Ein Interview mit OMV-Chef Alfred Stern hatte aufgeschreckt. Wir sollten beginnen, Öl zu sparen, empfahl der Manager. Ist es wirklich schon so ernst und an der Tankstelle bald Ebbe? Die Fakten zur Krise. Und wie lange unsere Reserven reichen.

Den besten Überblick hat man im Internet. Auf den einschlägigen Trackingplattformen wie MarineTraffic oder VesselFinder sieht man minutenaktuell, wie viele Frachtschiffe im Persischen Golf derzeit rund um die Straße von Hormus auf die Weiterfahrt warten. Mehrere hundert sind es, darunter alleine 125 Riesentanker, wie der Schiffsverfolgungsdienst Vortexa schätzt.
Ihre Fracht: Rohöl, Benzin, Kerosin oder Flüssiggas. Treibstoff für die Welt. Aber solange sich die militärische Situation zwischen dem Iran einerseits und den USA und Israel andererseits nicht entspannt, hat der Iran an der strategisch heiklen Meerenge den Finger am Abzug. Solange gibt es für die Frachter kein Weiterkommen. Und für die Welt kein Öl.
Die Folgen dieser Seeblockade spüren wir in Österreich derzeit noch "nur" in der Geldbörse. Treibstoff ist nach wie vor genügend da, er kostet nur deutlich mehr als noch vor einem Monat, wie jeder weiß, der unlängst tanken war.
Aber dass es auch so bleibt, ist keineswegs ausgemacht. Denn der Markt für Öl, Gas und Kraftstoffe ist ein weltweiter und sehr weitverzweigt. Es müssen nur einige Steine in die falsche Richtung kippen, um eine Kettenreaktion auszulösen. Und ehe man es sich versieht, sitzt auch Österreich plötzlich auf dem Trockenen.
Wie gefährlich die aktuelle Blockade der Straße von Hormus durch den Iran für Österreich tatsächlich ist, weshalb uns der Schiffs-Stau im Persischen Golf auch über Umwege schaden könnte und wie lange unser Land ohne Erdölimporte auskommt, ehe wir alle zu Fuß gehen müssen – das sollte man über die aktuelle Ölkrise wissen:

Noch einmal ganz kurz: Worum geht es hier?
Um den Krieg zwischen den USA und Israel sowie dem Mullah-Regime im Iran. Wenige Tage nach den ersten Angriffen erklärte der Iran die Straße von Hormus für geschlossen und drohte damit, jedes Schiff, das die Passage dennoch wagt, anzugreifen. Seither stauen sich auf der einen Seite der Meerenge die beladenen Tanker und auf der anderen jene, die eigentlich frisches Rohöl abholen sollten.
Weshalb ist das ein Problem?
Weil 20 Prozent des weltweit geförderten Rohöls sowie 10 Prozent der Kraftstoffe durch dieses Nadelöhr geschleust werden. Oder eben nicht, wie derzeit. Und Katar, einer der führenden Produzenten von Flüssigerdgas (LNG), schickt ebenfalls seine Exporte über die Route.
Das mit dem Rohöl und dem LNG ist einleuchtend. Aber was hat es mit den Kraftstoffen auf sich?
Vor allem Saudi-Arabien fördert und exportiert nicht nur Rohöl, sondern raffiniert es zu einem Gutteil auch gleich selbst und exportiert die Mineralölprodukte wie Benzin, Diesel, Heizöl oder Kerosin. Dafür wurden im ganzen Land riesige Raffinerie-Komplexe errichtet.
Wohin werden Öl und Kraftstoffe aus dem Persischen Golf primär verschifft?
Zu gut 80 Prozent nach Asien. Nur ein kleiner Teil davon geht nach Europa.
Dann ist ja für uns alles paletti, oder?
Schön wär's. Wie bereits erwähnt, der Öl-, Gas- und Kraftstoffhandel geschieht weltweit und die einzelnen Akteure sind vielfältig miteinander verbunden. Daher haben auch Ereignisse, die in Asien passieren, für den Handel in Europa bedeutende Auswirkungen.
Was heißt das in diesem Fall?
Dass durch den weltweiten Mangel an Rohöl und Kraftstoffen – minus 20 Prozent Öl, minus 10 Prozent Kraftstoffe – die Preise an den Börsen deutlich angezogen haben. Ein Barrel (zu Deutsch Fass = 159 Liter) der Rohölsorte Brent kostet seit gut einer Woche mehr als 100 Dollar. Zum Vergleich: Vor exakt einem Monat, am 17. Februar, lag der Preis noch bei 67 Dollar.

