Mindestens 47 Menschen sollen tot sein, 115 wurden verletzt, die meisten der Opfer sind jung. In der Silvesternacht kam es knapp nach Mitternacht im Schweizer Skiort Crans-Montana zu einer Brand-Katastrophe. Wunderkerzen dürften die Decke entflammt haben.

Der Alarm ging in der Silvesternacht um 1.30 Uhr ein, zwei Minuten später waren die ersten Helfer am Unglücksort, der Bar "Le Constellation". Ein paar Stunden später stand fest: "Es handelt sich um eine der schlimmsten Tragödien, die es in diesem Land gab".
In der Pressekonferenz am Donnerstag um 17.15 Uhr sagte der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin einen zweiten Satz, der durch Mark und Bein ging: "Es gibt Eltern, die wissen noch nicht, was mit ihren Kindern ist."
In den sozialen Medien finden sich die erschütternden Belege davon. Verzweifelt wird nach Angehörigen, Freunnden oder Familienmitglieder gesucht. In einem Beitrag ist ein Foto eines jungen Mannes zu sehen, er und seine drei Freunde werden vermisst.
War eine Wunderkerze schuld? Es gibt viele Spekulationen über die Unglücksursache, aber es gibt auch ein Video. Es zeigt Szene vor der Katastrophe, das Dämm-Material der Decke beginnt zu brennen. Die Fakten und die vielen offenen Fragen zum Silvester-Katastrophe in Crans-Montana:
Was ist genau passiert?
In der Neujahrsnacht begann es aus bisher ungeklärter Ursache in einer Bar im Schweizer Nobel-Schiort Crans-Montana zu brennen. Rund 100 Menschen befanden sich zu diesem Zeitpunkt in den Räumlichkeiten. Die Flammen breiteten sich rasend schnell aus, die Folgen waren verheerend.

Wie viele Opfer gibt es?
Nachdem am Nachmittag Gericht aufgetaucht waren, bestätigte die Walliser Kantonspolizei bei einer Pressekonferenz um 17.15 Uhr: Es gäbe mindestens 40 Tote und 115 Verletzte. Der italienische Außenminister sprach später von mindestens 47 Toten. Die meisten der Opfer sind jung, manche sehr jung.
Was weiß man über die Opfer?
Die Nationalitäten wurden nicht bekanntgegeben, zum Großteil dürften sie auch noch nicht bekannt, beziehungsweise bestätigt sein. Als sicher gilt, dass viele ausländische Staatsbürger unter den Opfern sind. Die Identifikation ist schwierig, Ausweise sind verbrannt, gefundene Handys haben nur bedingt Aussagekraft und es kommt eine Erschwernis dazu.
Welche?
Die Rede ist davon, dass sich viele jüngere Personen mit gefälschten Ausweisen Zutritt verschafft haben könnten. Das kommt in Clubs häufig vor. Bei einem Unglück wie nun in der Schweiz macht das die Identifikation komplex. Oft muss auf Vermissten-Anzeigen gewartet werden.
Es gibt keine Anhaltspunkte?
Italiens Aussenminister Antonio Tajani gab bekannt, dass 16 italienische Staatsbürger vermisst würden.

Wo liegt der Unglücksort?
Im französischsprachigen Südwesten der Schweiz im Kanton Wallis.Crans-Montana mit etwas über 15.000 Einwohnern liegt auf einem Hochplateau in rund 1.500 Metern Höhe. Pro Jahr kommen drei Millionen Gäste.
Warum ist Crans-Montana berühmt?
Sportlern ist der Ort als Luxus-Schigebiet mit Berg-Panorama bis zum Matterhorn und als Golfregion bekannt. Die Les Roches International School of Management gilt als eine der besten Ausbildungsstätten der Welt. Zahlreiche Promis waren schon als Urlauber zu Gast, "Bond" Roger Moore lebte von 1996 bis zu seinem Tod 2017 hier.
Ist es nicht auch ein Weltcup-Ort?
Ja, vom 30. Januar bis 1. Februar 2026 sollen hier unmittelbar vor den Olympischen Spielen drei Skirennen stattfinden, eine Abfahrt der Frauen (30. Jänner), ein Super-G der Frauen (31. Jänner) und eine Abfahrt der Männer (1. Februar).
Kann das unter diesen Umständen sein?
Kaum vorstellbar. Aber Crans-Montana ist auch Austragungsort der Alpinen Ski Weltmeisterschaften 2027 und es wäre die Generalprobe.

