Er löste eine Medien-Revolution aus. 1980 gründete Ted Turner CNN. Eugen Freund gestaltete rund 100 Beiträge für den 24-Stunden-Nachrichtensender, 1990 traf er Ted Turner zum Interview. Zum Tod des Medienmachers: Die Kernaussagen aus dem Gespräch.

Kaum ein Medienmensch, egal aus welcher Gegend der Welt, war so schillernd wie Ted Turner. Großsprecherisch (in den USA wurde er lange "The Mouth of the South" genannt), ständig voller neuer Ideen, ein Verfechter der Vereinten Nationen (einmal stellte er aus eigener Tasche 1 Milliarde Dollar der UNO zur Verfügung), war sein Sender "Cable News Network" lange Zeit allgegenwärtig.
Bis ihm der australisch-britisch-amerikanische Medienzar Rupert Murdoch mit "Fox-News" Konkurrenz machte und bis das Internet die Grenzen zwischen Journalismus und Information völlig verwischte.
Am Höhepunkt des Bekanntheitsgrades des weltweiten 24-Stunden-Nachrichtenkanals und während CNN Tag und Nacht "Live" vom Irak-Krieg berichtete, traf ich als damaliger ORF-Reporter (der auch für CNN rund 100 Beiträge gestaltete) Ted Turner in seinem Büro im 28. Stockwerk des CNN Headquarters in Atlanta. Im folgenden Ausschnitte aus dem Interview:
Eugen Freund CNN gibt es jetzt seit zehn Jahren - sind Sie mit allem zufrieden oder gibt es etwas, das Sie gerne anders gemacht hätten?
Ted Turner Nicht wirklich. Ich bin sehr zufrieden, wie es derzeit aussieht. Vor zehn Jahren habe ich mir kaum vorstellen können, dass wir so weit kommen würden. Aber ich hatte damals keine wirkliche Obergrenze, was unser Ziel betrifft. Dass wir unseren Kanal auch international anbieten, ist mir von Anfang an vorgeschwebt ....

Freund Jetzt kann CNN in 90 Ländern empfangen werden und dabei gibt es eine Diskussion darüber, wie sehr die amerikanischen Medien auf nationale Sendeanstalten im Rest der Welt Einfluss ausüben. Sehen Sie darin auch ein Problem?
Turner Nein, nicht wirklich: Da gibt's die Associated Press, die UPI, man kriegt ja die Nachrichten von verschiedenen Quellen ...
Freund ... aber das sind doch alles amerikanische ...
Turner Nein, ja, nicht alle. Reuters ist nicht amerikanisch und die Eurovision ist nicht amerikanisch und ebenso wenig Intervision und ITN. Es gibt wirklich unterschiedliche Quellen, woher man seine Nachrichten bezieht. CNN ist halt irgendwie neu am Markt. Aber von irgendwo müssen sie ja herkommen. Sicherlich haben Sie irgendwie recht.
Freund Sprechen wir von der Berichterstattung über den Irak-Konflikt. Einer der Vorwürfe, der Ihnen gemacht wird, ist, dass in vielen Berichten Patriotismus an vorderster Stelle steht und erst dann - wenn überhaupt - eine objektive Analyse kommt. Was sagen Sie dazu?
Turner Wir berichten über die Krise so fair und ehrlich wie wir können. 80 oder 90 Prozent unserer Zuseher sind aber hier in den USA. Und daher bezieht sich der Großteil unserer Berichterstattung auch auf diese Zuseher. Was die internationalen TV-Anstalten betrifft, die CNN übernehmen: Vielleicht wollen sie nicht so viele Storys über US-Geiseln oder US-Soldaten, aber sie müssen das ja nicht senden - sie können ja Teile übernehmen, die weniger nationalistisch sind - also, es betrifft unsere Kunden nicht wirklich, solange wir das anbieten, was sie benötigen. Wir bringen ja fast alles, was sich dort abspielt.
Freund CNN ist ja nicht mehr nur eine "Agentur" für andere TV-Anstalten, CNN kann man z. B. in Österreich über Kabel empfangen. Die Leute bekommen da ja keine geschnittene Version vorgesetzt.
Turner Die Ausgabe von CNN, die Österreich empfängt, ist die sogenannte 'internationale' Ausgabe, die sich sehr von der amerikanischen unterscheidet, und sie wird sich immer mehr davon unterscheiden ...
Freund Ja , aber der Unterschied ist doch, dass man weniger US-News bekommt ...
Turner Ja, richtig.

