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Alle 4 ketten einig

Österreichs Supermärkte verbannen Mercosur-Fleisch aus Regalen

Das Abkommen mit Südamerika ist paktiert. Kritiker befürchten, dass Österreich mit billigem Rindfleisch und Geflügel überschwemmt wird. In einem spektakulären Schritt haben sich nun die vier größten Supermarktketten festgelegt: Wir verkaufen kein Gaucho-Fleisch!

Rinderzucht in Österreich geschieht vielfach in kleinen Einheiten. Damit das so bleibt, wollen Österreichs Supermärkte Import-Fleisch aus Südamerika aussperren
Rinderzucht in Österreich geschieht vielfach in kleinen Einheiten. Damit das so bleibt, wollen Österreichs Supermärkte Import-Fleisch aus Südamerika aussperrenAPA-Images / ChromOrange / Micha
Martin Kubesch
Akt. 13.01.2026 23:52 Uhr

Am kommenden Wochenende wird EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Paraguay das Freihandelsabkommen mit den vier südamerikanischen Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay unterzeichnen. Seit vergangenem Freitag hat sie das entsprechende Plazet der EU-27, auch wenn die Zustimmung nur sehr knapp erreicht wurde.

Denn fünf EU-Staaten – darunter auch Österreich – stimmten gegen das Abkommen, Belgien enthielt sich. Die Gegner fürchten vor allem, dass durch den Wegfall von Zöllen massenhaft Billig-Fleisch aus Südamerika über den Atlantik schwappen und die heimischen Fleischbauern in existenzielle Nöte stürzen könnte.

Am Dienstag sprangen nun die zuverlässigsten Abnehmer heimischer Fleischwaren "ihren" Produzenten bei. Alle vier großen österreichischen Supermarktketten erklärten unisono, dass ihnen auch nach Inkrafttreten des Mercosur-Abkommens kein Fleisch aus Südamerika in die Feinkosttheken oder die Frischfleischregale kommen werde, billigere Preise hin oder her.

Wie die Handels-Riesen ihre Ablehnung argumentieren, wo das zusätzlich importierte Gaucho-Fleisch in Zukunft stattdessen landen wird und um welche Mengen es hier überhaupt geht – das muss man über den Fleisch-Boykott der heimischen Supermärkte wissen:

Frischfleisch aus Österreich: In den meisten heimischen Supermärkten wird fast ausschließlich im Land produzierte Ware angeboten
Frischfleisch aus Österreich: In den meisten heimischen Supermärkten wird fast ausschließlich im Land produzierte Ware angeboten
APA-Images / Tobias Steinmaurer

Worum geht es?
Um ein ungewöhnliches Statement der vier großen heimischen Supermarktketten Spar, REWE (Billa, ADEG, Penny), Hofer und Lidl, zu dem sich diese am Dienstag offenbar veranlasst sahen. Denn alle vier Handels-Riesen erklärten unisono, dass ihnen auch künftig kein südamerikanisches Billig-Fleisch in die Regale kommen wird. Und zwar auch dann, wenn die Preise für Importfleisch aus Südamerika nach Abschluss des Mercosur-Abkommens deutlich günstiger werden, als sie es bislang sind.

Wie wird das begründet?
Unterschiedlich. Bei REWE erklärt man, die Frage stelle sich gar nicht, da man bei Billa ohnedies bereits seit 2020 ausschließlich Frischfleisch aus Österreich verkaufe, und zwar quer durch sämtliche Produktbereiche, also von den Clever-Diskontprodukten bis hinauf zur Ja! Natürlich-Bioschiene. Das gelte für Huhn, Pute, Schwein, Rind, Kalb, Wild und Lamm und sei einzigartig in Österreich.

Was sagt man bei Spar?
Das in Salzburg ansässige Unternehmen setze nach eigenem Bekunden bei Rind, Kalb und Schwein ebenfalls ausschließlich auf heimische Produzenten, ist zu erfahren. Zudem verweist man darauf, dass in Südamerika niedrigere Standards bei der Fleischproduktion gelten würden als in der EU, um die Produktionskosten niedriger zu halten, etwa punkto Tierschutz oder Gentechnikfreiheit.

Wie sieht es bei den Diskontern aus?
Bei Lidl verweist man darauf, sich schon vor Jahren "bewusst dagegen entschieden" zu haben, Fleisch aus Südamerika zu verkaufen und konsequent auf österreichische Qualität setze. Bei Hofer heißt es, dass man im ersten Halbjahr 2026 auch bei Putenfleisch auf rein österreichische Herkunft umsteigen und ab dann nur mehr heimisches Frischfleisch anbieten werde, exklusive Aktionsangebote. Und bei Penny (aus dem REWE-Konzern) werde zwar auch Fleisch aus dem Ausland verkauft, jedoch weder jetzt noch künftig aus Südamerika.

