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Zapfsäulen-blues

Warum wir uns an einen Spritpreis von 2 Euro gewöhnen sollten

Der Irankrieg treibt den Preis für Super, Diesel und Heizöl in lichte Höhen. Der Kanzler will nun die Steuern senken, der Vizekanzler den Preis deckeln, der Wirtschaftsminister nichts davon. Die richtige Teuerung beim Tanken steht aber erst an – durch die CO2-Bepreisung.

Hölle oder Paradies? In Österreich finden viele die Spritpreise zu hoch, die Deutschen bewundern uns
Hölle oder Paradies? In Österreich finden viele die Spritpreise zu hoch, die Deutschen bewundern unsiStock
Christian Nusser
Akt. 10.03.2026 00:09 Uhr

Im Leben ist manches eine Frage der Perspektive. Deutsche Medien zum Beispiel blickten am Montag neidvoll nach Österreich. Der Merkur übertitelte eine Geschichte so: "Spritpreise in Deutschland explodieren: Warum ist es in Österreich so viel günstiger?"

Während sich in Österreich viele über die hohen Spritpreise erregen und die Regierung überlegt, wie sie die Treibstoffpreise in den Keller schicken kann, sind wir für unsere Nachbarn schlicht – das Paradies.

Um als Paradies zu gelten, genügt neuerdings ein Umstand: Irgendwo anders muss mehr Hölle sein. In diesem Fall liegt die Hölle in Deutschland. Dort ist die Mineralölsteuer um ein Stück höher als in Österreich. Wenn die Preise für Sprit wie jetzt aufgrund des Irankriegs stark nach oben gehen, fällt das deutlich mehr ins Auge.

Der ADAC-Vergleich veranschaulicht, was gemeint ist: Pro Liter Benzin zahlt man in Deutschland 65,45 Cent Mineralölsteuer. In nur 48,2 Cent. Ähnlich beim Diesel: 47,04 Cent pro Liter in Deutschland, 39,7 Cent bei uns. Und die Preise dürfen bei uns auch nur einmal am Tag erhöht werden.

Die internationale Schifffahrtsroute durch die 33 Kilometer schmale Meerenge
Die internationale Schifffahrtsroute durch die 33 Kilometer schmale Meerenge
Picturedesk

Noch ist unklar, wie lange dieser Krieg dauern wird, aber die Verwerfungen sind gekommen, um zu bleiben. Die Hintergründe, wo es Hebel für Senkungen gibt und warum wir mit einem Preis dauerhaft über zwei Euro rechnen sollten. Die Fakten zum wilden Sprit-Ritt:

Wie gerieten Österreich und die Welt in diese Lage?
Am 28. Februar griffen Israel und die USA den Iran an. Das hatte auf unsere Energieversorgung eine doppelte Auswirkung. Die Angriffe und die Gegenschläge zerstörten, gefährdeten oder lähmten die Öl- und Gasanlagen im Nahen Osten. Und: Der Iran blockierte die Straße von Hormus, die Südost-Tangente der Welt, was die Energieversorgung betrifft.

Was ist damit gemeint?
Durch diese 167 Kilometer lange und an der schmalsten Stelle nur 33 Kilometer breite Wasserstraße schlängeln sich 31 Prozent aller per Schiff transportierten Rohölmengen der Erde. Auch 20 Prozent der weltweiten Lieferungen von Flüssiggas (LNG) biegen hier um die Ecke.

Ist die Straße von Hormus gesperrt?
Nein, die Meerenge ist nur bedroht, also weder offiziell geschlossen noch physisch blockiert. Aber den meisten Reedereien ist eine Passage zu gefährlich. Auch, weil sich die Versicherungen weigern, für einen etwaigen Schaden aufzukommen.

Was heißt das in der Praxis?
Dass am Sonntag über 1.000 Schiffe auf die Durchfahrt warteten. Ihre Besitzer und Seeleute fürchteten Angriffe, nachdem es zu Attacken auf mindestens neun Schiffe gekommen war, bei denen ein Besatzungsmitglied getötet wurde.

Was bedeutet das für Öl und Gas?
Es kann nicht durch die Meerenge transportiert werden. Aber dazu kommt: Durch den Krieg wurden auch viele Anlagen im Nahen Osten in Mitleidenschaft gezogen. Das hat Auswirkungen über den Krieg hinaus.

