NewsFlix.at Logo
Happy Birthday!

250 Jahre USA: Erinnerungen an ein Land, das es nicht mehr gibt

Am 4. Juli feiern die Vereinigten Staaten von Amerika ihren 250. Geburtstag. Ein gutes Fünftel dieser Zeit hat der Autor und Journalist Eugen Freund das Land aus nächster Nähe beobachtet. Hier seine interessantesten Berichte und Beobachtungen aus fünf Dekaden.

Kein Präsident der letzten 100 Jahre krempelte die USA nachhaltiger um: Donald Trump vor einer Fest-Flagge zum 250-jährigen Jubiläum der Vereinigten Staaten
Kein Präsident der letzten 100 Jahre krempelte die USA nachhaltiger um: Donald Trump vor einer Fest-Flagge zum 250-jährigen Jubiläum der Vereinigten StaatenREUTERS/Evan Vucci
Eugen Freund
Akt. 30.06.2026 21:38 Uhr

Mein "Amerikanischer Traum" hatte vier Räder. Es war im Mai 1968, als mein Vater nach einem kurzen Wien-Aufenthalt mit einem Chevrolet Impala SS (für "Super Sport") Cabriolet zurückkam, 5,40 Meter lang, zwei Meter breit, 5,4 Liter – nicht Benzinverbrauch, sondern Kubikinhalt – und mit einem elektrischen Faltdach.

Es war das ideale Fahrzeug für die schmalen Schotterstraßen in der Gemeinde St. Kanzian am Klopeiner See, wo er als Arzt tätig war. Obwohl ich erst 17 Jahre alt war und es damals noch keinen L-17-Führerschein gab, saß ich bald auch am Steuer, wurde so zum "King of Klopeiner See". Genauso war auch eine große Story betitelt, die im Dezember 2005 in der Presse erschien. Hier ein Auszug:

Eine wirklich orgiastische Erfahrung war das sogenannte "Kick-down": Ein plötzliches Durchtreten des Gaspedals ließ das Getriebe in den nächst niederen Gang schalten, der Motor röhrte auf und ab ging die Post. Tat man das ein paar Mal hintereinander, konnte man der Benzinuhr zusehen, wie sich der Zeiger gegen null hinbewegte.

Hinzu kam, dass die ungenaue, teigige Lenkung mit der rasanten Beschleunigung kaum mithalten konnte – entsprechendes Fahrkönnen war also Voraussetzung. Gut in Erinnerung sind mir auch noch die weit aufgerissenen Augen meines Klassenvorstandes, als ich einmal im Chevrolet zur Schule nach Klagenfurt fuhr: Gerade beim Einparken war neben mir auch Prof. Kropfitsch angekommen – er stieg, kopfschüttelnd, von seinem Fahrrad ab.

Der Spaß mit dem Chevrolet dauerte leider nur zwei Jahre, wegen der Erkrankung meines Vaters mussten wir den Wagen wieder verkaufen: Zwei Autohaie aus Wien kamen, erstanden ihn um lächerliches Geld – und ich musste mich mit einer Klasse tiefer begnügen: einem Renault 4. The King Is Dead – Long Live the King!

Der "Chevy" mit meinem Vater, mir, meiner Schwester und dem Käufer aus Wien (r.)
Der "Chevy" mit meinem Vater, mir, meiner Schwester und dem Käufer aus Wien (r.)
Privat

Mit dem Außenminister in New York

Meine erste richtige US-Erfahrung hatte ich dann im September 1978, als ich als Pressesekretär des damaligen Außenministers Willibald Pahr zur Generalversammlung der Vereinten Nationen nach New York fuhr. Ich weiß – oder besser: damals wusste ich es noch nicht –, New York ist nicht die USA, nur ein wichtiger Teil davon.

Doch ich war beeindruckt: von den riesigen Wolkenkratzern, den schnurgeraden Fahrbahnen, die die Metropole kreuz und quer durchfurchen, von den roten Ampeln, die Eingeborene - oder zumindest Erfahrene - ohne Mühe überschreiten. Kein Autofahrer würde, wie in Wien, hupen oder gar auf die Fußgänger losrasen.

Ein Jahr darauf machte ich mich in New York sesshaft. Derselbe Willibald Pahr hatte mir einen Job beim Österreichischen Presse- und Informationsdienst angeboten, bei dem ich in den nächsten fünf Jahren tätig sein sollte. Immer wieder verfasste ich auch Artikel für österreichische Zeitungen, wie etwa im Oktober 1980 für die Kärntner Tageszeitung über die Energiekrise, ausgelöst durch die Ölknappheit, die im Jahr davor begann:

Was dem Amerikaner erst seit der Irankrise dämmert, lässt jeden Europäer vor Wärme, die da verschwendet wird, erschaudern. Selbst im kalten Norden und Nordosten der Vereinigten Staaten gehören etwa Doppelfenster in Wohnhäusern zur Ausnahmeerscheinung.

