Tucker Carlson war das wichtigste Sprachrohr für Donald Trump in der Öffentlichkeit. Nun hat der frühere TV-Moderator mit dem Präsidenten gebrochen und fällt ihm in den Rücken. "Trump schadet den USA," sagt Carlson im Interview mit der New York Times.

An Tucker Carlson kam im vergangenen Jahrzehnt in den USA kaum jemand vorbei. Er war der stets präsente Anchorman der Fox-News, dem rechten Sprachrohr des US-Präsidenten. Er trat immer wieder gemeinsam mit dem Donald Trump im Wahlkampf auf, machte Werbung für ihn, wo es nur ging.
Für die amerikanische Öffentlichkeit waren Carlson und Trump ein Zwillingspaar. Heute sagt er: "Es tut mir leid, die Menschen in die Irre geführt zu haben!"
Will man Tucker Carlsons Rolle auf Österreich übertragen, fällt mir kein guter Vergleich ein. Doch lassen Sie mich versuchen, zumindest einen an den Haaren herbeizuziehen.
Die meisten erinnern sich mutmaßlich an den Paarlauf von Jörg Haider mit Herbert Kickl. Haider war bis zu seinem Tod 2008 der große Schlagzeilen-Politiker. Was immer er sagte, es (und er) standen auf Seite Eins. Es war auch - zugegeben - immer auf dem Punkt formuliert.

Nicht alles stammte von Haider, vieles kam aus der Feder seines engsten Mitarbeiters Herbert Kickl. Und jetzt stellen Sie sich vor (wir spielen das fiktiv weiter): In der Zwischenzeit ist Haider Bundeskanzler und Kickl äußert sich über Haider nur noch negativ: Er habe keine Ahnung, werde von fremden Mächten geleitet, sein Interesse decke sich nicht mehr mit dem seines Landes - und so weiter und so fort.
Kickl bricht mit Haider. Greift ihn brutal an. Eine Sensation.
Genau das spielt sich derzeit in den USA ab. Tucker Carlson, einer der einflussreichsten (ehemaligen) Einflüsterer von Donald Trump. Quasi die Stimme seines Herrn im (rechtsgerichteten) US-TV-Kanal. Dann, nachdem er gefeuert wurde, selbstständiger Podcaster mit einem Millionen-Publikum. Und plötzlich entzaubert er den US-Präsidenten.
Anlass war und ist der Krieg gegen den Iran. Seit 10 oder 15 Jahren habe er Trump davor gewarnt, sich in eine militärische Auseinandersetzung gegen die Mullahs in Teheran einzulassen, und die längste Zeit habe er auch darauf gehört, sagt Carlson. Doch jetzt, wirft der Moderator dem Präsidenten vor, habe er "Regime Change" zum Kriegsziel gemacht, also den Sturz der Machthaber in Iran.
Und das alles nur, weil es ihm "Bibi" eingeredet habe.

Mit "Bibi" ist der israelische Ministerpräsident Bibi Netanjahu gemeint, der den Sturz des iranischen Regimes nur mit Hilfe der US-Truppen erreichen kann. Das war die schlechteste Entscheidung, die ein amerikanisches Staatsoberhaupt jemals treffen konnte, sagt Tucker Carlson in einem denkwürdigen Interview mit der New York Times.
Vor dem ersten Bombenabwurf habe er Trump im Jänner und Februar mehrmals im Weißen Haus besucht, erzählt Carlson der New York Times. Er habe mit ihm zu Mittag gegessen, immer wieder mit ihm telefoniert und ihn vor einem Krieg gegen die Mullahs gewarnt. Und jedes Mal habe der Präsident ihn gefragt, ob er wirklich wolle, dass der Iran eine Atombombe besitzt.
Carlson habe erwidert, er sei gegen Atombomben, er wolle nicht, dass Israel welche hat, niemand sollte Atombomben haben. Trump sei ja Präsident der USA, er müsse in erster Linie das Interesse seines Landes im Auge haben, habe er argumentiert.
Doch am Ende all dieser Diskussion war eines klar: Trump hätte keine andere Wahl gehabt, er sei mehr eine Geisel in diesem Entscheidungsprozess gewesen als jemand, der einen Beschluss aus freien Stücken fällt.
Warum tut das jemand, der sich auf Millionen Wähler stützen kann, fragt sich Carlson sozusagen selbst. Trump hatte den Wählern versprochen, in keinen Krieg auf ausländischem Boden mehr einzutreten, er wurde dafür sogar gewählt. So jemand soll keine andere Wahl gehabt haben?

