Mit 1. Jänner des kommenden Jahres dürfen neue Fahrzeuge in China keine "versteckten" Türgriffe mehr haben. Bereits zugelassene Typen müssen bis 2029 umgerüstet werden. Auslöser waren mehrere tödliche Unfälle. Kommt das Verbot auch bei uns?

Die flotten Flitzer gingen weg wie die warmen Semmeln. Und das, obwohl die Rennsemmeln fast 70.000 Euro kosteten. Ein stolzer Preis am chinesischen Automarkt, der mit Milliarden subventioniert wird. Trotzdem dauerte es nur zehn Minuten, bis die Jahresproduktion des Xiaomi SU7 Ultra ausverkauft war.
Für Liebhaber schneller Autos ist der Sportwagen ein feuchter Traum. Der Xiaomi SU7 Ultra leistet 1.548 PS, die auf der Straße auf 648 PS gedrosselt werden, von 0 auf 100 km/h ist man in 1,98 Sekunden, dann geht es rauf auf 350 km/h. Es handelt sich um das schnellste serienmäßige Elektroauto der Welt.
Der China-Porsche macht auch optisch was her. Aus Schönheitsgründen und damit die Aerodynamik passt, sind die Türgriffe versenkbar. Genau das aber wurde mehreren Lenkern mutmaßlich zum Verhängnis. Weil sie die Türen nicht öffnen konnten, drangen die Retter nach einem Unfall nicht zu den Opfern vor – das endete tödlich.
Nun drückt China den Notknopf. Mit Beginn des nächsten Jahres werden versenkbare Türgriffe verboten. Das liest sich wie ein regionales Ereignis, ist aber keines. Weil es auch andernorts zu Zwischenfällen kam, ist ein weltweites Verbot mutmaßlich nur eine Frage der Zeit. Was sie dazu wissen müssen:
Was war der Auslöser für das Verbot?
Ein Feuerunfall, der sich am 13. Oktober 2025 um 3.18 Uhr morgens in Chengdu in China ereignete. Er sorgte für landesweite Aufmerksamkeit, weil es Bilder aus einer Überwachungskamera gab. Sie zeigten, wie vier Menschen nach dem Unglück versuchten, an den Fahrer eines Xiaomi SU7 Ultra heranzukommen. Sie scheiterten – auch am Einschlagen des Fensters.

Was war genau passiert?
Der Lenker war mit einer Geschwindigkeit von rund 100 km/h mit einem anderen E-Auto zusammengestoßen. Der Xiaomi prallte gegen die Mittelleitschiene, kam quer zur Fahrbahn zum Stehen und ging schnell in Flammen auf. Rettungskräfte und Passanten konnten die Türen nicht öffnen, da die elektronischen Türgriffe nicht ausfuhren.
Warum?
Die versenkten Griffe bekamen keinen Strom mehr, weil mutmaßlich das gesamte Bordsystem ausgefallen war.
Was ist mit versenkbaren Griffen gemeint?
Anders als herkömmliche Türgriffe, die aus der Tür herausragen und stets griffbereit sind, versenkt sich der Griff beim Zusperren oder während der Fahrt in der Tür. Er ist in seiner Standardposition nicht greifbar. Er kann automatisch per Fernbedienung oder Smartphone oder (in einigen Modellen) manuell durch Drücken des Griffs ausgefahren werden.
Warum verbauen Autohersteller das?
Sie geben an, dass der versenkbare Türgriff die Aerodynamik verbessert. Es geht aber wohl auch darum, dass sie cool aussehen, wie Elon Musk das auch offen zugegeben hat.
Was ist an dem Unfall in China rätselhaft?
Laut Xiaomi hat der Wagen einen Notfallmechanismus. Bei Erkennung einer Kollision wird er automatisch entsperrt. Die Videobilder belegen, dass dies in diesem Fall nicht passiert sein kann. Die Fahrertür ließ sich definitiv nicht öffnen.

