Dauert der Angriff auf den Iran länger, werden die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft massiv sein. Auch Österreich wird das spüren. An Tankstellen, im Supermarkt, überall im Alltag werden die Preise (wieder einmal) steigen. Warum es für Panik aber zu früh sein könnte.

Die entscheidende Frage für eine Analyse lässt sich momentan nur unentschieden beantworten: wie lange dauert der Konflikt? Tatsächlich vier Wochen, wie Donald Trump gesagt hat? Es ist zu bedenken, dass der US-Präsident auch in seinen Aussagen zum Iran-Konflikt etwas volatil ist, das zeigte sich etwa bei der Bekanntgabe der eigenen Kriegsziele.
Ein paar Tage, Wochen, viel länger, das kann einen himmelhohen Unterschied ausmachen, darüber sind sich alle einig. Kurzfristige Schwankungen bei den Liefermengen etwa von Öl oder Gas können ausgeglichen werden, ein langfristiger Krieg aber würde die Wirtschaft durchschütteln und das weltweit.
Österreich spürt jetzt schon die Auswirkungen beim Sprit, aber natürlich macht teures Öl zunächst den Transport teurer und in der Folge viele Produkte. Das würde die Inflation, die mühsam auf zwei Prozent im Februar gedrückt wurde, neu anheizen. Was sich zur Entwicklung jetzt schon sagen lässt, was nicht:
Wie ist das mit dem Öl?
Hier spielt die Straße von Hormus eine entscheidende Rolle. Der Iran hat eine Blockade angekündigt, auch von einer Verminung ist die Rede. Durch diese schmale Wasserstraße schlängeln sich 31 Prozent aller per Schiff transportierten Rohölmengen der Erde.

Und andersrum?
Die USA schätzen, dass 2024 rund 84 Prozent des Rohöls und Kondensats sowie 83 Prozent des Flüssigerdgases für die asiatischen Märkte über diesen Flaschenhals befördert wurden.
Das heißt, Asien wird hart getroffen?
Ja, 75 Prozent der japanischen Ölimporte und rund 70 Prozent der koreanischen Ölimporte stammen aus dem Nahen Osten, bei Indien sind es 60 Prozent. China ist der weltweit größte Rohölimporteur und kauft mehr als 80 Prozent des iranischen Öls.
Von welchen Mengen reden wir hier?
Laut dem Energieberatungsunternehmen Kpler wurden 2025 täglich rund 13 Millionen Barrel Öl durch die Straße von Hormuz gelotst. Das sind fast 2,1 Milliarden Liter. Sehr grob gerechnet: Damit könnte man 35 Millionen Autos mit einem 60-Liter-Tank auffüllen.
Ist eine Preisexplosion fix?
Nein, kurzfristige Schwankungen bei den Liefermengen könnten die Länder der OPEC+ auffangen. Bei einem längerfristigen Krieg sind die Auswirkungen aber massiv.
Gibt es Anzeichen für eine Erhöhung der Liefermenge?
Der Kriegsbeginn hat die Entwicklung umgedreht. Zuletzt war eine der Hauptsorgen, dass die Welt deutlich mehr Öl produzierte als benötigt wurde. Dieses Überangebot dürfte Preisanstiege zumindest vorübergehend dämpfen. Tatsächlich kündigte die OPEC+ am Sonntag an, die Fördermenge im April moderat zu erhöhen.