Weshalb überhaupt solch ein Statement?
Die Supermarktketten wollten offenbar ihren Lieferanten den Rücken stärken. Denn in weiten Teilen der heimischen Bauernschaft herrschen große Ängste, dass mit dem Mercosur-Abkommen tonnenweise billiges Fleisch aus Südamerika den heimischen Handel überschwemmt und die österreichischen Zuchtbetriebe unter die Hufe kommen.

Die Rinderzucht in Südamerika ist meist extensiv, die Tiere werden erst für die Schlachtung zusammengetrieben
Die Rinderzucht in Südamerika ist meist extensiv, die Tiere werden erst für die Schlachtung zusammengetrieben
APA-Images / EPA / Cezaro De Luc

Von welchem Fleisch sprechen wir eigentlich, wenn wir von südamerikanischem Fleisch sprechen?
In die EU exportiert werden nahezu ausschließlich Rindfleisch und Geflügel.

Und wie erfolgt dieser Export?
Geflügel wird ausschließlich tiefgefroren und per Schiff nach Europa transportiert. Rindfleisch kommt ebenfalls großteils tiefgefroren per Schiff, in geringen Mengen wird gekühltes Rindfleisch auch per Flugzeug importiert.

Ist es richtig, dass die Produktions-Standards in Südamerika schlechter sind als in der EU?
Sie sind in vielen Bereichen objektiv schwächer als in der EU, daran besteht kein Zweifel, das weiß man auch in Brüssel.

Um gegen Fleischimporte aus Südamerika zu protestieren, blockierten französische Bauern zahlreiche Autobahnen
Um gegen Fleischimporte aus Südamerika zu protestieren, blockierten französische Bauern zahlreiche Autobahnen
APA-Images / Action Press / KONR

Welche Bereiche sind das?

  • Die rechtliche Rahmensituation ist in den Mercosur-Ländern deutlich weniger genau geregelt und geht nicht so ins Detail wie in der EU.
  • Dazu kommt, dass die Mercosur-Staaten keine einheitlichen Regelungen haben, jedes Land macht sich seine Regeln selbst.
  • In Sachen Tierwohl und Haltungsbedingungen sind die Vorgaben in Südamerika deutlich laxer als in der EU.
  • Auch der Einsatz von Medikamenten und Antibiotika ist in Südamerika weiter verbreitet. Tiere, die für den Export in die EU bestimmt sind, dürfen allerdings keine Antibiotika erhalten.
  • Bei der Fütterung sind die EU-Regeln ebenfalls strenger. Gentechnisch verändertes Futter, tierische Proteine und Leistungsförderer werden in Südamerika wesentlich häufiger gegeben, als es in der EU zulässig ist.
  • Schlachtung und Verarbeitung sind in der EU ebenfalls klarer geregelt und die Hygiene-Erfordernisse sind grundsätzlich strenger, wobei es auch hier in Südamerika Unterschiede gibt zwischen Betrieben, die für den Export arbeiten und solchen, die für die Binnenproduktion arbeiten.
  • Die Lieferketten sind in der EU wesentlich strenger und detaillierter geregelt, was die Rückverfolgbarkeit einzelner Chargen erleichtert.
  • Bei den Umwelt-Auflagen gibt es in der EU sehr strenge, in Südamerika kaum Regeln. Wie viele Emissionen ein Betrieb ausstößt, interessiert in Südamerika genau niemanden, ebenso wenig, ob für eine neue Weide Regenwald niedergebrannt werden muss.

Ist Fleisch aus Südamerika qualitativ schlechter aus EU-Fleisch?
Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Eine Untersuchung des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit aus 2014 fand bei Rindfleisch aus Argentinien, Brasilien und Uruguay keine Überschreitungen von Rückstandshöchstmengen für Pflanzenschutzmittel, vielfach wiesen die Proben überhaupt keine Rückstände auf, im Gegensatz zu deutschem Rindfleisch.

Aber die unterschiedlichen Produktionsbedingungen?
Ein Qualitätsnachteil für südamerikanisches Fleisch bezüglich Sicherheit oder Nährwert lässt sich daraus nicht ableiten, wie etwa eine 2021 auf der Plattform ResearchGate veröffentlichte Untersuchung ergab. Was sich teils deutlich unterscheidet, sind die Produktionssysteme auf den beiden Kontinenten (wie auch in der Liste oben festgehalten ist). Daraus ergeben sich Unterschiede bei gesetzlichen Standards und Produktionsbedingungen, die Einfluss auf Tierwohl, Umwelt- oder Antibiotikapolitik eines Herstellers haben.

Arbeiten alle südamerikanischen Fleischproduzenten auf dem gleichen Niveau?
Nein, aufgrund weniger restriktiver gesetzlicher Vorgaben gibt es hier eine wesentlich größere Schwankungsbreite.

