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Straße von Hormus

2 Millionen Schutzgeld pro Ölschiff: Wie der Iran nun die Welt abkassiert

Die ersten Schiffe dürfen die Straße von Hormus wieder befahren – mit Sondergenehmigung der iranischen Revolutionsgarden, die pro Schiff bis zu zwei Milliarden US-Dollar verlangen. Die Hintergründe und warum Donald Trump sein Iran-Ultimatum verlängert hat.

Patrouillenboote der Islamischen Revolutionsgarden in der Straße von Hormus (Archivfoto)
Patrouillenboote der Islamischen Revolutionsgarden in der Straße von Hormus (Archivfoto)APA-Images
Christian Nusser
Akt. 26.03.2026 23:07 Uhr

In guten Zeiten war die Insel Larak ein Geheimtipp, vor allem für Taucher. Das liegt einerseits am vorgelagerten Korallenriff, andererseits an einem Foto, das 2015 von National Geographic zum beliebtesten Leserbild des Jahres gewählt wurde. Es zeigt einen Mann, der bis über die Knie im Meer steht. Der Küstenstreifen hinter seinem Rücken erstrahlt in grellem Hellblau.

Die Färbung ist keine Arbeit von KI, sondern wurde von Phytoplankton ausgelöst. Es handelt sich um mikroskopisch kleine Lebewesen, die mit freiem Auge nicht erkennbar sind, aber die Existenz auf der Erde überhaupt erst ermöglichen. Sie erzeugen 50 bis 85 Prozent des Sauerstoffs der Welt.

Wenn das Meer ganz ruhig ist, keine Wellen und kein Wind herrschen und sich ganz viel Phytoplankton an der Küste von Larak ansammelt, dann beginnt das Wasser zu leuchten. Oft muss man Monate darauf warten. Nun stellt sich das Phänomen gar nicht ein, denn die Zeiten sind nicht gut und das Meer ist nicht ruhig.

Larak liegt in der Straße von Hormus, die Geschehnisse dort halten die Welt derzeit in Atem. Ein erheblicher Teil des Rohöl- und Flüssiggastransports zwängt sich durch dieses Nadelöhr – oder auch nicht. Denn nachdem die USA und Israel den Iran angegriffen haben, wird die Straße von Hormus als Faustpfand verwendet.

Der Iran ist drauf und dran, ein Geschäftsmodell daraus zu entwickeln. Erste Schiffe, die durch die Meerenge fahren wollen, müssen eine Art Mautgebühr zahlen, bis zu zwei Millionen Dollar sollen es sein, berichten Fachmedien. Für die USA und den Rest der Welt ist das eine heikle Situation. Das müssen Sie darüber wissen:

Wovon ist hier die Rede?
Die Straße von Hormus ist eines der entscheidenden Kampfgebiete im Nahostkrieg. Der Seeweg ist an der engsten Stelle nur 54 Kilometer breit und auf beiden Seiten von steilen Küsten flankiert. Die engste Stelle zwischen den Inseln Larak (Iran) und Great Quoin, Salāma (Oman) misst sogar nur etwa 38 Kilometer.

Warum ist die Straße von Hormus so bedeutsam?
Weil hier rund 15 Prozent der weltweiten Ölversorgung durchlaufen, Dazu kommen die Exporte von Flüssigerdgas (LNG) aus Katar, dem weltweit größten Produzenten dieses Rohstoffs (auf den 20 Prozent der weltweiten LNG-Exporte entfallen).

Wie darf man sich das vorstellen?
Die Meerenge funktioniert wie ein Kopfbahnhof. Schiffe fahren in die Meerenge ein, werden beladen, kehren aufs offene Meer zurück und beliefern die Welt. Dann kam der Krieg.

Was ist seitdem?
Die USA und Israel haben den Iran unter Dauerfeuer genommen, maßgebliche Repräsentanten des Landes wurden ausgeschaltet. Es ist nicht ganz klar, in welchem Zustand sich der Iran momentan befindet, aber geschlagen wirkt er nicht.

Was ist mit dem Trump-Ultimatum?
US-Präsident Donald Trump hatte dem Iran am Wochenende ein 48-Stunden-Ultimatum gestellt, um die Straße von Hormus freizugeben. Es wurde am Montag um fünf Tage bis Freitag verlängert. Am Donnerstag wurde die Frist schließlich bis zum 6. April um 20 Uhr Eastern Time erstreckt.

