"Ich mach' mir die Welt, wie sie mir gefällt" – nach diesem Motto regiert Donald Trump die USA. Im neuen Buch "Regime Change" zeichnen zwei Reporter der New York Times das Porträt eines Mannes, der in einer Welt aus Wunschdenken und Halbwahrheiten lebt.

Kommentatoren vergleichen Trumps Welt gern mit "Game of Thrones": ein Kosmos voller Intrigen, in dem skrupellose Menschen um Macht kämpfen. Das trifft den Kern jedoch nur oberflächlich. Die eigentliche Parallele besteht darin, dass Trumps Umfeld in einer Welt des Wunschdenkens lebt – irgendwo zwischen Drachen, Untoten und alternativen Wirklichkeiten.
Allen voran Donald Trump selbst. Sein Verständnis der Realität scheint sich aus Gesprächsfetzen, Halbwahrheiten und Behauptungen zusammenzusetzen, die er irgendwann einmal aufgeschnappt hat und die allein deshalb wahr sein sollen, weil sie ihm gefallen. Maggie Haberman und Jonathan Swan, zwei Reporter der New York Times, liefern in ihrem Buch "Regime Change" über Trumps zweite Amtszeit ein ganzes Arsenal an Beispielen.
Trump behauptet etwa, Amerika sei zwischen 1870 und 1913 am wohlhabendsten gewesen – damals, als das Land ein "Zollstaat" gewesen sei. Tatsächlich sind die Amerikaner heute, selbst wenn man den Wohlstandsgewinn durch Erfindungen wie Antibiotika oder GPS außer Acht lässt, rund sechsmal reicher als im Jahr 1913.
In Trumps Weltbild bedeutet internationaler Handel vor allem eines: Das Ausland zieht Uncle Sam über den Tisch. Als ihm sein Handelsminister Zahlen vorlegte, aus denen hervorging, dass die chinesischen und indischen Zölle auf amerikanische Waren längst nicht so hoch waren, wie Trump behauptete, tat der Präsident sie als "verdammten Bullshit" ab.
Anschließend schickte er Natalie Harp los – eine junge Mitarbeiterin, deren wichtigste Aufgabe darin besteht, für ihn positive Nachrichten auszudrucken. Sie solle bei Google "die echten Zahlen" finden. Trotz aller Bemühungen blieb ihre Suche erfolglos. Die gewünschten Zahlen existierten schlicht nicht.

Während große Teile der amerikanischen Bundesverwaltung weiterhin nach Tatsachen und geltendem Recht arbeiten, gelten im Weißen Haus andere Regeln. Dort hat die Fantasie Vorrang vor den Fakten.
Trump erklärte seinen Beratern, die Philippinen hätten deshalb kein Drogenproblem, weil Präsident Rodrigo Duterte Drogendealer kurzerhand töten lasse, anstatt sich mit rechtsstaatlichen Verfahren aufzuhalten. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Das Land kämpft nach wie vor mit massiven Drogenproblemen, und Duterte muss sich noch in diesem Jahr in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten.
Manche Mitglieder von Trumps Hofstaat wissen sehr wohl, wie die Realität aussieht – sie haben lediglich gelernt, besser zu schweigen. Außenminister Marco Rubio, schreiben Haberman und Swan, habe den Präsidenten "nie belehrt und niemals sein eigenes Wissen zur Schau gestellt". Wo Tatsachen der politischen Botschaft im Wege stehen, verschwinden sie kurzerhand aus dem öffentlichen Gedächtnis.
Nach der Ermordung des konservativen Aktivisten Charlie Kirk lautete die offizielle Erzählung, Amerika werde von linksextremen Terroristen überrannt. Kurz darauf entfernte das Justizministerium still und leise eine Studie von seiner Website, die belegte, dass rechtsextreme Terroristen in den Vereinigten Staaten deutlich mehr Menschen töten als linksextreme Gewalttäter.
Wer für Trump arbeiten will, muss außerdem ein Glaubensbekenntnis ablegen: Die Präsidentschaftswahl von 2020 sei gestohlen worden. Ein Bewerber schied allein deshalb aus, weil er Mike Pence gelobt hatte – den früheren Vizepräsidenten, der sich geweigert hatte zu behaupten, Trump habe die Wahl gewonnen.
Dieser Loyalitätstest erfüllt einen doppelten Zweck. Er trennt jene Kandidaten, die noch an überprüfbare Tatsachen gebunden sind, von denen, die bereit sind, für den Präsidenten zu lügen. Wer die erste Hürde genommen hat, wird womöglich auch bei anderen Grenzüberschreitungen weniger Skrupel zeigen.

