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TV-Star und Spielsucht

"Böse sein konnte ich Mama nicht. Ich sah doch, wie schlecht es ihr ging"

Die Mutter von Karin Thaler ("Rosenheim-Cops") war spielsüchtig. Sie belog ihre Tochter, bestahl ihren Arbeitgeber, wurde zur Erpresserin. Darüber schrieb Thaler ein beklemmendes Buch. Sie erklärt darin, warum sie ihre Mutter trotz allem abgöttisch liebte.

Serienstar Karin Thaler (u. a. "Die Rosenheim-Cops") kam jahrzehntelang für die Spielschulden ihrer Mutter auf
Serienstar Karin Thaler (u. a. "Die Rosenheim-Cops") kam jahrzehntelang für die Spielschulden ihrer Mutter aufMartin Hangen
Martin Kubesch
Akt. 14.04.2026 01:20 Uhr

"Halt deine verlogene Fresse", schrie ich, als sie versuchte, mich zu unterbrechen. "Verschwind aus meinem Leben. Hau ab!" Die Mama ruderte zurück, redete mit Engelszungen auf mich ein: "Beruhig dich. Ich krieg das scho hin. Alles gut. Ich brauch gar kein Geld. Es tut mir leid." Doch ich schrie weiter: "Du Lügnerin. Ich hass dich. Du sollst verreckn!"

Karin Thaler ist 60, sie spielt in so gut wie jeder deutschen TV-Serie mit. Meist wird darin eine heile Welt gezeigt und was an dieser kleinen Welt nicht heil ist, wird schnell heil gemacht. Bei Thaler selbst war das nicht so. Über viele Jahrzehnte nicht. Ihre Mutter war spielsüchtig.

"Stark, weil ich stark sein musste" ist eine ungewöhnliche Autobiografie. Ungewöhnlich offenherzig, weil hier eine der bekanntesten Vertreterinnen des modernen Heimatfilms recht explizit über Sex spricht, und zwar über sehr viel Sex.

Ungewöhnlich aber auch, weil Thaler sehr deutlich vor Augen führt, was es heißt, wenn ein naher Angehöriger süchtig ist. Die Lügen, die Ausreden, das Geld, das überall knapp wird, die Schulden, der Absturz in die Kriminalität – alles da.

Der Weg zur Selbsterkenntnis dauert lang. Bei Karin passierte es auf einer Autofahrt nach einem anstrengenden Drehtag am Set von "Die Rosenheim-Cops" nach Hause. Sie wollte rasch noch etwas zu essen einkaufen, als ihre Mutter anrief. Sie brauchte wieder Geld, und natürlich hatte sie wieder mehr als gute Gründe.

Karin Thaler und ihre Mama Hedi Anfang der 1990er-Jahre
Karin Thaler und ihre Mama Hedi Anfang der 1990er-Jahre
Privat

Ihre Mutter tischte ihr eine hanebüchene Geschichte auf, nicht zum ersten Mal. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Karin Thaler die offensichtliche Lüge wohl geschluckt, hätte gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Aber in diesem Moment konnte sie nicht mehr anders: Und ließ ihrem Zorn über zwei Jahrzehnte Lügen und Heimlichkeiten freien Lauf.

"Du lügst! Ständig lügst du mich an", brüllte ich ins Handy. (…) Schließlich legte ich auf, doch der Hass und die Enttäuschung wüteten weiter in mir. Hysterisch schreiend schlug ich mit den Fäusten auf das Lenkrad ein, bis ich ganz leer war und nur noch hilflos schluchzen konnte. Alle Wut, alle Widerstandskraft waren aus meinem Körper gewichen. Ich war total erschrocken über mich selbst.

Aber schon kurz darauf hatte Karin Thaler ihre Fassung wieder gefunden – und tat, was sie immer getan hatte in solchen Situationen. Ich atmete tief durch, griff zum Telefon, wählte und fragte ohne jede Begrüßung: "Wie viel Geld brauchst du, Mamile? I helf dir."

Der TV-Star und sein neues Buch

"Stark, weil ich stark sein musste" ist vor wenigen Tagen im Knaur Verlag erschienen. Die Autobiografie misst 240 Seiten und kostet 23,50 Euro. Die Bilder, die der Verlag beigelegt hat, wollen nicht so ganz zum Inhalt passen. Zu sehen ist darauf eine Karin Thaler wie sie häufig aus dem Fernsehen lächelt. Das Buch enthüllt die dunklen Seiten ihres Lebens.