Warum?
"Auf Ersuchen der iranischen Regierung", schrieb Trump Donnerstagabend auf Truth Social. "Die Gespräche laufen weiter und verlaufen sehr gut, trotz falscher gegenteiliger Behauptungen seitens der Fake-News-Medien und anderer". Überprüfbar ist das nicht.

Was war davor passiert?
Trump hat dem Iran einen Vorschlag für einen Waffenstillstand übermittelt, er umfasst 15 Punkte. Der Iran streitet ab, dass es überhaupt Gespräche mit den USA gibt.

Was stimmt nun?
Das lässt sich schwer beurteilen. Bei einem Abendessen für republikanische Spender sagte Trump, die iranische Führung habe Angst, Gespräche zuzugeben, "weil sie befürchtet, von ihrem eigenen Volk getötet zu werden".

Und der Iran?
Bleibt bei seiner Version. Der iranische Außenminister bestätigte, sein Land tausche zwar über Drittstaaten Botschaften mit den USA aus, habe aber "vorerst keine Absicht, über Trumps 15-Punkte-Waffenstillstandsvorschlag zu verhandeln". Amerika wiederum lehnt ein übermitteltes Gegenangebot des Iran ab. Beide Seiten stellen unerfüllbare Bedingungen.

Was ist mit der Straße von Hormus?
Sie entpuppt sich immer mehr als entscheidender Faktor des Krieges. Denn der Iran hat erkannt, dass er ein Druckmittel in der Hand hat und beginnt, das zu nutzen.

Was tun die USA?
Sie versuchen, die Handelsroute in den Griff zu bekommen. Der Küstenstreifen soll freigebombt werden, damit Schiffe nicht direkt angegriffen werden können. Aber angesichts der Reichweite von Drohnen scheint das ein unmögliches Unterfangen zu sein.

US-Präsident Donald Trump verlängerte abermals das Iran-Ultimatum
US-Präsident Donald Trump verlängerte abermals das Iran-Ultimatum
Reuters

Was passiert aktuell?
Die Zahl der Schiffe, die durch die Straße von Hormus fahren, nimmt langsam zu. Laut Daten von Lloyd's List Intelligence passierten zwischen 15. und 17 März die ersten 15 Schiffe die Engstelle, am Wochenende waren es mindestens 16. Am 23. März sollen es schon 20 Schiffe gewesen sein.

Wie viele Schiffe waren es vor dem Krieg?
Am 28. Februar führen noch 108 Öltanker durch die Meerenge.

Was ist Lloyd's List Intelligence?
Ein Fachportal, das den weltweiten Schiffsverkehr überwacht und laut Eigenangabe von 60.000 Unternehmen genutzt wird. Lloyd's List Intelligence hat 620.000 Schiffe in allen Weltmeeren am Radar und beobachtet ihre Bewegungen.

Was ist zu sehen?
Eine markante Veränderung. Der Iran hat offenbar einen neuen Schiffskorridor eingerichtet. Er führt zwischen hinter der Insel Larak vorbei. Es soll ausgewählten Tankern eine sichere Passage durch die Straße von Hormus ermöglicht werden.

Warum der Umweg?
Es gibt belastbare Indizien, dass der bisherige Seeweg mitten durch die Straße von Hormus vermint wurde. Der Iran muss also Schiffe über eine andere Route durchlotsen.

Die internationale Schifffahrtsroute durch die Meerenge (der helle Fleck über den rechten Pfeilen ist Larak)
Die internationale Schifffahrtsroute durch die Meerenge (der helle Fleck über den rechten Pfeilen ist Larak)
Picturedesk

Welche Bedeutung hat Larak?
In den Medien war in den vergangenen Tagen vor allem Charg ein Thema. US-Präsident Donald Trump hat sogar damit gedroht, die Insel mit Bodentruppen besetzen zu lassen. Aber Charg, Irans wichtigstem Öl-Exportterminal, sollten nicht alle Aufmerksamkeit allein geschenkt werden.