Wie schaut es momentan aus?
Am Dienstagabend lag der Preis für ein Barrel Brent-Rohöl, der globalen Referenzsorte, bei rund 78,7 US-Dollar. Das ist ein deutlicher Anstieg seit der vergangenen Woche. Am 26. Februar lag der Preis noch bei 70 Euro.
Aber?
Es gab innerhalb eines Tages zuletzt starke Schwankungen, auch am Dienstag. Zwischendurch kletterte der Preis auf 85 Dollar. Die nächsten Tage werden zeigen, ob sich ein Trend daraus entwickelt. Und ob er massiv nach oben zeigt.
Wohin kann die Reise gehen?
Dauert der Krieg länger, dann werden wir die Marke von 100 Dollar pro Barrel Rohöl erreichen. Während des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine erreichten die Ölpreise aufgrund der damaligen Abhängigkeit Europas von russischer Energie 130 Dollar.
Was ist die Konsequenz?
Ein Anstieg des Ölpreises um 10 US-Dollar kann die Inflation um 0,3 bis 0,4 Prozent erhöhen, rechnet das Beratungsunternehmen JPMorgan Chase vor.
Welche Rolle spielt der Iran in der Ölproduktion?
Er produziert täglich rund 3,6 Millionen Barrel Öl, was etwa 3,5 Prozent der globalen Produktion entspricht. Werden hier Ölanlagen zerstört, dann hat das Auswirkungen über Jahre.

Was bedeutet das an den Zapfsäulen?
Als Faustregel gilt: "Steigt der Ölpreis um 10 Dollar pro Barrel, so steigt der Benzinpreis, den die Verbraucher an ihren örtlichen Tankstellen sehen, um 20 bis 30 Cent pro Gallone, sagte Amy Myers Jaffe von New York University zur Times. Eine Gallone sind etwa 3,8 Liter. Ein Liter Sprit würde in Österreich also um 5 bis 6 Cent pro Liter teurer werden.
Ist das schon zu bemerken?
Aber ja, der Besuch oder das Vorbeifahren an Tankstellen belegt das. Der Durchschnittspreis bei Diesel (Medianwert) stieg in einer Woche um 9,7 Cent, bei Benzin um 6,3 Cent.
Was ist die mittelbare Folge?
Höhere Benzin- und Dieselpreise werden die Transportkosten für Unternehmen erhöhen, die Lebensmittel und andere Güter im ganzen Land transportieren. Oder die Waren aus aller Welt nach Österreich bringen.
Das macht Lebensmittel teurer, oder?
Bei einem kurzen Krieg muss das nicht sein, bei einem längeren ist es sehr wahrscheinlich. Die Kosten werden dann von Geschäften und Supermärkten an die Verbraucher weitergegeben. Aber es droht eine weitere Gefahr.
Nämlich?
"Bestimmte Bestandteile von Rohöl werden in Düngemitteln verwendet, was zu höheren Lebensmittelpreisen führen könnte", erklärte Benjamin Goodwin, Partner beim Bankberatungsunternehmen PRISM Strategic Intelligence, gegenüber der BBC.

Was ist mit Erdgas?
Als Folge des Angriffs von Russland auf die Ukraine sind viele Länder in Europa auf LNG (Liquefied Natural Gas), also auf verflüssigtes Erdgas, umgestiegen. 20 Prozent der weltweiten Lieferungen passieren über die Straße von Hormus.
Welche Auswirkungen hat der Krieg bisher beim Gas?
Am Montag gab ein staatliches Energieunternehmen in Katar, einem der weltweit größten Erdgasexporteure, bekannt, dass die Produktion von Flüssigerdgas und verwandten Produkten nach Militärangriffen auf seine Anlagen an zwei Standorten eingestellt wird.
Wie entwickelt sich der Preis momentan?
Er schoss viel wilder nach oben als beim Öl. An der niederländischen Gasbörse TTF in Amsterdam wurde die Megawattstunde (MWh) am Dienstagabend mit 54,3 Euro gehandelt, eine Woche davor waren es noch 30,9 Euro – ein Anstieg von 75,7 Prozent.
Was bedeutet das für uns?
Bleibt das so, wird es deutliche Auswirkungen auf die Energiepreise auch in Österreich geben.
Hat Österreich momentan ausreichend Gas?
Ja. Österreich verfügt über eine der größten Gasspeicher in Europa: Seit 2007 wurden die Kapazitäten nahezu verdoppelt. Es können 101,6 Terawattstunden (TWh) eingelagert werden, der Jahresverbrauch betrug in den vergangenen Jahren 75 TWh.