Mit anderen Worten?
Benzin und alle anderen Erdölprodukte sind so teuer wie seit Jahren nicht, und zwar rund um den Erdball. Denn die Händler verkaufen ihre Waren dorthin, wo sie das meiste Geld dafür bekommen. Und das sind vor allem die Märkte in Europa und Asien.
Die Folgen dieser Entwicklung?
Die kann man an jeder Tankstelle sehen: Der Liter Benzin oder Diesel kostet in Österreich derzeit knapp unter oder um die 2 Euro, vor einem Monat waren es um 50 Cent weniger.
Das heißt, es gibt in Europa – und damit auch in Österreich – nach wie vor genügend Öl?
Richtig, derzeit gibt es noch genügend Öl, es kostet nur bedeutend mehr als zuletzt.
Wie viel Öl verbraucht Österreich eigentlich?
2025 waren es etwa 9,5 Millionen Tonnen Öl.
Woher kommt das Öl?
Das meiste wird importiert, 2025 knapp 8,3 Mio. Tonnen Rohöl, dazu Mineralölproduktenwie Benzin oder Heizöl. 57,5 Prozent der Importe kamen aus Kasachstan, knapp 15 Prozent aus Libyen, knapp 13 Prozent aus Saudi-Arabien, der Rest stammte aus Guyana, dem Irak, Aserbaidschan, Senegal, den USA, Algerien, Tunesien, Deutschland, der Slowakei und Frankreich. 6 Prozent des eigenen Bedarfs produziert Österreich auch selbst, knapp 0,5 Mio. Tonnen pro Jahr.
Österreich ist Erdölproduzent?
Ja, die ergiebigsten Ölfelder liegen in Nieder- und Oberösterreich. Mit einer heimischen Jahresproduktion käme Österreich nicht ganz drei Wochen lang aus.

Wird nur Rohöl importiert?
Nein, es werden auch fertige Mineralölprodukte, also Benzin, Diesel, Heizöl und Kerosin importiert.
Weshalb das?
Das hat mit den Verarbeitungsmöglichkeiten zu tun. Es gibt in Österreich nur eine Raffinerie, nämlich jene der OMV in Schwechat östlich von Wien. Deren Kapazität reicht jedoch nicht aus, um das ganze Bundesgebiet mit allen Erdölprodukten zu versorgen. Dazu kommt, dass es sich wirtschaftlich nicht rentiert, Kraftstoffe über 600 Kilometer nach Westösterreich zu transportieren. Daher werden Benzin, Diesel und Heizöl zusätzlich von Raffinerien in Deutschland, Italien, Slowenien, der Slowakei, Ungarn und Tschechien zugekauft.
Wie sicher ist Österreichs Versorgung mit Rohöl und Kraftstoffen?
"Die Lage ist angespannt", sagt Hedwig Soloszeski. Sie ist Geschäftsführerin des Fachverbandes Energierohstoff- und Kraftstoffindustrie in der Wirtschaftskammer Österreich und steht damit mit sämtlichen Produzenten und Importeuren in Kontakt.
Geht es etwas genauer als nur "angespannt"?
"Wir bekommen nach wie vor alles am Markt, aber die Versorgung ist nicht optimal", so Hedwig Doloszeski.
Eine Folge des Iran-Krieges?
Nein, die Misere bestehe bereits länger, so die WKÖ-Expertin. Wegen der Sanktionen gegen die russischen Produzenten Lukoil und Rosneft seien im Herbst Raffineriekapazitäten weggefallen. Dazu kommen Logistikprobleme durch die Sanierung des deutschen Schienennetzes sowie der Ausfall der ukrainischen Druschba-Pipeline. Der Iran-Konflikt war da nur mehr das Tüpfelchen auf dem i.
Könnte der Öl-Fluss nach Österreich zum Erliegen kommen?
Dass überhaupt kein Öl mehr nach Österreich oder generell nach Europa kommt, erscheint allen Fachleuten ausgeschlossen. Alleine am Import-Mix Österreichs (siehe oben) erkennt man, aus wie vielen Regionen der Welt Öl importiert wird. Allerdings gibt es sehr wohl mögliche Szenarien, bei denen es binnen kurzer Zeit zu massiven Engpässen in der Erdölversorgung kommen könnte.