Was weiß man über die Bar?
Viel Holz, viel Blinkblink. Das "Le Constellation" war untertags ein Kaffeehaus, am Abend eine Bar mit DJ. Es gab Platz für bis zu 400 Personen, einen Raucherbereich, eine Shishaebene, 14 Monitore, auf denen Sportübertragungen liefen.
Und das Publikum?
"Le Constellation" galt als Hotspot, vor allem für junge Leute. Laut Medienberichten gehört das Lokal einem Ehepaar aus Korsika, das mehrere Betriebe in der Region eröffnet hat. Das "'Le Constel" wurde 2015 nach einer umfangreichen Renovierung eröffnet.
Das erinnert alles ein bisschen an Ischgl, oder?
Ja, es gibt in Internet-Foren viel Kritik an der Entwicklung von Crans-Montana. Der einst mondäne Ort hätte zuletzt Yuppies, Partyleute und (Möchtegerne-) Geldadel angelockt, vor allem auch aus den USA. Ausdrücke wie "Trump-Montana" fallen.
Was weiß man über die Brandursache?
Es gibt eine Reihe wilder Spekulationen, bestätigt ist davon nichts. Es gab am Donnerstag drei Pressekonferenzen, die Kommunikation der Behörden fiel umfangreich aus, auf viele Fragen aber wurde nicht eingegangen.
Welche Spekulationen kursieren?
Noch einmal: nichts davon ist belegt. Es kursiert ein Video, das eine junge Frau zeigt, die sich auf den Schultern eines Mannes befindet, in der Hand eine Champagnerflasche. Die Wunderkerze darin kommt der Holzdecke gefährlich nahe.

Was sind andere Theorien?
Feuerwerkskörper, die im Lokal abgeschossen wurden. In einem Internet-Forum schreibt ein User über die "Spezialität" der Bar – Champagner-Flaschen mit Molotov-Boostern, zu haben angeblich für umgerechnet rund 700 Euro.
Gibt es auch gesicherte Erkenntnisse?
Ja, laut Behörden war es ein Unglück und kein Anschlag. Der Brand wurde nicht durch eine Explosion ausgelöst, sondern es habe eine sogenannte Verpuffung gegeben. Dabei kam es zu einem "Flashover", ein Brand, der zu einer Explosion führt.
Gibt es dafür einen Beleg?
Ein Video zeigt den Moment, in dem die Decke im Lokal Feuer fängt. Zu sehen sind Partyleute, Pyrotechnik und ein beginnendes Feuer.
Wie geht ein Flashover vor sich?
Es kommt zu einem Wärmestau an der Decke. Der Raum erhitzt sich rasend schnell. Aus Gegenständen treten Pyrolysegase aus. Das führt zu Explosionen. Und Temperaturen von rund 1.000 Grad Celsius.
Wie war das mit dem Brandschutz?
Der wird noch ein Thema. Auch hier gilt: Noch ist nichts zu belegen. aber Insider berichten von einem fehlenden zweite Fluchtweg im Untergeschoss, unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen und unvollständiger Brandschutzprüfungen. Die leicht entzündliche Akkustikdecke wird erwähnt.

Wie lief das Notfallsystem ab?
Katastrophen wie jene in Crans-Montana erhalten in der Schweiz die Einstufung "Großereignis", das setzt einen Alarmplan in Kraft. Zusätzlich wurde am Neujahrstag die "besondere Lage" ausgerufen. Das setzt hinderliche Regelungen außer Kraft, etwa was Bewilligungen und Budgets betrifft.
Was bedeutet das in der Praxis?
Es gibt drei Kategorien, "normale", "besondere" und außerordentliche Lagen". Von "besonderen Lagen" spricht man wenn die "Bewältigung" einer Krise "Tage bis Wochen dauern" kann und "zur spürbaren Beeinträchtigung der Lebensgrundlagen der betroffenen betroffenen Bevölkerung führt". Es herrscht dann eine "ausgeprägte Chaosphase".
Wie war das in Crans-Montana zu bemerken?
Indem sehr schnell eine Flugverbotszone über dem Unglücksort installiert wurde, damit Rettungshelisund Ambulanzjets ungestört landen und starten konnten.
Warum war das besonders wichtig?
Wegen der großen Zahl an Verletzten waren 13 Hubschrauber und drei Ambulanzjets im Einsatz. Crans-Montana hat aber keinen eigenen Flughafen. Der nächste größere Airport ist Genf, 189 Kilometer entfernt. Mit dem Rettungsauto ist man gut zwei Stunden unterwegs.

