Sein Opa wanderte aus Italien ein, mit nichts in der Hand, wie die Mexikaner heute. Trotzdem macht Greg Bovino Jagd auf sie und tritt dabei auf wie ein Nazi-Offizier in einem Hollywood-Film. Wer ist der Mann, der uns jetzt täglich in den News begegnet?

An den Kinokassen war "The Border" ein Flop. Trotz Starbesetzung spielte der Action-Reißer "Grenzgänger", so der deutsche Titel, nur 6,1 Millionen US-Dollar ein, kaum mehr als ein Viertel der Produktionskosten. Und das trotz Jack Nicholson und Harvey Keitel als "Charlie" und "Cat" in den Hauptrollen.
Die beiden Hollywood-Haudegen spielen Grenzsoldaten, ihre Patrouille soll in Texas Menschen aus Mexiko am Übertritt in die USA hindern. Der Job wird ohne Empathie und Skrupel erledigt, die Behörde, für die sie arbeiten, ist von Korruption durchsetzt. Weil er in Geldnöten steckt, macht Charlie bei den Machenschaften von Cat mit.
Als der Film 1982 in Blowing Rock, North Carolina, ins Kino kommt, sitzt ein Stöpsel mit großen Augen vor der Leinwand: Er fühlt sich von den Helden des Films gleichzeitig angezogen und abgestoßen. Das Kino verlässt er in Wut. Zu diesem Zeitpunkt ist Gregory Bovino elf Jahre alt.
44 Jahre später stapft Bovino durch den Schnee von Minneapolis und sieht dabei aus wie ein SS-Offizier im Nazi-Deutschland. "Gestapo-Greg" nennen ihn die Medien. Die Haare an den Seiten zum Undercut geraspelt, der lange Mantel, der kalte Blick, das alles kommt nicht von ungefähr. Hier soll ein Auftritt Angst verbreiten. Und er verbreitet Angst.

Gregory Bovino ist Kommandant der U.S. Border Patrol, Trumps Schwert gegen die Migration. Nach den Todesschüssen auf einen Krankenpfleger hat der US-Präsident seinen Schwertführer nun abgezogen, allerdings nicht abberufen. Was Sie über den Mann fürs ganz Grobe wissen sollten:
Von wem ist hier die Rede?
Gregory Bovino ist derzeit Teil jeder Nachrichtensendung auf der Welt. Er leitet den brutalen Einsatz gegen irreguläre Migranten und alle, die für irreguläre Migranten gehalten werden, in Minneapolis. Dabei erschossen Bundesagenten zuletzt zwei Menschen.
Was ist passiert?
Am 7. Januar stoppen Agenten der CBP einen kastanienbraunen SUV. In dem Wagen sitzt Renee Nicole Good, Mutter einer 15-jährigen Tochter und von zwei Buben, zwölf und sechs Jahre alt. Die Intensivkrankenschwester möchte wegfahren, lenkt den Wagen nach rechts ein. Als sie Gas gibt, schießt ein Beamter von vorn durch die Scheibe auf sie, Good stirbt.
Und der zweite Vorfall?
Am 24. Jänner steht der 37-jährige Krankenpfleger Alex Pretti am Straßenrand und filmt einen Einsatz des Department of Homeland Security (DHS). Als die Beamten auf zwei Frauen losgehen, greift Pretti ein, wird zu Boden gestoßen, dann werden zehn Schüsse auf ihn abgegeben. Auch er stirbt.
Warum sorgen die Todesschüsse für weltweite Empörung?
Weil es umfangreiches Videomaterial gibt, gefilmt von Augenzeugen mit Handys aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Deshalb ist auch in beiden Fällen schnell klar, dass die Versionen der Behörden nicht haltbar sind.

Was wird behauptet?
Renee Nicole Good soll auf die Beamten losgefahren sein, die Schüsse seien in Notwehr abgegeben worden. Videos belegen aber, dass die dreifache Mutter nicht den Agenten vor ihrem Wagen anvisiert hatte, sondern rechts an ihm vorbeifahren wollte.
Und bei Alex Pretti?
Er war tatsächlich bewaffnet, besaß aber einen Waffenpass, die Pistole steckte in einem Holster. Als er zu Boden gerungen wurde, nahm ihm einer der sechs Agenten die Waffe ab, erst dann fielen die Todesschüsse. Auch hier kann von Notwehr nicht die Rede sein.
Werden die Todesschützen vor Gericht gestellt?
Das ist derzeit noch unklar. Die Beamten "genießen bei der Ausübung Ihrer Pflichten Immunität auf Bundesebene", sagt Trump-Berater Stephen Miller. "Jeder, der versucht, Sie aufzuhalten oder zu behindern, begeht eine Straftat".
Ist das so?
Der "Supremacy Clause" schützt Bundesbeamte tatsächlich bei der Ausübung ihrer Pflichten generell vor strafrechtlicher Verfolgung durch die Bundesstaaten. Es gibt allerdings zwei widersprüchliche Auslegungen. Was nun passiert, ist also offen.
Wie reagierte Trump?
Zunächst mit der üblichen Rhetorik, er verteidigte den Einsatz, aber diesmal unterschätzte er die Welle. Am Montag rief er dann Tim Walz an, demokratischer Gouverneur von Minnesota, und kündigte eine Überprüfung der Vorgänge an. Immer noch sehr vage, aber es passierte noch etwas.