Aber immer, wenn Tucker Carlson dem Präsidenten gegenüber einwandte, dass das eine schlechte Entscheidung sei, eine, die ihm und seinem Land schaden würde, hatte Trump darauf nur eine Antwort: "Es ist gut, alles wird gut ausgehen."
"Doch wer hält ihn in Geiselhaft, wer sind diese Leute, die seine Urteilsfähigkeit einschränkten," fragt die Journalistin der New York Times. "Benjamin Netanjahu und seine Unterstützer in den USA", antwortet Carlson. "Sobald Trump einen Waffenstillstand ankündigte, begannen die Israelis Zivilisten im Libanon zu töten … Und was war der Grund dafür? Nicht die Grenzen Israels zu sichern. Der Grund dafür war, jede Verhandlungslösung zu torpedieren, diesen Krieg so lange weiterzuführen, bis der Iran auseinanderbricht, was das Ziel Israels ist."
Trump, so behauptet Tucker Carlson, konnte Netanjahu nicht in die Schranken weisen. Er konnte einfach nicht sagen: "Mach einen Punkt, Bibi, oder wir hören auf, euch finanziell zu unterstützen und dann wird dein Land in zehn Minuten zusammenbrechen." Doch Trump sagt das nicht.
Harte Worte. Natürlich muss sich Carlson den Vorwurf des Antisemitismus gefallen lassen. "Ich bin kein Antisemit, werde es auch niemals sein", entgegnet er der New York Times. Man werde doch wohl ein Regime kritisieren dürfen, ohne damit gleich das ganze Volk hineinzuziehen. "Hier geht es um unseren Präsidenten, der sich um unser Land kümmern muss, um unsere Interessen, um unsere Wirtschaft. Doch das tut er nicht. In erster Linie geht es ihm um Israel. Das ist unerhört."

Mittlerweile hat Tucker Carlson nicht nur das jüdische Establishment in den USA gegen sich aufgebracht, auch die religiöse Rechte, die zu den wichtigsten Anhängern der Trump-Bewegung gehört, schießt sich auf ihn ein. Ausgangspunkt dafür war ein Interview, das Carlson mit dem Botschafter der USA in Israel, Mike Huckabee führte.
Huckabee ist das Aushängeschild jener Evangelikalen Christen in den Vereinigten Staaten, die sich voll hinter Israel und deren Anspruch auf den Gaza-Streifen und das Westjordanland stellen. Carlson warf Huckabee mehrmals vor, jene zu unterstützen, die unschuldige Zivilisten töten und Land erobern, das ihnen nicht gehört.
Zu Ostern, darauf verweist die New York Times, habe er seinem Podcast den Titel gegeben: "Eine Warnung an alle Christen!" Habe er damit gemeint, nicht einem falschen Propheten zu folgen, also Präsident Trump? "Ja, genau," erwidert Carlson, "und Netanjahu. Es gibt eine Menge von evangelikalen Christen, die überzeugt sind, dass Gott Netanjahu unterstützen möchte. Und das finde ich unfassbar."
Dass dabei noch der Begriff vom Antichristen fällt und nicht ganz klar wird, ob er damit Trump meint, rundet das Bild noch ab.

Die Benzinpreise, die Inflation, das gebrochene Versprechen, die USA aus Kriegen herauszuhalten - all das lässt die MAGA-Bewegung in ihren Grundfesten erschüttern. Jetzt schlägt auch noch Tucker Carlson mit dem Vorschlaghammer auf die Festung ein, die er selbst mit aufgebaut hatte.
Keine guten Vorzeichen für Donald Trump und die Zwischenwahlen in sechs Monaten.
Eugen Freund war - mit Unterbrechungen - von 1974 bis 2013 Journalist im ORF. Von 2014 bis 2019 war er Abgeordneter im Europäischen Parlament. Sein jüngstes Buch "Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg – wie Europa und die USA auseinanderdriften" erschien im Oktober 2025 (Wieser Verlag, Klagenfurt).