Wo werden die Verletzten behandelt?
Viele der Verletzten haben schwerste Brandverletzungen, die meisten Spitäler im Umkreis von Crans-Montana sind dafür nicht eingerichtet. Deshalb wurden viele Opfer ins Zürcher Universitätsspital und ins Zürcher Kinderspital geflogen. Hier werden Patienten sonst nur bis 18 Jahre behandelt, in Notfällen aber darüber hinaus.
Wie geht es mit den Verletzten weiter?
Noch am Donnerstag wurden rund 20 Opfer in andere Spitäler verlegt, auch ins Ausland, etwa nach Stuttgart und nach Mailand. Alle Nachbarländer haben Hilfe angeboten, auch Österreich.
Hat Österreich schon Verletzte aufgenommen?
Bis in die Nacht hinein was davon nichts bekannt, aber es ist davon auszugehen, dass dies am Freitag passiert.
Gibt es dafür ausreichend viele Kapazitäten?
Das einzige Brandverletztenzentrum in Österreich befindet sich im Wiener AKH. Hier gibt es sechs fixe Intensivbetten für brandverletzte Erwachsene und zwei jederzeit belegbare Intensivbetten für brandverletzte Kinder. Aber auch andere Spitäler sind auf derartige Notfälle vorbereitet.
Nämlich wie?
In Linz gibt es zwei fixe Intensivbetten für brandverletzte Erwachsene, in Graz vier fixe Intensivbetten für brandverletzte Kinder, in Innsbruck zwei Intermeted Care Betten für brandverletzte Erwachsene und in Feldkirch zwei jederzeit belegbare Intensivbetten für brandverletzte Erwachsene. Weitere Kapazitäten können in weiteren Krankenhäusern geschaffen werden.

Welche Arten von Verbrennungen gibt es?
Der Schweregrad einer Verbrennung wird nach dem Anteil der betroffenen Körperoberfläche ermittelt. Dafür gibt es spezielle Tabellen (Neuner-Regel), sie weisen aus, welcher Körperteil wie viel Prozent der Körperoberfläche ausmacht. Der Arm beim Erwachsenen stellt etwa 9 Prozent der Körperoberfläche dar, der Rücken 18 Prozent.
Welche Schweregrade gibt es?
Nach Tiefe und Ausdehnung werden Verbrennungen in leicht, mittelschwer, schwer und sehr schwer eingeteilt. Die Größe der Zerstörung wird in Verbrennungen 1. Grades, 2. Grades, Grad 2a, Grad 2b, 3. Grades und 4. Grades klassifiziert. Schon wenn mehr als 1 Prozent der Körperfläche betroffen ist, gilt das als mittelschwer oder häufiger als schwer.
Ab wann wird es lebensbedrohend?
Eine Verbrennung ab Grad 2 mit mehr als 20 Prozent verbrannter Haut bei Erwachsenen kann lebensbedrohlich sein. Ab 10 Prozent bei Kindern oder 5 Prozent bei Säuglingen muss man mit Auftreten eines Verbrennungsschocks rechnen.

Was ist ein Verbrennungsschock?
Eine gravierende Komplikation, die in der Akutphase auftritt. Davon zu unterscheiden ist die Verbrennungskrankheit, eine systemische Reaktion des gesamten Körpers auf großflächige Verbrennungen. Patienten können Tage oder sogar Wochen nach dem Brandereignis sterben.
Wie werden schwere Verbrennungen behandelt?
Wichtig ist vor allem die Zufuhr von viel Flüssigkeit, meist intravenös. Das verdünnt das Myoglobin im Blut, um der Schädigung von Organen wie der Niere zu verhindern. Myoglobin ist ein rotes Eiweiß, es transportiert den Sauerstoff innerhalb der Zelle zu den Mitochondrien.
Was ist noch wichtig?
Hautpflege, die Wunden sauber halten, damit es nicht zu Infektionen kommt, Wundsalben helfen bei der Heilung. Auch Operationen sind meist notwendig. Brandwunden sind sehr schmerzhaft, deshalb werden starken Medikamente eingesetzt. Nicht zu vergessen: Der psychische Zustand der Patienten muss beachtet werden, häufig treten Depressionen auf.