Gibt es dafür einen zweiten Beleg?
Ja, die Feuerwehrleute vor Ort. Ihnen gelang es zwar, die Fensterscheibe des Xiaomi einzuschlagen, die Tür brachten aber auch sie nicht auf.
Welches Bild bot sich den Rettern?
Als die Feuerwehr am Unfallort eintraf, war die Batterie bereits vollständig durchgebrannt. Die Flammen loderten so lange, dass von dem Supersportwagen nur noch die Metallkarosserie übrig blieb.
Für den Fahrer gab es keine Rettung?
Nein, der 31-Jährige verbrannte im Wagen. Er stand im Verdacht, unter Alkoholeinfluss gefahren zu sein.
Warum ist das Unglück für den Hersteller ein Desaster?
Weil er bei der Präsentation des Modells auf zwei Fortschritte besonders intensiv hingewiesen hatte: die Sicherheit der neuen Batterien und die Sicherheit des Autos an sich, inklusive Türgriffe.
Was sollte die Batterien sicherer machen?
Eine bessere Isolation sollte dafür sorgen, dass die Batterie 1.000 Grad standhält. Es wurden 14 Schichten als Schutz verbaut, nach oben, nach unten und zur Seite, wie bei Militärfahrzeugen. Die Batteriezellen wurden umgedreht, damit die thermische Energie nach unten geleitet wird. Es hat nicht sehr viel geholfen.
Wie belegte Xiaomi die Sicherheit?
Lei Jun, Gründer des Unternehmens, ließ eine Wassermelone mit der Panzerschicht der Autobatterie ummanteln und warf sie aus dem 6. Stock eines Gebäudes. Die Melone blieb ganz.
Und wie ist das mit den Türgriffen?
In den bisherigen Modellen gab es eine mechanische Türöffnung von innen. Nun existiert ein kleiner Schalter, über den sich die Tür elektronisch öffnen lässt.
Was ist das Problem?
Ist keiner der Insassen mehr in der Lage, die Tür mit dem Knopf von innen zu öffnen, sind Versuche von außen chancenlos. Es gibt nur Elektronik, keine mechanische Möglichkeit, berichtet das Portal 36kr.com.
Welchen Unterschied gibt es in der Sicherheit?
Bei einem Seitenaufprall ließen sich in einem Test elektronische Türgriffe in 67 Prozent der Fälle öffnen, mechanische Türgriffe allerdings in 98 Prozent der Fälle. Das zeigen Daten des China Insurance Automotive Safety Index (C-IASI).
Was ergaben die Ermittlungen?
Xiaomi wurde für den Vorfall nicht verantwortlich gemacht, weil kein Beweis für eine monokausale Ursache erbracht werden konnte. Das Unternehmen kam aber wegen der Sicherheit seines Türöffnungssystems schwer in Kritik.

