Eine Reportage der BBC enthüllt, wie in China tausende ahnungslose Hotelgäste mit versteckter Kamera gefilmt werden. Diese Videos landen schließlich auf eigenen Porno-Plattformen im Internet. Regierung und Hotelbetreiber sind dagegen offenbar machtlos.

Die eigene Community über eine Urlaubsreise auf dem Laufenden zu halten, ist in Social-Media-Zeiten ein alter Hut. Fotos und Videos von den abgelegensten Orten der Welt werden so in Sekundenschnelle zum Entertainment für die Lieben daheim.
Was aber, wenn die intimsten Augenblicke einer Urlaubsreise, die absolut niemanden etwas angehen, heimlich aufgenommen und in alle Welt gestreamt werden? Und jeder Fremde, der dafür zahlt, einem im Internet beim Sex mit dem eigenen Partner zuschauen kann?
Das passiert hunderten, wahrscheinlich sogar tausenden Menschen jeden Tag, wenn sie in China in einem Hotel übernachten. Denn dort hat sich das Geschäft mit sogenannten "Spy Cam Porns", also Sexvideos, die mit kaum auffindbaren Spionagekameras in Hotelzimmern aufgenommen und illegal gestreamt werden, mittlerweile zum Millionen-Business entwickelt.
Mit welchen Tricks die Porno-Mafia vor allem Frauen in die Sex-Falle lockt, weshalb die Behörden dagegen bislang kaum eine Handhabe finden und was man tun kann, um sich vor solchen Übergriffen zu schützen – das weiß man über die Spionage-Pornos aus China:

Worum geht es?
Um Sex-Videos und Livestreams von Hotelgästen, die in chinesischen Hotels heimlich aufgenommen und anschließend gegen Bezahlung an Kunden in aller Welt gestreamt werden.
Wer wird da heimlich aufgenommen? Nur alleinreisende Frauen oder auch Paare?
Im Grunde jeder, der in den Hotelzimmern, in denen solche Spionagekameras installiert sind, übernachtet. Interessant sind für die Anbieter dieser illegalen Voyeur-Videos allerdings nur Frauen oder Paare, die dann in den Zimmern vor laufender Kamera intim werden.
Ist das etwas Neues?
Das Problem an sich ist nicht neu, von solchen Fällen weiß man bereits seit einigen Jahren. Allerdings haben sich zuletzt die technischen Möglichkeiten drastisch erweitert – und damit der Umfang der Sex-Spionage.
Woher weiß man das?
Die britische BBC hat das Thema über ein Jahr lang recherchiert und die Ergebnisse jetzt in der Dokumentation "Exposed: China's Spycam Porn" zusammengefasst. Sie ging vor wenigen Tagen online (siehe unten).
Wie funktioniert das System?
Die heimlich aufgezeichneten Videos werden zumeist über den Messenger-Dienst Telegram weltweit vertrieben. Dort gibt es auch eigene Kanäle, auf denen Administratoren ihre Inhalte posten und den Zugang beschränken können. Telegram ist in China zwar offiziell verboten, das scheint aber für die Macher hinter diesen Kanälen kein großes Hindernis darzustellen.
Wie findet man solche Kanäle?
Das wird ganz offen gehandhabt, es gibt keinerlei Geheimcodes oder sonstige Hürden. Die BBC-Investigativjournalistin Wanqing Zhang, die das Thema federführend recherchiert hat, suchte auf Telegram einfach nach "Hotel Spycam Porn" und wurde sofort fündig.
Und was findet man dort?
Auf besagtem Kanal gab es Trailer zu unzähligen Videos sowie den Zugang zu mehr als 6.000 älteren Clips, die teilweise bis 2017 zurückgehen. Dieses Angebot kostet demnach 168 Yuan (ca. 20 Euro) pro Monat. Und es gibt als "Premium-Angebot" zusätzlich noch Livestreams aus Hotelzimmern, in denen gerade Gäste logieren, alles zusammen um 450 Yuan (ca. 55 Euro) pro Monat.
Wer sind die "Kunden" für solche Angebote?
Laut BBC lässt sich alleine aus den Kommentaren, die zu den Videos und Livestreams gepostet werden, sehr klar ablesen, dass nahezu ausschließlich Männer nach diesen Inhalten suchen.
Aber man bekommt dann ja nicht immer nur nackte Haut oder Sex zu sehen?
Nein, aber gerade das scheint für viele User den Reiz an der Sache auszumachen. Die BBC-Reporter sprachen mit zwei – anonymisierten – Männern, die beide früher dafür bezahlten, um sich solche Videos und Livestreams anzusehen. Sie schildern, dass es vor allem das Beobachten der Frauen oder der Paare war, das sie dabei besonders interessiert hätte.
Sind sich die Frauen in China dessen bewusst?
Ja und nein. Es scheint im Land ein offenes Geheimnis zu sein, dass solche Videos gemacht werden. Die von der BBC befragten Chinesinnen erzählten unisono, dass sie in Hotels nur mehr möglichst legere, weite Kleidung tragen und sich nicht dort umziehen, wo sie eine Kamera vermuten. Es gibt sogar Bilder, auf denen zu sehen ist, wie Frauen auf ihrem Hotelbett ein Campingzelt aufbauen, um unbeobachtet schlafen zu können.
Aber was sind das für Männer, die so etwas auch noch zugeben?
Der eine nennt sich "James" und arbeitet angeblich in Hongkong als Börsenbroker. Er erklärt, dass er sich beim Zappen durch die Videos und Livestreams vorkam wie jemand, der ein Magazin durchblättert. Als wirklich unangemessen empfindet er es nicht, wildfremde Menschen ohne deren Zustimmung zu beobachten: "Es ist eine Grauzone – natürlich ist es ein Verbrechen, aber man kommt leichter damit durch."
Wie rechtfertigte der andere Mann in der Doku, dass er solche Videos konsumiert?
Der zweite User nennt sich "Eric", ist in seinen Dreißigern, stammt ebenfalls aus Hongkong und begann schon als Teenager heimlich gefilmte Videos anzusehen. "Was mich daran fasziniert hat, ist die Tatsache, dass die Leute nicht wissen, dass sie gefilmt werden", sagt Eric. "Ich finde, traditionelle Pornos wirken sehr gestellt, sehr unecht."

