Erpresser fordern von Hipp 2 Millionen Euro – aber das E-Mail dazu bleibt 21 Tage (!) unentdeckt. Dann endet die Kommunikation dazu im Chaos ... Was man bisher über die Babybrei-Affäre weiß, was nicht. Fünf Gläser wurden gefunden, bis zu 12 könnten im Umlauf sein.

Rattengift in der Babynahrung – alleine die Vorstellung ist der ultimative Horror für alle Eltern.
Ein Horror, der jetzt Realität geworden ist. Der Babynahrungshersteller Hipp – Werbeslogan von Firmenchef Stefan Hipp: "Dafür stehe ich mit meinem Namen" – ist derzeit Opfer einer Erpressung. Es soll um 2 Millionen Euro gehen.
Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, haben der oder die Täter Babynahrung mit Rattengift versetzt und in Supermärkten deponiert. Bisher wurden fünf vergiftete Gläser gefunden, eines davon im Burgenland, die anderen in Tschechien und der Slowakei.
Mindestens ein sechstes Glas soll derzeit noch im Umlauf sein. Auch dieser Brei sei im Burgenland verkauft worden, so die Behörden. Ob noch weitere vergiftete Gläser im Handel platziert wurden, ist nicht klar. Ausgeschlossen werden kann es nicht.
Besonders alarmierend: Das Erpresser-Mail blieb in dem Unternehmen offenbar drei Wochen lang liegen, ehe die Polizei eingeschaltet wurde. Und genauso lange könnten die vergifteten Gläser unbemerkt im Umlauf gewesen sein.

Es grenzt an ein Wunder, dass bis jetzt kein Kind bei der heimtückischen Gift-Erpressung zu Schaden gekommen ist. Weshalb das Mail der Gift-Erpresser bei Hipp drei Wochen lang niemandem aufgefallen ist, wo das noch fehlende Gift-Glas verkauft wurde und welche Folgen es hätte, wenn ein Baby den vergifteten Brei isst – was man derzeit über die Erpressung weiß, was noch unklar ist:
Was ist geschehen?
Der bayerische Babynahrungshersteller Hipp wird von einer oder mehreren unbekannten Personen erpresst. Laut der Tageszeitung Die Presse beläuft sich die Forderung auf 2 Millionen Euro. Diese Summe wird weder von Hipp, noch von der deutschen Polizei bestätigt.
Aber dass Hipp erpresst wird, stimmt?
Ja, sowohl die bayerische Polizei als auch das Unternehmen selbst bestätigten am Montagnachmittag die Erpressung.
Wie lange wissen die Behörden bereits davon?
Eigentlich unglaublich: Ein Mail der mutmaßlichen Erpresser soll bereits am 27. März in der Zentrale von Hipp im oberbayrischen Pfaffenhofen an der Ilm eingegangen sein, berichtet Die Presse. Es sei dort aber bis zum 16. April unbemerkt geblieben.
Kann das stimmen?
Ja, offenbar ist das richtig. Hipp bestätigte am Montag grundsätzlich die Tatsache, dass das Mail über längere Zeit unentdeckt geblieben ist. Allerdings wurden keine konkreten Angaben gemacht, wie lange es übersehen worden ist.

