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Prozess gegen Marius Høiby

Die Pulsuhr zeigte 5.06 Uhr: "Ich wachte auf und er tat es"

Der nächste Prozesstag, das nächste mutmaßliche Opfer belastet den Sohn der norwegischen Kronprinzessin. Marius soll sie während eines Trips auf die Lofoten vergewaltigt haben. "Ich habe die Augen zugemacht, um nicht Zeuge meines Missbrauchs zu werden."

Das mutmaßliche Opfer wurde vom Gerichtszeichner so dargestellt, dass man ihre Gesichtszüge nicht erkennen kann
Das mutmaßliche Opfer wurde vom Gerichtszeichner so dargestellt, dass man ihre Gesichtszüge nicht erkennen kannAPA-Images / NTB / Ole Berg-Rust
Martin Kubesch
Akt. 10.02.2026 23:55 Uhr

Der fünfte Verhandlungstag im Prozess gegen Marius Borg Høiby, den Sohn der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit, begann einmal mehr mit Rätselraten über den Gesundheitszustand des Angeklagten. Am vergangenen Wochenende hatte einer der Anwälte des 29-Jährigen, Petar Sekulic, von einem "Zusammenbruch" von Marius im Gerichtsgebäude berichtet.

Wann genau dieser Zusammenbruch geschehen sei, ob in einer der Verhandlungspausen oder am Ende eines Verhandlungstages, blieb indes unbeantwortet. Ebenso wie die Frage, ob Marius medizinisch versorgt werden musste.

Unklar ist auch weiterhin, welche Medikamente der Angeklagte angeblich einnehmen muss. Seine Anwälte haben bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass Marius Borg Høiby "unter dem Einfluss schwerer Medikamente" stehe, Details dazu aber nicht ausgeführt.

Am Dienstag erschien der Angeklagte nun mit einer Bandage an der linken Hand vor Gericht. Am Freitag trug er noch keinen derartigen Verband. Die Frage, wann was geschehen sei, das eine solche Wundversorgung notwendig gemacht habe, blieb von seinen Anwälten ebenfalls unbeantwortet.

Juristisch ging es am Dienstag mit dem schwersten der insgesamt 38 Straftatbestände, die dem Stiefsohn des norwegischen Thronfolgers Kronprinz Haakon in dem Prozess vorgeworfen werden, weiter: Marius soll im Herbst 2023 auf der zu Norwegen gehörenden Inselgruppe der Lofoten eine Frau vergewaltigt haben, während diese schlief.

Was sich damals genau zugetragen haben soll, welche Rolle der Kronprinz in der ganzen Angelegenheit spielt und wie Marius die Begegnung mit der Frau in Erinnerung hat – hier alle wichtigen Fakten über den fünften Prozesstag gegen Marius Borg Høiby:

Kronprinz Haakon von Norwegen und sein Stiefsohn Marius Borg Høiby: "Er wollte mich aus Oslo rausholen"
Kronprinz Haakon von Norwegen und sein Stiefsohn Marius Borg Høiby: "Er wollte mich aus Oslo rausholen"
APA-Images / Action Press / Utre

Welche Themen wurden am Dienstag vor Gericht erörtert?
Es ging um einen Vorfall, der sich im Oktober 2023 auf einer Insel der Lofoten, einer Inselgruppe im Norden des Landes, zugetragen haben soll. Marius hatte dort Kontakt mit einer Frau, die er über Tinder kennengelernt hatte. Die beiden hatten zuerst mehrmals einvernehmlichen Sex, dann sei sie eingeschlafen. Als sie aufwachte, hätte Marius sie vergewaltigt, so der Vorwurf der Frau.

Was weiß man über das mutmaßliche Opfer?
Es dürfen keinerlei Informationen über sie verbreitet werden, die eine Identifizierung ermöglichen könnten. Deshalb ist weder ihr Alter bekannt, noch ob sie von den Lofoten stammt, oder nur zufällig zum selben Zeitpunkt wie Marius dort gewesen ist.

Warum war Marius auf der Inselgruppe?
Die Idee zu einem Kurztrip auf die Inselgruppe kam von Marius' Stiefvater Kronprinz Haakon, dem Ehemann von Marius' Mutter Mette-Marit. "Er meinte: 'Jetzt machen wir einen Ausflug', um mich mal für eine Weile aus Oslo rauszuholen", so Marius heute vor Gericht. Die beiden Männer hätten eine gemeinsame Leidenschaft fürs Surfen und seien schon wiederholt dazu auf den Inseln gewesen.

