Vor 44 Tagen strandete er das erste Mal in der deutschen Ostsee. Vor vier Tagen wurde er befreit. Aber erst jetzt wurde bekannt, wie chaotisch die millionenteure Rettungsmission für den Wal tatsächlich ablief. Und: Timmy könnte mittlerweile tot sein. Oder auch nicht.

Mindestens eineinhalb, wahrscheinlich eher zwei Millionen Euro: So viel haben es sich zwei deutsche Unternehmer kosten lassen, einen gestrandeten Buckelwal aus der Ostsee bergen und mit riesigem Aufwand in die Nähe seines eigentlichen Lebensraums im Atlantik transportieren zu lassen.
Und von dem man bis jetzt nicht genau weiß, ob er die Reise unbeschadet überstanden hat und danach munter in Richtung seiner Artgenossen schwimmen konnte. Oder doch eher erschöpft und entkräftet Richtung Meeresboden gesunken und dort ertrunken ist.
Alles ist möglich, nix ist fix. Denn von dem knapp 13 Meter langen und etwa 12 Tonnen schweren Jungtier, dessen Schicksal zuletzt mehr als eineinhalb Monate lang Millionen Menschen beschäftigt hat, fehlt seit seiner Freilassung am vergangenen Wochenende jede Spur.
Aber während sich Timmy – so wurde der Wal aufgrund seines ersten Auftauchens in der Nähe der Ortschaft Timmendorfer Strand im deutschen Bundesland Schleswig-Holstein von den Medien getauft – auf die eine oder andere Weise in die trüben Gewässer des Ozeans zurückgezogen hat, wird jetzt erst langsam klar, wie chaotisch die Rettungsaktion für den Meeressäuger tatsächlich abgelaufen ist.
Denn was als professionelle und koordinierte Mission präsentiert worden war, entpuppte sich als ebenso teure wie dilettantische Aktion, nach der fast alle Beteiligten schlecht aussehen. Und die – wenn sich die Befürchtungen bewahrheiten – dem Tier nicht nur zusätzlichen Stress und Qualen verursacht, sondern am Ende rein gar nichts gebracht hat, außer einer Verlängerung seines Leidens.

Was bei der millionenteuren Hilfsaktion für Buckelwal Timmy alles schiefgelaufen ist, weshalb Biologen inzwischen davon ausgehen, dass das Tier seine eigene Rettung nur kurze Zeit überlebt hat und wie in anderen Ländern mit gestrandeten Meeressäugern umgegangen wird – das sollte man über den "Fall Timmy" wissen:
Wann begann das Drama um den Wal?
Erstmals in der Ostsee gesichtet wurde der Buckelwal am 3. März in der Nähe von Wismar. Am 23. März strandete das Tier vor der Ortschaft Timmendorfer Strand – daher auch sein späterer Name Timmy.
Wie ging es weiter?
Der Wal wurde in einer aufwendigen Aktion so weit frei gegraben, dass er sich am Ende selbst befreien und wieder losschwimmen konnte. Doch die Freude der Tierschützer währte nur kurz. Nicht einmal einen Tag später lag das Tier schon wieder fest, dieses Mal in der Wismarer Bucht, nur wenige Kilometer vom ersten Ort, an dem der Wal strandete.
Gelang abermals die Befreiung?
Nein. Tierschützer und auch die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern, vertreten durch den Umweltminister Till Backhaus (SPD), investierten viel Zeit und auch Geld in die abermalige Befreiung des Wals. Doch das Tier legte sich immer wieder fest.
Gibt es einen besonderen Grund für das Engagement des Ministers?
Das Bundesland wählt im September einen neuen Landtag. Nicht auszuschließen, dass dieser Umstand Backhaus' Engagement etwas verstärkt haben könnte.
Hatten die Versuche, den Wal zu befreien, Erfolg?
Letztlich nicht. Am 1. April wurde bekannt gegeben, dass es keine weiteren Befreiungsversuche mehr geben würde. Mehrere Experten aus verschiedenen Bereichen wurden zugezogen und die meisten gingen davon aus, dass der Wal bald verenden werde. Und man wollte so "der Natur ihren Lauf lassen".