Freund Und doch bekommen wir, gerade im Zusammenhang mit der Irak-Krise, eine Menge rein Amerikanisches geboten. Als Bush zum Beispiel im Sommer auf Urlaub war und kaum irgendwelche Neuigkeiten von sich gab, war dennoch ununterbrochen der "White House"-Korrespondent zu sehen, während Bush irgendwo im Hintergrund Golf spielte oder mit dem Motorboot unterwegs war. Ich habe das Gefühl, man wollte einfach Flagge zeigen.
Turner Das muss ja nicht unbedingt Patriotismus sein. Meiner Meinung nach haben die USA wahnsinnig schnell ihre Truppen in den Nahen Osten verlegt, ohne auf die entsprechenden Entscheidungen der UNO zu warten. Es ist natürlich nicht meine Aufgabe das zu kritisieren - aber die Rolle der USA als Reaktion auf den Einmarsch war natürlich wichtig. Wenn Sie unsere Sendungen mitverfolgt haben, werden sie gesehen haben, dass wir auch die Reaktionen anderer Staaten gesendet haben, die sowjetische etwa oder Margaret Thatcher. Jedes Fernsehnetz stammt halt von irgendwo - außer es ist im Weltraum stationiert und wird von Marsmenschen betrieben (aber das wird so bald nicht eintreten) - also von irgendwoher müssen wir ja senden. Ich will jetzt nicht leugnen, dass CNN eine amerikanische Schlagseite hat, genauso wie wir eine österreichische Schlagseite hätten, würden wir in Österreich beheimatet sein. Nur eines muss man auch sagen - von allen Nachrichtenorganisationen machen wir wirkliche Versuche, international zu sein.
Freund Ein ganz konkreter Vorwurf hat sich darauf bezogen, dass Sie einen Bericht des irakischen Fernsehens 'live' übernommen haben, ohne ihn vorher redaktionell zu bearbeiten. Ich meine den Bericht, in dem Saddam Hussein die britischen Geiseln besucht und die kleinen Kinder streichelt.
Turner Rückblickend betrachtet: Wäre es eine großangelegte Pressekonferenz gewesen und nicht diese 'Gespräch mit den Geiseln', dann hätten wir tatsächlich 'live' dabei sein sollen. Aber der Grund, warum CNN anerkannt und von so vielen Regierungschefs in Krisenzeiten gesehen wird ist doch, dass wir 'live' dabei sind ... Sie haben mir gerade Einseitigkeit zugunsten der Amerikaner vorgeworfen ...

Freund Ich habe Ihnen gar nichts vorgeworfen, ich wollte nur die Vorwürfe mit Ihnen diskutieren ...
Turner ... Und jetzt werfen sie mir eine irakische Schlagseite vor, die wir gehabt hätten. Niemand würde etwas daran finden, wenn wir einen Direktbericht vom deutschen Präsidenten oder von Gorbatschow bringen oder von jemandem, der angesehener ist als Saddam Hussein. Propaganda hängt davon ab, welchen Standpunkt man hat. Was für den einen Propaganda ist, ist für den anderen vielleicht die Wahrheit. Wir versuchen, über alle Seiten in einem Konflikt zu berichten, sodass sich die Zuseher eine Meinung bilden können. Und natürlich laufen eine Menge Sandkastenspiele und eine Menge Diplomatie über CNN ab. Wir wissen das auch. Und dafür wird man uns von beiden Seiten kritisieren. Also müssen wir doch etwas richtig machen."
Freund Welche Haltung nehmen Sie zur Werbung ein, ich meine nicht generell, sondern zu jener Art, in der die Grenze zwischen Werbung und News verschwimmt - wie zum Beispiel für eine Automarke, in der ein F-15 Jet durchs Bild rast, genauso wie in den Berichten aus dem Irak?
Turner Ich sehe darin kein Problem, vielleicht dass Kinder nicht den Unterschied wahrnehmen. Aber wir machen immer klar, wenn wir eine Werbeunterbrechung haben. Natürlich, die Werbung an sich ist ein Problem - aber irgendwie müssen wir unsere Programme auch bezahlen. Werbung ist furchtbar, Anzeigen in Zeitungen sind furchtbar, aber so werden historisch in den Ländern mit einer freien Wirtschaft Nachrichten- und Unterhaltungsprogramme mitfinanziert.
Freund Versuchen wir zehn Jahre vorauszublicken. Wie wird CNN dann aussehen. Wird es noch existieren?
Turner Na, ich hoffe doch sehr. Man weiß natürlich nie. Es gibt ja immer die Möglichkeit eines zufälligen Atomkrieges, aber in diesem Fall würde ja wohl keiner von uns hier mehr da sein. Oder ein Komet könnte uns treffen. Oder die Erde explodiert ...

Freund Also, das wäre das Einzige, das CNN umbringen würde?
Turner Nein, das wäre der schlimmste Fall für CNN und die Menschheit. Es ist sehr schwer, zehn Jahre vorauszudenken, es ist schon schwer genug zu sagen, was morgen sein wird. Das Leben ist sehr gefährlich - egal ob es um Firmen geht, Nachrichtenstationen oder Personen. Also ich hoffe jedenfalls, dass wir in den nächsten zehn Jahren so viel Fortschritt machen wie in den vergangenen zehn Jahren.
Ein Post Skriptum: Kurz vor der Inbetriebnahme seines Senders im Juni 1980, ließ Ted Turner wissen - ob ernsthaft oder nicht - dass es CNN bis zum Weltuntergang geben werde. "Wir werden live dabei sein, dann werden wir „Nearer, My God to Thee" spielen und dann werden wir uns verabschieden.“
Tatsächlich gab Turner damals einer Militärkapelle den Auftrag, dieses Werk einzuspielen und auf Video aufzuzeichnen. Im Jahr 2015 wurde es im CNN-Archiv aufgefunden. Es trug die Beschriftung: "Erst ausstrahlen, wenn es sicher ist, dass die Welt zu Ende geht."
Eugen Freund war - mit Unterbrechungen - von 1974 bis 2013 Journalist im ORF. Von 2014 bis 2019 war er Abgeordneter im Europäischen Parlament. Sein jüngstes Buch "Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg – wie Europa und die USA auseinanderdriften" erschien im Oktober 2025 (Wieser Verlag, Klagenfurt).