Andererseits wird so kräftig geheizt, dass ein erträglicher Aufenthalt (auch in Banken, Supermärkten oder Restaurants) nur in kurzen Hosen und ebensolchen Hemden möglich ist. Der Autor hat in seiner Wohnung in Manhattan von fünf Heizkörpern gleich zu Beginn des Winters vier abgedreht. Der verbleibende heiße Heizkörper bekommt kräftige Unterstützung von wärmenden Wänden, hinter denen schlecht isolierte Heizungsstränge geführt werden.

Die New Yorker Dampfheizung lässt sich am ehesten noch, ohne böse Übertreibung, mit dem Wiener Gasnetz vergleichen. Nur: Im Unterschied zu diesem ist ausströmender Dampf nicht zu übersehen, wenngleich ungefährlicher. So dampft und zischt es denn alle paar hundert Meter aus irgendeinem Kanaldeckel, mal kommt die heiße Luft auch durch den Asphaltboden, der dann langsam in sich zusammen fällt ...

Außenminister Willibald Pahr mit seinem Pressesekretär Eugen Freund bei der UNO in New York
Außenminister Willibald Pahr mit seinem Pressesekretär Eugen Freund bei der UNO in New York
Privat

Zwischen Carter und Reagan

Natürlich schrieb ich auch über Präsidenten. Nach dem farblosen Jimmy Carter war der ehemalige, wenn auch nicht sehr erfolgreiche Hollywood-Schauspieler Ronald Reagan ein ganz anderes Kaliber. Seine schauspielerischen Erfahrungen deckten seine politischen Schwächen elegant zu. Im November 1982 kommentierte ich die kommenden Zwischenwahlen so:

Ronald Reagans Ausgangslage war klar: Gewinnen würde er bzw. seine republikanische Partei nicht. Die Frage war, mit welcher Verlusthöhe kann er noch behaupten, die Wähler würden seinen Kurs unterstützen. Die vergangenen zwei Jahre waren ein Sturmritt des Erfolgs gewesen. Weniger in den politischen Auswirkungen seiner Programme und Prognosen, als vielmehr in der Art, wie "Ronnie" Zweifler und politische Gegner für sich gewinnen konnte.

Trotz fehlender Mehrheit im Repräsentantenhaus hatte der Präsident fast alle Gesetzesvorlagen durchbringen können. Doch die Euphorie nach geschlagener Präsidentenschlacht schlägt bei Zwischenwahlen fast immer in Ernüchterung um. 15 bis 20 Kongressabgeordnete müssen im Durchschnitt nach zwei Jahren dafür büßen, dass der jeweilige Präsident die in ihn gesetzten Erwartungen nicht hat erfüllen können. Ronald Reagans fast ungebrochene Popularität, mehr aber noch sein sympathisches Auftreten, haben ihn sicher vor einem größeren Debakel bewahrt.

Als PRäsident beliebter denn als Schauspieler: Ronald Reagan, hier mit Ehefrau Nancy, 1982 nach einem Weekend in Camp David
Als PRäsident beliebter denn als Schauspieler: Ronald Reagan, hier mit Ehefrau Nancy, 1982 nach einem Weekend in Camp David
Reuters

Surfen auf dem East River

Auch die Freizeit sollte nicht zu kurz kommen. Ich hatte mir ein Surfbrett zugelegt, war einigermaßen routiniert damit. Eines Tages entschlossen wir uns ("wir", das waren mein ebenfalls sehr New-York-affiner Cousin Michael und ich), mit dem Surfbrett am Auto nach Brooklyn zu fahren und zu versuchen, dort im East River ein paar Runden zu drehen. Das Ganze vor der Skyline von Manhattan, bessere Fotos konnte es kaum geben. Das Profil druckte ein Bild und (m)einen Text ab, den ich aus dem Gedächtnis zitiere:

Nachdem der East River nach dem Abgang von UNO-Generalsekretär Waldheim verwaist ist, segelt jetzt der ehemalige ORF-Redakteur Eugen Freund auf dem Surfbrett zu seiner Arbeitsstätte. Er kommentierte sein Abenteuer so: "Weil unter den Lesern des Profil auch Frauen sind, möchte ich lieber nicht erwähnen, was ich alles im Fluss schwimmend gesehen habe …"

Eugen Freund segelt mit seinem Surfbrett vor der Skyline von Manhattan – und sieht "Unbeschreibliches"
Eugen Freund segelt mit seinem Surfbrett vor der Skyline von Manhattan – und sieht "Unbeschreibliches"
Privat

Interviews, die es gar nicht geben sollte

Kurz nach dem Amtsantritt von Bill Clinton, dem es gelang, einen amtierenden Präsidenten (George H. W. Bush) aus dem Weißen Haus zu vertreiben, arbeitete ich an einer Dokumentation, die aufzeigen sollte, wer die eigentliche Macht in den USA ausübt. Ich konzentrierte mich dabei – natürlich – auf den Präsidenten, den Kongress, den Obersten Gerichtshof und die Medien.

