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106 Proben genommen

Klären DNA-Spuren endlich das Mordrätsel um kleinen Émile?

Eines der größten Kriminalrätsel der französischen Geschichte steht möglicherweise unmittelbar vor der Aufklärung. Knapp drei Jahre nach dem Tod eines Buben aus einem kleinen Ort in Südfrankreich mussten nun alle Einwohner zum DNA-Test. Ist auch der Täter dabei?

Der kleine Émile verschwand 2023, auf seinen sterblichen Überresten wurden fremde DNA-Spuren entdeckt
Der kleine Émile verschwand 2023, auf seinen sterblichen Überresten wurden fremde DNA-Spuren entdecktCHRISTOPHE SIMON / AFP / picturedesk.com
Martin Kubesch
Akt. 21.04.2026 23:01 Uhr

Der damals zweieinhalbjährige Émile, ein Bub aus einem kleinen Ort in der Nähe von Marseille, war im Sommer 2023 spurlos vom Anwesen seiner Großeltern verschwunde. Er konnte trotz wochenlanger Suchaktionen mit Tausenden Helfern, Spürhunden, Hubschraubern und Drohnen nicht gefunden werden.

Erst ein knappes Jahr später wurden seine sterblichen Überreste entdeckt – an einem Ort, der zuvor bereits mehrfach abgesucht worden war. Doch obwohl die Kriminalisten einige vielversprechende DNA-Spuren auf den Kleidungsstücken des Buben entdeckten, blieb das Rätsel um den Tod des kleinen Buben weiter ungelöst – bis jetzt.

Nun spielen die französischen Ermittler ihren vermutlich letzten Trumpf aus. In einer aufsehenerregenden Aktion wurden von insgesamt 106 Personen DNA-Proben genommen. Die Hoffnung der Kriminalisten: Dass sich auch der Täter darunter befindet. Oder zumindest jemand, der am Verschwinden von Émile beteiligt gewesen ist und einen entscheidenden Hinweis liefern kann.

Welche Spuren die Lösung in dem Fall bringen könnten, weshalb die Familie des Buben unter Verdacht steht, möglicherweise etwas mit seinem Verschwinden zu tun zu haben und warum das ungeklärte Schicksal des Kindes Frankreich nun seit bereits drei Jahren nicht loslässt – das weiß man bisher über das Mordrätsel um den kleinen Émile:

Großvater Philippe V. (Mitte) bei der Beerdigung seines Enkels am 8. Februar 2025: Der 59-Jährige war der letzte Mensch, der mit Émile gesehen wurde, ehe dieser spurlos verschwand
Großvater Philippe V. (Mitte) bei der Beerdigung seines Enkels am 8. Februar 2025: Der 59-Jährige war der letzte Mensch, der mit Émile gesehen wurde, ehe dieser spurlos verschwand
MIGUEL MEDINA / AFP / picturedesk.com

Wie fing alles an?
Am Abend des 8. Juli 2023 ist Émile S. plötzlich weg. Der zu diesem Zeitpunkt zweieinhalbjährige, blonde Bub war bei seinen Großeltern in dem kleinen Örtchen Haut-Vernet auf 1.200 Metern Seehöhe in den französischen Alpen, als er spurlos verschwand. Zuletzt soll er am frühen Abend eine Straße entlang gegangen sein, gaben seine Großeltern später zu Protokoll. Danach verliert sich die Spur des Buben.

Wie ging es weiter?
Der Fall sorgte Frankreich-weit von Beginn an für Schlagzeilen. Zunächst mit der Suche nach dem Kleinkind, an der zunächst hunderte Einheimische und später ebenso viele Polizisten, Gendarmen und Soldaten teilnahmen. Die gesamte Gegend wurde durchstreift. Da bestand noch die Hoffnung, Émile lebend zu finden. Das gesamte Land nahm daran immer mehr Anteil. Doch Émile blieb wie vom Erdboden verschluckt.

Weshalb erschütterte dieses Schicksal das Land so sehr?
Einerseits erschien die Geschichte vom ersten Moment an besonders tragisch: Ein zweieinhalbjähriger, behüteter Bub verschwindet quasi vor aller Augen, und das in der Wildnis der französischen Alpen. Andererseits entfalteten die Bilder ihre Wirkung. Émile, der Blondschopf vom Land, sanftes Gesicht. Auf dem Foto, mit dem nach ihm gesucht wurde, trug er eine Blume hinter dem Ohr. In vielen Zeitungen wurde er "kleiner, blonder Engel" genannt.

