Die Polizei in Nepal ist einem perfiden Betrug auf der Spur: Über Jahre sollen Alpinisten für teures Geld per Helikopter aus inszenierten Notsituationen "gerettet" worden sein. In Einzelfällen dürften sogar Medikamente oder vergiftete Speisen zum Einsatz gekommen sein.

Für Bergsteiger auf der ganzen Welt gibt es kein höheres Ziel als Nepal. Das bettelarme Land liegt mitten im Himalaya-Massiv, hier befinden sich einige der höchsten und schwierigsten Berge der Welt: Lhotse, Annapurna, Manaslu, Mount Everest. Bis zu 400.000 Menschen kommen deshalb jedes Jahr hierher, um auf den höchsten Gipfeln der Welt unterwegs zu sein.
Doch jetzt schockte die nepalesische Polizei hunderttausende Berg-Touristen. Sie hat ein weitläufiges Verbrecher-Netzwerk auffliegen lassen, das angebliche Notfälle in großer Höhe inszenierte, um die ahnungslosen Bergsteiger aus diesen Situationen "retten" zu können.
In einzelnen Fällen sollen dafür sogar Kletterer mit falsch dosierten Medikamenten oder manipulierten Lebensmitteln vergiftet worden sein, um sie in der Folge mit dem Hubschrauber bergen und in eine Klinik fliegen zu können. Dafür wurden den Versicherungen der Bergsteiger um ein Vielfaches überhöhte Kosten in Rechnung gestellt.
Alleine in den letzten drei Jahren soll der Gewinn aus diesen Manipulationen insgesamt 17 Millionen Euro betragen haben.
Wie viele Personen in den großangelegten mutmaßlichen Betrug verwickelt sind, wie lange die Bande der Verdächtigen bereits auf diese Weise agiert und wie ihr die nepalesische Polizei letztlich auf die Schliche kam – das muss man über die "Berg-Mafia" am Dach der Welt wissen:

Worum geht es hier?
Um den wahrscheinlich größten Betrugsskandal in der Geschichte des Himalaya-Staates Nepal.
Wer wurde betrogen?
Laut Behörden auf jeden Fall die Versicherungen von wahrscheinlich Tausenden Touristen, die zum Klettern in das Bergparadies gekommen sind – knapp die Hälfte des Landes liegt auf mehr als 3.000 Metern Seehöhe. In Einzelfällen wurden auch die Touristen selbst nicht nur manipuliert, sondern mit falschen Medikamentengaben oder mit Zusatzstoffen versetzten Speisen vergiftet, damit sie sich schlecht fühlen und um eine Rettung vom Berg bitten, berichtet die lokale Tageszeitung The Kathmandu Post.
Wie lief das im Detail ab?
Nach Angaben der nepalesischen Behörden gab es unterschiedliche Vorgehensweisen. Bergsteiger, die im Zuge einer Tour etwa über Unwohlsein klagten – was in der großen Höhe, in der man hier unterwegs ist, nicht selten vorkommt –, wurden demnach gedrängt, um eine Notfall-Evakuierung vom Berg zu bitten. Zögerten die Touristen, wurde ihnen Angst eingejagt. Zum Beispiel, indem ihnen gesagt wurde, dass ihre Symptome erste Anzeichen einer lebensgefährlichen Höhenkrankheit seien, die man nur im Spital behandeln könne.
Was ist mit den Vergiftungen?
Es gibt laut nepalesischer Polizei zahlreiche Beschwerden von Touristen, denen angeblich Zusatzstoffe wie Backpulver in ihr Essen gemischt worden sei, damit sie sich schlecht fühlen und nicht mehr weitermarschieren können. Dann riefen ihre Bergführer Helikopter zur Bergung der Touristen und ließen sie in Krankenhäuser nach Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, fliegen.
Und die Sache mit den Medikamenten?
Es existieren auch Berichte, wonach Bergsteigern, die tatsächlich unter Höhenkrankheit litten, Medikamente dagegen verabreicht worden seien – allerdings in einer falschen Dosis, sodass sich ihre Beschwerden eher noch verstärkten als abschwächten.
Was ist Höhenkrankheit eigentlich und was bewirkt sie?
Höhenkrankheit entsteht, wenn der Körper in großen Höhen wegen des geringeren Sauerstoffdrucks nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Typische Folgen sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und Müdigkeit, da Gehirn und Organe auf den Sauerstoffmangel reagieren. In schweren Fällen kann es zu Flüssigkeitsansammlungen in Lunge oder Gehirn kommen, was lebensgefährlich sein kann.