Sind die beiden Männer Singles?
James hat keine Partnerin, Eric allerdings schon. Sie heißt Emily und ist der Grund, weshalb Eric keine Spycam-Pornos mehr schaut.
Weil er es ihr gebeichtet hat und sie es ekelig findet …?
Nicht ganz. Das Paar war vor einiger Zeit auf Urlaub in der Hightech-Metropole Shenzhen. Sie schliefen in einem Durchschnittshotel, nichts Besonderes, dort hatten sie auch Sex miteinander. Als Eric nach ihrer Rückkehr einige Wochen später wieder seine Spycam-Pornokanäle aktivierte, wurde er stutzig: Das Paar, das er da auf seinem Bildschirm beim Sex beobachtete, waren Emily und er.
Wie ging es weiter?
Eric erzählte seiner Partnerin zunächst nichts von seiner Entdeckung, sondern begann fieberhaft zu überlegen, wie er das Video wieder von der Plattform bekommen könnte.
Welche Möglichkeiten hat man, um sich zu wehren?
Grundsätzlich ist das eine rechtlich ganz klare Sache, denn die Videos wurden ohne Einverständniserklärung aufgenommen, völlig unerheblich, was darauf zu sehen ist. Sobald die Plattform (also in diesem Fall Telegram) die Information erhält, dass es mit einem Video rechtliche Probleme geben könnte, ist sie gut beraten, das Material sofort zu löschen.
Was ist dann das Problem?
Dass die Betroffenen im Normalfall keine Ahnung haben, dass ein Video von ihnen existiert und im Netz feilgeboten wird. Dass jemand sein eigenes Video – oder das einer Person, die er kennt – entdeckt, ist so unwahrscheinlich wie eine Nadel im Heuhaufen zu finden.
Wären nicht auch rechtliche Schritte möglich, wenn man (s)ein Video entdeckt?
Theoretisch natürlich. Aber die Scham der Betroffenen ist viel zu groß, als dass sie es riskieren würden, einen öffentlichen Prozess zu führen, vor allem in China. Eric und seine Emily (er hat es ihr später dann doch davon erzählt) gehen nur noch mit Kopfbedeckung und Anti-Viren-Maske außer Haus, seit sie das Video entdeckt haben. Und zwar aus Angst, jemand könnte sie erkennen als "die aus dem Porno-Video". Dabei sind die beiden offiziell ein Paar und niemanden geht es etwas an, wo und wann sie miteinander intim sind.