Von all diesen Institutionen wollte ich eine signifikante Persönlichkeit interviewen und wandte mich an das ORF-Büro in Washington. Als ich darum bat, mir einen Senator zu "organisieren", übermittelte man mir die Antwort des damaligen Büroleiters Klaus Emmerich: "Ein amerikanischer Senator spricht nicht mit einem österreichischen Journalisten. Die Erklärung dafür war, dass ausländische Medien absolut nichts zum Standing eines US-Politikers beitragen würden, und sie daher keinen Sinn darin sähen, die Zeit mit einem österreichischen Reporter zu verbringen.

Dass ich aufgrund persönlicher Beziehungen danach sowohl den damals bekanntesten Senator, Edward "Ted" Kennedy, und John Warner, der mit Hollywoodstar Elizabeth Taylor verheiratet war, vor das Mikrofon bringen konnte, hatte meine Beziehung zu Klaus Emmerich auch nicht gerade verbessert.

"Senatoren sprechen nicht mit österreichischen Journalisten": Senator Edward "Ted" Kennedy nach seinem Interview mit Eugen Freund
"Senatoren sprechen nicht mit österreichischen Journalisten": Senator Edward "Ted" Kennedy nach seinem Interview mit Eugen Freund
Privat

Begegnung mit Bill Clinton

Bill Clinton kam in meiner Berichterstattung (die ich ab 1995 als Washington-Korrespondent vor Ort aufgenommen hatte) natürlich hunderte Male vor. In einem außergewöhnlichen Umstand unterschied er sich jedoch von den meisten seiner Vorgänger. Im Dezember 1998 musste er sich einem Amtsenthebungsverfahren stellen. Anlass dafür waren sein "Verhältnis" mit einer Praktikantin und sein ebensolches zur Wahrheit ("I did not have sex with that woman, Ms. Lewinsky"). Darüber berichtete ich damals unter anderem so:

Was für ein schwarzer Freitag für Bill Clinton – nicht einmal die weiße Säule wollte ihm Platz machen: Es war tatsächlich ein symbolischer Anblick, wie da der amerikanische Präsident zum Podium schreitet, eine Kurve um den Bruchteil einer Sekunde zu früh nimmt, und mit seiner rechten Schulter in eine Säule des Weißen Hauses kracht – nur einen Augenblick, bevor er mit seiner Entschuldigungsrede oder Zerknirschungs-Rede oder Wiedergutmachungs-Rede oder Verzweiflungs-Rede beginnt.

Aber zu dem Zeitpunkt war der Zug bereits abgefahren. Ja, er nähert sich so unaufhaltsam und ungebremst dem Ziel, dass es herkulischer Anstrengungen bedürfen wird, ihn doch noch im letzten Augenblick zum Stehen zu bringen.

Das Amtsenthebungsverfahren ist eingeleitet, ein historischer Augenblick für die USA, schließlich hat es das in der über 200 Jahre alten Geschichte bislang erst dreimal gegeben. Bei Richard Nixon vor einem knappen Vierteljahrhundert hat die Abstimmung im Justizausschuss ausgereicht, den Präsidenten zum Rücktritt zu veranlassen, Bill Clinton wird es wohl bis zum Ende ausfechten …
Und er hat. Und blieb – bis heute – einer der populärsten Präsidenten.

Jeder Korrespondent möchte natürlich den mächtigsten Mann der Welt interviewen. Doch für ihn gilt – mehr noch als für Senatoren – das "Emmerich-Diktum": Ein US-Politiker spricht nicht mit einem österreichischen Journalisten. Aber einmal hatte ich Glück.

Clinton, gerade erst Ex-Präsident geworden, stellte sich nach einem Vortrag den Medien. Weil sein Nachfolger George W. Bush nach seinem ersten Treffen mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin von ihm geschwärmt hatte ("Ich blickte ihm in die Augen und sah seine Seele …") fragte ich Clinton, ob er einen ähnlichen Eindruck von seinem Gegenüber hatte. "Ich will mich jetzt nicht mehr in die Politik einmischen", erwiderte der lachend und griff meinen Unterarm. "Ich will nur, dass wir gute Beziehungen zu Russland haben!"