Ab welcher Höhe kann sie vorkommen?
Die Höhenkrankheit kann ab etwa 2.500 Metern auftreten. Häufiger und stärker wird sie ab 3.000 bis 3.500 Metern, besonders bei schnellem Aufstieg. Ab etwa 5.000 Metern ist das Risiko sehr hoch, weil der Sauerstoff deutlich knapper wird.
Und was unternimmt man üblicherweise dagegen?
Langsam aufsteigen, damit sich der Körper anpassen kann, und bei Symptomen sofort pausieren oder absteigen. Viel trinken, aber keinen Alkohol, und sich körperlich schonen. In schweren Fällen hilft nur rascher Abstieg sowie Flaschensauerstoff oder Medikamente.
Gab es noch einen weiteren Dreh?
Ja, und zwar einen, bei dem die Touristen mitspielen mussten. Es sei relativ häufig vorgekommen, so die Behörden, dass Touristen beim Abstieg von ihren Führern vorgeschlagen worden sei, einen medizinischen Notfall vorzutäuschen, um den Rettungsflug zu rechtfertigen. Waren diese sehr müde und ausgelaugt, nahmen sie dieses "Angebot" gerne an, um sich den mühevollen Abstieg zu ersparen.
Aber das ist doch Betrug?
Die Führer jener Gruppen, in denen derartige Aktionen vorgekommen sein sollen, sind psychologisch offenbar recht clever vorgegangen, um ihren Kunden ein allfälliges schlechtes Gewissen zu nehmen. Jedenfalls soll diese Masche relativ häufig benutzt worden sein.
Aber was war der Zweck des Ganzen?
Versicherungsbetrug, so die nepalesischen Behörden. Sämtliche Leistungen beim Rettungseinsatz, ob medizinisch notwendig oder nicht, wurden den jeweiligen Reiseversicherungen der Touristen weitergegeben.
Welche Leistungen sind damit gemeint?
Primär die Bergung vom Berg sowie die Behandlung in einem Spital. Wobei diese oftmals auf eine Infusion reduziert war und vielleicht eine Stunde dauerte.

Und was wurde den Versicherungen dafür in Rechnung gestellt?
Teils absurde Summen. In einem Fall, den die Behörde genau nachvollzogen hat, wurden einer Versicherung 50.000 Euro für die Evakuierung einer Gruppe von Wanderern in Rechnung gestellt. In einem weiteren Fall wurden der Versicherung gar 86.248 Euro für die Bergung sowie weitere 21.000 Euro für eine kleinere Krankenhausbehandlung in Rechnung gestellt.
Und die Versicherungen wurden da nicht stutzig?
Doch, doch, es gab zunehmend Beschwerden und Nachfragen wegen überteuerter Bergungs- und Behandlungskosten. Denn es wurde nicht nur betrogen, wenn es um nicht notwendige Bergungen ging, sondern auch bei den Abrechnungen. So seien etwa immer wieder Sammelflüge, bei denen mehrere Bergsteiger in einem Helikopter nach Kathmandu geflogen worden sind, der Versicherung jedes Insassen einzeln verrechnet worden.
Aber für solch ein Betrugssystem benötigt man doch viele Personen, die involviert sind?
Ja, und die hatten sich offenbar auch gefunden. Laut Ermittlern war es ein gut etabliertes Netzwerk, an dem Trekkingführer, Trekkingagenturen, Hubschrauberrettungsunternehmen, Reiseveranstalter und Krankenhäuser beteiligt gewesen sind. Insgesamt benannte das Central Investigation Bureau (CIB), die Spezialeinheit der nepalesischen Polizei für organisierte Kriminalität, die in dem Fall ermittelte, 33 Verdächtige.
Und was geschieht jetzt mit diesen Personen?
Deepak Kumar Shrestha, Informationsbeauftragter des Bezirksgerichts Kathmandu, erklärte, dass gegen 32 dieser Personen Anklage wegen staatsfeindlicher Handlungen und organisierter Kriminalität erhoben wurde. "Neun der Angeklagten wurden mittlerweile festgenommen, die übrigen sind flüchtig", so der Gerichtssprecher gegenüber der Kathmandu Post.
Wieso "staatsfeindliche Handlungen"?
Weil diese dreiste Abzocke durch einige wenige Täter auf das gesamte Land zurückfalle, so die Argumentation der Justiz. Denn Nepal habe wegen derartiger Vorkommnisse ohnedies bereits seit vielen Jahren einen schlechten Ruf.
Seit wann ist das so?
Auf jeden Fall seit dem Jahr 2018. Bereits damals wurde in einem umfassenden, mehr als 700 Seiten starken Bericht an den Tourismusminister akribisch aufgezeigt, in welchen Bereichen sich wer wie dreist bedient. Es wurde Besserung gelobt und eine Strukturreform in Aussicht gestellt, passiert ist aber kaum etwas.