Wenn die Produktionsbedingungen so deutlich anders sind als innerhalb der EU, wovor fürchten sich die heimischen Bauern?
Vor dem Preisdruck, den südamerikanische Hersteller aufbauen können. Aufgrund der Bedingungen können die Hersteller dort mit ungleich mehr Tieren pro Betrieb produzieren, durch die geringeren Auflagen sinkt auch der Kostendruck bei Haltung und Schlachtung.

Die Hygienevorschriften sind in Südamerika oft deutlich weniger streng als in der EU
Die Hygienevorschriften sind in Südamerika oft deutlich weniger streng als in der EU
REUTERS/Agustin Marcarian

Erhalten die europäischen Bauern keine Unterstützung seitens der EU?
Doch, natürlich. Und aufgrund der harten Verhandlungen im Vorfeld der Mercosur-Abstimmung in Brüssel wurde auch zugesichert, dass sich daran auch in den nächsten Jahren nichts ändern wird. Die Verunsicherung vor allem bei kleinen heimischen Betrieben, die oft nur wenige Tiere haben, ist dennoch riesig. Auch deshalb sind die Supermärkte den Bauern mit ihren Statements wohl beigesprungen.

Gibt es ähnliche Unterstützungsbekundungen auch in anderen Ländern?
Ja, in Frankreich – ein weiteres Land, das gegen Mercosur gestimmt hat – haben sich die Chefs großer Supermarktketten wie Carrefour oder E. Leclerc ebenfalls medienwirksam darauf festgelegt, kein südamerikanisches Fleisch in ihre Regale zu lassen. Auch dort wird mit schlechteren Standards argumentiert, auch dort geht es primär darum, die heimische Landwirtschaft zu unterstützen.

Welche landwirtschaftlichen Produkte werden, außer Fleisch, noch aus Südamerika importiert und mit Mercosur billiger?
Vor allem Futtermittel wie Soja und Mais, aber auch Zucker, Kaffee und Gewürze.

Gibt es da ähnliche Vorbehalte wie beim Thema Fleisch?
Es gibt Vorbehalte bei den Futtermitteln. Und auch hier spielt die Fleischproduktion eine zentrale Rolle. Denn die heimischen Supermarktketten, die für ihre Exklusiv-Linien (etwa Spar Natur pur und Tann, Fair zum Tier und Ja! Natürlich bei Billa, Zurück zum Ursprung und FairHOF bei Hofer oder Wiesentaler bei Lidl) Lieferverträge mit bäuerlichen Erzeugern haben, bestehen auf gentechnikfreies Futter, das im besten Fall aus Österreich, jedenfalls aber aus der EU kommen sollte.

Was findet dann überhaupt den Weg aus Südamerika in unsere Supermärkte?
Vor allem Obst wie Beeren, Trauben oder Avocados, Bananen, Mangos oder Physalis.

Wann werden die Importzölle auf Fleisch eigentlich fallen?
Sie werden sukzessiv abgebaut und fallen erst in zehn Jahren komplett weg.

Brandrodung in Brasilien: Um immer neue Weideflächen zu schaffen, geht jedes Jahr wertvoller Regenwald unwiederbringlich verloren
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APA-Images / Camera Press / Marc

Darf mit dem Mercosur-Abkommen eigentlich unbegrenzt viel Rindfleisch importiert werden?
Nein, die zusätzlichen Import-Mengen, auf die man sich geeinigt hat, sind relativ gering, auch nach Abbau der Zölle. Es dürfen zunächst maximal 99.000 Tonnen Rindfleisch in die EU importiert werden – das sind gerade 1,5 Prozent des in Europa produzierten Rindfleischs.

Und wer soll das Fleisch dann kaufen, wenn sich die Supermärkte querlegen?
Das ist das geringste Problem. Insider erwarten, dass das meiste Rind und Geflügel aus Südamerika entweder von der Lebensmittelindustrie, oder von der Gastronomie aufgekauft werden wird. Denn dort wird noch wesentlich genauer darauf geschaut als im Einzelhandel, wie viel die einzelnen Produkte kosten. Und dort wird von den Konsumenten im Regelfall auch nicht danach gefragt, woher das verarbeitete Fleisch stammt.

Könnte es dann aber sein, dass südamerikanisches Fleisch auf diesem Umweg in die heimischen Supermärkte kommt? Diese stellen ja auch selbst Fertiggerichte her und betreiben in vielen Filialen Gastronomiebetriebe?
Theoretisch wäre es natürlich möglich, aber sowohl bei REWE, als auch bei Spar verneint man das vehement. Auch in diesen Bereichen komme vorwiegend heimisches Fleisch, auf jeden Fall aber Fleisch aus der EU in den Produktionskreislauf, heißt es unisono.

Martin Kubesch
Akt. 13.01.2026 23:52 Uhr