Nämlich?
Er entmachtete Kristi Noem, Hardliner-Ministerin für Heimatschutz, und zog Gregory Bovino am Dienstag vom Einsatz in Minneapolis ab. Auch sein Zugang zum offiziellen Social-Media-Konto auf X wurde laut CNN gesperrt. Hier hatte Bovino etwa behauptet, Pretti hätte Bundesbeamte angegriffen.
Ist das ein Schuldeingeständnis?
Nein, das wird man von Trump nie bekommen. Seine Politik-"Philosophie" lautet: "Immer attackieren, alles leugnen, und Niederlagen ja nicht zugeben, niemals."
Wer übernimmt nun in Minneapolis?
Tom Homan, der Grenzschutz-Zar. Ebenfalls ein Migrationsgegner, ebenfalls ein Befürworter einer harten Haltung, aber mutmaßlich geschickter im Umgang mit der Öffentlichkeit.
Was ist der Unterschied zwischen ICE, DHS, CBP?
An sich gibt es bei Behörden klare Zuständigkeiten, im Trump-Amerika aber verschwimmen die Kompetenzen ineinander. Selbst für öffentliche Stellen ist es mitunter schwer, die Truppen auseinanderzuhalten.
Und wie ist das jetzt?
Kernstück ist das Department of Homeland Security. Das DHS ist das zentrale Ministerium für die innere Sicherheit in den USA. Ihm unterstehen sechs "Unterbehörden" (auch der Secret Service). Zwei davon spielen gegenwärtig eine zentrale Rolle.

Welche?
Die Customs and Border Protection (CBP) ist die eine Unterbehörde, sie soll die US-Außengrenzen schützen, vor allem Richtung Mexiko. Die zweite Unterbehörde ist das nun häufig genannte Immigration and Customs Enforcement (ICE), es soll die Einwanderungsgesetze durchsetzen.
Und wovon ist Bovino nun der Chef?
Er ist "Commander‑at‑Large" der U.S. Border Patrol. Dabei handelt es sich um eine Spezialeinheit innerhalb der Customs and Border Protection (CBP). Sein Job ist es, Einsätze der Border Patrol zu koordinieren.
Wie bekam er den Job?
Das hat eine lange familiäre Vorgeschichte und sie legt nahe: Bovino müsste sich eigentlich selbst abschieben. Seine Vorfahren waren Migranten, ihr Hintergrund unterscheidet sich nur wenig von jenem der Mexikaner, die Bovino heute jagte. Die Chicago Sun-Times hat den Lebensweg penibel nachgezeichnet.
Was hat nun der Film "The Boarder" mit seiner Karriere zu tun?
Bovino war als Bub bitter enttäuscht über die korrupten Beamten im Kino. In einem Podcast sagte er 2021, er sei der Grenzpatrouille 1996 beigetreten, um zu zeigen, dass er das Gegenteil war – ein guter Grenzpolizist. "Die Sicherung der Grenze ist meine persönliche Verantwortung."
Wurde er ein "guter Grenzpolizist"?
Jenn Butt sieht das nicht so. Die ehemalige leitende Grenzschutzbeamtin kritisiert sein extravagantes Auftreten, die Kamerateams, die Bovino bei Razzien begleiten, um Videos von aggressiven Aktionen gegen Einwanderer zu produzieren und zu verbreiten.

Was sagt sie über den Korpsgeist der Truppe?
Sie sieht eine institutionelle Kultur des grassierenden Sexismus und des Rassismus. Bovino vertrete rechtsgerichtete Ansichten, die unter Grenzschutzbeamten weit verbreitet seien. "Er ist nur ein kleiner Napoleon, der dich glauben lassen will, er sei ein Held, moralisch tadellos und der fähigste Mann der Welt, und dass alles um dich herum gefährlich ist", sagte sie in einem Interview.
Woher stammt die Familie?
Bovinos Großvater war Arbeiter, er wanderte 1909 aus Kalabrien in Süditalien in das Kohlegebiet von Pennsylvania aus. Da hieß er noch Michele, später nahm er den amerikanisch klingenden Namen Michael an.
Was war mit seiner Familie?
Seine Frau Luigia und die vier Kinder blieben in ihrem ländlichen Bergdorf Aprigliano zurück und kamen erst viele Jahre später mit dem Dampfschiff SS Giuseppe Verdi nach.
Welche Wendung nahm die Familiengeschichte?
1981 raste Bovinos Vater Mike mit seinem Lastwagen in Blowing Rock eine 26-jährige Frau in einem Auto tot. Der Barbesitzer war sturzbetrunken. "Ich hatte zwei, vielleicht drei Sixpacks Bier", sagte er in seiner Einvernahme. Trotzdem musste er nur für vier Monate ins Gefängnis.
Was löste der Alko-Unfall aus?
Der Ehemann des Opfers klagte, Bovino verlor seine Bar, sein Grundstück, seine Ehefrau. Sie bekam das Sorgerecht.