Ein weiteres zentrales Instrument zur Umdeutung der Wirklichkeit besteht darin, den Wörtern neue Bedeutungen zu geben. Für Stephen Miller, einen der radikalsten Berater Trumps, ist die Demokratische Partei "keine politische Partei, sondern eine inländische extremistische Organisation".
Auch der Begriff "Terrorist" verliert seine herkömmliche Bedeutung. Gemeint ist nicht mehr jemand, der aus politischen oder ideologischen Motiven Gewalt anwendet. Terroristen können nun ebenso friedliche Demonstranten sein – oder sogar Organisationen, die gar nicht existieren, wie das angebliche venezolanische "Cartel de los Soles".
Ebenso flexibel wird der Begriff des Notstands gehandhabt. Ein Notstand muss keine akute Krise mehr sein; auch das amerikanische Handelsdefizit, mit dem das Land seit Jahrzehnten lebt, genügt inzwischen als Begründung. Und eine "Invasion" kann nicht nur einen militärischen Angriff bedeuten, sondern ebenso Drogenschmuggel oder Migranten, die über die Grenze kommen, um Hotelzimmer zu reinigen.
Es wäre ein Fehler, Trumps Umgang mit Sprache als bloße Wortklauberei abzutun. Gesetze bestehen aus Worten. Wer ihre Bedeutung verändert, verändert damit auch den Anwendungsbereich des Rechts.
Wenn Demonstranten zu Terroristen erklärt werden, erscheint der Einsatz tödlicher Gewalt durch Bundesbeamte plötzlich als legitime Maßnahme. Wenn Drogenschmuggler als "Invasoren" gelten, lässt sich sogar ein militärisches Vorgehen gegen sie rechtfertigen. Und wenn ein Krieg – wie Trump im Fall des Iran behauptet – offiziell gar kein Krieg ist, braucht der Präsident nach dieser Logik auch nicht die Zustimmung des Kongresses, um ihn zu führen.
Dasselbe Muster gilt für den Ausnahmezustand. Wenn der Präsident jederzeit selbst bestimmen kann, was als "Notstand" gilt, kann er auch jederzeit auf die weitreichenden Vollmachten zurückgreifen, die das Notstandsrecht vorsieht. Amerikas Gerichte haben manche dieser weitreichenden Machtansprüche zurückgewiesen – längst jedoch nicht alle.

Die Autoren Haberman und Swan verzichten weitgehend auf spektakuläre Thesen. Das ist eine Stärke des Buches. Statt den Lesern vorzuschreiben, was sie denken sollen, liefern sie eine Fülle sorgfältig recherchierter Beobachtungen, aus denen sich das Bild dieses Weißen Hauses beinahe von selbst zusammensetzt.
Für Trumps Kritiker dürfte das Buch dennoch eine Genugtuung sein. Kaum erschienen, stieg "Regime Change" an die Spitze der Bestsellerliste der New York Times und war in US-Buchhandlungen ebenso wie bei Amazon innerhalb kürzester Zeit vergriffen.
Nicht jede Anekdote ist dabei von großer politischer Tragweite. Trump hält sich offenbar für den begabtesten Innenarchitekten weit und breit. Ein Mitarbeiter beobachtete, wie der Präsident vergoldete Zierelemente eigenhändig mit Sekundenkleber an einem Kamin im Oval Office befestigte. Andere Episoden wirken weit weniger harmlos.
Während der Auseinandersetzung mit dem Iran warnte der CIA-Direktor den Präsidenten vor einem von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu vorgestellten Plan für einen schnellen und mühelosen Regimewechsel. Die Vorstellung sei, so sein Urteil, "geradezu grotesk".
Trump ließ sich davon nicht beeindrucken. Er habe, entgegnete er, schlicht "ein gutes Gefühl". Was, so könnte man seine Reaktion zusammenfassen, verstehe der Direktor der CIA schließlich schon von Geheimdienstinformationen?
Das Buch schildert außerdem, wie sehr sich das Präsidentenamt und die wirtschaftlichen Interessen der Familie Trump inzwischen miteinander vermischt haben.