Etwa 1.000 Öltanker warten in der Straße von Hormus auf Durchfahrt (Archivaufnahme)
Etwa 1.000 Öltanker warten in der Straße von Hormus auf Durchfahrt (Archivaufnahme)
Reuters

Warum?
Weil Öl- und Gasanlagen keine Wasserhähne sind, die man einfach auf- und abdrehen kann. Bei manchen Ölpumpen ist nicht einmal klar, ob sie je wieder auf die Fördermengen vor der Krise kommen werden.

Wie schlimm ist es?
Nur ein kleiner Überblick: Die Bapco-Raffinerie in Bahrain wurde von iranischen Drohnen getroffen. Der Betrieb wurde teilweise gestoppt und "Force Majeure" erklärt (Lieferverträge vorübergehend ausgesetzt). Die Ras-Tanura-Raffinerie, die größte Anlage in Saudi-Arabien, stellte nach einem Drohnenangriff vorerst die Produktion ein.

Was wurde abgeschaltet?
Die LNG-Anlage Ras Laffan in Katar wurde stillgelegt. Das israelische Leviathan-Offshore-Gasfeld im Mittelmeer hat die Produktion vorsorglich eingestellt. Im Irak haben mehrere Betreiber wegen Sicherheitsrisiken die Förderung gestoppt.

Heißt was?
"Wir erleben gerade die mit Abstand größte Störung der täglichen Ölproduktion in der Weltgeschichte", sagte der Energiehistoriker Daniel Yergin dem Wall Street Journal. Dazu muss man wissen: Der Nahe Osten fördert rund ein Drittel der weltweiten Rohölproduktion.

Was passiert jetzt damit?
Das ist tatsächlich knifflig. Kuwait steht plötzlich vor dem Problem, was mit den riesigen Ölreserven tun, die nicht weggebracht werden können? Es gibt kaum Lagerkapazitäten. So geht es mehreren Erdölproduzenten. Sie mussten die Förderung drosseln, weil sonst die Tanks übergehen.

Welche Auswirkungen hat das?
Die Preise für Öl und für Gas sind in die Höhe geschnalzt und der Preiskampf wird immer brutaler. Es finden sogar auf dem offenen Meer Bieterwettkämpfe statt. Die US-Rohöl-Futures stiegen letzte Woche um 36 Prozent – der größte Anstieg seit Börsenbeginn 1983.

Die Bapco-Raffinerie in Bahrain wurde von iranischen Drohnen getroffen
Die Bapco-Raffinerie in Bahrain wurde von iranischen Drohnen getroffen
Reuters

Was heißt Bieterwettkampf?
Der LNG-Tanker "Clean Mistral" befand sich vergangene Woche auf dem Weg von den USA nach Spanien. Plötzlich drehte er um 90 Grad ab und nahm Kurs auf Asien. Händler hatten die Chance auf mehr Gewinn erkannt und leiteten das Schiff in Richtung eines lukrativeren Markts um. Mehrere Tanker vollzogen ähnliche Kursänderungen, wie Schiffsverfolgungsdaten belegen.

Gab es so etwas Vergleichbares schon?
Der bisher größte Schock aller Zeiten fand im Umfeld des Jom-Kippur-Kriegs 1973 statt. Arabische Produzenten verhängten als Reaktion auf die US-Unterstützung Israels ein Ölembargo. Innerhalb von drei Monaten vervierfachten sich die Ölpreise, was die Weltwirtschaft tief erschütterte.

Merkte man das in Österreich?
Massiv, wer älter ist, kann sich noch erinnern. Der autofreie Tag wurde eingeführt. Haushalte mussten einen Tag in der Woche festlegen, an dem sie auf ihr Auto verzichteten. Ein Pickerl auf der Windschutzscheibe wies darauf hin. Auf Autobahnen galt ein Tempolimit von 100 km/h. Der Ölkrise wurde mit Sparen begegnet.

Was blieb aus dieser Zeit?
Die Energieferien wurden eingeführt, es gab ab da also eine Woche schulfrei zwischen den Semestern. Da war ein bisschen Schmäh dabei. Die Hoteliers wünschten sich schon länger eine Woche Ferien statt der damals üblichen zwei Tage. Die Krise wurde für die Einführung genutzt. Energieersparnis brachte das nicht, damals nicht, heute noch weniger.

Was noch?
Die Sommerzeit. Sie wurde in Österreich 1980 eingeführt, um Energie zu sparen und das Tageslicht besser zu nutzen.