Handelt es sich um den einzigen derartigen Vorfall?
Nein, dokumentiert ist ein weiterer Unfall aus dem Frühjahr, der noch tragischer ausfiel. Er ereignete sich auf der Autobahn Dezhou-Shangrao in der chinesischen Provinz Anhui.
Was weiß man darüber?
In diesem Fall ging es um einen "normalen" Xiaomi SU7. Der Wagen ging nach einem Unfall am 29. März 2025 ebenfalls in Flammen auf, drei Studentinnen verbrannten.
Was waren die Umstände?
Das Fahrzeug war laut Ermittlern mit 116 km/h unterwegs, die Fahrerin nutzte das Xiaomi-System "Navigate on Autopilot", also den Selbstfahrmodus. Als sich der Wagen einer Baustelle nähere, bremste er automatisch ab und gab eine Warnung aus, die Lenkerin übernahm die Steuerung, kollidierte dann aber mit einer Geschwindigkeit von 97 km/h mit einer Betonleitplanke.
Was spuckten die Fahrzeugdaten aus?
Die Telemetrie zeigte, dass die Fahrerin das Lenkrad scharf nach links eingeschlagen und gleichzeitig gebremst hatte. Der Wagen wurde dadurch unkontrollierbar.
Was passierte nach dem Unfall?
Ein Brand brach aus. Das automatische Notrufsystem (eCall) des Fahrzeugs schlug an, die Rettungskräfte waren etwa 15 Minuten später vor Ort. Sie konnten nicht mehr helfen. Die Karosserie des Autos war noch intakt. Was das Feuer ausgelöst hat, ist bis heute unklar, auf einen Akkubrand deutete nichts hin.
Wie reagierte Xiaomi in diesem Fall?
Das Unternehmen wies darauf hin, alle vier Türen mit mechanischen Notentriegelungen ausgestattet gewesen seien, die sich im Ablagefach jeder Türverkleidung befänden. Das sollte das Öffnen der Türen auch bei beschädigter Batterie und Stromausfall ermöglichen.
Was das Problem ist?
Niemand weiß davon. Es müsste vor jeder Fahrt eine Einschulung geben, wie im Flugzeug.
Wie reagierte China?
Ab 1. Jänner 2027 gelten neue Vorschriften. Autos müssen sowohl innen als auch außen über mechanisch zu öffnende Türgriffe verfügen, auch im Falle eines Unfalls oder Stromausfalls. Die Vorschriften legen außerdem fest, wo sich die Griffe im und am Fahrzeug befinden müssen und schreiben vor, dass in der Nähe des inneren Türgriffs ein Hinweisschild angebracht sein muss.
Was ist mit schon zugelassenen neuen Autos?
In diesem Fall müssen die Autohersteller das Design der Türgriffe bis 1. Jänner 2029 ändern, so die chinesischen Regulierungsbehörden.
Wie macht China die Türgriffe konkret sicher?
Die neuen Anforderungenwurden in Zusammenarbeit mit 20 Unternehmen und 63 Fahrzeugmodellen entwickelt und durch Tests an 20 Fahrzeugen validiert. 100 Branchenexperten von in- und ausländischen Herstellern, Zulieferern und Prüfinstitutionen wurden befragt. Der Entwurf wurde vom 24. September bis zum 22. November 2025 zur öffentlichen Kommentierung freigegeben.

Ist das ein rein chinesisches Problem?
Nein! Im vergangenen Jahr leitete die US-Aufsichtsbehörde für Automobilsicherheit eine Untersuchung gegen Tesla ein, da der mechanische Türöffner des Model 3 aus dem Jahr 2022 nicht leicht zugänglich sei.
Was unternahm Tesla?
Das Unternehmen kündigte an, die Logik der Griffe zu überarbeiten. Chefdesigner Franz von Holzhausen erklärte im Podcast "Hot Pursuit!" gegenüber Bloomberg, dass die elektronischen und manuellen Türöffner, die sich derzeit an getrennten Stellen befinden, zusammengeführt werden.
Wie häufig sind versenkbare Türgriffe?
Sie sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden, insbesondere bei Elektrofahrzeugen mit diversen elektrifizierten Ausstattungsmerkmalen. In China ist dieses Feature besonders weit verbreitet, da dort rund die Hälfte der verkauften Neuwagen Elektro- oder Plug-in-Hybridfahrzeuge sind.
Welche Fahrzeugtypen haben das?
Man muss zwei Arten unterscheiden. Es gibt elektrisch motorisierte Griffe, die sich selbst ausfahren, und Flush-Türgriffe, die sich auf einen Fingerdruck hin öffnen.
Aber wo sind die beiden verbaut?
Etwa im Tesla Model S, im Porsche Taycan, im Audi e-tron GT, im Range Rover Velar und Evoque, in den Hyundais Ioniq 5 und Ioniq 6, in den Kias EV6 und EV9, in den Mercedes-EQ-Modellen, beim BMW 7er und dem i7.
Wie sehen das die Kunden?
Einige Verbraucher halten die versenkbaren Griffe für unpraktisch oder gefährlich. Laut JD Power meldeten Besitzer von batterieelektrischen Fahrzeugen im Jahr 2024 pro 100 Fahrzeuge 3,1 Probleme mit schwer bedienbaren Türgriffen, vier Jahre davor waren es nur 0,2.
Bekommen auch andere Länder nun neue Regeln?
Vorerst sind Änderungen nur in China als erstem Land der Welt geplant. Da es sich aber um den größten Automobilmarkt der Erde handelt, könnte diese Regelung auch andere Länder oder Regulierer beeinflussen. China war schon öfter Vorreiter bei Fahrzeug‑Sicherheitsstandards.