Weshalb war es nötig, Marius "aus Oslo rauszuholen"?
Weil er "eine schwere Zeit" gehabt hätte, dabei sei es "um Stoff" gegangen. Bislang hatte sich Marius immer auf diese Weise ausgedrückt, wenn es um Kokainmissbrauch gegangen ist.

Also waren die beiden Männer gemeinsam auf den Lofoten?
Ja, sie reisten in das trendige Hotel "Trevarefabrikken" in Henningsvaer, einem kleinen Fischerdorf mit etwas mehr als 500 Einwohnern.

Was geschah dort?
Am Abend des 7. Oktober sahen sich Haakon und sein Stiefsohn in dem Hotel einige Skifilme an – es fand dort offenbar ein kleines Filmfestival statt. In einer der Pausen traf Marius eine Frau in der Hotelbar, mit der er zuvor bereits auf Tinder Kontakt hatte. Sie war mit einer kleinen Freundesgruppe unterwegs und plauderte mit Marius und angeblich auch kurz mit Haakon.

Im Oktober 2023 reisten Haakon und Marius nach Henningsvaer auf den Lofoten, um gemeinsam Surfen zu gehen
Im Oktober 2023 reisten Haakon und Marius nach Henningsvaer auf den Lofoten, um gemeinsam Surfen zu gehen
Getty Images

Wie ging es weiter?
Irgendwann beschloss Haakon offenbar, die jungen Leute alleine zu lassen, und ging schlafen. Marius und die Frau wollten die Nacht miteinander verbringen und sie – sie wird in den norwegischen Medien nur als die "Lofoten-Frau" bezeichnet – klärte mit ihren Freunden, ob das auch okay sei. Man arrangierte sich so, dass Marius und die Frau alleine zu ihrer Unterkunft gingen.

Was geschah dort?
Über den Anfang der gemeinsamen Nacht stimmen die Erzählungen der beiden noch überein. Das Paar ging gemeinsam ins Bett und hatte einvernehmlichen Sex. Dann sei die Frau eingeschlafen und Marius aufgestanden. Als er wieder ins Bett kam, sei er feucht gewesen – er hätte gebadet, sagte er. Sie legten sich gemeinsam hin, aber Marius stand wieder auf und kam etwas später zurück. Da hatten sie zum zweiten Mal einvernehmlichen Geschlechtsverkehr.

Und was geschah dann?
Marius stand laut Schilderung des mutmaßlichen Opfers abermals auf, während sie wieder einschlief. Als sie das nächste Mal aufwachte, sei Marius abermals auf ihr gelegen und hätte Sex mit ihr gehabt. Dieses Mal allerdings ohne ihr Einverständnis – nicht zuletzt deshalb, weil sie noch geschlafen hätte, als es dazu kam.

Wie reagierte die Frau?
Sie sei geschockt gewesen, erklärte sie jetzt vor Gericht. Sie sei wie in Trance dagelegen und hätte es über sich ergehen lassen.

Wie lange dauerte es?
Das weiß sie nicht mehr. "Ich erinnere mich, dass meine Augen geschlossen waren. Und als ich wieder zu mir kam, war es vorbei. Wenn ich es mir vorstelle, kann ich noch immer die Geräusche hören und die Bewegungen spüren", so die "Lofoten-Frau" vor Gericht weiter. "Der Grund, weshalb ich die Augen geschlossen hatte, war, um nicht Zeuge meines eigenen Missbrauchs werden zu müssen."

Wurde sie verletzt?
Die Frau erzählt, dass der Geschlechtsverkehr weh getan hätte: "Mein Körper war nicht darauf vorbereitet." Und sie hätte sich gefragt, wie jemand Sex mit einer schlafenden Frau haben kann.

Kronprinzessin Mette-Marit und Ehemann Haakon haben ihren (Stief-)Sohn letzte Woche in der Haft besucht, verfolgen den Prozess aber nur aus der Ferne
Kronprinzessin Mette-Marit und Ehemann Haakon haben ihren (Stief-)Sohn letzte Woche in der Haft besucht, verfolgen den Prozess aber nur aus der Ferne
APA-Images / NTB / Javad Parsa

Sagte sie Marius danach, wie sie diesen Akt empfunden hatte?
Offenbar nicht. Als sie "aus ihrer Trance erwachte", wie sie es vor Gericht ausdrückte, sei Marius bereits neben ihr gelegen. Ob er geschlafen hätte, wurde nicht explizit erörtert.

Wie ging die Nacht zu Ende?
Marius sei "früh auf gewesen," weil er am nächsten Morgen mit Haakon zeitig zum Surfen wollte. Wann das genau gewesen sei, könne er allerdings nicht mehr sagen: "Ich erinnere mich nur, dass ich surfen gegangen bin. Und dass die Wellen ziemlich früh am Morgen gut waren. Deshalb musste ich früh aufstehen", so der Angeklagte in seiner Einvernahme.