Wie kann so etwas geschehen?
Hipp schreibt: "Der Erpresser hat uns eine Nachricht an ein unpersonalisiertes Sammelpostfach geschickt, welches im Rahmen unserer Standardprozesse in größeren zeitlichen Abständen gesichtet wird. Unmittelbar nach Kenntnisnahme haben wir sofort die zuständige Polizei und Behörden informiert und einen internen Krisenstab eingerichtet."
Wer wurde informiert?
Zunächst die bayerische Polizei. Diese habe am 16. April Kenntnis von dem Mail erlangt und "unverzüglich alle erforderlichen Verständigungen, Abstimmungen und Maßnahmen im In- und Ausland getroffen", so die Behörde.
Was weiß man über den Inhalt des Erpresser-Mails?
Die Täter sollen Hipp bis 2. April – das war der Gründonnerstag – Zeit gegeben haben, um 2 Millionen Euro zu bezahlen. In welcher Form die Übergabe hätte stattfinden sollen, ist nicht bekannt.
Andernfalls?
Ansonsten wurde damit gedroht, jeweils zwei vergiftete Gläser in Tesco-Filialen in Brünn (Tschechien) und Dunajská Streda (Slowakei) sowie in einer Spar-Filiale im Burgenland zu platzieren.
Zwischenfrage: Was ist Tesco?
Die größte britische Supermarktkette, die auch in Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Irland, Thailand und Malaysia vertreten ist und weltweit knapp 5.000 Supermarkt-Filialen betreibt.
Was passierte nach Fristablauf?
Da Hipp nicht zahlte, weil das Unternehmen nicht gewusst haben will, dass es erpresst wird, wurden offenbar tatsächlich mit Rattengift manipulierte Hipp-Gläser in den drei genannten Supermarkt-Filialen platziert.

Haben der oder die Täter denn kein weiteres Mail geschickt?
Es ist nichts dergleichen bekannt. Das erste und nach aktuellem Kenntnisstand einzige Erpresser-Mail fand bei Hipp – firmeninternen Dokumenten zufolge, die der Presse vorliegen – erst am 16. April Beachtung und wurde noch am selben Tag an die Polizei weitergeleitet.
Die bayerische Polizei tat was?
Sie verständigte die zuständigen Behörden in den drei Ländern und informierte, wonach sie zu suchen hatten.
Das wusste man, weil?
Weil der oder die Täter in dem Mail demnach ganz detaillierte Beschreibungen mitlieferten, welche Gläser sie vergiftet hatten. Diese waren bzw. sind offenbar alle mit einem weißen Aufkleber am Boden des Glases gekennzeichnet, in dem sich ein roter Kreis befindet. Gut möglich, dass er oder sie wollte, dass die Gläser rasch gefunden werden.
Warum sollte der Täter das wollen?
Weil er vielleicht zunächst nur zeigen wollte, wozu er fähig und in der Lage ist, ohne aber wirklich einen Schaden anzurichten. Aber das ist zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation.
Hat der Täter auch mitgeteilt, zu welcher Produktgruppe die vergifteten Gläser gehören? Hipp führt ja sehr viele verschiedene Produkte, vom Fruchtmus bis zu Spaghetti Bolognese in Breiform …
Dafür gibt es keine Bestätigung. Aber wenn man die anfangs noch sehr vagen Informationen über den "Produktrückruf" am vergangenen Wochenende rekonstruiert, kann man davon ausgehen, dass offenbar genau bekannt war, wonach gesucht werden muss.
Und wurden die vergifteten Gläser in den Supermärkten gefunden?
Teils, teils. In Tschechien und der Slowakei wurden die Behörden in den beiden Tesco-Filialen fündig. Samstagabend wurde mitgeteilt, dass sowohl in Brünn, als auch in Dunajská Streda (das liegt wenige Fahrminuten östlich von Bratislava) jeweils zwei Gläser Hipp-Babynahrung beschlagnahmt wurden, "die der Beschreibung in der E-Mail des Täters entsprachen", so die Nachrichtenagenturen.