Und was kann man tun, um erst gar nicht auf so einem Video zu landen?
In China sind angebliche Kamera-Detektoren ein Verkaufshit. Blöd nur: Diese scheinen ihr Geld nicht wert zu sein. Auf manchen Spycam-Plattformen gibt es eigene Rubriken, wo man Frauen zusehen kann, wie sie mit den Detektoren vergeblich nach den Kameras suchen.
Und ist sich die Regierung des Problems bewusst?
Laut BBC hat die Regierung versucht, mit einem neuen Gesetz gegenzusteuern. Demnach sei es mittlerweile explizit verboten, dass es in Hotelzimmern Kameras oder andere Überwachungstechniken gibt.
Aber?
Das Problem ist, dass es für die Hotelbetreiber ein Ding der Unmöglichkeit ist, dieses Gesetz zu exekutieren. Denn die modernen Spycams sind dermaßen winzig, dass sie nahezu überall versteckt werden könnten, ohne gefunden zu werden.
Sind die Aufnahmen im Internet eigentlich auch mit Ton?
Ja, die Mini-Kameras haben üblicherweise auch ein Mikrofon eingebaut. Und ein wichtiger Teil der Faszination der Videos ist es auch, dass die Internet-Voyeure den fremden Paaren nicht nur zusehen, sondern auch zuhören können.
Wie funktioniert das Ganze eigentlich technisch?
Die Kameralinse selbst ist winzig, davon führen zwei Kabel weg, eines liefert Strom, das andere führt die Daten zu einem Chip. Üblicherweise wird die Kamera direkt ans WLAN-Netz des Hotels (oder wo auch immer die Kamera installiert wird) angedockt. Somit überträgt das Hotel unfreiwillig selbst die Bilder ins Netz, die in seinen Räumlichkeiten illegal aufgenommen werden.
Was kostet so eine Mini-Kamera?
Das recherchierte die BBC vor Ort. In der Stadt Huaqiangbei im Süden des Landes befindet sich der größte Markt für Elektronik in ganz China. Was hier nicht erhältlich ist, ist nirgendwo legal oder halblegal zu bekommen. Die Briten engagierten einen lokalen Privatdetektiv und schickten ihn auf Einkaufstour. Nach ein wenig Herumfragen (gefilmt mit einer versteckten Minikamera) bekam er zwei Spycams, wie sie in den Hotels derzeit verwendet werden. Preis: 2.500 Yuan, umgerechnet knapp über 300 Euro für beide Geräte zusammen.



Wo werden die Kameras üblicherweise versteckt?
Dort, wo es eine Stromquelle gibt, bei Steckdosen, in Klimaanlagen, Ventilatoren, bei Lampen, Rauchmeldern etc. Die BBC spürte in wochenlanger Kleinarbeit ein Hotelzimmer in der zentralchinesischen Stadt Zhengzhou auf, von dem man wusste, dass Livestreams von ahnungslosen Hotelgästen übertragen werden. Also schickte man ein Reporterteam und quartierte es in dem Zimmer ein.
Was geschah weiter?
Während BBC-Investigativreporterin Wanqing Zhang in London den entsprechenden Streamingkanal live checkte, suchte das Team in China nach der Kamera. Sie entdeckten sie schließlich im Ventilator, so gut getarnt, dass sie sie nur dank der Anleitung aus London aufspürten. Um die Elektronik der Air Condition nicht zu beschädigen, zerstörten sie nur die Linse der Kamera mit einem Feuerzeug.
Und weiter?
"Nur wenige Minuten, nachdem die Kamera offline war, gab es im Forum der Plattform bereits die ersten Meldungen darüber", sagt die Investigativreporterin. "Das bedeutet, dass es zahlreiche Menschen gibt, die laufend die Kanäle checken, ob sich irgendwo etwas tut."
Was geschah dann?
Der Administrator des Kanals bedauerte den Verlust, denn "die Akustik in dem Zimmer sei großartig gewesen". Und keine 24 Stunden später war eine andere Kamera in einem anderen Hotel irgendwo in China live auf dem Channel aktiv.
Werden solche Spycam-Pornos eigentlich nur in Hotels produziert?
Nicht nur, es wurden auch bereits Fälle von Kameras in öffentlichen Toiletten und in Behandlungsräumen, etwa von Masseuren, bekannt. Ein weiteres Feld, in dem sich diese Form des Missbrauchs offenkundig gerade massiv ausbreitet, sind Mietwohnungen.
Im Ernst?
Die BBC hat eine Fashion-Streamerin in Südchina ausfindig gemacht, der eines Nachts ein zarter blauer Lichtschein bei ihrer (ausgeschalteten) Deckenlampe aufgefallen war. Sie rief die Polizei und die fand eine Kamera, die direkt aus dem Schlafzimmer der Frau ins Internet übertrug.

