Sebastian Kurz versammelte Milliardäre, Politiker und Tech-Influencer zu einer Konferenz in Seefeld. Reden will keiner darüber. Auch Deutschlands Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Österreichs Digitalstaatssekretär Alexander Pröll nicht. Das hat nun Folgen.

Ein Luxushotel in den Alpen, eine geheimnisvolle Gästeschar aus Milliardären, Wirtschaftsmagnaten, ehemaligen und aktiven Ministern und Staatschefs aus mindestens sechs verschiedenen Ländern sowie Protagonisten aus dem Geheimdienstumfeld, ein dreitägiger Gedankenaustausch hinter verschlossenen Türen, eine Verschwiegenheitsvereinbarung, die jeder Teilnehmer unterzeichnen musste.
Was klingt wie ein Auszug aus dem Drehbuch für den nächsten James-Bond-Film, fand tatsächlich vergangenen Oktober im idyllischen Seefeld in Tirol statt. Auf Einladung von Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz und des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, kamen 80 Gäste aus aller Welt zu einem klandestinen Treffen namens "Moving Mountains" zusammen.
Aber, während die meisten der Gäste das Treffen wahrscheinlich längst abgehakt haben, hat es für zwei Politiker jetzt ein Nachspiel. Denn sowohl der österreichische Digitalstaatssekretär Alexander Pröll von der ÖVP, als auch die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nahmen ebenfalls an dem Event teil. Und müssen sich deshalb nun vor ihren Parlamenten verantworten.
Aber während in Österreich der Bundeskanzler seinem Staatssekretär gegen unangenehme Fragen der Opposition "die Mauer macht", reagiert Reiche in Berlin schmallippig. Das belegen vertrauliche Gesprächsprotokolle aus einer Befragung durch einen Bundestagsausschuss, die diese Woche publik wurden.
Was mittlerweile – trotz Geheimhalte-Klausel – über das "Moving Mountains"-Event und seine Teilnehmer bekannt geworden ist, was dort drei Tage lang hinter verschlossenen Türen besprochen wurde und weshalb zwei aktuelle Politiker deshalb jetzt einige unangenehme Fragen beantworten müssen – das gilt es über Sebastian Kurz' Geheimtreffen in den Alpen zu wissen:

Worum geht es?
Um ein Event namens "Moving Mountains", das von 3. bis 5. Oktober 2025 in Seefeld in Tirol stattgefunden hat. Es wurde vom ehemaligen österreichischen ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz und dem früheren deutschen Finanz- und später Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) organisiert.
Was ist "Moving Mountains"?
Das Event sollte offenbar einem Gedankenaustausch von wirtschaftlichen und politischen Eliten zu aktuellen wirtschafts-, sicherheits- und geopolitischen Themen dienen. Ein Schwerpunkt der Debatte sollte demnach dem Thema Künstliche Intelligenz (KI) gelten, weshalb die Eigenschreibweise des Events auch "Moving MountAIns" ist – das großgeschriebene AI steht für Artificial Intelligence, also KI. Aber so wirklich weiß man das nicht.
Wo fand das Event statt?
Im Luxushotel "Alpin Resort Sacher" in Seefeld nordwestlich von Innsbruck, das bis 2022 "Hotel Astoria" hieß und der Wiener Hotelierfamilie Gürtler gehört. Geschäftsführer des "Alpin Resort Sacher" ist Matthias Winkler, Ehemann von Alexandra Gürtler und von 2000 bis 2007 Kabinettschef des damaligen Finanzministers Karl-Heinz Grasser.
Wie viele Personen waren zu "Moving Mountains" eingeladen?
Laut Profil, das als erstes Medium Ende Oktober über die Zusammenkunft berichtet hat, seien etwa 80 Personen eingeladen gewesen, von denen einige mit ihren Familien nach Tirol anreisten.
Kamen alle Gäste mit Privatjets?
Jedenfalls sehr viele. Gelandet wurde meist in Innsbruck oder auch in München, weiter ging es dann mit Limousinen nach Seefeld.
Was weiß man über die Programmpunkte des Treffens?
Sehr wenig. Bekannt ist nur, dass es jeden Tag Keynotes und Diskussionen gegeben habe, schreibt Profil. Laut Spiegel sei im Programmheft des Events von "sechs intensiven intellektuellen Sitzungen" die Rede. Dabei sollten Themen besprochen werden, "die unsere Zeit prägen – vom Potenzial künstlicher Intelligenz bis hin zum Wandel der geopolitischen Ordnung".

