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Spuk, Spott und Spione

Vorab gesehen: Das sind die besten Serien der Emmy-Verleihung

Rechtzeitig vor der großen Zeremonie: Das sind die besten Serien, die bei der diesjährigen Emmy-Verleihung (Dienstagfrüh ab 2 Uhr) um die begehrten TV-Preise rittern. Und: Warum die Emmys inzwischen ebenso bedeutend sind wie die Oscars. Der große Überblick.

Reif für seinen ersten Emmy: Hollywood-Legende Harrison Ford, 84, als Psychotherapeut Paul Rhoades in der Erfolgsserie "Shrinking"
Reif für seinen ersten Emmy: Hollywood-Legende Harrison Ford, 84, als Psychotherapeut Paul Rhoades in der Erfolgsserie "Shrinking"Apple TV+
Christian Klosz
Akt. 14.09.2026 17:25 Uhr

Spätestens seit Beginn des Streaming-Booms stehen die Emmys, also die US-Fernseh-Preise – den Oscars punkto Glam-Faktor und Renommee kaum mehr nach. Es ist eher das Gegenteil der Fall. Denn während Hollywood nach wie vor nach einer tragfähigen Strategie für die Kino-Zukunft Ausschau hält und seine Unsicherheit mit megalomanischen Blockbustern immer gleicher Machart zuzudecken versucht, regiert im Bereich der TV-Serien nach wie vor die pralle Vielfalt.

Einerseits, weil der Serien-Output nach wie vor konstant hoch ist und sich auch qualitativ längst nicht mehr vor dem Film verstecken muss. Und andererseits, weil es die klassische Trennung zwischen "Filmschauspieler" und "Serienschauspieler" nicht mehr gibt. Hollywoodstars rittern um prestigeträchtige Serien-Hauptrollen, während Serienstars immer wieder Abstecher auf die große Leinwand machen, ohne das TV-Geschäft deshalb gleich abzuschreiben.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor: Anders als bei den Oscars, hat das Publikum der Emmys die ausgezeichneten Serien im Regelfall auch wirklich gesehen. Der niederschwellige Streaming-Zugang macht's möglich. "Hast du die neue Serie mit XY schon gesehen?" – "Ja, nachdem die Kinder endlich im Bett waren, habe ich gleich die ersten vier Episoden gestreamt."

Und so wundert es nicht, dass die "Primetime Emmy Awards", die in der Nacht von Montag auf Dienstag in Los Angeles über die Bühne gehen werden, mittlerweile dieselbe Aufmerksamkeit erhalten, wie die prestigeträchtigen Goldmänner. Nominiert sind Serien, Miniserien und TV-Filme, die zwischen 1. Juni 2025 und 31. Mai 2026 im TV oder Streaming veröffentlicht worden sind. (Weshalb etwa aktuelle Hits wie "Tip Toe" oder Staffel 4 von "Ted Lasso" nicht berücksichtigt wurden.)

Wer die Show live verfolgen möchte: Ab Dienstag 2 Uhr früh überträgt magenta.tv die Verleihung – moderiert übrigens erstmals von Mariska Hargitay ("Law & Order: SVU") – kostenlos und ohne Login im Streaming. Und wer sich vorab mit einigen der Favoriten auf die Auszeichnungen vertraut machen will – hier sind 10 unbedingt empfehlenswerte Tipps aus dem riesigen Pool der Nominierten, vom Mainstream bis hin zu kleineren, aber ungeachtet dessen absolut sehenswerten Serien. Gute Unterhaltung!

Moderiert in der Nacht auf Dienstag die 78. Emmy-Verleihung: Schauspielerin Mariska Hargitay ("Law & Order: SVU")
Moderiert in der Nacht auf Dienstag die 78. Emmy-Verleihung: Schauspielerin Mariska Hargitay ("Law & Order: SVU")
REUTERS/Mike Blake

"Widow's Bay"

Mit insgesamt 19 Nominierungen liegt das Crossover aus Horror, Mystery und Comedy auf Platz 3 der Charts hinter "The Pitt" (25 Nominierungen) und "Hacks" (24). Darunter sind jene als "Beste Comedy-Serie" und für Matthew Rhys als Bester Hauptdarsteller. Der Brite, bekannt aus "The Americans" und "Perry Mason", erlebt ohnedies das Serien-Jahr seines Lebens. Überzeugte er doch schon in "The Beast in Me" (siehe unten), wofür er ebenfalls eine Nominierung erhalten hat.