Ging die "Lofoten-Frau" danach zur Polizei, um Anzeige zu erstatten?
Nein, sie tat zunächst einmal gar nichts. Erst als die Polizei im Spätsommer 2024 gegen Marius Borg Høiby zu ermitteln begann, weil ihn eine seiner Ex-Freundinnen wegen häuslicher Gewalt anzeigte, kam die Sache ins Rollen. Denn die Ermittler fanden auf Handys und einem Laptop von Marius zahlreiche Bilder und Videos von Frauen, die offenkundig ohne deren Einverständnis aufgenommen wurden.

Und es gibt auch ein Video der "Lofoten-Frau"?
Ja. Und obwohl es nur fünf Sekunden dauert, haben die Ermittler sie ausfindig gemacht und zu ihrer Begegnung mit Marius befragt.

Und?
Sie zeigte auch bei der ersten Befragung durch die Exekutive keine Vergewaltigung an. Das tat sie erst wesentlich später.

Weiß man, weshalb?
Sie habe "tatsächlich erst darüber nachgedacht, was damals geschehen ist, als ich befragt wurde", erinnert sich die "Lofoten-Frau". Sie habe die Tatsache des Missbrauchs, bewusst oder unbewusst, verdrängt. Und erst das Gespräch mit der Polizei habe die Erinnerung an die Ereignisse wieder wachgerufen. Sie hätte es bis dahin nicht wahrhaben wollen, dass sie missbraucht worden sei.

Gibt es Beweise für eine Vergewaltigung?
Nachdem die Frau unmittelbar danach offenbar mit niemandem gesprochen und auch keine medizinische Untersuchung hat vornehmen lassen, gibt es keine Beweise, die vorgebracht werden könnten. Allerdings könnte die Pulsuhr der Frau eine entscheidende Rolle spielen.

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APA-Images / dpa / Julia Wäschen

Weshalb ihre Pulsuhr?
Sie hatte die Uhr die ganze Zeit über getragen. Die Pulsaufzeichnung aus jener Nacht zeigt, dass die Frau um 4.58 Uhr – das war jener Zeitpunkt, als Marius das kurze Video der Frau anfertigte – eine niedrige Herzfrequenz hatte, wie sie normal ist, wenn man schläft. Einige Minuten später, um 5.06 Uhr, sei ihr Puls allerdings schlagartig nach oben geschnellt.

Welchen Schluss zieht die Anklage daraus?
Dass das der Zeitpunkt gewesen sei, als Marius die Frau vergewaltigte und sie unter Schmerzen dadurch aufgewacht sei.

Ist das plausibel?
Es wäre zumindest eine Möglichkeit. Die Verteidigung argumentiert allerdings, dass auch einvernehmlicher Sex den Puls nach oben treiben würde. Und ob die Person, die die Pulsuhr getragen hat, zu einem Zeitpunkt Schmerzen hatte, lässt sich nicht daraus ablesen.

Wie ging die Verteidigung sonst mit dem mutmaßlichen Opfer um?
Sie versuchte, die Diskrepanzen zwischen der ersten Vernehmung der Frau durch die Polizei und ihren jetzigen Aussagen vor Gericht herauszustreichen. So hätte sie etwa den letzten Geschlechtsakt jener Nacht, den sie nun als Missbrauch sieht, damals als "Kleinigkeit" bezeichnet, die sie niemandem erzählen wollte. Die "Lofoten-Frau" rechtfertigte sich, dass sie "ein falsches Wort benutzt" hätte.

Waren die beiden in jener Nacht eigentlich sehr betrunken?
Sie hätten beide etwas getrunken, allerdings sei sie schon bald wieder nüchtern geworden, so das mutmaßliche Opfer.

Und andere Substanzen?
Sie selbst würde keine illegalen Drogen nehmen, sagt sie. Marius hätte hingegen gefragt, wo er Kokain kaufen könnte. Es gibt allerdings keine Indizien, dass es tatsächlich dazu gekommen sein könnte.

Kämpft seit Jahren mit schwerem Drogenmissbrauch: Marius Borg Høiby wenige Tage vor Prozessauftakt
Kämpft seit Jahren mit schwerem Drogenmissbrauch: Marius Borg Høiby wenige Tage vor Prozessauftakt
via REUTERS

Wurde Marius auch zu den Vorwürfen befragt?
Ja, seine Aussage begann am Dienstagnachmittag, dauerte allerdings nur eine knappe Stunde. Dann fragte der Angeklagte nach einer Pause und der Vorsitzende Richter beendete den Prozesstag kurz nach 15.30 Uhr.