Weshalb wurde der Wal nicht eingeschläfert, um sein Leiden zu verkürzen?
Der Vorschlag wurde diskutiert, man entschied sich aber dagegen – aus gutem Grund. "Ein so großes Tier mit Gift zu töten heißt, dass man Unmengen davon hineinpumpen muss, ehe es wirkt", erläutert der Meeresbiologe Daniel Abed-Navandi vom Haus des Meeres in Wien. Und letztlich habe man das Problem, einen tonnenschweren hochtoxischen Kadaver entsorgen zu müssen, so der Wissenschafter.
Hätte es noch andere Möglichkeiten gegeben, den Wal zu töten?
Auch die Idee einer Sprengung wurde erörtert, aber rasch wieder fallen gelassen.
Weil?
Der Wal – er hatte mittlerweile den Namen Timmy erhalten – war längst zum überregionalen Thema geworden. Hunderte Schaulustige strömten an die Ostsee, die Polizei musste Sperrkreise um die Sandbank, wo das Tier festlag, ziehen, deutsche Medien berichteten mit Live-Tickern und Sondersendungen von den Versuchen, Timmy zu retten. In den örtlichen Kirchen wurde für das Überleben des Wals gebetet. Die Vorstellung, dass sein Körper von einer gewaltigen Sprengladung in hunderttausend Teile zerrissen wird, wirkte da für die politischen Entscheidungsträger einigermaßen deplatziert.
Wie groß ist das Tier überhaupt?
Timmy ist nach Ansicht der Experten ein junger, noch nicht ausgewachsener Buckelwal-Bulle. Seine Länge wurde mit etwa 12,35 Metern angegeben, seine Breite mit 3,2 Metern und seine Höhe mit 1,6 Metern. Das Gewicht wurde auf etwa 12 Tonnen geschätzt.
Okay, also liegen und sterben lassen. Woran würde der Wal dann eigentlich sterben?
Das hängt von seinem Gesundheitszustand ab. Wäre das Tier gesund, also ohne Verletzungen oder Erkrankungen, dann würde ihn einerseits die zunehmende Austrocknung seiner Haut – der Wal lag ja teilweise außerhalb des Wassers - schwächen. Vor allem würde ihn aber sein enormes Gewicht töten. Denn ohne den Auftrieb des Meerwassers würde seine schiere Masse die Organe langsam erdrücken.
Das klingt aber auch nicht nach einem gnadenvollen Tod …
Nein, und so dachten auch zahlreiche Beobachter des Schauspiels. Denn Timmy war zwar merkbar geschwächt, aber bei weitem zäher, als es die Experten vorhergesagt hatten. Am 10. April legte schließlich der – laut einer Recherche der Wochenzeitung Die Zeit – rechte Influencer Jens Schulz einen Plan vor, den Wal auf eine Ponton-Konstruktion zu heben und so in tiefere Gewässer zu bringen.

Gab es eine Idee, was das kosten könnte?
Nein, aber Geld spielte bei diesem Plan auch nicht die Hauptrolle. Denn Schulz und Konsorten – er hatte eine kleine Schar von Tierschutz-Aktivisten, Wal-Experten und Tierärzten um sich gesammelt – hatten von zwei deutschen Millionären die Zusage erhalten, dass sie die Kosten der gesamten Aktion tragen würden. Das Land musste gar nichts mehr tun, nur der Idee zustimmen.
Wer sind diese Millionäre?
Einerseits die Pferdesport-Unternehmerin Karin Walter-Mommert. Sie war früher selbst Trabrennfahrerin, ist mit dem milliardenschweren Unternehmer Ulrich Mommert verheiratet und züchtet mittlerweile Rennpferde im großen Stil. Und andererseits Walter Gunz, der Gründer der Elektro-Fachmarktkette Media Markt.
Was passierte dann?