Die Beerdigungszeremonie von Émile S. am 8. Februar 2025 in der Kirche von La Bouilladisse
Die Beerdigungszeremonie von Émile S. am 8. Februar 2025 in der Kirche von La Bouilladisse
MIGUEL MEDINA / AFP / picturedesk.com

Und dann tauchte sein Leichnam auf?
Ja, am 30. März 2024, fast 9 Monate nach seinem Verschwinden. Da entdeckte eine Spaziergängerin den Schädel sowie weitere Knochen eines Kindes, und zwar nur gut einen Kilometer Luftlinie vom Ort entfernt, an dem Émile nach Aussage seiner Großeltern zuletzt gesehen worden war. Bereits kurz darauf stand fest, dass es sich tatsächlich um die sterblichen Überreste des Buben handelte.

War festzustellen, woran er gestorben ist?
Nein, dafür gab es zunächst keinerlei Anzeichen an den Knochen. Und es gab offenbar auch keine Gewebeteile mehr, an denen man zumindest diverse chemische Untersuchungen hätte vornehmen können. Erst nach monatelangen Untersuchungen kamen die Forensiker zu dem Schluss, dass Émile vermutlich "das Opfer eines schweren Gesichtstraumas geworden war".

Weshalb tauchten die Knochen so nahe beim Ort seines Verschwindens auf?
Das ist eine der Fragen, die die Ermittler seither nicht loslässt. Denn es ist vor allem in unmittelbarer Umgebung des Hauses seiner Großeltern besonders aufmerksam gesucht worden, da man nicht davon ausging, dass sich ein Zweieinhalbjähriger besonders weit davon würde entfernen können. Doch es wurde nichts gefunden – bis zu jenem Frühlingstag Ende März 2024.

Das kleine Örtchen Haut-Vernet liegt auf 1.200 Metern Seehöhe in den französischen Alpen. Hier ereignete sich die Tragödie
Das kleine Örtchen Haut-Vernet liegt auf 1.200 Metern Seehöhe in den französischen Alpen. Hier ereignete sich die Tragödie
NICOLAS TUCAT / AFP / picturedesk.com

Die Knochen wurden dort extra abgelegt?
Ja, die Ermittler sind inzwischen sicher, dass die sterblichen Überreste von Émile erst kurz vor deren Entdeckung an diesen Ort gebracht worden waren. Aber wenn das so gewesen ist, stellt sich die Frage: Wo war der Leichnam des Kindes all die Monate davor?

Geben die sterblichen Überreste des Kindes darüber Aufschluss?
Zum Teil jedenfalls. Die Forensiker sind sich mittlerweile sicher, dass der Leichnam von Émile vor seinem Auffinden woanders gelegen und verwest ist. Beim Schädelknochen ist man sich sogar sicher, dass dieser an zwei verschiedenen Orten war, ehe er im Wald abgelegt wurde – darauf deuten die Spuren hin. Und: Einer dieser beiden Orte habe eine "geschützte, beinahe sterile Atmosphäre" geboten, in der der kleine Körper in den Zustand der Verwesung eintrat.

Gibt es eine Theorie, weshalb der Schädel genau zu diesem Zeitpunkt wieder aufgetaucht ist?
Wenn die Kriminalisten eine Theorie dazu haben, dann haben sie diese bis jetzt jedenfalls nicht kommuniziert. Was allerdings auffällig ist: Nur zwei Tage, bevor der Schädelknochen wieder auftauchte, führte die zuständige Staatsanwaltschaft vor Ort eine Rekonstruktion der genauen Ereignisse am Tag des Verschwindens von Émile durch. Im Zuge dessen wurden insgesamt 17 Personen noch einmal befragt.

Die Gendarmerie-Kaserne in Marseille: Hier laufen die Ermittlungen um den Tod des kleinen Émile zusammen
Die Gendarmerie-Kaserne in Marseille: Hier laufen die Ermittlungen um den Tod des kleinen Émile zusammen
Frederic MUNSCH / Action Press/Sipa / picturedesk.com

Wurde sein komplettes Skelett gefunden?
Nein, neben dem Schädelknochen, bei dem allerdings der Oberkiefer und ein Zahn fehlten, wurden einzelne Skelett-Teile entdeckt, und das auch nicht auf einmal. Noch Tage später wurden unweit der ersten Fundstelle weitere Knochenstücke gefunden, die dem Buben zugeordnet werden konnten. Und auch seine Kleidung wurde im Zuge dessen gefunden.