Karin Thaler ist ein Fixstern im deutschen Kino- und TV-Geschäft. Seit den frühen 1990ern gehört sie zu den meistbeschäftigten Darstellerinnen. "Der Landarzt", "Das Traumschiff", "Der Bergdoktor", "Klinik unter Palmen", "Der Bulle von Tölz", "Ein Bayer auf Rügen", "Unser Charly", "Hubert und Staller" und natürlich ihre Rolle als Marie Hofer in "Die Rosenheim-Cops", sie war überall dabei.

Die blonde Bayerin stand und steht für einen bestimmten Serientyp: Die Nette mit der warmherzigen Ausstrahlung war die Verkörperung der heilen Serienwelt. Privat lebte sie im absoluten Gegenteil davon.

"Stark, weil ich stark sein musste – Die Doppelrolle meines Lebens", Knaur Verlag, 240 Seiten, € 23,50
"Stark, weil ich stark sein musste – Die Doppelrolle meines Lebens", Knaur Verlag, 240 Seiten, € 23,50
Knaur Verlag

Karin Thaler und ihre süchtige Mutter

Karin Thalers Mutter war manisch-depressiv und litt an Spielsucht – eine teuflische Kombination. Denn dem manischen Teil ihrer Psyche gelang es über viele Jahre außergewöhnlich gut, ihre Sucht und deren desaströse Folgen zu verschleiern. So perfekt, dass es beinahe schon zu spät war, als Karin Thaler endlich bemerkte, wie es tatsächlich um ihre Mutter steht.

Hedwig, die von aller Welt Hedi genannt wurde und von ihrer Tochter meist nur Mamile, belog ihre Tochter und den Rest ihrer Familie über Jahrzehnte. Sie stahl Arbeitgebern an die 200.000 Euro. Und auf dem Höhepunkt Ihrer Spielabhängigkeit wurde sie sogar zur Erpresserin. Sie wurde von der Polizei gefasst und zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.

Aber nicht nur für Mama Hedi selbst, auch für Karin Thaler hatte die Spielsucht ihrer "Mamile" schwerwiegende Folgen. Denn sie wurde von der Mutter gegenüber Gläubigern als "Backup" angegeben, wenn es um die Frage ging, wie diese ihre Schulden zurückzahlen wolle: Die Karin hilft zur Not aus, die dreht ja viel.

Und so stand Karin Thaler irgendwann vor der Frage, ob sie die Schulden ihrer Mutter übernimmt. Oder diese sich selbst überlässt und so dabei mithilft, "Mamile" früher oder später vor Gericht und vielleicht sogar ins Gefängnis zu bringen.

Weshalb es für die Schauspielerin in dieser Situation nicht viel zu überlegen gab, wie sie ihr gesamtes Leben umkrempelte, um die Schuldenlast der Mutter abzubezahlen und welche dramatischen Auswirkungen diese Entscheidung für ihr eigenes Leben hatte: Darüber berichtet Karin Thaler in ihrer Autobiografie ungewöhnlich offen.

Und sie spart dabei auch nicht mit Kritik an sich selbst. Denn die Probleme der Mutter waren schon bald zu erkennen. Es gab immer wieder Hinweise, die ersten schon viele Jahre bevor alles eskalierte. Aber Karin Thaler entschied sich, lieber nicht so genau hinzusehen, wie sie selbst in ihrem Buch bekennt.

Die Hochzeit von Karin Thalers Mutter Hedi mit Hannes, den die Tochter später nur "meinen Erzeuger" nennen sollte
Die Hochzeit von Karin Thalers Mutter Hedi mit Hannes, den die Tochter später nur "meinen Erzeuger" nennen sollte
Privat

Es ist das Dokument einer außergewöhnlichen Mutter-Tochter-Beziehung. Getragen von einer beinahe abgöttischen Liebe der Tochter, der auch jahrzehntelange Lügen und Heimlichtuereien der Mutter letztlich nichts anhaben konnten. Und deren Ursprünge bereits in der frühesten Kindheit von Karin Thaler zu finden sind. Wie Karin Thaler selbst schreibt: Ich konnte meiner Mama einfach nicht böse sein.