Hat Bill Clinton ebenfalls Putins Seele gesehen? Der Alt-Präsident wollte darauf keine Antwort geben …
Hat Bill Clinton ebenfalls Putins Seele gesehen? Der Alt-Präsident wollte darauf keine Antwort geben …
Privat

Jahrhundert-Trauma 9/11

Von all den Ereignissen, die die USA in meiner Zeit als Berichterstatter prägten, ist mir natürlich der 11. September 2001 in schlimmster Erinnerung geblieben. Ich war gerade erst als Korrespondent nach Wien zurückgekehrt, hatte zumindest einen provisorischen Schreibtisch zugewiesen bekommen, niemand wusste so richtig, was mit mir anzufangen sei.

Am 11. September begann, wie immer, die Nachmittags-Konferenz um 14.30 Uhr. Ein paar Minuten danach bemerkte ich, dass das TV-Gerät nicht eingeschaltet war, auf dem fast immer CNN lief. Ich schaltete es ein und plötzlich erschien dort eine Ultra-Nahaufnahme eines brennenden Gebäudes. "Das ist das World Trade Center", rief ich in die Runde. Wir alle starrten auf den Bildschirm.

Kurz danach lief Hannelore Veit ins Studio, das laufende Programm wurde unterbrochen und Hannelore schilderte, was man bisher wusste. Nach einer kurzen Unterbrechung kam sie wieder ins Bild und verkündete die mittlerweile legendären Worte: Wir melden uns für eine kurze Sondersendung zurück.“ Daraus wurde die längste Info-Berichterstattung, die der ORF jemals auf Sendung brachte.

Und ich war auch dabei. Denn zuvor hatte eine Sekretärin mir mitgeteilt, ich solle ins Studio kommen, um als Übersetzer auszuhelfen. "Ich bin ja kein Dolmetscher", erklärte ich. Und das war ich dann auch die nächsten Stunden nicht, denn mein langer Aufenthalt in New York, auch die Flüge vorbei am World Trade Center, verschafften mir eine Expertise, die ich in die Live-Übertragung einbringen konnte.

Erklärten am 11. September 2001 den TV-Zusehern das Unerklärliche: ORF-Anchors Hannelore Veit und Eugen Freund
Erklärten am 11. September 2001 den TV-Zusehern das Unerklärliche: ORF-Anchors Hannelore Veit und Eugen Freund
Privat

Und schließlich die USA unter Trump

Bis jetzt ist es mir gelungen, ohne den Namen des derzeitigen Mannes im Weißen Haus auszukommen. Und doch wird das nicht bis zum Ende funktionieren. Denn kaum ein Präsident in der 250-jährigen Geschichte der Vereinigten Staaten hat, oder sagen wir: in den vergangenen 100 Jahren der USA, hat sein Land so sehr verändert wie der bislang älteste Bewohner des Weißen Hauses.

Doch noch wesentlicher ist die Frage: Wie sehr wird er es bis zum Ende seiner Amtszeit (und das wird kommen, sooner rather than later) noch so ummodeln, dass vieles, was dieses Land ausgemacht hat, nicht mehr erkennbar sein wird. Das betrifft alles, was mit Einwanderung zu tun hat – wenn es nach diesem Präsidenten ginge, hätte nicht einmal sein Großvater aus Deutschland seinen Fuß an Land setzen dürfen; mit der Deportation, mit dem Auftreten von Polizei und sonstigen Einsatzkräften, mit der Unabhängigkeit der Justiz, mit der Rechtsstaatlichkeit, mit der Freiheit der Medien, mit dem Zugang der Bürger zu Wahlurnen, und vielem mehr.

Sieht das Ende von Donald Trumps zweiter Amtszeit "eher früher als später": Eugen Freund an seiner alten Wirkungsstätte in Washington
Sieht das Ende von Donald Trumps zweiter Amtszeit "eher früher als später": Eugen Freund an seiner alten Wirkungsstätte in Washington
Eugen Freund

Selbst über die Ausrufung von Kriegserklärungen, die eines Beschlusses des Kongresses bedürfen, setzt er sich hinweg. Sein erratisches Verhalten wird mit zunehmendem Alter immer schwerwiegender – und auch immer schwerer vorauszusagen. Die bange Frage lautet: Wird ihn noch jemand daran hindern, seinen Finger irgendwann auf jenen Knopf zu legen, der einen Atomangriff auslösen kann? Man kann es nur hoffen.

In diesem Sinne: Happy Birthday, United States of America!

Eugen Freund war - mit Unterbrechungen - von 1974 bis 2013 Journalist im ORF. Von 2014 bis 2019 war er Abgeordneter im Europäischen Parlament. Sein jüngstes Buch "Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg – wie Europa und die USA auseinanderdriften" erschien im Oktober 2025 (Wieser Verlag, Klagenfurt). 

Weitere Artikel von Eugen Freund

Eugen Freund
Akt. 30.06.2026 21:38 Uhr