Klingt nach "ein wenig von allem" …
Der griechische Verteidigungsminister Dendias wurde etwas konkreter. Er schrieb in einer Aussendung: "Im Rahmen des Treffens (...) werden unter anderem die modernen Sicherheitsherausforderungen sowie die Entwicklung von Innovation und künstlicher Intelligenz in Dual-Use-Produkten diskutiert".
Und Dual-Use Produkte sind …?
"Güter mit doppeltem Verwendungszweck, sind Güter (Waren, Software und Technologie), die aufgrund ihrer technischen Spezifikationen sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden können", so das Wirtschaftsministerium auf seiner Website. Ihre Ausfuhr unterliegt strengen Kontrollen durch die EU.
Und was taten die Familien der Diskutanten, während diskutiert wurde?
Für die hätte es ein eigenes Beschäftigungsprogramm gegeben, so Profil: Wandern, Ausflüge, Kutschenfahrten. Dazu kommt, dass das Tiroler "Sacher" einen der schönsten Hotel-Wellnessbereiche des ganzen Landes für seine Gäste bereithält.
Aber weshalb ist nicht mehr über die Inhalte der Gespräche bekannt?
Weil für die gesamte Veranstaltung die sogenannte Chatham-House-Regel gegolten hätte, wie ein Beteiligter hinterher erklärte. Das israelische Online-Medium Shomrim berichtete zudem, dass alle Gäste von "Moving Mountain" eine Vertraulichkeitsvereinbarung über die Inhalte unterzeichnen mussten. Die meisten der Anwesenden gaben hinterher nicht einmal zu, dass sie dabei gewesen sind.
Was ist mit Staatssekretär Alexander Pröll?
Er gibt schon zu, dass er in Seefeld dabei gewesen ist, will aber die gesamte Reise als Privatmann unternommen und auch aus seiner eigenen Tasche bezahlt haben.
Weshalb weiß man das?
Weil die Grünen im Parlament eine Anfrage an das Bundeskanzleramt gestellt haben (dort ist Prölls Staatssekretariat angesiedelt). Sie wollten etwa wissen, in welchem Zusammenhang das für Digitalisierung verantwortliche Regierungsmitglied bei einer Veranstaltung aufgetreten ist, bei der es u.a. um Künstliche Intelligenz gegangen ist.
Und?
Bundeskanzler Christian Stocker erklärte, dass "private Termine keinen Teil der Vollziehung darstellen". Sollte heißen, Prölls Teilnahme in Seefeld sein privat gewesen und nicht für die Bundesregierung erfolgt.
Was sagt Pröll selbst?
Er ließ ein Statement verlautbaren, wonach seine persönliche Assistentin nur kurz mit dem Organisationsteam in Kontakt gestanden sei und ihn für die Veranstaltung registriert hätte. Darüber hinaus seien "keinerlei personelle, finanzielle oder sonstige Ressourcen des Bundeskanzleramts zum Einsatz" gekommen. "Sämtliche Kosten der Reise und Teilnahme wurden zudem von Pröll persönlich getragen."