Welche Sorten waren hier betroffen?
Dazu gibt es keine offiziellen Stellungnahmen. In den Agenturberichten ist aber von den beiden Sorten "Reis mit Karotten und Pute, ab 8 Monaten, 220 g" und "Gemüse und Reis mit Kalbfleisch, ab 8 Monaten, 220 g" die Rede.
Und waren die Gläschen wirklich vergiftet?
Ja, erste Untersuchungen der Behörden ergaben, dass in allen vier Gläsern Rattengift im Babybrei war.
Was wurde bei Interspar in Eisenstadt gefunden?
Hier kamen die Behörden leider zu spät. Sie suchten nach zwei Stück "Gemüsegläschen Karotten und Kartoffeln, ab 5 Monaten, 190 g" mit weißen Stickern mit rotem Kreis am Glasboden, jedoch vergeblich. Die kontaminierten Gläser wurden bereits verkauft.
Wurden sie mittlerweile gefunden?
Ein Glas wurde bislang entdeckt. Nachdem die Behörden am Samstag Aufrufe gestartet hatten, meldete sich ein Käufer aus Schützen am Gebirge nahe Eisenstadt, dass er eines der Gläser bei sich zu Hause hat. Auch hier fand sich Rattengift im Babybrei.
Und das zweite Glas?
Wird nach wie vor gesucht. Stand Montagabend ist es den burgenländischen Behörden noch nicht gelungen, das mutmaßlich vergiftete Glas ausfindig zu machen.
Was wird unternommen, um es zu finden?
Neben den öffentlichen Aufrufen haben die Behörden laut Landespolizeidirektion Burgenland Kindergärten und Kinderkrippen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen explizit über die Gefahrenlage informiert. Zudem wurden auch die ungarischen Behörden verständigt, da viele Ungarn gerne ins Burgenland zum Einkaufen kommen.

Weshalb Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen?
Weil die Hipp-Babyprodukte auch gerne von betagten und gehandicapten Personen gegessen werden, die sich mit dem Kauen und Schlucken schwertun.
Was soll man tun, wenn man denkt, man hat das Glas gefunden?
Am besten sofort die Polizei verständigen unter der Telefonnummer +43-5913310-3333. Sollte man das Glas versehentlich geöffnet haben, dann sofort wieder verschließen und anschließend ausgiebig die Hände mit Seife waschen (mind. 30 Sekunden lang).
Wenn das letzte bekannte vergiftete Glas gefunden worden ist, ist dann alles wieder sicher?
Nein, weil es keinerlei Bestätigungen dafür gibt, dass tatsächlich nur sechs vergiftete Gläser in Umlauf gebracht worden sind. Die Presse berichtet etwa, dass möglicherweise sogar insgesamt zwölf Gläser betroffen sind, macht aber keine Angaben darüber, woher diese Information stammt. Seitens der Behörden gibt es dafür bislang keine Bestätigung.
Geht die Polizei davon aus, dass es sich wirklich nur um sechs vergiftete Gläser handelt?
Dazu gibt man keine Auskunft. Die Behörden halten sich in der ganzen Sache sowohl in Österreich, als auch in Deutschland derzeit extrem bedeckt. Man stehe im Kontakt mit den Ermittlungsbehörden in allen betroffenen Ländern, könne aber derzeit "keine weiterführenden Informationen zum Ermittlungsfortgang bekannt geben", so ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord.
Weiß man schon, wie die vergifteten Gläser in die Supermärkte gekommen sind?
Nein, auch dazu gibt es bislang keine Erkenntnisse – jedenfalls keine, die von den Behörden mit der Öffentlichkeit geteilt werden.