"Widow's Bay" erzählt die Geschichte eines verschlafenen Inselstädtchens vor der Küste Neuenglands, in dem ein alter Fluch wieder zum Leben erwacht. Dem Bürgermeister – gespielt von Rhys – kommt das besonders ungelegen, da er gerade alles daran setzt, den Tourismus anzukurbeln. Unerklärliche Todesfälle braucht man da eher nicht. Die Mischung aus Horror-Versatzstücken ("The Fog"), Klassikern ("Der weiße Hai") und schrägem Humor ist ungewöhnlich, aber sie funktioniert. Eine der besten Serien der Saison.

"Widow's Bay", Horror, Mystery, Comedy. USA 2026, 10 Episoden à ca. 35-40 Minuten, Apple TV+

"The Beast in Me"

Eine Autorin (Claire Danes) zieht in eine neue Gegend. Und bekommt es dort mit einem undurchsichtigen, potenziell gefährlichen Nachbarn (Matthew Rhys) zu tun, zu dem sie trotzdem – oder gerade deshalb – eine eigenartige Verbindung spürt. "The Beast in Me" hebt sich wohltuend von vielen anderen aktuellen Formaten ab. Im Kern ist die Serie ein psychologischer Thriller, der die Faszination des Bösen ergründet, die Dämonen, die die Welt beherrschen aber auch die persönlichen Dämonen, die in uns allen wohnen. Bestechend sind die Darsteller-Leistungen: Sowohl Clair Danes, als auch Matthew Rhys sind als Beste Darsteller nominiert. Dazu winkt die Auszeichnung als beste Drama-Serie.

"The Beast in Me", Thriller. USA 2025, 8 Episoden à ca. 45-50 Minuten, Netflix

"DTF St. Louis"

Die wohl abgedrehteste, am kunstvollsten geschriebene Serie des Jahres mit dem besten Intro seit Jahren: "DTF St. Louis" von Autor/Regisseur Steven Conrad handelt von einer seltsamen, aber geradezu rührenden Freundschaft zwischen zwei Männern mittleren Alters, dargestellt von Jason Bateman und David Harbour, die beide eine Art Midlife-Crisis durchmachen und zwischen denen eine Frau (Linda Cardellini) steht. Die Mini-Serie erzählt von den Wirren des Familienlebens, von enttäuschten Erwartungen und Experimenten.

Ein anspruchsvoller, eigenwilliger Stoff, den man nur schwer beschreiben kann, man muss die Serie gesehen haben. Nominiert als beste Mini-Serie, für David Harbour und Linda Cardellini sowie Serien-Mastermind Stephen Conrad gab es bereits vorab Auszeichnungen.

"DTF St. Louis", Schwarze Komödie, Drama, Krimi. USA 2026, 7 Episoden à ca. 45-55 Minuten, HBO Max

"Beef", Staffel 2

Schauplatz ist ein luxuriöser Country Club in Kalifornien, in dem Josh (Oscar Isaac) als General Manager arbeitet. Seine Frau Lindsay (Carey Mulligan) ist die mit Geld, doch ihre Ehe funktioniert schon lange nicht mehr. Eine ihrer Auseinandersetzungen eskaliert und das junge Gen Z-Pärchen Ashley (Cailee Spaeny) und Austin (Charles Melton) wird zufällig Zeuge des "Beefs" - und versucht daraufhin, die beiden zu erpressen.