Autofreier Tag, eine Frau klebt ein Mittwoch-Pickerl auf die Windschutzscheibe
Autofreier Tag, eine Frau klebt ein Mittwoch-Pickerl auf die Windschutzscheibe
APA-Images

Wo liegt der Ölpreis momentan?
Er legte am Montag eine regelrechte Berg- und Talfahrt hin. Am Abend kostete das Barrel knapp unter 90 US-Dollar, nicht weit vom Vortag entfernt, aber 56 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Wieso Bergfahrt?
Weil zwischendurch fast 120 Dollar pro Fass (159 Liter) gezahlt wurden. So hoch waren die Preise zuletzt unmittelbar nach Ausbruch des Ukrainekriegs. Und was das mit unserer Inflation gemacht hat, weiß jeder, der Kassenbons anschaut.

Wie reagiert die Politik?
International gibt es in vielen Ländern und unter den G7-Nationen Überlegungen, strategische Ölreserven anzuzapfen. In Österreichs Politik steigt die Angst, in eine neue Inflationsspirale einzutreten.

Was wären die Auswirkungen?
Grob geschätzt: Ein Anstieg des Ölpreises um 10 US-Dollar kann die Inflation um 0,3 bis 0,4 Prozent erhöhen, rechnet das Beratungsunternehmen JPMorgan Chase vor. In Österreich lag die Inflation im Februar bei 2,2 Prozent. Es steht also viel am Spiel.

Wie ist die Lage an den Tankstellen?
Am Sonntag kostete ein Liter Diesel im Schnitt 1,894 Euro, Super 1,689 Euro. Zum Vergleich: Am 2. März, also knapp nach Kriegsausbruch, lag der Durchschnittspreis noch bei 1,515 Euro (Super) und 1,564 Euro (Diesel).

Die Börsenkurse und die Ölpreise fuhren am Montag Hochschaubahn
Die Börsenkurse und die Ölpreise fuhren am Montag Hochschaubahn
Picturedesk

Was also tun?
Die Regierung überschlägt sich derzeit mit Vorschlägen. Vizekanzler Andreas Babler wünscht sich einen Preisdeckel wie ihn Kroatien (1,50 Euro pro Liter Benzin und 1,55 Euro pro Liter Diesel) und Ungarn (seit Mitternacht) eingeführt haben.

Das Risiko dabei?
Dass es zu einer Verknappung am Markt kommt. Also den Ländern buchstäblich der Sprit ausgeht, weil die Händler ihre Produkte dorthin verkaufen, wo sie den besten Preis bekommen.

Was will der Kanzler?
Eine "temporäre Senkung der Steuern auf Treibstoffe". Der Staat dürfe nicht "Krisenprofiteur" werden, so Christian Stocker am Montag.

Was ist dabei unklar?
Was er unter "Steuern auf Treibstoffe" versteht. Da gibt es nämlich drei Hebel. Mineralölsteuer, Mehrwertsteuer und CO2-Bepreisung, also "Klimasteuer". Wo will Christian Stocker eingreifen? Bei allen drei? Die Mehrwertsteuer senken, wie im Supermarkt? Das wird teuer.

Wie sieht das der Finanzminister?
Er hielt sich am Montag bedeckt. Aber in der Vorwoche sprach sich Markus Marterbauer für "regulatorische Maßnahmen" aus, ohne sie näher zu definieren. Die aktuellen Vorschläge seiner Regierungskollegen will er jetzt einmal intern besprechen.

Was unterm Strich auffiel?
Es gab keine gemeinsame Regierungs-Kommunikation. Der Kanzler (per Aussendung) und der Vizekanzler (per Auftritt im ORF) präsentierten getrennt ihre Vorstellungen. Von den NEOS (wollen strukturelle Änderungen) erst gar nicht zu reden. Für Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) wiederum kommen Eingriffe zu früh.

Andreas Babler, Christian Stocker und Beate Meinl-Reisinger suchen bei Preis-Maßnahmen momentan solo ihr Glück
Andreas Babler, Christian Stocker und Beate Meinl-Reisinger suchen bei Preis-Maßnahmen momentan solo ihr Glück
Helmut Graf

Wie kommt Sprit eigentlich zu seinem Preis?
Der Preis an der Zapfsäule setzt sich aus drei Komponenten zusammen: dem Rohölpreis, der Marge von Raffinerien und Tankstellen und den Steuern.

Was ist bei den Steuern wichtig?
Bei zwei Steuern gibt es fixe Sätze. Die Höhe der Mineralölsteuer und die "Klimasteuer" sind vom Spritpreis unabhängig. Egal, was Benzin und Diesel kosten, der Finanzminister bekommt immer dasselbe.

Und die Umsatzsteuer?
Sprit wird mit 20 Prozent versteuert. Je höher der Preis, desto höher der Ertrag für das Budget.