Nachdem der Wal tagelang quasi palliativ liegen gelassen worden war, begannen die nunmehr Verantwortlichen, ihn wieder aufzupäppeln. Sein riesiger Körper wurde mit Tüchern gegen die UV-Strahlung bedeckt und befeuchtet, um eine weitere Austrocknung zu verhindern. Gleichzeitig wurde damit begonnen, das Transportmittel für Timmy zusammenzubasteln.
Und dann hieß es "Free Timmy" …?
Noch nicht sofort. Laut Umweltministerium fehlte nämlich für das Transportgefährt aus mehreren Pontons, zwischen die eine Plane gespannt werden sollte, die erforderliche Zulassung für den Seeverkehr. Also wurde ein mit Wasser gefüllter Lastkahn, eine sogenannte Barge, aufgetrieben. Auf dieser sollte der Wal schließlich in die Freiheit gezogen werden.
Wann startete der Transport?
Am 28. April wurde der Wal mit Gurten und unter Einsatz einer hydraulischen Seilwinde zu der mit Wasser gefüllten Barge gezogen, das letzte Stück schwamm Timmy angeblich selbstständig in die Vorrichtung. Ein Schlepper, die "Fortuna B", begann schließlich, das Gefährt aus der flachen Ostsee und in Richtung Nordsee zu ziehen.
Wer begleitete Timmy?
Ein Begleitschiff der Initiative, die "Robin Hood", fungierte als Wassertaxi und brachte die Helfer bei Bedarf vom Schlepper zur Barge und wieder retour. Ein zweites Schiff, die "Arne Tiselius", hatte weitere Mitglieder der Privatinitiative an Bord. Zusätzlich begleiteten mehrere weitere Schiffe, darunter auch eines der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, den Konvoi.

Was war der Plan?
Timmy so weit wie nur möglich in Richtung Atlantik zu ziehen in der Hoffnung, dass es ihm dort, in seinem angestammten Lebensraum, am ehesten gelingen würde, zu regenerieren wieder gesund zu werden.
Was geschah dann?
Die Gruppe tuckerte durch die Gewässer östlich von Dänemark Richtung Nordsee. Doch während über die offiziellen Medien die Geschichte verbreitet wurde, dass alles nach Wunsch laufe, kam es an Bord der "Fortuna B" offenbar zu immer mehr Spannungen zwischen den Vertretern der Rettungsinitiative und der Schiffscrew. Verantwortlich dafür waren angeblich durchgestochene Meldungen in den sozialen Medien, wonach es an Bord nicht so gut laufe und die Crew dafür verantwortlich sei.
Woher kamen die Schiffe überhaupt?
Sie wurden für die Aktion angemietet. Die "Fortuna B" ist ein Mehrzweckschiff, das vor allem für Schlepp- und Unterstützungsarbeiten eingesetzt und gelegentlich für Forschungsaufträge gebucht wird, hat aber ansonsten mit Tierschutz oder gar Walrettung nichts am Hut. Und der Lastkahn wurde kurzfristig in Polen aufgetrieben, da ja die Ponton-Idee verworfen werden musste.
Aber ist das denn von Belang?
Ja, wie sich herausstellen sollte. Denn je länger die Aktion dauerte, desto größer wurden offenbar die Differenzen zwischen den Auftraggebern und der Crew. Am Freitag, dem 1. Mai, drei Tage nach Abfahrt, sollte Timmy schließlich ins Wasser gelassen werden. Allerdings wurde der Tierärztin Kerstin Tönnies, die Mitglied der Rettungsinitiative war, unter einem offensichtlichen Vorwand ("hoher Wellengang") verwehrt, mit zur Barge zu kommen. Sie durfte den Versuch nur vom Begleitschiff, der "Robin Hood", aus beobachten.
Was geschah?
Kein Mitglied der Rettungsinitiative – immerhin die Auftraggeber der gesamten Reise – war offenbar in die weiteren Abläufe involviert, nur mehr das Kapitän der "Fortuna B" führte das Kommando und sagte, was wann zu geschehen hat. Und so wurde versucht, Timmy mit einem Schlauch um seine Heckflosse (die sogenannte Fluke) aus dem Lastkahn zu ziehen.