Staffel 2 von "Beef" ist eine gesellschaftskritische, thematisch höchst relevante Geschichte über toxische soziale Strukturen. Die Message: Ein kaputtes System produziert kaputte Beziehungen – und kaputte Menschen. Solide umgesetzt, gut gespielt und unterhaltsam, ist diese Fortsetzung in jedem Fall gerechtfertigt und öffnet die Tür für eine mögliche 3. Staffel. Preise winken in der Kategorie Mini- und Anthologie-Serien: Beste Serie, Bester Hauptdarsteller für Oscar Isaac und Beste Hauptdarstellerin für Carey Mulligan. Bei den vorab verliehenen Creative Arts Awards gab es bereits einige Auszeichnungen.

"Beef", Staffel 2, Drama, Comedy. USA 2026, 8 Episoden à 30-55 Minuten, Netflix

"Slow Horses", Staffel 5

Wer bisher noch keine Folge der britischen Spy-Serie gesehen hat, sollte das dringend nachholen. Bereits in den letzten Jahren war die Serie um eine Londoner Spionage-Einheit voller Außenseiter, die beim MI-5 aussortiert wurden, immer wieder bei den Emmys nominiert, für einen Hauptpreis reichte es bisher aber leider nie.

Auch wenn die 5. Staffel nicht die beste ist, hätte sich die Serie alleine für das "Gesamtwerk" längst einen Preis verdient. Für Gary Oldman, der mit dem so kaputten wie genialen Agenten Jackson Lamb eine der originellsten Serienfiguren der letzten Jahre kreierte, ist es sowieso höchst an der Zeit. Chancen gibt es auch für Jack Lowden (derzeit mehr denn je als nächster James Bond 007 im Gespräch) als Bester Nebendarsteller und für die Serie an sich als Beste Drama-Serie. Und: Staffel 6 startet am kommenden Freitag.

"Slow Horses – Ein Fall für Jackson Lamb", Staffel 5, Thriller. GB 2025, 6 Episoden à ca. 45-60 Minuten, Apple TV+

"Shrinking", Staffel 3

Ein ähnlicher Fall wie "Slow Horses": Bereits mehrfach nominiert, bisher aber noch ohne Preis geblieben. Ein Emmy wäre eine verdiente Würdigung der Gesamtleistung der Serie von Bill Lawrence um einen Therapeuten (Jason Segel), der nach dem tragischen Unfall-Tod seiner Frau wieder zurück in die Spur finden will.

Überfällig wären auch Preise für Harrison Ford als Segels grantiger Therapeuten-Mentor und Jessica Williams. Chancen gibt es außerdem für Segel als Bester Hauptdarsteller und als Beste Comedy-Serie. Übrigens: Michael J. Fox, der in der aktuellen Staffel einen Gastauftritt hat, wird bei der Emmy-Verleihung für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

"Shrinking", Staffel 3, Comedy, Drama. USA 2026, 11 Episoden à ca. 35 Minuten (Episode 1 hat 65 Minuten), Apple TV+

"The Four Seasons", Staffel 2

Die 1. Staffel aus 2025 war so beliebt und erfolgreich, dass gleich eine 2. gedreht wurde und die 3. sich bereits in Produktion befindet. Für Staffel 2 ist nun Colman Domingo erneut als Bester Nebendarsteller nominiert. Die Serie, kreiert u.a. von Co-Darstellerin Tina Fey, basiert auf Alan Aldas Film aus 1981 und erzählt von drei Paaren, die seit Langem vierteljährliche Urlaubs-Trips unternehmen: Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Im Zentrum stehen die kleinen und großen Herausforderungen in langjährigen Partnerschaften, aber auch innerhalb von Freundesgruppen. Leichte, sympathische Unterhaltung für zwischendurch.

"The Four Seasons", Staffel 2, Comedy, Drama. USA 2026, 8 Episoden à ca. 27-33 Minuten, Netflix

"Jury Duty Presents: Company Retreat"

Ein junger Mann beginnt seinen neuen Job als Praktikant in einem Familienunternehmen, das Saucen herstellt. Bei einem anstehenden, mehrtägigen "Retreat" mit der gesamten Belegschaft will der sympathische Chef, der die Firma aufgebaut hat, das CEO-Zepter an seinen Sohn übergeben. So weit, so unspektakulär. Blöd nur, dass Anthony, der Praktikant, nicht weiß, dass die ganze Geschichte ein Hoax ist und nur um ihn herum gebaut wurde. Ein bisschen wie in dem Klassiker "Die Truman-Show", nur wesentlich heutiger.