Warum nicht?
Weil nun auch Larak in eine bedeutende Position rückt. Die Insel aus einem erloschenen Vulkankegel misst rund 7,5 Quadratkilometer, ist also etwa zweieinhalbmal so groß wie die Wiener Innenstadt, und hat einen Durchmesser von 10 Kilometern. Ungefähr 700 Menschen leben hier, Hotel gibt es keines.

Was macht Larak für den Iran so wertvoll?
Die Insel liegt nur 32 Kilometer vom Festland weg und blieb vom Krieg bisher verschont. Laut dem israelischen Alma Research and Education Center steht die Insel unter Irans mehrschichtigen Luftverteidigungsnetzen und beherbergt ein russisches Satellitenkommunikations-Störsystem sowie iranische Marineinfanterie und mit Anti-Schiffs-Raketen bewaffnete Schnellboote.

Warum ist das wichtig?
Weil die neue, sichere Schifffahrtsroute des Iran "hinter" Larak vorbeiläuft. Das macht möglich, was Max Meislish von der Forschungsstelle "Foundation for Defense of Democracies" (FDD) als "Mautstelle Teheran" bezeichnet.

Was ist damit gemeint?
Das neue Geschäftsmodell des Iran. Das Land bietet Schiffen aus bestimmten Ländern eine sichere Passage durch die Straße von Hormus an und das für einen Gegenwert von bis zu zwei Millionen US-Dollar.

Die Ladung eines Öltankers kann 200 Millionen US-Dollar wert sein
Die Ladung eines Öltankers kann 200 Millionen US-Dollar wert sein
Reuters

Was ist mit "bestimmten Ländern" gemeint?
Nationen, die nicht den USA oder Israel in Verbindung stehen und die vorgegebene Kriterien erfüllen. Laut Medienberichten sind das etwa Indien, Pakistan, Irak, Malaysia und China. Sie sollen sich mit dem Iran in Gesprächen befinden.

Wer hat die Kontrolle über Larak?
Nach übereinstimmenden Berichten die Islamischen Revolutionsgarden IRGC. Die 190.000 Mann starke paramilitärische Truppe hat offenbar derzeit im Iran überhaupt das Sagen.

Wann erkannte der Iran das Potenzial?
Am 15. März gab Außenministers Abbas Araghchi eine Erklärung ab. In der verlautbarte er, der Iran sei "offen" für Länder, die über die "sichere Durchfahrt ihrer Schiffe" diskutieren wollen.

Wie reagierten die Reeder?
Sie erkannten schnell die Chance. "Es laufen Bemühungen unter Einbeziehung von Regierung und Industrie, ein Verfahren zu etablieren, in dessen Rahmen eine Kommunikation für Schiffe stattfindet, die definitiv nicht mit Israel oder den USA verbunden sind, um eine Bestätigung für die sichere Durchfahrt durch die Straße von Hormus zu erhalten", sagte Dimitris Maniatis vom griechischen Risikomanagement-Unternehmen Marisks.

Wie kam es zur "Mautstelle Teheran"?
Am 19. März berichtete das Wall Street Journal: Im iranischen Parlament sei ein Vorschlag vorgelegt worden. Er sieht die Einhebung von Zöllen und Steuern für Schiffe vor, die die Straße von Hormus befahren.

Was war die Quelle?
Ein iranischer Angeordneter. Er sagte, dass Länder, die die wichtige Wasserstraße als "sichere Route für ihre Schifffahrt, ihren Energietransit und ihre Ernährungssicherheit" nutzen wollen, dafür bezahlen müssten.

Was wurde aus dem Antrag?
Offenkundig wird darin beschriebene Vorhaben gerade in die Tat umgesetzt. "Länder, die nicht an dieser Aggression beteiligt sind, können die Straße nach der notwendigen Abstimmung mit der iranischen Seite passieren, um die sichere Durchfahrt ihrer Schiffe zu gewährleisten", zitierte die regierungsnahe Nachrichtenagentur Mehr am Mittwoch einen Sprecher von Irans Außenministerium.

Müssen alle Tanker zahlen?
Bisher offenbar nicht. Lloyd's List Intelligence kann bisher ein Schiff nennen, für das zwei Millionen bezahlt wurden. Offenbar werden die Verhandlungen derzeit noch auf Einzelfallbasis geführt, ein Registrierungssystem für "zugelassene" Schiffe" dürfte sich noch im Aufbau befinden.