Gab es Konsequenzen?
Die Streamerin postete darüber mehrere Nachrichten auf einer chinesischen Social-Media-Plattform und erhielt ein gewaltiges Echo. Der meistgelesene Post hatte mehr als eine Million Views. Doch den Betreibern der Plattform war das Thema wohl unangenehm, denn auf einmal wurde die Sichtbarkeit der Postings eingeschränkt. Offenbar sollte das Thema nicht so viel Öffentlichkeit bekommen.
Fand man heraus, wer die Kamera im Schlafzimmer montiert hatte?
Laut der Streamerin erhielt sie irgendwann von der Polizei die Nachricht, dass man den Verantwortlichen gefasst hätte. Doch der Mann saß nur einige Tage in U-Haft, dann ging er frei. Es wurde nicht einmal Anklage erhoben. Offenbar bestand kein gesteigertes Interesse daran, den Fall an die große Glocke zu hängen.
Weiß man eigentlich wer hinter diesen Netzwerken steckt?
Laut den BBC-Recherchen gebe es eine klare Struktur: Es gibt die Besitzer der Kameras, die sich um den Einbau der Geräte kümmern und die Bilder zur Verfügung stellen. Dann gibt es Koordinatoren, die die Inhalte (also Videos und Livestreams) an ihre "Agenten" verteilen. Und diese "Agenten" vermarkten die Bilder im Internet, sprich, sie halten den Kontakt mit den zahlenden Usern.
Gibt es eine ungefähre Vorstellung davon, wie groß dieser Markt ist?
Es gibt nicht einmal eine grobe Schätzung. Die BBC hat in einer mehr als einjährigen Recherche insgesamt sechs verschiedene Plattformen und knapp 200 verschiedene Hotelzimmer identifizieren können, die alle mehr oder weniger dieselben Videos anbieten. Nur: Viele der Plattformen sind nur wenige Monate in Betrieb, dann werden sie abgedreht und die Inhalte werden auf eine neue Plattform mit anderem Namen verschoben. Für Außenstehende ist es da kaum möglich, den Überblick zu behalten.
Weiß man, wie viele Kunden die Plattformen haben?
Laut BBC-Reporterin Wanqing Zhang hätten die Plattformen, die sie infiltrieren konnte, mindestens zehntausend User gehabt, oft mehr.
Und was lässt sich damit verdienen?
Die BBC errechnete für den "Agenten", der Wanqing Zhang betreute, einen Jahresumsatz von etwa 18.500 Euro. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt in China bei 5.200 Euro, nicht einmal ein Drittel. Und das mit einem Business, das zwar ungesetzlich ist, bei dem man sich aber nicht die Hände schmutzig machen muss und die Aufmerksamkeit der Behörden eher minimal ist.

Wie viele Menschen sind von diesen Machenschaften betroffen?
Wenn man nur die Zahl der von der BBC identifizierten "Spycam-verseuchten" Hotelzimmer mit jener der durchschnittlichen Zimmerbelegung in China hochrechnet, kommt man alleine in diesem Fall auf mehrere tausend Geschädigte. Wie groß die Gesamtzahl im ganzen Land ist, lässt sich nicht einmal annähernd schätzen.
Hat sich die Reporterin den Übeltätern eigentlich zu erkennen gegeben?
Ja, am Ende ihrer Recherchen kontaktierte sie "ihren Agenten" und bat ihn um eine Stellungnahme, ebenso seinen "Vorgesetzten". Aber sie erhielt keine Antwort und wurde unmittelbar darauf aus sämtlichen Plattformen entfernt, sie wurde sprichwörtlich gelöscht.
Was bedeutet das alles jetzt eigentlich für China-Reisende aus Europa?
Unterm Strich, dass man offenbar kaum wo sicher sein kann, nicht in einem Zimmer mit Spycam-Überwachung zu landen. Möglicherweise legen internationale Hotelketten größeren Wert darauf, nach versteckten Kameras in ihren Zimmern zu suchen, eine Garantie dafür gibt es aber nicht. Dessen sollte man sich jedenfalls gewahr sein.
Wie hat eigentlich Porno-User Eric die Sache mit "seinem" Video gelöst?
Er hat Telegram kontaktiert und die Löschung seines Videos gefordert - mit dem Hinweis, dass es sich dabei um Kinderpornographie handeln würde. "Ich habe gehofft, dass sie die Sache dann vordringlich behandeln würden."
Und hat es geklappt?
Ja, nach ein paar Tagen war das Video verschwunden. Und Eric lässt in Zukunft die Finger von den Plattformen. "ich schaue nur mehr gelegentlich hinein. Um sicherzugehen, dass unser Video nicht mehr irgendwo auf einer anderen Plattform auftaucht."