Ihr "Erzeuger" war "eine Granate im Bett"

Die Offenheit, mit der Karin Thaler die Geschichte ihres Lebens erzählt, zieht sich von Beginn an durch das gesamte Buch. So berichtet sie, dass ihre Zeugung in einem Auto unter einer Brücke am Strand der Donau bei Deggendorf stattgefunden habe – und beinahe meint man, sie vor Vergnügen glucksen und kudern zu hören, während sie es geschrieben hat. Ihre Mutter Hedi hätte das Strand-Stelldichein nicht gestört: Sie war schwer verliebt. Außerdem war mein Vater eine Granate im Bett. Und offenbar nicht nur dort.

Außerhalb der Federn war mit der Granate namens Hannes allerdings nicht viel los. Schon früh bestritt er, der Vater von Karin zu sein, sie durfte ihn auch nur Hannes nennen statt Vati. Und als schließlich eine Vaterschaftsklage von einer anderen Frau eintrudelte, hatte Hedi endgültig genug von dem Hallodri. Und für Karin Thaler ist ihr Vater seither nur mehr ihr Erzeuger.

Ein Vorgeschmack auf die Zukunft

Bereits in ihren Teenager-Tagen wusste Karin Thaler, dass sie Künstlerin werden wollte – Sängerin, Schauspielern, Entertainerin, alles war recht. Doch noch arbeitete sie, gerade 17 Jahre alt, als Empfangsdame in einer Jalousienfirma, als der erste Warnschuss des Schicksals einschlug. Drei Möbelpacker standen mit einer Räumungsklage vor der Wohnung: Nur langsam dämmerte mir die Wahrheit: Über Monate hinweg hatte meine Mutter die Miete für unsere Wohnung nicht gezahlt.

Mama Hedi stand nur in Schockstarre da, wie sich Karin Thaler erinnert. Also übernahm die 17-Jährige das Kommando. Sie erbettelte noch einen letzten Zahlungsaufschub und nahm einen Kredit über die Ausstände auf. Doch anstatt über das Geschehene zu sprechen, verkrochen sich beide Frauen danach in ihren Schuldgefühlen: Die Mama, weil ich diese Last hatte übernehmen müssen, ich, weil ich sie diese Last so lange allein hatte tragen lassen.

Doch lange hielt das schlechte Gewissen der Mutter nicht an. Nur drei Jahre später, Karin war gerade 20 geworden, verlor Hedi ihre Stelle als Chefsekretärin am Gymnasium – sie hatte 40.000 Mark (nach heutiger Kaufkraft ca. 40.000 bis 45.000 Euro) unterschlagen. Zusätzlich wurde sie zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt – und ganz Deggendorf wusste es.

Mama Hedi in den 1980ern mit Kater Sigi: Tiere waren ihr immer ganz besonders wichtig
Mama Hedi in den 1980ern mit Kater Sigi: Tiere waren ihr immer ganz besonders wichtig
Privat

Erste berufliche Erfolge … und viel Sex

Doch noch hielt Karin Thaler die Ereignisse für unglückliche Zufälle und war froh und stolz, ihrer Familie helfen zu können. Sie kniete sich in ihre Suche nach Schauspiel-Jobs – wobei sie große Unterstützung von der österreichischen Schauspiel-Legende Senta Berger erhielt, die Thaler einfach auf Gutglück angeschrieben hatte. Und sie bekam erste TV-Engagements: "Derrick", "Die Schwarzwaldklinik", "Praxis Bülowbogen". Der deutsche Hauptabend hatte ab da seine Hände nach Karin Thaler ausgestreckt – und die ließ sich gerne packen.

Um nicht ständig zwischen Deggendorf und München pendeln zu müssen, nahm sich Karin Thaler eine Wohnung in der bayrischen Landeshauptstadt – und Mama Hedi zog mit ihr um. Sie fand sogar wieder eine Anstellung – bei einer betagten Geschäftsfrau, die dutzende Imbissbuden am Münchner Hauptbahnhof betrieb.

Und während die Mama in München die Stellung hielt, jettete Karin für Dreharbeiten durch die Welt. Und nahm sich ihren Teil vom Leben, wie sie offen bekundet: Ich war Single, und ich drehte quasi ständig an neuen Sets mit neuen Teams. Außerdem war ich eine echte Jägerin. Wer nicht bei drei auf dem Baum war, gehörte mir. Ich hatte Sex in der Sauna, Sex beim Skifahren, an einen Baum gelehnt, die Skier noch an den Füßen, ich hatte Sex in der Flugzeugtoilette, Dreier und Sex nachts um vier in der Gemeinschaftsdusche.