Wie ist das alles zu erklären?
Dass nicht alle Knochen gefunden wurden, könnte das Werk von wilden Tieren gewesen sein, die die Knochen in alle Richtungen davontrugen – dachte man zumindest bisher. Manche wurden gefunden, andere werden wohl nie mehr auftauchen. Die Knochen eines Kleinkindes sind weder besonders groß noch besonders schwer. Sie können auch von kleineren Wildtieren mühelos verschleppt werden.

Und die Kleidung?
Einige Tage später wurden außerdem ein T-Shirt, eine Unterhose und Schuhe, die der Bub bei seinem Verschwinden getragen haben soll, in einem nahen Bachbett gefunden. Nach eingehender Untersuchung gehen die Experten davon aus, dass die gefundene Kleidung des Buben nicht an seinem Körper war, als dieser verweste. Sie sei ihm vielmehr ausgezogen und aufbewahrt worden, offenbar um sie später mit dem Leichnam abzulegen. Deshalb sei sie auch nahezu völlig intakt gewesen, als sie gefunden wurde.

Die Anwältin von Philippe V., Maitre Isabelle Colombani: "Mein Mandant kooperiert vollständig", sagt sie
Die Anwältin von Philippe V., Maitre Isabelle Colombani: "Mein Mandant kooperiert vollständig", sagt sie
Frederic MUNSCH / Action Press/Sipa / picturedesk.com

Welche Schlüsse ziehen die Kriminalisten aus all diesen Erkenntnissen?

  • Sie ziehen daraus zwei konkrete Schlüsse. Erstens: Die schwere Gesichtsverletzung und mit großer Wahrscheinlichkeit auch der Tod von Émile wurden von einer anderen Person herbeigeführt. Ob es sich um ein Gewaltverbrechen gehandelt hat, kann noch nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Ein Unfall wird aber eher ausgeschlossen.
  • Der Leichnam des Kindes wurde an einen unbekannten Ort gebracht, dort entkleidet und für viele Monate abgelegt. Erst nachdem keinerlei Gewebespuren mehr übrig waren, haben der oder die Täter die sterblichen Überreste des Buben sowie seine Kleidung an jenen Ort gebracht, wo er kurz darauf schließlich gefunden wurde.

Das klingt, als hätten sich die Ermittler lange Zeit gelassen mit der Untersuchung der sterblichen Überreste …
Das ist richtig. Die sterblichen Überreste des Buben blieben lange unter Verschluss, um eventuell doch noch neue Erkenntnisse aus ihnen ziehen zu können. Erst Anfang Februar 2025, also knapp ein Jahr nach ihrer Entdeckung, wurden sie den Eltern übergeben. Die Beisetzung von Émile fand schließlich am 8. Februar 2025 statt, also exakt 20 Monate, nachdem der Bub verschwunden war.

Wer führt eigentlich die Ermittlungen in dem Fall?
Die Gendarmerie in Marseille ist dafür verantwortlich.

Das Ferienhaus der Familie V. in Haut-Vernet: Von hier verschwand Émile S. am 8. Juli 2023 spurlos, keinen Kilometer Luftlinie entfernt wurde 9 Monate später sein Leichnam gefunden
Das Ferienhaus der Familie V. in Haut-Vernet: Von hier verschwand Émile S. am 8. Juli 2023 spurlos, keinen Kilometer Luftlinie entfernt wurde 9 Monate später sein Leichnam gefunden
CLEMENT MAHOUDEAU / AFP / picturedesk.com

Wurde Émile auch in Haut-Vernet beerdigt?
Nein, denn das Haus der Großeltern dort ist nur ihr Zweitwohnsitz. Die Familie wohnt eigentlich in La Bouilladisse, eine Kleinstadt nordöstlich von Marseille. Dort fand auch die Trauerfeier für den Buben statt.