Was blieb ihm?
Laut Recherchen der Chicago Sun-Times bat er den Richter nur um ein paar Gegenstände: den Billardtisch, Werkzeuge, Rasenmäher, einen Bierzapfhahn, drei Koffer, einen Farbfernseher, drei Babyfotos, Bücher, einen Tennisschläger, eine Eistruhe, eine Jukebox mit Schallplatten und eine Kaminuhr. Sein Sohn Greg war damals 14 Jahre alt.
Was wurde aus dem Teenager?
Greg war unter den Kleinsten seiner Klasse, auch heute ist er nur 1 Meter 63 groß. Er engagierte sich als Ringer im Wrestling-Team, war von Giftschlangen fasziniert. Er machte einen Bachelor in Naturschutz, einen Master in öffentlicher Verwaltung, wurde Polizist und wechselte dann zur Grenzpolizei.
Wie machte er Karriere?
Rasch, er galt schnell als gnadenlos, aber je höher er aufstieg, desto weniger Spuren finden sich davon. Die Grenzschutzbehörde wurde sein Leben, die "Grüne Maschine" nannte er sie wegen der Uniform, sie sei "seine Familie" sagt er in dem Podcast. Slogan: "Ehre zuerst".
Wie sieht Jenn Bud das?
"Die Grenzpolizei ist wie eine Sekte. Sie sagen, wir bluten grün und wir beschützen uns immer gegenseitig", sagt die ehemalige Grenzschutzbeamtin. "Die meisten Beamten sind Menschen mit einem sehr geringen Selbstwertgefühl." Vor drei Jahren erschien ihr Buch zum Thema: "Gegen die Mauer: Mein Weg vom Grenzschutzbeamten zum Aktivisten für Einwandererrechte".

Warum ist das so?
Die Behörde habe niedrige Standards bei der Aufnahme neuer Rekruten, überprüfe die Einstellungen nicht gründlich genug und wende routinemäßig übermäßige Gewalt an", sagte Bud zur Chicago Sun-Times. Festgenommene Migranten werden als "Tonks" bezeichnet – das Geräusch, das entsteht, wenn Beamte mit Taschenlampen auf Köpfe schlagen.
Wie wurde Bovino bekannt?
Er drängte früh ins Rampenlicht. Einmal lud er Reporter ein, sie sollten ihm dabei zusehen, wie er in Südkalifornien durch einen betonierten Bewässerungskanal mit starker Strömung schwimmt. Die Bilder sollten eine Abschreckung für Migranten sein.
Wie verlief die Karriere?
Es war eine Hochschaubahnfahrt. Bovino wurde bestellt und abgesetzt. Er eckte an, schrieb unangemessene Tweets, zeigte sich auf einem Online-Profilbild mit einem M4-Sturmgewehr, stand 2023 vor der Zwangspensionierung.
Dazu kam es wohl nicht?
Nein, im Gegenteil. Im Oktober 2025 wurde Greg Bovino "Commander‑at‑Large", eine Bezeichnung, die es eigentlich nicht gibt. Er agiert seither außerhalb der Kommandostruktur, berichtet direkt an Heimatministerin Kristi Noem, das macht ihn so machtvoll.

Wie kam es dazu?
Spätestens im September, einen Monat vor seiner Beförderung, nahm die US-Öffentlichkeit Notiz von Bovino. Trump begann, bewaffnete Einheiten in Städte zu schicken, die er als bedroht ansah. Der leidenschaftliche Grenzpolizist war sein richtiger Mann dafür.
Was passierte?
Bovino leitete die "Operation Midway Blitz" in Chicago, warf eine Tränengasbombe in eine Gruppe Demonstranten, setzte chemische Kampfstoffe ein, befahl, dass sich Agenten von einem Black-Hawk-Hubschrauber auf ein Wohnhaus abseilten. Die Show zählte.
Dann kam Los Angeles?
Spätestens in Kalifornien trat Bovino wie ein SS-Offizier in einem Hollywoodfilm auf, nicht nur optisch. Er ließ seine Agenten Autoscheiben einschlagen und Haustüren aufsprengen. Als Einziger ohne Maske fiel er in der Gruppe der vermummten Agenten auf, sein Auftreten in "Nazi-Ästhetik" tat das Übrige. Er wurde das Gesicht der Remigration.
Dann kam Minneapolis?
Bovino erzeugte bewusst martialische Bilder und er genoss es, darin die Hauptrolle zu spielen. Er fühlte sich immer mächtiger, was gesät worden war, wuchs sich aus. Dann kamen die Schüsse und die zwei Toten. Die Stimmung drehte sich. Die Frage ist, wohin?