Erdgeschoß ließen sich nicht sämtliche Türen öffnen, so kam es zu einem Stau, der die Opferzahl weiter erhöhte.
Wer trägt die Verantwortung für das Unglück? Die Schweizer Behörden ermitteln offiziell gegen die beiden Betreiber der Bar, das französische Ehepaar Jacques und Jessica Moretti, sowie gegen fünf aktuelle bzw. ehemalige Vertreter der Gemeinde Crans-Montana, darunter der Gemeindepräsident (= Bürgermeister) Nicolas Féraud. Wann es zu einem Prozess kommt und wer aller letztlich angeklagt wird, ist bis jetzt allerdings noch nicht bekannt.


Weshalb der Zwist mit Italien?
Bereits kurz nach dem Feuer und nachdem der erste Schock überwunden war, gab es vor allem aus Italien – auch politische – Kritik am als zu zögerlich empfundenen Vorgehen der Schweizer Ermittler bei der Suche nach den Verantwortlichen für die Brandkatastrophe. Die Situation schaukelte sich dermaßen hoch, dass Rom Ende Jänner seinen Botschafter in Bern, Gian Lorenzo Cornado, zurückbeorderte – diplomatisch ein extrem drastischer Schritt, zumal bei ausgezeichneten Nachbarn wie der Schweiz und Italien.
Hat sich die Situation wieder beruhigt?
Sie hatte sich beruhigt und auch der Diplomat ist Anfang April wieder in die Schweizer Hauptstadt zurückgekehrt. Doch jetzt ist der wackelige Friede mit einem Schlag wieder beim Teufel.
Was ist geschehen?
Mehrere italienische Familien, deren Angehörige nach dem Feuer in Schweizer Kliniken behandelt wurden, erhielten Mails mit Rechnungen für die Behandlungskosten. Wie La Repubblica berichtete, belief sich die geforderte Gesamtsumme auf mehr als 109.000 Euro. Die höchste Einzelrechnung erhielt der Vater eines jungen Mannes aus Rom, der in der Klinik von Sitten unweit von Crans-Montana behandelt worden war. Kostenpunkt: Fast 67.000 Schweizer Franken oder eben 72.000 Euro, so die Süddeutsche Zeitung.
Wie viele Italiener waren unter den Opfern von Crans-Montana?
Der offiziellen Statistik zufolge starben 6 Menschen aus Italien in den Flammen, weitere 11 wurden teils lebensgefährlich verletzt.

Gab es eine Reaktion aus der Schweiz?
Ja, nach den ersten Medienberichten in Italien rechtfertigten sich die Schweizer Behörden damit, dass die Rechnungen versehentlich verschickt worden seien. Zudem wäre die Information beigefügt gewesen, dass die Rechnungen nur der Kenntnisnahme dienten (was die Empfänger der Mails bestreiten) und der Betrag nicht zu begleichen gewesen wäre.
Aber wenn es Rechnungen gibt, wer soll dann bezahlen?
Diese Information sickerte schließlich kurz darauf durch. Für die Behandlung von insgesamt drei italienischen Staatsbürgern nach dem Brand stellt die Schweiz Italien insgesamt 109.000 Euro in Rechnung.
Wie reagierte das offizielle Italien?
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni schrieb auf X, sie hätte aus der Presse von der Forderung erfahren. "Sollte diese schändliche Forderung formell gestellt werden, kündige ich bereits jetzt an, dass Italien sie postwendend zurückweisen und ihr keinerlei Folge leisten wird." Aber sie gehe davon aus, dass sich die Nachricht als Falschmeldung erweisen würde.
War die Sache damit erledigt?
Im Gegenteil. Wenig später erklärten sich die Schweizer Behörden – und lösten damit erst recht eine Welle der Empörung aus.
Wie lautet die Erklärung?
Laut Süddeutscher Zeitung wäre die 109.000-Euro-Forderung der Schweiz nach den Vereinbarungen zur sogenannten Leistungshilfe zwischen der Schweiz und der EU korrekt. Die Kosten von Leistungen für Patienten, die in der Schweiz behandelt werden, aber in der EU krankenversichert sind, werden von der Schweizer Abwicklungsstelle "Gemeinsame Einrichtung KVG" ausgelegt. Diese fordert das Geld dann von den entsprechenden Versicherungen im Ausland zurück.
Also alles rechtens?
Offenbar. Allerdings stießen die Eidgenossen mit ihrer Erklärung angesichts der diesbezüglich hohen Sensibilität in Italien wohl zu heftig ins Alphorn. Die Direktorin des Schweizer Bundesamts für Sozialversicherungen sagte dem Schweizer Rundfunk, der Schmerz für die Angehörigen sei "immens". Die europäischen Abkommen seien dennoch gültig. Italien könne der Schweiz ja ebenfalls Rechnungen stellen.
Was empört in Italien dabei so sehr?
Primär, dass man für sich in Anspruch nimmt, dass Italien unmittelbar nach dem Feuer rasch und unbürokratisch geholfen hätte: Zwei Schweizer Patienten seien nach dem Brand in Mailand behandelt worden, so der italienische Botschafter. Außerdem hätte Italien sofort nach dem Unglück einen Rettungshelikopter zur Verfügung gestellt.
Stimmt das denn?
Offenbar ja. Tatsächlich griff die Schweiz, wie die Süddeutsche schreibt, noch in der Nacht der Katastrophe auch auf Ressourcen der EU zurück, um die Brandopfer möglichst rasch auf spezialisierte Kliniken in mehreren Ländern zu verteilen. Und das, obwohl eine mögliche Teilnahme der Schweiz am Katastrophenschutzprogramm der Union Ende 2025 verschoben worden war und die Schweiz derzeit keinen finanziellen Beitrag dazu leistet.