Was weiß man eigentlich über die Familie?
Die Mutter von Émile ist Marie S., sie ist das älteste der 10 Kinder von Philippe und Anne V. Émiles Vater ist Colomban S. Émile war das älteste Kind von Marie und Colomban, sie haben noch eine Tochter (*2022) und einen Sohn (*2024). Alle FAmilienmitglieder gelten als besonders strenggläubige und konservative Katholiken. Die Familie besucht etwa bevorzugt Gotteshäuser, in denen die Messe nach wie vor in Latein zelebriert wird.

Hat die Kirche das nicht untersagt?
Diese Praxis katholischer Liturgie wurde 1970 aus den Gotteshäusern verbannt, erlebte aber vor allem in Frankreich in den vergangenen Jahren einen neuen Höhenflug. Am 16. Juli 2021 schränkte der verstorbene Papst Franziskus mit dem Schreiben "Traditions Custodes" die traditionellen lateinischen Messen ein. Unter den 60.000 traditionalistischen Katholiken in Frankreich sorgte das für Aufregung.

Der Wagen von Philippe V. wird von der Spurensicherung ins Labor gebracht
Der Wagen von Philippe V. wird von der Spurensicherung ins Labor gebracht
CLEMENT MAHOUDEAU / AFP / picturedesk.com

Was ist über die Kinder bekannt?
Vor allem, dass alle 10 Kinder daheim unterrichtet werden oder wurden. Sie besuchten keine öffentlichen Schulen.

Was weiß man über die Familie sonst?
Großvater Philippe V., der sich selbst als Physiotherapeut bezeichnet und als Osteopath im Telefonbuch von La Bouilladisse steht, war früher an einer katholischen Privatschule im nordfranzösischen Département Pas-de-Calais beschäftigt. Diese Schule gehört der Gesellschaft Sainte Croix de Riaumont, einer Benediktinerklostergemeinschaft, die neben der Privatschule auch ein Kinderwohndorf und eine Pfadfindergruppe führt. Dort gab es bereits in den 1990er-Jahren schwere Vorwürfe gegen Philippe V., berichtet Bild.

Welche Vorwürfe?
Philippe V. soll Knaben an der Schule körperlich brutal misshandelt haben – die Rede ist von Schlägen, Tritten und heftigem Ziehen an den Ohren. Derartige Übergriffe räumte der 59-Jährige auch ein, wurde allerdings nicht angeklagt. Auch Vergewaltigungsvorwürfe standen im Raum, konnten aber nie bewiesen werden und wurden von ihm auch bestritten.

Auch der Pferdeanhänger von Philippe V. wurde zur weiteren Spurensicherung ins Labor gebracht
Auch der Pferdeanhänger von Philippe V. wurde zur weiteren Spurensicherung ins Labor gebracht
CLEMENT MAHOUDEAU / AFP / picturedesk.com

Es soll auch einen Selbstmord eines Priesters gegeben haben?*
Das ist eine sehr ominöse Geschichte, in die laut französischen Medien ebenfalls der Großvater, Philippe V., verwickelt sein soll. Pater Claude Gilliot war laut der Zeitschrift Paris Match ein beliebter Priester in Haut-Vernet, er hat den kleinen Émile getauft. Der Pater soll auch die Messe noch in Latein gefeiert haben – eigentlich ganz nach dem Geschmack von Philippe V.

Warum kam es zum Konflikt?
Als Émile 2023 plötzlich verschwand und Journalisten den kleinen Ort belagerten, soll Pater Gilliot den Medien ein Foto von Marie und Colomban, den Eltern von Émile, zur Verfügung gestellt haben.

Und weiter?
Er tat das offensichtlich, ohne vorher mit der Familie Rücksprache gehalten zu haben. Als das Foto publiziert wurde, machte zunächst Colomban S. und dann sein Schwiegervater, Philippe V., dem Geistlichen die Hölle heiß. Auch als sich der Pater aufrichtig entschuldigte, soll Philippe V. nicht von ihm abgelassen und ihm vielmehr massiv gedroht haben.

Wochenlang suchten im Sommer 2023 Soldaten und Gendarmen die ganze Gegend nach Spuren von Émile ab – vergeblich
Wochenlang suchten im Sommer 2023 Soldaten und Gendarmen die ganze Gegend nach Spuren von Émile ab – vergeblich
NICOLAS TUCAT / AFP / picturedesk.com

Was war die tragische Folge?
Am 15. März 2025 nahm sich der Priester mit einer Überdosis Medikamenten das Leben, berichtet Le Figaro. Seine Schwester, die einen Abschiedsbrief erhielt, macht auch das Verhalten von Philippe V. für den Selbstmord ihres Bruders mitverantwortlich.