Was sagte Marius bis dahin?
Er bestreitet die Vorwürfe und nennt sie absurd. "Wenn ich ohnedies vorher mit ihr mehrfach Sex hatte, weshalb sollte ich es nochmals machen, während sie nicht wach ist." er verstehe nicht, wie das für jemanden Sinn ergeben könne.

Ist da was dran?
Nun, Tatsache ist, dass Marius beim Thema "Sex mit schlafenden Frauen" vergangene Woche einen ziemliche Zickzackkurs hingelegt hat. Zuerst behauptete er, dass er "niemals mit schlafenden Frauen Sex habe", einen Tag später erklärte er, dass er "Abmachungen" mit einer Ex-Partnerin gehabt hätte, dass er "auch dann weiter mit ihr Sex haben durfte", wenn sie dabei eingeschlafen sei.

Und was ist mit den Videos?
Das ist der nächste Punkt: Bislang wurden dem Gericht zwei Videos vorgeführt, die auf Marius' Laptop bzw. seinen Handys gefunden worden waren, die beide den Eindruck erwecken, dass er dabei schlafende Frauen heimlich gefilmt hat. In einem Fall soll er die Schlafende mit einem Finger penetriert haben – diese mögliche "Vergewaltigung ohne Geschlechtsverkehr" wurde vergangene Woche vor Gericht ausführlich erörtert.

Hat der Angeklagte heute noch etwas Relevantes ausgesagt?
Dass er sich aufgrund seines fortgesetzten Alkohol- und Drogenmissbrauchs an sehr viele Dinge nicht mehr erinnern könne und teilweise auch nicht wisse, was er tatsächlich erlebt hat, und wovon er nur gehört oder gelesen hat. Diese Aussage relativiert natürlich auch alle anderen Dinge, die der Angeklagte bislang erzählt hat.

Ist eigentlich auch daran gedacht, seinen Stiefvater, Kronprinz Haakon, als Zeugen zu befragen?
Nein, darüber gibt es auch nicht einmal eine Debatte, selbst wenn der Thronfolger damals auf den Lofoten wirklich mit der Frau gesprochen haben sollte.

Staatsanwalt Sturla Henriksbø hat bereits im Vorfeld ausgeschlossen, dass der Thronfolger zum Zeugen im Prozess gegen seinen Stiefsohn werden könnte
Staatsanwalt Sturla Henriksbø hat bereits im Vorfeld ausgeschlossen, dass der Thronfolger zum Zeugen im Prozess gegen seinen Stiefsohn werden könnte
APA-Images / AFP / OLE BERG-RUST

Wieso das?
Staatsanwalt Sturla Henriksbø erklärte schon bei der Anklageverkündung gegen Marius im August 2025: "Meiner Einschätzung nach hat es zu keinem Zeitpunkt Begegnungen oder Kontakte zwischen Mitgliedern der königlichen Familie und dem Angeklagten oder den Opfern gegeben, die so relevant wären, dass man sie deshalb als Zeugen laden müsste. Auch könnten sie den Fall nicht besser erhellen, als es mit den bereits vorliegenden Beweisen möglich ist."

Was wird Marius Borg Høiby alles vorgeworfen?
Insgesamt geht es um 38 verschiedene Anklagepunkte, darunter so schwerwiegende Vorwürfe wie Vergewaltigung, Missbrauch, Körperverletzung und diverse Drogendelikte. Im Falle eines Schuldspruchs drohen ihm bis zu 16 Jahre Haft.

Wie lange dauert der Prozess?
Er ist auf sieben Wochen angesetzt und soll planmäßig am 19. März mit einer Urteilsverkündung enden.

Wann ist der nächste Verhandlungstag?
Gleich am Mittwoch, dem 11. Februar. Dann wird die Befragung von Marius zu den Vorwürfen, seine Begegnung mit der "Lofoten-Frau" betreffend, fortgesetzt.

Und ist Marius zwischen den Verhandlungstagen bei sich zu Hause?
Nein, er sitzt seit Prozessbeginn in Untersuchungshaft, da zwischenzeitlich sechs weitere Anklagepunkte gegen ihn aufgetaucht sind, die – vorläufig – noch nicht in dem Prozess verhandelt werden. Die U-Haft ist vorerst einmal auf vier Wochen befristet, könnte aber – wie am Dienstag bekannt wurde – eventuell bis zur Urteilsverkündung am 19. März ausgeweitet werden.

Martin Kubesch
Akt. 10.02.2026 23:55 Uhr