Wo ist das Problem?
Dass man Wale erstens nicht nach hinten ziehen soll, weil es gegen ihre Schwimmrichtung ist. Und zweitens, wesentlich wichtiger, die empfindliche Heckflosse verletzt werden oder schlimmstenfalls sogar abreißen könnte bei solch einem Versuch.
Weshalb das?
"Diese Tiere wurden von der Evolution dafür gemacht, unter Wasser zu funktionieren, wo ihr Gewicht nur einen Bruchteil dessen ausmacht, was es im Trockenen auf die Waage bringt", so Meeresbiologe Daniel Abed-Navandi vom Haus des Meeres. Die Fluke sei schlicht nicht dafür ausgelegt, einen zwölf Tonnen schweren Körper zu schleppen.
Ist Timmy dabei etwas passiert?
Nein, zum Glück nicht. Tierärztin Tönnies bat den Kapitän sofort um Abbruch der Aktion und dieser fügte sich dem auch. Timmy blieb also bis auf Weiteres in der Barge.
Wie ging es weiter?
Am Samstag wurde die Tierärztin schließlich überhaupt nicht mehr in die Nähe des Lastkahns gelassen. Nur ein anderes Mitglied der Rettungsinitiative, Jeffrey Foster vom "Whale Sanctuary Project" aus den USA, durfte mit zu Timmy, hatte aber ebenfalls kein Mitspracherecht mehr. Die Crew der "Fortuna B" handelte offenbar nur mehr aus eigenem Antrieb, ohne Abstimmung mit ihren Auftraggebern.
Was taten sie?
Timmy wurde abermals mit einem Schlauch an der Schwanzflosse festgebunden. Allerdings wurde er nicht daran gezogen, sondern "nur mehr" festgehalten, während die Barge unter ihm weggeschleppt wurde.
Also glückte die Befreiung letztlich?
Ja, Timmy scheint das Ausladen halbwegs unbeschadet überstanden zu haben. Zumindest wird berichtet, dass er schließlich weggeschwommen ist.
Weshalb gibt es davon keine Bilder oder Videos?
Weil es offenbar von der Crew der "Fortuna B" verhindert wurde. Jeffrey Foster von der Rettungsinitiative, der am Samstag als einziger mit auf der Barge war, wurde laut eigenen Angaben sogar damit gedroht, dass man ihm sein Handy ins Meer werfen werde, wenn er die Freilassung filmt.

Das heißt, dass die Freisetzung in dieser Form nicht so besprochen gewesen ist?
Die Rettungsinitiative für den Wal bestreitet das jedenfalls. Es sei vielmehr vereinbart gewesen, das Tier noch wesentlich weiter nach Westen Richtung Atlantik zu bringen, ehe es freigesetzt wird.
Wie verantwortet sich der Kapitän der "Fortuna B"?
Gar nicht, er ist seit der Aktion nicht erreichbar. Angeblich soll er an Bord noch erklärt haben, er hätte am Montag bereits einen Folgeauftrag und habe sich deshalb für eine frühere Freisetzung des Wals entschieden. Aber Aussagen von Tierärztin Kerstin Tönnies, die die folgenden Stunden noch an Bord der "Fortuna B" verbrachte, lassen daran zumindest Zweifel aufkommen.
Was erzählte die Tierärztin?
Die Stimmung ihr gegenüber sei in den Stunden nach der Freisetzung von Timmy extrem unangenehm gewesen, so Tönnies bei einer improvisierten Pressekonferenz in der Nacht auf Sonntag im Hafen von Cuxhaven. Sie hätte den Kapitän zur Rede stellen wollen, doch dieser habe das Gespräch verweigert und ihr sogar mit Arrest gedroht. Zudem hätte sich die Mannschaft extrem abfällig über den Wal und die ganze Initiative geäußert.
Was wurde gesagt?
Es soll etwa gesagt worden sein, "das Mistviech ist weg … Hauptsache raus … nächster Job". Und "Viech ist Viech … zum Essen da". Tierärztin Tönnies: "Die Retter, die viel Geld bezahlten, wurden belogen."