Wie sind die 2 Millionen Schutzgeld zu bewerten?
Ein durchschnittlich großer Öltanker fasst etwa 2 Millionen Barrel Rohöl. Bei einem Preis von derzeit rund 100 Dollar pro Barrel ist die Fracht 200 Millionen Dollar wert. Die Maut ist also viel Geld, angesichts des Profits aber werden sich mutmaßlich nicht wenige Reeder darauf einlassen.

Was kosten andere Passagen?
Wer mit einem Öltanker durch den Suezkanal will, zahlt bis zu 700.000 Dollar, beim Panamakanal kann es über eine Million werden. Als sich 2023 wegen Niedrigwassers die Schiffe stauten, wurden Passagen danach um bis zu 2,8 Millionen Dollar versteigert.

Wie funktioniert das Mautsystem des Iran?
Interessierte Reeder müssen laut Lloyd's List Intelligence Verbindungsleute zu den Revolutionsgarden kontaktieren. Ihnen werden dann umfangreiche Daten über Schiff und Ladung abverlangt – wem gehört der Tanker, was ist das Ziel, woher stammt die Besatzung? Nach der Zahlungen gibt es dann ein Okay. Oder eben nicht.

Der neue Iran-Führer Mojtaba Khamenei hält sich weiter versteckt, mit den USA wird bestenfalls indirekt Kommuniziert
Der neue Iran-Führer Mojtaba Khamenei hält sich weiter versteckt, mit den USA wird bestenfalls indirekt Kommuniziert
Reuters

Wie lassen sich die Schiffs-Bewegungen beobachten?
Über AIS-Transponder. Der Begriff steht für Automatic Identification System. Es handelt sich um ein Funkgerät an Bord eines Schiffes, das automatisch Daten über Position und Identität an andere Schiffe und an Landstationen sendet und empfängt. Außer bei der Schattenflotte, das ist meist Blindflug.

Was war in der Straße von Hormus zu erkennen?
Die neue Route, aber sie wurde getarnt. Die AIS-Transponder von zwei Massengutfrachtern wurden bei der Annäherung an die Meerenge deaktiviert, sodass es nicht möglich war, ihre Fahrt um die Insel Larak zu verfolgen; ihr Signal tauchte jedoch in der Nähe der iranischen Küste wieder auf, was darauf hindeutet, dass auch sie den Umweg genommen haben.

In welcher Währung werden die Deals abgewickelt?
Über den chinesischen Yuan. US-Sanktionen untersagen dem Iran internationale Bankgeschäfte.

Was könnten die USA tun?
Abseits aller militärischen Bedrohungen besteht immer noch das Mittel der Sanktion. Die USA könnten etwa allen Finanzinstituten, die mittelbar oder unmittelbar mit der Finanzierung betroffener Tanker zu tun haben, Maßnahmen androhen.

Ein wirksamer Schutz der Straße von Hormus durch die USA scheint denkunmöglich zu sein und kostet Milliarden
Ein wirksamer Schutz der Straße von Hormus durch die USA scheint denkunmöglich zu sein und kostet Milliarden
Reuters

Warum drohen die USA nicht ebenfalls mit Sprengungen?
Weil es eine stumpfe Waffe wäre. Natürlich könnte Trump poltern und allen Schiffen, die durch die Meerenge fahren, mit Maßnahmen bis zur Zerstörung drohen. Aber der Westen hat ja ein gegenläufiges Ziel – möglichst viel Öl zu erhalten, nicht es in die Luft zu jagen.

Es herrscht also Tag der offenen Tür?
Kann man so sagen. Blooming Dale, Sea Bird, Salute sind nur drei der Tanker, die in den vergangenen Tagen die Straße von Hormus durchfuhren. Alle drei stehen auf der US-Sanktionsliste.

Wenn mehr Schiffe nun die Meerenge passieren, heißt das, die Lage normalisiert sich?
Bei weitem nicht. Bis Mittwoch blieb der Schiffsverkehr deutlich unter den Erwartungen. Es ist unklar, warum. Der Iran hat allerdings auch die Angriffe auf Schiffe eingestellt, der letzte wurde am 17. März durchgeführt. Auch hier sind die Hintergründe unklar.

Christian Nusser
Akt. 26.03.2026 23:07 Uhr