Aber?
Der Füllstand der Gasspeicher betrug am 1. März 36,03 Prozent, das ist wegen des strengeren Winters deutlich weniger als zum selben Zeitpunkt des Vorjahres. Da betrug der Füllstand 49,3 Prozent.
Gibt es noch Lieferungen aus Russland?
Ja und nein. Über Pipelines wird kein russisches Erdgas mehr an Österreich geliefert. Wir kaufen am Weltmarkt und – so seltsam es klingt – es ist nicht immer klar, woher das LNG kommt. 2024 hat die EU knapp 40 Prozent ihres Erdgasimports über LNG gedeckt, rund 20 Prozent davon waren russisches LNG, schätzt der Energiemarktexperte Anton Pichler.
Welche Auswirkungen hat die Krise auf den Luftverkehr?
Das Schicksal von Influencern, die in Dubai & Co gestrandet sind, scheint bereits hinlänglich dokumentiert zu sein. Aber schauen wir in die Luft: Da ist der Cargo-Betrieb in den vergangenen Tagen fast zum Erliegen gekommen. Das hat massive Auswirkungen
Was ist der Stand?
Die meiste Luftfracht bleibt derzeit am Boden. Daten des niederländischen Beratungsunternehmens Rotate zeigen, dass die weltweite Luftfrachtkapazität gegenüber der Vorwoche um 18 Prozent gesunken ist.
Ist das viel?
Aber ja, ein paar Beispiele vom Montag. FedEx stellte alle Flüge im Bereich Naher Osten ein, rein und raus. Bei Qatar Airways (29 Boeing 777-Frachtflugzeuge) blieben alle Maschinen am Boden. Die Cathay Group, Etihad Airlines, Emirates SkyCargo hielten es ebenso. Und die meisten haben die Sperre für die nächsten Tage verlängert.

Was war die unmittelbare Folge?
Die Luftfrachtkosten sind innerhalb von 48 Stunden um 400 Prozent gestiegen.
Was bedeutet das für den Welthandel?
Es steckt viele Bereiche an, die man nicht sofort im Blickfeld hat. Das Gesundheitswesen steht vor einem kritischen Versorgungsengpass bei Generika und pharmazeutischen Wirkstoffen aus Indien. Die Just-in-Time-Lieferung von Mikrochips und Unterhaltungselektronik ist stark beeinträchtigt.
Wie weit reicht das?
Die Blockade der Straße von Hormus gefährdet die Stickstoffdüngerexporte vor der Frühjahrsaussaat auf der Nordhalbkugel. Längere Unterbrechungen könnten zu Engpässen in Südasien und Lateinamerika führen, was Ernteausfälle Ende 2026 und einen starken Anstieg der Lebensmittelpreise zur Folge haben könnte, berichtet das Fachportal Supply Chain Digital.
Trifft die Sperre von Hormus den Iran selbst nicht?
Doch, sogar ziemlich. Ein simples Beispiel: 25 Prozent der indischen Basmati-Reisernte geht in den Iran. Im Vorjahr hatten die Lieferungen ein Volumen von 1,2 Milliarden US-Dollar. Weitere 20 Prozent kauft der Irak. Das Geschäft liegt seit dieser Woche brach.

Wie massiv leidet das Geschäft mit Lebensmitteln?
Die Globalisierung hat den Welthandel beflügelt, nun ist er flügellahm. Australien und Neuseeland sind die wichtigsten Lieferanten von Lammfleisch in den Nahen Osten. Momentan sind einige Schiffe mit Ladung unterwegs, ihr Schicksal ist ungewiss. Dasselbe bei Milch, Neuseeland liefert pro Jahr Milchprodukte um 1,1 Milliarden US-Dollar.
Lageeinschätzung also?
"Von allen möglichen Szenarien im Nahen Osten ist der aktuelle Stand eines der schlimmsten für die Weltwirtschaft", sagt Joseph Capurso, Leiter der Abteilung für globale Wirtschaft bei der Commonwealth Bank of Australia im Guardian. Die Hoffnung lebt, dass dieser Zustand nicht lange bleibt.