Was weiß man eigentlich über Émiles Vater, Colomban S.?
Er scheint mindestens so strenggläubig zu sein wie sein Schwiegervater. Colomban S. ist laut der Zeitung Le Figaro Mitglied der streng konservativen katholischen Christian Society, einer Gesellschaft, die in den 1980er-Jahren von einem Mitglied des rechtsextremen Front National gegründet worden war.

Das heißt aber, er versteht sich mit seinem Schwiegervater super, oder?
Nein, nicht mehr. Aus Ermittlerkreisen sickerte durch, dass Telefonate zwischen den Eltern von Émile und Großvater Philippe V. von der Gendarmerie abgehört wurden. Aus den Gesprächen zogen die Ermittler den Schluss, dass es massive Vorwürfe zwischen den Familienmitgliedern geben soll, was das Schicksal des kleinen Émile betrifft. Laut Paris Match hätten sich die einst sehr engen Familien mittlerweile total entfremdet.

Für eine Simulation der Ereignisse am Tag, als der kleine Émile verschwand, ließ die Exekutive die gesamte Gemeinde stundenlang abriegeln
Für eine Simulation der Ereignisse am Tag, als der kleine Émile verschwand, ließ die Exekutive die gesamte Gemeinde stundenlang abriegeln
CLEMENT MAHOUDEAU / AFP / picturedesk.com

Könnte jemand innerhalb der Familie etwas mit Émiles Verschwinden zu tun haben?
Diesen Verdacht hatten die Ermittler jedenfalls. Im März 2025 wurden vier Familienmitglieder zwischenzeitlich in Gewahrsam genommen. Und zwar die Großeltern von Émile, Philippe (59) und Anne V., sowie zwei erwachsene der insgesamt 10 Kinder des Paares, also eine Tante und ein Onkel von Émile, nämlich die damals 20-jährige Marthe und der 18-jährige Maximilien. Beide waren angeblich dabei, als Émile im Juli 2023 plötzlich verschwand.

Was wurde ihnen vorgeworfen?
Im Raum standen die Vorwürfe der vorsätzlichen bzw. der fahrlässigen Tötung und das Verbergen einer Leiche.

Wie wurde gegen die vier ermittelt?
Sie wurden insgesamt 48 Stunden am Gendarmerie-Stützpunkt in Marseille festgesetzt und insgesamt 17 Stunden getrennt voneinander verhört. Gleichzeitig fand auch eine Hausdurchsuchung im Haus der Familie in Haut-Vernet statt. Dabei wurden unter anderem der Wagen von Philippe V. sowie ein Pferdeanhänger beschlagnahmt und von Forensikern untersucht.

An jener Stelle, wo 9 Monate nach dem Verschwinden des Buben seine Überreste gefunden wurden, war zuvor besonders gründlich gesucht worden
An jener Stelle, wo 9 Monate nach dem Verschwinden des Buben seine Überreste gefunden wurden, war zuvor besonders gründlich gesucht worden
NICOLAS TUCAT / AFP / picturedesk.com

Wie verliefen die Befragungen?
Laut der Anwältin von Philippe V., Isabelle Colombani, habe ihr Mandant uneingeschränkt mit den Behörden kooperiert. Er sei "nur daran interessiert, aufzuklären", was mit Émile geschehen sei.

Führte diese Spur irgendwo hin?
Es sieht jedenfalls nicht danach aus. Die Großeltern von Émile sowie seine Tante und sein Onkel wurden nach knapp 48 Stunden aus dem Polizeigewahrsam entlassen.

Scheidet die Familie damit als mögliche Täter aus?
Nein. Wie der verantwortliche Staatsanwalt Jean-Luc Blachon und der Leiter der Kriminalabteilung der Gendarmerie Marseille, Christophe Berthelin, später erklärten, hätte man sich vor allem über Verbindungen und Beziehungen innerhalb der Familie klar werden wollen. Dass von den 4 Familienmitgliedern niemand angeklagt worden sei, heiße nicht, dass das nicht noch geschehen könnte. Und: Es sei durchaus möglich, dass dieser Ermittlungsstrang auf weitere Familienmitglieder ausgeweitet wird.