Das sorgenfreie Leben ging auch weiter, als Karin Thaler bei den Dreharbeiten für eine RTL-Komödie "Traumschiff"-Stewart Sascha Hehn kennen und lieben lernte. Der damals schönste Mann im deutschen TV und die junge Blondine verbrachten jede freie Minute miteinander: Wenn ich zwischendurch heim zur Mama kam, dann schlief ich nur, während die Mama für mich kochte und meine Wäsche wusch, so erschöpft war ich vom Drehen und ehrlicherweise von dem vielen Sex.

Mit einem Schlag wurde alles anders

Die lebensfrohe Bayerin kam gerade von Dreharbeiten für das "Traumschiff" zurück, als sie eine Arbeitskollegin ihrer Mutter auf den Boden der Realität zurückholte: Mama Hedi hatte in der Firma Geld unterschlagen, so wie bereits knapp zehn Jahre zuvor in Deggendorf. Dieses Mal hatte sie allerdings richtig zugegriffen: 193.000 Mark, nach heutiger Kaufkraft etwa 160.000 Euro, waren aus dem Firmentresor verschwunden. Eine Katastrophe.

Mit einem Mal erkannte Karin Thaler, was sie in den vergangenen Monaten und Jahren nicht sehen konnte oder wollte, ergaben die Puzzlestücke ein Bild: Ihre Mutter, die immer wieder allein zur Entspannung ins Spielcasino nach Bad Wiessee fuhr; Mamiles gesteigerter Alkoholkonsum und ihre Stimmungsschwankungen; regelmäßiges Anpumpen um Geld, oft gepaart mit seltsamen Begründungen: Hast du mal zweihundert Mark für mich, Karin? Ich komm' gerade nicht zur Bank.

Die Schauspielerin stellte ihre Mama zur Rede. Und die verhielt sich genauso wie damals, als die Möbelpacker vor der Türe standen: Sie tat – gar nichts. Das kannte ich doch alles schon, so Karin Thaler in ihrer Biografie. "Red doch, Mama!", schrie ich. Aber es kam nichts. Also musste die Tochter einmal mehr ihre Mutter vor den Konsequenzen ihres Handelns bewahren.

Karin Thaler und Sascha Hehn am Oktoberfest 1992: "Erschöpft von dem vielen Sex"
Karin Thaler und Sascha Hehn am Oktoberfest 1992: "Erschöpft von dem vielen Sex"
APA-Images

Auf verlorenem Posten

Karin Thaler ging zu jener Frau, die ihre Mama um fast 200.000 Mark erleichtert hatte – mit einem Blumenstrauß und 500 Mark in bar. Sie hatte noch keine Anzeige erstattet und ließ sich von den Tränen der Schauspielerin tatsächlich erweichen. Karin Thaler, noch keine 30 Jahre alt, unterzeichnete eine Bürgschaft für die Schulden ihrer Mutter.

Wenn ich fleißig war und arbeitete wie ein Tier, wenn ich sparte und mich an allen Ecken und Enden einschränkte, dann wäre dieser Schrecken in zwei Jahren vorüber, dachte sie. Karin Thaler ahnte nicht, dass dies erst der Beginn eines Jahrzehnte währenden Albtraums war.

Denn Hedi war zwar vor einer Strafanzeige verschont geblieben, hatte aber ihren Job verloren. Also verbrachte sie ihre Tage damit, sich entweder depressiv daheim am Sofa herumzuwälzen, oder ihre Tochter mit Lügengeschichten über angebliche Geldquellen, die sie aufgetan hatte, zu nerven.

Doch keine der Geldquellen begann zu sprudeln, und so lag es an Karin Thaler, immer neue Forderungen von immer neuen Gläubigern zu befriedigen. Gleichzeitig plünderte "Mamile" Karins ohnedies gebeuteltes Konto, wenn diese auf Dreharbeiten war – von irgendwas musste sie schließlich leben. Oft konnte Karin Thaler gar nicht so rasch neues Geld verdienen, wie es sich wieder verflüchtigte: Ich sprang immer ein, wenn es brannte – meine Gagen lösten sich quasi in Rauch auf.