Golfmonarchien, die auf den militärischen Schutz der Vereinigten Staaten angewiesen sind, investieren zufällig enorme Summen in die Kryptounternehmen der Familie Trump. Staaten, die Strafzölle vermeiden möchten, beeilen sich, Golfplätze oder Hotelprojekte des Präsidenten zu genehmigen.
Die Sprecher des Weißen Hauses weisen jeden Verdacht regelmäßig mit derselben Formel zurück: Weder der Präsident noch seine Familie hätten jemals Interessenkonflikte gehabt – oder würden jemals welche haben. Sie wiederholen diesen Satz Woche für Woche mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit.
Haberman und Swan fügen der inzwischen vertrauten Geschichte politischer und persönlicher Vorteilsnahme jedoch neue Facetten hinzu. So geriet Boris Epshteyn, ein Anwalt aus Trumps engstem Umfeld, der ihm maßgeblich geholfen hatte, strafrechtlichen Konsequenzen zu entgehen, selbst ins Visier schwerer Vorwürfe.
Nach Darstellung der Autoren soll er von Bewerbern für Posten in der zweiten Trump-Regierung hohe Geldbeträge verlangt haben, um beim Präsidenten ein gutes Wort für sie einzulegen. Wer sich weigerte – darunter Scott Bessent, heute Finanzminister –, sei anschließend gezielt schlechtgemacht worden.
Epshteyn weist sämtliche Vorwürfe zurück. Der Rechtsberater des Weißen Hauses empfahl Trump, sich von seinem langjährigen Vertrauten zu trennen. Der Präsident lehnte ab.
Ein anderer Berater liefert dafür eine ebenso schlichte wie aufschlussreiche Erklärung: Trump schätze vor allem Anwälte, von denen er glaube, dass sie buchstäblich alles für ihn tun würden. Zugleich vermeide er es, sich Menschen zum Feind zu machen, die zu viel über ihn wüssten. Mit den Folgen eines solchen Bruchs habe er, so die Andeutung, bereits schmerzhafte Erfahrungen gemacht.

Eine Eigenschaft unterscheidet Donald Trump von vielen anderen Politikern: Er gibt erstaunlich bereitwillig Interviews. Obwohl Maggie Haberman und Jonathan Swan seit Jahren kritisch über ihn berichten und ihm alles andere als wohlgesonnen sind, gewährte er ihnen eine Unterredung von einer Stunde.
Der Zeitpunkt hätte kaum ungewöhnlicher sein können. Es war der siebzehnte Tag des Krieges gegen den Iran. Der Ölpreis für Brent-Rohöl war auf über 100 Dollar je Barrel gestiegen, die Welt blickte gebannt auf den Nahen Osten – doch Trump wollte seinen Besuchern vor allem eines zeigen: die Pläne für einen neuen Ballsaal im Weißen Haus.
Selbst in einem Moment internationaler Anspannung schien ihn die Gestaltung seiner Residenz mindestens ebenso zu beschäftigen wie die geopolitische Lage.
Im Verlauf des Gesprächs zitierte Trump schließlich einen "Historiker", dessen Urteil ihn besonders beeindruckt habe. Dieser habe geschrieben: "Donald Trump ist ohne jeden Zweifel der mächtigste Mann, den dieser Planet je gekannt hat."

Die Begründung klang ganz nach Trumps Geschmack. Alexander der Große und die römischen Cäsaren hätten schließlich keine Flugzeuge besessen. Hitler, Stalin und Mao hätten nie über eine vergleichbare globale Reichweite verfügt. Kein Herrscher der Geschichte habe über Instrumente verfügt, die denjenigen eines amerikanischen Präsidenten des 21. Jahrhunderts gleichkämen.
Die Pointe folgt erst am Ende der Episode. Der gefeierte "Historiker", dessen Urteil Trump mit sichtlichem Stolz wiedergab, war gar kein Historiker. Es war sein Golf-Caddie.
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