Und wo steht man heute?
Man steht schlechter da als 2018, zumindest was die nackten Zahlen betrifft. Das ist auch der Grund, weshalb die Behörden den Vorwürfen verhältnismäßig rasch und umfassend nachgegangen sind: Man hat Angst, dass die Gäste ausbleiben könnten. Denn der Tourismus ist für den Himalaya-Staat eine der wichtigsten Einkommensquellen.
Heißt konkret?
Das CIB hat sich die Jahre 2023 bis 2025 angesehen und bei drei Rettungsgesellschaften 317 "faule" Flüge ausgemacht (bei insgesamt 2.320 Flügen). Außerdem wurden von den mutmaßlichen Tätern Dokumente erstellt, die belegen sollten, dass gerettete ausländische Touristen gemäß Versicherungsbedingungen in Krankenhäusern in Kathmandu behandelt wurden. Zu diesen Dokumenten gehörten Krankenhausrechnungen, Aufnahme- und Entlassungsberichte sowie medizinische Gutachten, die gefälscht oder manipuliert waren.
Wie viel Geld wurde so ergaunert?
Alleine für die Jahre 2023 bis 2025 hat das CIB einen Schaden von 17 Millionen Euro für die Versicherungen errechnet.
Wie viele Rettungsflüge mit dem Helikopter finden eigentlich pro Jahr in Nepal statt?
Insgesamt mehrere Tausend. Deshalb ist es auch für Versicherungen schwierig, von Europa oder den USA aus "faule" Flüge zu erkennen.
Bedeutet unter dem Strich?
Es handelte sich um ein gut etabliertes und hervorragend aufeinander eingespieltes Betrugs-Netzwerk, das mangels behördlicher Sanktionen offenbar klaglos funktionierte. "Der Betrug konnte aufgrund mangelnder Strafverfolgung weitergehen", so Manoj Kumar KC, Chef des Central Investigation Bureau.
Und wer hat da jetzt aller mitgespielt?
Die polizeilichen Ermittlungen deuten letztlich auf eine Zusammenarbeit zwischen drei Hubschrauberfirmen, drei Krankenhäusern sowie mehr als einem Dutzend Trekkingunternehmen, Versicherungsagenten und Trekkingführern hin. Und jeder bekam seinen Anteil, sobald die Versicherungen die entsprechenden Forderungen abgerechnet hatten.

Bleibt die Frage, weshalb sich überhaupt so viele Touristen in die Abhängigkeit von derartigen Unternehmen begeben?
Weil es sonst kaum möglich ist, sich in Nepal als Berg-Tourist zu bewegen. Für fast alle Trekkinggebiete braucht man spezielle Erlaubnisse, manche Regionen darf man nur mit dem Guide einer registrierten Agentur betreten, viele Trekkingrouten sind schlecht ausgeschildert und sehr abgelegen. Um die Sicherheit der Touristen zu erhöhen (und die Einnahmen zu steigern) ist es deshalb in vielen Regionen des Landes gar nicht mehr möglich, ohne lizenzierte Guides unterwegs zu sein.
Weshalb haben so viele Touristen so umfassende Reiseversicherungen, dass sie etwa auch Hubschrauberflüge abdecken?
Das ist ebenfalls häufig vorgeschrieben – vor allem ab bestimmten Höhen – und zudem purer Selbstschutz, sollte tatsächlich etwas passieren. Die medizinische Versorgung in Nepal (knapp doppelt so groß wie Österreich) ist mit Zentraleuropa nicht zu vergleichen, die Rettungskette ebenfalls nicht. Wer im Krankheits- oder Verletzungsfall dringend Hilfe benötigt und nicht auf zigtausend Euro Kosten sitzen bleiben will, tut gut daran, vorab eine entsprechend umfangreiche Versicherung abzuschließen.
Und wie viel kostet solch eine Versicherung?
Das hängt ganz individuell davon ab, was man vor Ort vorhat, also wie hoch man hinauf möchte, welche Routen man gehen will usw. Je riskanter, desto teurer. Ein komplettes Hochrisikopaket, das auch Krankheitsfälle oder Verletzungen abdeckt, die oberhalb von 8.000 Metern passieren, kann auch 5.000 Euro oder noch mehr kosten.