Könnten die vergifteten Gläser mit einer regulären Lieferung in die Filialen gelangt sein?
Das ist schwer vorstellbar. Laut Spar Österreich beliefert Hipp direkt die Spar-Großhandelslager, von denen es mehrere in Österreich gibt. Von dort werden die Produkte auf die einzelnen Filialen im jeweiligen Umkreis verteilt, je nach individuellem Bedarf. Bei dieser Liefer-Logistik ist es nahezu ausgeschlossen, dass zwei spezielle Gläser eines bestimmten Produktes zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Filiale im Verkaufsregal stehen.
Weiß man, weshalb es gerade der Interspar in Eisenstadt war, in dem zumindest das eine Glas verkauft worden ist?
Nein. Die Polizei teilte Spar nur mit, dass es sich um eine Filiale im Burgenland handelt. Dass es Eisenstadt war, wurde erst Gewissheit, als die Kauf-Historie des vergifteten Glases rekonstruiert wurde.
Bleibt die Möglichkeit, dass der oder die Erpresser die vergifteten Gläser selbst in den Supermärkten platziert haben …
Das ist wahrscheinlicher. Die Städte – Brünn, Dunajská Streda und Eisenstadt – liegen nahe beisammen, eine Person könnte binnen Stunden alle drei Supermärkte besucht haben. Wobei sich der Täter dann der Gefahr ausgesetzt hätte, von Überwachungskameras aufgenommen zu werden. Denn der Zeitpunkt der Platzierung ist aufgrund des Erpresser-Mails recht genau eingrenzbar.
Sichtet die Polizei bereits Überwachungs-Videos?
Dazu machen weder die Behörden noch die betroffenen Supermärkte Angaben.
Was ist mit den anderen Supermärkten?
Die REWE-Gruppe in Österreich (Billa, Billa Plus, BIPA, ADEG) gab am Montag bekannt, dass sie von Hipp offiziell informiert worden sei, dass Hipp-Babykostgläschen in den REWE-Märkten nicht betroffen seien und es sich nur um eine mögliche Produktmanipulation in einem Spar-Markt handelt. Ungeachtet dessen, gab REWE später am Montag bekannt, sämtliche Hipp-Gläschen "rein präventiv, ohne Verdachtsmomente in unseren Märkten" und "ohne Anweisung der Behörden oder der Firma Hipp" vorläufig aus den Regalen zu nehmen.

Noch wer?
Auch die Drogeriemarktkette dm entschied am Montag, das Hipp "Gemüsegläschen Karotte mit Kartoffel 190 Gramm" (davon wurde bislang ein vergiftetes Glas entdeckt) "vorsorglich aus dem Verkauf" zu nehmen. Außerdem würden sämtliche Hipp-Glaskost-Produkte in allen dm-Märkten und in den Verteilzentren auf Beschädigungen des Deckels oder auf Kennzeichnungen überprüft.
Können Konsumenten bereits gekaufte Hipp-Produkte zurückgeben?
Ja, sowohl bei dm, als auch bei Spar können Kunden erworbene Hipp-Produkte zurückgeben und erhalten den Kaufpreis refundiert.
Was macht Hipp?
Der Hersteller wurde von dem Fall kalt erwischt. Auf seiner Homepage informiert er über einen "Produktrückruf" und versichert, dass kein Produktionsmangel vorliege und die Gläschen das Hipp-Werk "in einwandfreiem Zustand" verlassen hätten. Dass "der Verzehr eines manipulierten Gläschens lebensgefährlich sein" könne, wird auf der Hipp-Homepage erst im sechsten Absatz erwähnt.
Weiß man schon, welche Gift der oder die Täter verwendet haben?
Nein, die genauen toxikologischen Untersuchungen stehen noch aus. Laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES enthält Rattengift vor allem den Wirkstoff Bromadiolon. Dieser hemmt die Blutgerinnung.
Was sind die Folgen einer Vergiftung mit Bromadiolon?
Zahnfleischbluten, Nasenbluten, blaue Flecken oder Blut im Stuhl. Dazu kommen Schwäche und eine auffällige Blässe der Haut. Besonders heimtückisch: Die Beschwerden treten verzögert auf, in der Regel erst 2 bis 5 Tage nach der Aufnahme des Giftes.
Was soll man tun, wenn ein Kind oder ein alter Mensch möglicherweise vergiftet worden ist?
Umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und den Arzt darüber informieren, dass das Kind/die Person möglicherweise die betroffene Babynahrung konsumiert hat.

Ist so eine Vergiftung behandelbar?
Ja, bei entsprechend rascher ärztlicher Betreuung ist eine Vergiftung mit Rattengift gut behandelbar.