(K)eine Chance für die Liebe

Auch Karin Thalers Liebesleben litt massiv unter den finanziellen Eskapaden ihrer Mutter. Zwar war es inzwischen mit Sascha Hehn aus, doch sie hatte sich neu verliebt: in Milos, einen slowenischen Musiker mit Mega-Mähne, den sie ihren Jon Bon Jovi nannte. Die beiden führten eine Fern-Beziehung, denn Milos tourte mit seiner Band durch halb Europa. Eines Tages erzählte sie ihm von ihrer Mutter, ihren Schulden, ihrer Bürgschaft. Und rechnete nicht damit, dass er wieder auftauchen würde.

Doch Milos kam – und er brachte Geld für Karin mit: Er hatte seinen alten Mercedes verkauft, um sie zu unterstützen. Spätestens von da an waren die beiden unzertrennlich. Karin Thaler und Milos heirateten 1997. 2019 erneuerten sie ihren Eheschwur und sind bis heute ein Paar. Ihm widmete die Schauspielerin auch ihre Biografie: Weil er mich immer wieder gerettet hat – auch vor mir selbst.

1994 mit ihrem späteren Ehemann Milos auf Strandurlaub: "Mein Jon Bon Jovi"
1994 mit ihrem späteren Ehemann Milos auf Strandurlaub: "Mein Jon Bon Jovi"
Privat
… und mit Ehemann Milos heute
… und mit Ehemann Milos heute
Privat

"Mamile", die Supermarkt-Erpresserin

Aber Mama Hedi lag nicht nur untätig daheim am Sofa oder fütterte einarmige Banditen mit Karin Thalers Erspartem. Sie wurde richtig kreativ, um die Geldprobleme ihrer Familie zu lösen. "Mamile" erpresste eine lokale Supermarktkette. Sie drohte damit, Produkte zu vergiften, wenn sie nicht 5 Millionen Mark erhalten würde. Den Erpresserbrief tippte sie auf Karin Thalers Schreibmaschine.

In den folgenden Wochen rief Hedi immer wieder bei der Supermarktkette an, erneuerte oder adaptierte ihre Forderungen, schraubte die geforderte Summe in die Höhe. Als es Wochen später schließlich zu einer Geldübergabe kommen sollte, klickten die Handschellen: Karin Thalers Mutter wurde festgenommen und angeklagt.

Ein gutes halbes Jahr später folgte das Urteil: Dreieinhalb Jahre für die versuchte Erpressung sowie für drei Diebstähle – Hedi hatte vor der Polizei ihre Griffe in die Kassa freimütig gestanden und war in einem Aufwaschen auch dafür verurteilt worden.

Das Gute daran: Karin Thaler hatte nun zumindest für eine gewisse Zeit Verschnaufpause, denn im Frauengefängnis konnte ihre Mama wenigstens nicht zocken. Das weniger Gute: Die Bürgschaft, die die Schauspielerin übernommen und abbezahlt hatte, um ihrer Mutter die Anzeige sowie ein Strafverfahren zu ersparen, war völlig umsonst gewesen, da ihre Mutter nun doch dafür ins Gefängnis ging.

Zurück an den Start

Nach der Haftentlassung dauerte es eine Weile, ehe Mama Hedi wieder zurück in die Spur fand. Erst nach einem Jahr begann sie damit, ihre – mittlerweile schuldenfreie – Tochter wieder um Geld anzupumpen. Und Karin Thaler gab es ihr weiterhin gerne, denn sie sah, dass ihre Mama kaum über eigene Mittel verfügte. Sie war mittlerweile in Pension und die Summe, die sie erhielt, war kaum der Rede wert.

Also zahlte Karin Thaler weiter. Für Zigaretten und Lebensmittel, für Strom und Heizung. Als sie feststellte, dass ihre Mutter die Miete für ihre neue Wohnung schon wieder seit Monaten nicht bezahlt hatte, übernahm Karin auch das – per Dauerauftrag. Aber Hedi forderte weiter, immer öfter und immer mehr.

Weil sie nicht wollte, dass ihr Mann Milos mitbekam, wie viel Geld sie ihrer Mutter zusteckte, belog sie ihn und traf sich heimlich mit ihrer Mutter. Ein Lottoladen wurde schließlich zum Übergabeort für ihre Geldkuverts, denn Hedi hatte mittlerweile begonnen, im Lotto das große Glück zu suchen. Und wenn die Tochter ihre Mutter gelegentlich zur Rede stellte, baute diese ein fantastisches Lügengebäude aus Anlageobjekten und Investitionen auf, um ihr nicht die Wahrheit sagen zu müssen: Dass sie jeden Cent für ihre Spielsucht verjubelte.