Welche Szenarien wären das?
"Etwa wenn die Blockade der Straße von Hormus noch lange andauert und der Iran gleichzeitig damit beginnt, Pipelines und Raffinerien in Saudi-Arabien zu attackieren", so Hedwig Doloszeski von der WKÖ. Dann könnte im schlimmsten Fall auch der Ölexport von Saudi-Arabiens Westküste zum Erliegen kommen, der für Europa wesentlich relevanter ist als jener aus dem Persischen Golf.
Was würde dann passieren?
Im schlimmsten Fall würden die Rohölimporte nach Österreich und ganz Europa drastisch zurückgehen und gleichzeitig würden auch die ausländischen Raffinerien weniger oder gar keine Kraftstoffe mehr liefern, weil sie selbst zu wenig Rohöl zur Verfügung hätten.
Wie lange könnte so eine Situation anhalten?
Da vermutlich alle europäischen Staaten dann gleichermaßen nach alternativen Ölquellen suchen würden, wäre die Situation zumindest für einen gewissen Zeitraum unübersichtlich. Aber genau, um solchen Fällen vorzubeugen, müssen sämtliche Staaten in Europa Notstandsreserven für mindestens 90 Tage anlegen. Diese Reserven würden dann in solch einem Krisenfall angezapft.
Hat Österreich auch diese Notstandsreserven?
Ja, aktuell sind es 2,647 Mio. Tonnen Rohöl und Kraftstoffe, die an mehr als 40 Standorten über ganz Österreich verteilt lagern. Ein Teil davon, exakt 325.000 Tonnen, wird jetzt allerdings freigegeben und auf den Markt gebracht.
Weshalb?
Die Internationale Energieagentur IEA hat insgesamt 400 Millionen Barrel an Notstandsreserven freigegeben, um den Markt zu stabilisieren und die Energiepreise nicht noch weiter ansteigen zu lassen. Ob die Aktion allerdings erfolgreich ist, bezweifeln Experten.
Rein theoretisch: Wenn Österreich von einem Tag auf den anderen keine Öl- oder Kraftstoffimporte mehr bekäme, wie lange könnten wir uns autark versorgen?
Bei unserem derzeitigen Verbrauch eben jene drei Monate, für die die Notstandsreserve angelegt worden ist. Plus alles Öl bzw. alle Treibstoffe, die zu jenem Zeitpunkt, ab dem wir autark sein müssten, noch im Markt vorhanden sind.

Lässt sich sagen, wie viel das etwa wäre?
Nein, diesbezügliche Zahlen werden nicht eruiert. Aber Energieexpertin Hedwig Doloszeski von der Wirtschaftskammer schätzt, dass die vorhandenen Reserven im Markt für eine, maximal zwei Wochen Verbrauch ausreichen würden.
Weshalb sagte OMV-Chef Alfred Stern im Ö1-Interview, dass wir alle überlegen sollten, weniger mit dem Auto zu fahren?
Der Chef des größten heimischen Mineralölkonzerns habe sich auf die aktuelle weltweite Mangellage bezogen, so ein Sprecher. Allerdings hat der OMV-Chef damit auch in anderer Hinsicht recht: Käme es nämlich tatsächlich zu einem Szenario wie beschrieben, also dass Österreich von allen Öllieferungen abgeschnitten wäre, dann wären auch staatlich verordnete Verbrauchsbeschränkungen wohl unumgänglich – wie beim autofreien Tag während der großen Ölkrise Anfang der 1970er-Jahre.

Müssten wir uns dann am Ende auf Fahrverbote wie damals gefasst machen?
Theoretisch wäre das tatsächlich möglich. Laut Wirtschaftsministerium könnten mit dem Energielenkungsgesetz im Bedarfsfall auch Beschränkungen des Verkehrs angeordnet werden. Eine solche Lenkungsmaßnahme sei jedoch nicht angedacht, beeilt man sich zu versichern, da es in Österreich ohnedies keinen Versorgungsengpass gibt.
Ein Großteil des Kerosins für Europa kommt aus Saudi-Arabien. Müssen die Jets schon bald am Boden bleiben, weil es das Flugbenzin nicht nach Europa schafft?
Für Österreich bestehe diesbezüglich keine Gefahr, so WKÖ-Expertin Doloszeski. Knapp 90 Prozent des Flugzeugtreibstoffs, der in Österreich verbraucht wird, werde von der OMV in Schwechat selbst erzeugt. Mit anderen Worten: Gibt es Rohöl, gibt es auch Kerosin.
Und wie sehr beeinträchtigt die Sperre der Straße von Hormus Österreichs Gasversorgung – Stichwort Flüssiggas aus Katar?
Diesbezüglich droht uns derzeit ebenfalls kein Problem, ist vom Fachverband Gas Wärme zu erfahren. Zwar sei Gas für Österreichs Wirtschaft ein unabdingbarer Rohstoff, so die Experten. Da wir das Gros unserer Gaslieferungen allerdings aus den USA (als Flüssiggas) sowie aus Norwegen erhalten, droht zumindest hier in absehbarer Zeit sicher kein Versorgungsengpass.