Gibt es eine Erklärung für das Verhalten der Schiffscrew?
Ob sich die Animositäten zwischen Crew und Rettern wirklich an angeblich durchgestochenen Meldungen in Social Media entzündeten, darf bezweifelt werden. Vor allem auch, wenn man das sonstige Verhalten der Crew als Maßstab nimmt.
Sondern?
Wahrscheinlicher erscheint es, dass Schiff und Crew tatsächlich nur für einen bestimmten Auftrag geheuert worden sind – eben den Wal wegzubringen und auszuladen. Und je rascher sie diesen Auftrag erledigen, desto rentabler der Job. Tierschutzaspekte waren für die Crew der "Fortuna B" offenbar niemals ein Beweggrund, den Auftrag anzunehmen. Und die Rettungsinitiative hat diese offenbar auch nicht in ihre Auftragsvergabe einbezogen.

War das bei der "Robin Hood", dem Begleitschiff, ähnlich?
Nicht ganz. Der Kapitän der "Robin Hood", Martin Bocklage, hat in einem Interview mit der Ostsee-Zeitung berichtet, dass er seit der Rettungsaktion Morddrohungen, anonyme Terroranrufe, Beleidigungen über die sozialen Netzwerke und schlechte Rezensionen für sein Unternehmen erhält.
Wie erklärt er sich das?
"Wir dachten, dass die Walrettung sich positiv auf den Ruf unserer Reederei auswirkt" so Kapitän Bocklage. "Aber genau das Gegenteil ist passiert. Erst wurden wir als Helden gefeiert, in den vergangenen Tagen jedoch als Mörder und Tierquäler hingestellt. Hätte ich mal lieber nicht geholfen." Darüber, wie der Wal letztendlich ausgesetzt wurde, wollte er sich allerdings nicht äußern.
Wer war überhaupt der Leiter der ganzen Rettungsaktion?
Es gab keinen – und das scheint der entscheidende Punkt bei der Sache zu sein. Es gab eine Idee, es wurden Experten und weitere Personen zugezogen, es gab Geldgeber – aber es gab scheinbar niemanden, der sämtliche Fäden in der Hand hielt und darauf achtete, dass die Aktion so durchgezogen wird, wie man es sich vorgestellt hat, kurz: Es gab keinen Kopf, der alles leitete, nach außen auftrat und auch gegenüber etwa dem Kapitän des Schiffes klargestellt hätte, was geht und was nicht.
Das erscheint schon überraschend …
Ja, vor allem auch wenn man bedenkt, was die ganze Show letztlich gekostet haben muss.
Weiß man das schon im Detail?
Karin Walter-Mommert, eine der beiden Geldgeberinnen der Aktion, bezifferte am Wochenende die bislang angelaufenen Kosten mit 1,5 Millionen Euro. Da seien allerdings die Kosten für die angemieteten Schiffe und Crews noch nicht inkludiert. Wenn man also von etwa 2 Millionen Euro an Gesamtkosten ausgeht, wird man nicht so falsch liegen.
Wie reagierten die Geldgeber auf die missglückte Freisetzungs-Aktion?
Mit einem offenen Statement, das Tierärztin Kerstin Tönnies auf Instagram veröffentlichte. "Wir distanzieren uns hiermit ausdrücklich von den Geschehnissen und der Art und Weise, welche zur Aussetzung des Wales führten", heißt es darin. Die Verantwortung liege demnach bei den Eignern und Betreibern der Schiffe, die an dem Waltransport beteiligt waren, sowie bei Mitgliedern der Schiffscrew.
Weiß man wenigstens, wie es Timmy jetzt geht?
Unglücklicherweise nicht. Denn es wurde zwar ein Tracker an seiner Schwanzflosse angebracht, der ein GPS-Signal aussendet. Doch dieser Tracker habe bislang nicht so funktioniert, wie er sollte. Laut Karin Walter-Mommert seien zwar einige Signale aufgefangen worden, dies würden jedoch keine Schlussfolgerung zulassen, wo sich der Wal aufhält oder in welche Richtung er schwimmt.