Karin Thaler und ihre Mama Hedi im Jahr 2017
Karin Thaler und ihre Mama Hedi im Jahr 2017
Privat

Wenn Kinder zu Komplizen werden

Gute 20 Jahre, nachdem Karin Thaler das erste Mal für die Fehler ihrer Mutter eingestanden war und sich selbst verschuldet hatte, suchte sie sich professionelle Hilfe. Ein Psychiater wurde beigezogen und konfrontierte die Schauspielerin mit den harten Realitäten, denen sie sich selbst so lange nicht stellen wollte.

"Ihre Mutter ist manisch-depressiv", stellte er fest, "und die manischen Phasen sind bei ihr besonders gefährlich." Denn aufgrund ihrer Intelligenz und ihrer gewählten Ausdrucksweise sei es ihr, salopp gesprochen, ein Leichtes gewesen, ihre Umwelt um den Finger zu wickeln. Und Mama Hedi nutzte dieses "Talent", um ihre Spielsucht zu befriedigen, so oft sie nur konnte.

Und ihre Tochter? Karin Thaler sei ko-abhängig, so der Psychiater. Das bedeute, dass ich durch mein Bedürfnis, meiner Mama zu helfen und ihr beizustehen, ihre Sucht nur weiter beförderte. Dadurch, dass sie wisse, dass sie von ihrer Tochter immer aufgefangen würde, gebe es für sie nie wirklich den Druck, ihr Verhalten zu ändern.

Der Rat des Arztes: "Sie müssten sie ganz tief fallen lassen. Wie ein Alkoholiker, der in seiner eigenen Kotze auf der Straße aufwacht." Karin Thaler verstand – und wusste, dass es dazu nie kommen würde, denn: Ich würde meine Mama niemals im Stich lassen. Niemals.

Das Ende vom Lied

Trotzdem versuchte sie, so weit zu gehen, wie es ihr möglich war. Nachdem Mutter und Tochter wieder einmal über eine Lügengeschichte der Mutter in Streit geraten waren, zog Karin Thaler die Notbremse: Du musst mich in Ruhe lassen, textete sie ihr. Ich will nichts mehr von dir hören. Ich will nicht mit dir telefonieren. Ruf mich nicht an. Ich geh nicht ran.

Ein Jahr hielt der Bann, und um mit ihren Schulgefühlen klarzukommen, begab sich die Schauspielerin in Psychotherapie und probierte eine Familienaufstellung. Nichts half. Also beichtete Karin Thaler ihrem Ehemann Milos, alles, wirklich alles, was sie ihm über ihr Mama-Sponsoring in den letzten Jahrzehnten verheimlicht hatte. Und er sagte nur: "Ruf sie an."

"Mama", sagte ich nur aufschluchzend, als sie sich meldete. "Meine Karine!", rief sie und brach ebenfalls in Tränen aus. »Ich hab gedacht, ich hab dich für immer verlorn. Es tut mir alles so leid.« Meine Antwort klang wie ein Schwur: "Mei Mama, du wirst mich nie verliern."

"Geblieben war nur noch jene Liebe, deren starken Keim die Mama in meiner Kindheit in mein Herz gesetzt hatte"
"Geblieben war nur noch jene Liebe, deren starken Keim die Mama in meiner Kindheit in mein Herz gesetzt hatte"
Privat

Und so kam es dann auch. Mutter und Tochter fanden endgültig wieder zueinander und es war am Ende so, wie es am Beginn von Karin Thalers Leben gewesen ist: Geblieben war nur noch jene Liebe, deren starken Keim die Mama in meiner Kindheit in mein Herz gesetzt hatte und die dort so fest verwurzelt war, dass all die Lügen der vergangenen Jahrzehnte sie nicht hatten ausreißen können.

Am 22. März 2022, einem Dienstag, starb Karin Thalers Mama Hedi friedlich im Kreis ihrer Familie.

Als ich dann an ihrem Totenbett saß, ihr winziger Körper in dem rosafarbenen Hello-Kitty-Oberteil ganz schmal und zart und winzig, da flüsterte ich: "Jetzt hast du endlich Ruh, Mamile."

Karin Thaler "Stark, weil ich stark sein musste – Die Doppelrolle meines Lebens", Knaur Verlag, 240 Seiten, € 23,50

Martin Kubesch
Akt. 14.04.2026 01:20 Uhr