Gibt es noch weitere Gründe für die italienische Empörung?
Was nicht nur in Italien Bürgern wie Politik sauer aufstößt, ist die Tatsache, dass die öffentliche Hand in der Schweiz möglicherweise einen gehörigen Anteil daran hat, dass es überhaupt zu dem Feuer kommen konnte.
Worauf bezieht sich diese Vermutung?
Bereits unmittelbar nach dem Brand war bekannt geworden, dass die Gemeinde Crans-Montana die Unglücksbar "Le Constellation" offensichtlich jahrelang nicht mehr auf die Einhaltung der Brandschutzbestimmungen hin überprüft hatte. Die Umstände, die dazu geführt haben, werden derzeit von der ermittelnden Staatsanwaltschaft untersucht.
Gibt es für die finanziellen Forderungen an Italien bereits eine Lösung?
Bislang jedenfalls nicht. Wobei: Die Forderung besteht ja zu Recht, das wird Italien früher oder später auch anerkennen und entsprechend handeln. Die Art, wie die Schweiz hier allerdings vorgeht, ist für die rechtspopulistische Regierung in Rom natürlich ein gefundenes Fressen, Punkte bei der eigenen Wählerschaft zu sammeln. Nicht von ungefähr schreibt sogar die hochseriöse Neue Zürcher Zeitung, dass es "juristisch wohl einwandfrei, aber politisch-psychologisch ziemlich ungeschickt" gewesen sei, wie hier agiert wurde.
Werden auch in der Schweiz Rechnungen an Angehörige von Crans-Montana-Opfern verschickt?
Laut Süddeutscher nein, und das macht die ganze Angelegenheit noch einmal unglücklicher. So entsteht unweigerlich der Eindruck, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird – vollkommen unabhängig davon, ob das Schweizer Vorgehen juristisch einwandfrei ist oder nicht.
Wo stehen derzeit eigentlich die Ermittlungen?
Aktuell wird der Gemeindepräsident (also der Bürgermeister) von Crans-Montana, Nicolas Féraud, vernommen. Und der scheint dabei keine allzu glückliche Figur zu machen, wie der Tagesanzeiger berichtet. So bestreitet er etwa mittlerweile, dass die Gemeinde eine Verantwortung dafür trage, dass die Unglücksbar jahrelang feuerpolizeilich nicht kontrolliert worden sei. Hier steht allerdings die Aussage des Bürgermeisters gegen jene des früheren Sicherheitsbeauftragten der Gemeinde.
Gibt es noch weitere Erkenntnisse?
Die Behörden haben die Bilder der Überwachungskameras aus der Unglücksbar sowie die Fotos der Polizei zur Spurensicherung mittlerweile freigegeben – allerdings nur zur Ansicht für die Anwälte der Verdächtigen sowie die Angehörigen der Opfer. Das berichtet unter anderem die Zeitung Tribune de Genève.

Was ist auf den Bildern und Videos zu sehen?
Die Videos stammen aus den insgesamt 14 Überwachungskameras der Bar und zeigen, wie sich das Feuer ab 1.26 Uhr früh in der Bar ausbreitet sowie die Fluchtversuche der Opfer, ehe die Anlage um kurz nach 1.28 Uhr ausfällt. Und auf den Fotos der Polizei seien auch die Leichen der Opfer zu sehen, so die Genfer Zeitung.
Weshalb bekommen die Angehörigen diese Bilder zu sehen?
Es gibt offenbar den entsprechenden Wunsch bei zahlreichen Opfer-Familien. "Diese Bilder sind fundamental. Wir müssen verstehen, was diese Kinder in jenen zwei Minuten erlebt haben, die sie das Leben gekostet oder sie für immer gezeichnet haben", sagt dazu die Genfer Anwältin Catherine Hohl-Chirazi, die eine Opfer-Familie vertritt.
Wird die Öffentlichkeit die Bilder und Videos ebenfalls zu sehen bekommen?
Nein, diese sind ausschließlich den Ermittlungsbehörden und den Angehörigen der Opfer vorbehalten. Und damit keine heimlichen Aufzeichnungen davon gemacht werden können, werden die Bilder nur in Kleingruppen gezeigt, wobei keine Handys oder andere Aufzeichnungsgeräte mitgenommen werden dürfen.
Könnten sich durch die Videos neue Erkenntnisse ergeben?
Zumindest in Detailfragen sei es durchaus möglich, den Ablauf des Unglücks besser zu verstehen. "Es wird uns helfen, die Rollen der beteiligten Personen zu erfassen", sagt Sophie Haenni, die Anwältin einer Kellnerin in der Bar, die bei dem Brand ums Leben kam. Es könnte etwa geklärt werden, ob Bar-Betreiberin Jessica Moretti selbst die Kerzen an den Champagnerflaschen angebracht hat, die schließlich die Katastrophe auslösten.