Der Finanzminister verdient sich also eine goldene Nase?
Naja! Zwei Drittel der Spritmenge gehen an Unternehmen und Landwirte. Sie erhalten eine höhere Mehrwertsteuer über den Vorsteuerabzug zurück. Da ist kein Geld zu holen.

Bleibt das letzte Drittel?
Ja und da gilt die Faustregel: 20 Cent mehr an der Zapfsäule für den Liter Sprit bringen dem Finanzminister 1,3 Cent. Schon auch Geld, aber zu wenig für ein Goldnäschen.

Wo aber lauert nun die nächste Preiserhöhung?
Bei der CO₂-Bepreisung. Derzeit beträgt der Aufschlag 13,80 Cent bei Diesel und 12,50 Cent bei Benzin am Liter. Zum Start 2022 gab es als Kompensation den Klimabonus, der Staat leistete also eine Ausgleichszahlung. Das wurde 2025 eingestellt.

Die CO2-Bepreisung wurde unter Umweltministerin Leonore Gewessler im Rahmen der Türkis-Grünen-Regierung eingeführt
Die CO2-Bepreisung wurde unter Umweltministerin Leonore Gewessler im Rahmen der Türkis-Grünen-Regierung eingeführt
APA-Images / APA / HELMUT FOHRINGER

Warum fiel das so wenig auf?
Weil die Spritpreise halbwegs moderat blieben. Bis zum Irankrieg herrschten weltweit Überkapazitäten, es war also mehr Öl am Markt als benötigt wurde. Außerdem wurden Maßnahmen gesetzt, der "Pendlereuro" etwa wurde mit 1. Jänner 2026 von zwei auf sechs Euro verdreifacht.

Und jetzt?
Jetzt gingen die Preise in den gestreckten Galopp über und damit wird auch die "Klimasteuer" bemerkt. Die CO₂-Bepreisung war schrittweise von 30 Euro pro Tonne (im Jahr 2022) auf 55 Euro pro Tonne (ab 2025) erhöht worden. Nun aber soll sich einiges dabei ändern.

Was ändert sich?
Bisher hatte Österreich einen politisch festgelegten CO₂-Preis. Ab 2027 sollte das EU-System EU‑ETS 2 in Kraft treten. Es gilt europaweit für alle Staaten und vor allem in sensiblen Bereichen wie Heizen und Autofahren.

Das kommt 2027?
So war es geplant. Aus Sorge vor zusätzlicher Inflation und Belastungen für Haushalte wurde die Einführung um ein Jahr auf 2028 verschoben. Das ändert aber nichts an den Grundsätzen.

Die da wären?
Der Preis entsteht in Hinkunft auf einem europäischen Markt durch Angebot und Nachfrage. Mineralölhändler, Tankstellenbetreiber, Gas- und Heizöl-Lieferanten müssen CO₂-Zertifikate kaufen, für jede Tonne CO₂, die beim Verbrauch entsteht, ein Zertifikat.

Sagen, was ist: Am Ende hängt von Donald Trump ab, wie viel wir an der Tankstelle zahlen
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Reuters

Wie funktioniert der Handel?
Die EU legt eine maximal erlaubte Menge CO₂ fest (Cap). Für diese Menge gibt es Zertifikate. Unternehmen, die mehr CO₂ emittieren, müssen Zertifikate nachkaufen. Unternehmen, die weniger CO₂ ausstoßen, können ihre überschüssigen Zertifikate verkaufen. Das Modell nennt sich "Cap-and-Trade": Menge begrenzt, Handel erlaubt.

Was kümmert mich das als Verbraucher?
Die Unternehmen rechnen die Kosten der Zertifikate in der Regel auf den Endpreis um. Benzin und Diesel werden teurer. Heizöl und Erdgas ebenfalls.

Warum wird es teurer?
Einmal abgesehen von den Schwankungen am Markt. Die EU will die erlaubte Menge CO₂ aus Klimaschutzgründen immer weiter reduzieren. Die Folge: Die Zertifikate werden begehrter, ihr Preis steigt – und diese Kosten werden an die Konsumenten weitergegeben. Es wird teurer.

Wie teuer?
Experten rechnen, dass die Tonne CO₂ zwischen 50 und 100 Euro kosten wird. Bei 70 Euro pro Tonne kostet der Liter Benzin 16 Cent mehr, bei 100 Euro pro Tonne 23 Cent.

Ein Spritpreis über zwei Euro pro Liter wird also in Hinkunft mutmaßlich nicht die Ausnahme sein, sondern eher die Regel.

Christian Nusser
Akt. 10.03.2026 00:09 Uhr