Kann man als für ein Thema verantwortlicher Politiker überhaupt "privat" auf eine Veranstaltung gehen, bei der es um ebendieses Thema geht?
Das ist die Frage. Vor allem aber: Es ist vor allem rätselhaft, warum Pröll und andere Politiker nicht einfach sagen, was Sache ist.
Wie ist die Wahrnehmung bezüglich der Teilnahme bei der deutschen Ministerin Katherina Reiche?
In vielen Bereichen anders als bei Pröll. Denn Reiche ist einerseits seit April 2025 die offizielle Lebensgefährtin von Co-Veranstalter Karl-Theodor zu Guttenberg. Und andererseits steht sie als Wirtschaftsministerin wesentlich mehr im Fokus der Aufmerksamkeit.
Was heißt das konkret?
Auch in Berlin haben die Grünen eine parlamentarische Anfrage gestellt. Sie sehen einen Interessenkonflikt, weil Guttenberg als Unternehmer und Mitorganisator des Treffens davon profitiert haben könnte, dass Reiche das Treffen durch ihre Anwesenheit aufgewertet hat. Deswegen fand auch letzten Mittwoch, dem 14. Jänner, eine Sitzung des Wirtschafts- und Energieausschusses im Bundestag statt, bei der sich die Ministerin den Fragen der Abgeordneten stellen musste.
Wie lief die Befragung?
Suboptimal, könnte man sagen. Das geht aus einem vertraulichen Wortprotokoll der Befragung hervor, das dem Spiegel vorliegt.
Wie argumentiert die Ministerin?
Auch Katherina Reiche sagt, dass ihre Anwesenheit in Seefeld rein privater Natur gewesen sei – als Begleitung ihres Partners Guttenberg. Dabei agierte sie allerdings, laut Spiegel, auffallend genervt und dünnhäutig.
Was ist damit gemeint?
Katherina Reiche echauffierte sich laut Protokoll über "die Diskussion, die hier geführt wird". Denn man versuche "einer amtierenden Ministerin zu untersagen, sich im privaten Rahmen mit irgendjemandem auszutauschen".
Noch einmal: Kann ein amtierendes Regierungsmitglied überhaupt "privat" zu solch einer Veranstaltung gehen?
Das ist bei dieser Diskussion die entscheidende Frage. Wobei hier allerdings noch der Vorwurf im Raum steht, dass die Ministerin kraft ihres Amtes ihrem Partner als Veranstalter möglicherweise einen Vorteil verschafft haben könnte, was tatsächlich einen Interessenkonflikt darstellen würde.
Was spricht gegen das "ich war privat da"-Argument?
Etwa dass Reiche im 78-seitigen Programmheft des Treffens als "Ihre Exzellenz Katherina Reiche, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie" vorgestellt wird, inklusive eines kurzen Lebenslaufs.

Was sagt die Guttenberg-Partnerin dazu?
Reiche findet, dies habe "privaten Charakter". Und dass bei "informellen privaten Veranstaltungen" solche Hefte gereicht würden, sei "üblich" und "eine Form der Höflichkeit". Und dann schnauzte die Ministerin laut Protokoll die Parlamentarier an: "Wo Sie unterwegs sind, weiß ich nicht. Da, wo ich unterwegs bin, ist das üblich."
Gibt es noch andere Hinweise darauf, dass die Ministerin dienstlich in Tirol war?
Zumindest Indizien. Denn obwohl sie es nicht direkt sagt, deuten alle ihre Aussagen darauf hin, dass sie sich mit ihrem Dienstwagen und von ihrem Chauffeur nach Seefeld fahren ließ. Und damit, so der Grüne Abgeordnete Michael Kellner, hätte sie "selbstverständlich Ressourcen des Ministeriums genutzt und auch öffentliche Kosten verursacht".
Wie geht es jetzt weiter?
Reiche steht nicht nur wegen ihres Seefeld-Trips per Dienstwagen, sondern auch wegen einer Förderung ihres Ministeriums für ein Unternehmen, an dem ihr Partner Guttenberg beteiligt ist, im Scheinwerfer.
Weiß man eigentlich, wie Staatssekretär Pröll nach Seefeld gekommen ist?
Ebenfalls mit seinem Dienstwagen. Aber wie Pröll betont, stünde ihm (wie auch Reiche) eine private Nutzung des Dienstwagens zu: "Den Mitgliedern der Bundesregierung und den Staatssekretären steht der Dienstwagen gemäß § 9 Bundesbezügegesetz auch zur privaten Benützung zur Verfügung. Dafür leisten sie einen im Gesetz genannten festgelegten finanziellen Beitrag."