Mit versteckten Kameras wird die immer aberwitziger werdende Handlung, die der Protagonist für die Realität hält, eingefangen: Ein kurzweiliger und extrem unterhaltsamer Streaming-Spaß. Bemerkenswert sind die Twists, mit denen die Autoren der Serie, die bereits Staffel 1 "Jury Duty" geschrieben hatten, immer wieder aufwarten. Völlig zurecht für das Beste Drehbuch nominiert.

"Jury Duty Presents: Company Retreat", Comedy, Mockumentary. USA 2026, 8 Episoden à ca. 30 Minuten, Amazon Prime

"Heads of State"

Geo-Politik als krachende Action-Komödie: Der bei Amazon Prime erschienene Film hatte in der bereits vergebenen Kategorie "Bester Fernsehfilm" gegenüber "Remarkably Bright Creatures" (Netflix) zwar das Nachsehen, das ändert aber nichts am Unterhaltungswert. Zu sehen sind John Cena und Idris Elba als äußerst ungleiches Präsidenten-Duo (der eine in den USA, der andere in Großbritannien), das nach einem Absturz der Air Force One zusammenarbeiten muss, um eine globale Verschwörung aufzudecken. Zwar maximal unrealistisch, aber angesichts des geschickt verpackten und massentauglich vermittelten Message – globaler Zusammenarbeit für Demokratie und gegen "das Böse" ist wichtig und richtig – gerade derzeit nicht unwichtig.

"Heads of State", Action, Comedy. USA 2025, 116 Minuten, Amazon Prime

"Mr. Scorsese"

Die sehenswerte, fünfteilige Doku-Serie würdigt Martin Scorsese, den Ausnahme-Regisseur, der das Medium Film versteht wie kaum ein anderer. Und setzt dem (neben Steven Spielberg) swohl wichtigsten US-Filmemacher der letzten Jahrzehnte ein würdiges Denkmal. Regisseurin Rebecca Miller erzählt Scorseses Geschichte von Anfang an: Geboren in Little Italy als Sohn sizilianischer Einwanderer, kam er früh mit einer Welt in Kontakt, die er in seinen Filmen immer wieder aufgreifen sollte: die der Mafia. Später wollte er eigentlich Priester werden, dann widmete er sich aber doch seiner zweiten großen Passion, dem Film.

Vieles darf der Protagonist selbst erklären und erzählen, außerdem kommen Weggefährten (Steven Spielberg) und kreative Partner (Thelma Schoonmaker, Robert de Niro, Leonardo DiCaprio) zu Wort. Das Format gibt einen intimen, überraschend kurzweiligen Einblick in Leben und Schaffen eines der bedeutendsten Regisseure aller Zeiten. Zurecht wurde "Mr. Scorsese" bereits vorab mit dem Emmy für die Beste Dokumentarserie ausgezeichnet.

"Mr. Scorsese", Dokumentation. USA 2026, 5 Episoden à ca. 50-60 Minuten, Apple TV+

Außerdem empfehlenswert:

"Rooster" (HBO Max): Steve Carell als Gastprofessor an einer Elite-Uni.

"Monster: Die Geschichte von Ed Gein" (Netflix): Grausige Meta-Serie über die Genese des Bösen.

"Sean Combs: The Reckoning" (Netflix): Der "Fall Diddy", sehenswert aufgerollt.

"Half Man" (HBO Max): Sehenswerte Reflexion über (toxische) Männlichkeit von "Rentierbaby"-Macher Richard Gadd.

"The Bear" (Disney+): Finale Staffel der Erfolgsserie. Rob Reiner bekommt posthum den Preis als Bester Gastdarsteller.

"The Chair Company" (HBO Max): Schräge "Cringe Comedy" über eine (vermutete) Verschwörung in einem Sessel-Unternehmen.

Christian Klosz
Akt. 14.09.2026 17:25 Uhr