Gendarmen bewachen das Ferienhaus der Familie V. in Haut-Vernet, während drinnen nach Spuren gesucht wird
Gendarmen bewachen das Ferienhaus der Familie V. in Haut-Vernet, während drinnen nach Spuren gesucht wird
CLEMENT MAHOUDEAU / AFP / picturedesk.com

Weshalb kommt es jetzt zu den DNA-Abgleichen?
Wie die Anwältin von Émiles Großvater, Isabelle Colombani, gegenüber französischen Medien bestätigte, hätten Tests an einem der Schuhe des Buben "zwei Spuren degradierter DNA ergeben, die nicht mit der Familie in Verbindung stehen".

Was ist "degradierte DNA"?
So bezeichnet man DNA, die beschädigt, zerfallen oder in kleinere Fragmente zerbrochen ist. Sie hat ihre ursprüngliche, lange und intakte Struktur teilweise oder vollständig verloren, etwa durch Hitze, UV-Strahlung, Chemikalien oder natürliche Alterung.

Was bedeutet das?
Dass die Analyse der DNA sowie der Vergleich mit anderen DNA-Proben schwieriger, aber nicht zwangsläufig unmöglich ist.

Und nun wurden DNA-Proben genommen, um Vergleichsmuster zu haben?
Vollkommen richtig. In den vergangenen Wochen wurden von insgesamt 106 Personen DNA-Abstriche an der Mundschleimhaut vorgenommen, um deren Erbgut mit jenen DNA-Fragmenten vergleichen zu können, die am Schuh von Émile gefunden wurden. Der zuständige Staatsanwalt Jean-Luc Blachon bestätigte gegenüber der Zeitung Le Figaro die Entnahme der DNA-Proben.

Bestätigte den DNA-Massentest: Staatsanwalt Jean-Luc Blachon
Bestätigte den DNA-Massentest: Staatsanwalt Jean-Luc Blachon
CLEMENT MAHOUDEAU / AFP / picturedesk.com

Welche Personen mussten dabei mitmachen?
Alle Einwohner von Haut-Vernet, dem Ort, aus dem der Bub seinerzeit verschwunden ist. Außerdem Urlauber und Spaziergänger, die sich am Tag des Verschwindens des Kindes dort aufgehalten haben.

Was ist mit den Familienmitgliedern?
Die DNA aller Verwandten von Émile wurde im Zuge der Ermittlungen bereits zu einem früheren Zeitpunkt abgenommen und mit den Spuren auf den Überresten des Kindes verglichen. Dazu kommt, dass der Antrag auf den Massentest ursprünglich von den Anwälten der Großeltern von Émile, Isabelle Colombani und Julien Pirelli, gestellt worden ist.

Was verspricht man sich davon?
Aufklärung über das Schicksal des Buben – und eine Entlastung der Familienmitglieder. Denn diese stehen für die ermittelnden Behörden offenbar nach wie vor auf der Liste der möglichen Täter.

Wann wird mit einem Ergebnis der DNA-Vergleiche gerechnet?
In Anbetracht der Tatsache, dass die auf dem Schuh gefundenen Spuren nur mehr rudimentär vorhanden sind, muss vermutlich mit einigen Wochen bis zum Ergebnis gerechnet werden. Dazu kommt: Sollte der DNA-Vergleich tatsächlich zu einem oder mehreren Matches führen, werden die Behörden vermutlich zuerst die möglichen Verdächtigen und ihre Alibis überprüfen, ehe sie damit an die Öffentlichkeit gehen.

Führt die Ermittlungen: Christophe Berthelin, der Chef der Kriminalabteilung der Gendarmerie in Marseille
Führt die Ermittlungen: Christophe Berthelin, der Chef der Kriminalabteilung der Gendarmerie in Marseille
CLEMENT MAHOUDEAU / AFP / picturedesk.com

Es könnte also noch ein wenig dauern, bis Frankreichs größtes Kriminalrätsel der jüngeren Vergangenheit endlich gelöst wird.

Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

* Sollten Sie Suizid-Gedanken haben, dann holen Sie sich bitte Hilfe. Der Notruf 142 steht rund um die Uhr zur Verfügung.

Martin Kubesch
Akt. 21.04.2026 23:01 Uhr