Am Dienstag tauchte aber die Meldung auf, Timmy sei wahrscheinlich bereits tot – wie kam es dazu?
Das Deutsche Meeresmuseum sah sich, aus welchen Gründen auch immer, veranlasst, ein Statement zu veröffentlichen, das von vielen Medien sofort als Tatsache und nicht als Meinung interpretiert worden ist.
Was wurde ausgesendet?
"Da sich der Wal in einem extrem geschwächten Zustand befand und nach früheren Rettungsversuchen innerhalb kurzer Zeit immer wieder strandete, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass er nicht genug Kraft besaß, um längerfristig im tiefen Wasser zu schwimmen, und nicht mehr lebt", teilte das Museum am Dienstag laut Frankfurter Allgemeine Zeitung mit. Da es keine Daten zu dem Tier gebe, müsse die Rettungsmission als gescheitert angesehen werden.
Gibt es für diese Annahme irgendwelche Beweise?
Nein, es ist eine Feststellung aufgrund von Indizien. Sowohl die Rettungsinitiative, als auch Umweltminister Till Backhaus widersprachen dieser umgehend. "Ich nehme die Einschätzungen des Deutschen Meeresmuseums zur Kenntnis", so der Politiker. "Den Spekulationen über den möglichen Tod des Wals schließe ich mich zum jetzigen Zeitpunkt ausdrücklich nicht an. Ich richte mein Urteil an Fakten aus. Sollte das Deutsche Meeresmuseum Erkenntnisse haben, die wir nicht haben, bitte ich um entsprechende Herausgabe."
Wird man je erfahren, ob Timmy überlebt hat?
Das hängt davon ab, ob sich der GPS-Tracker noch am Wal befindet – und wenn ja, ob er irgendwann damit beginnt, regelmäßig verlässliche Daten zu senden. Aber auch wenn das nicht geschieht, bedeutet es nicht, dass Timmy zwangsläufig tot ist. Er könnte den Tracker auch einfach verloren haben. Gewissheit über sein weiteres Schicksal wird man nur erlangen, wenn der Tracker ordnungsgemäß sendet – oder irgendwo ein Walkadaver angespült wird, der als jener von Timmy identifiziert wird.

Ist das deutsche Vorgehen internationaler Standard im Umgang mit gestrandeten Walen?
Nein, und die Rettungsaktion hat auch für einiges Befremden in anderen Ländern gesorgt, in denen es gelegentlich zu strandenden Meeressäugern kommt. In Spanien und Portugal etwa würden zwar gelegentlich Versuche stattfinden, gestrandete Tiere zurück ins Meer zu bringen, diese seien aber eher die Ausnahme. Und in Dänemark – vor dessen Küste Timmy freigesetzt worden war – ist das Nicht-Helfen bereits zur Doktrin geworden. Wir lassen die Tiere in Ruhe, damit sie friedlich sterben können, so die Umweltbehörde. Die sich auch beeilte zu versichern, dass Timmy in Dänemark auf sich alleine gestellt sei, sollte er nochmals stranden.
Sind Buckelwale eigentlich eine bedrohte Art?
Mittlerweile nicht mehr, sagt Haus des Meeres-Experte Daniel Abed-Navandi. "Nachdem die Tiere seit 50 Jahren nicht mehr bejagt werden dürfen, haben sich die Bestände gut erholt. Ungeachtet dessen würden aber alljährlich tausende Wale –Buckelwale und viele andere Arten - vor ihrer Zeit sterben, weil sie mit Schiffen kollidieren und dadurch verenden.
Was ließe sich dagegen unternehmen?
Meeresbiologe Abed-Navandi: "Es würde schon helfen, wenn gewisse Schifffahrtsrouten etwas geändert würden, sodass sie künftig einen Bogen um bekannte Wal-Aufenthaltsorte machen. Je weniger Kontakte Wale mit Menschen haben, desto besser ist es für sie."