Vom ersten New-York-Aufenthalt 1978 bis zu ihrem Ende 2001 waren die Twin Towers des World Trade Centers für Eugen Freund ein so vertrauter wie faszinierender Fixpunkt in der sich stetig wandelnden Metropole. Erinnerungen zum 25. Jahrestag der Anschläge von 9/11.

Als ich im März wieder einmal nach New York fliege, mache ich mir richtig Sorgen. Wird mich ein ICE-Beamter zur Seite nehmen, mich um meine Einstellung zu Donald Trump befragen ("What did you mean by calling your book: 'You're gambling with World War Three?' Why did the cover show our President Donald Trump riding on planet Earth?").
Würden Sie mich einsperren, oder gleich ins nächste Flugzeug nach Hause schicken? Nichts dergleichen passierte. Im Gegenteil: nie zuvor war ich so schnell durch die Passkontrolle gekommen. Die Einreisebehörden lesen also doch nicht alles, oder es war das Glück eines Frühgeborenen. Was für ein Sicherheitsrisiko sollte ein Pensionist wohl darstellen?
Wie immer, wenn ich nach Manhattan komme, besuche ich mein Lieblingskaufhaus (es heißt übrigens "Century 21" und ist ein Dorado für Damen- und Herrenmode, Schuhe, Accessoires und sogar italienische Baci-Schoko-Nuss-Schleckereien). Doch vorher gehe ich gleich gegenüber zu jener Stelle, an der einst die beiden Türme des World Trade Centers standen.
Zuerst sieht man sich mit einem weißen Gerippe konfrontiert, das einem entleerten Riesenfisch mit Flügeln ähnelt. Es ist die vom schweizerischen Star-Architekten Santiago Calatrava entworfene Bahnhofshalle mit dem Abgang zur PATH-Station, wo im südlichen Manhattan unterirdisch U-Bahnen und Lokalzüge Bedienstete des Finanzzentrums ausspucken und einsammeln.
Kein Bahnhof ohne Einkaufsorgien: rund 80 Geschäfte, von J.Crew über Warner Brothers Studio bis Victoria Secrets verkürzen (oder verlängern) den Reisenden die Wartezeit. Wie schon bis zum Jahr 2001 trägt auch dieser Platz den Namen "World Trade Center".

Die tatsächliche Erinnerung an die beiden Türme, die nach einem Terroranschlag am 11. September 2001 einstürzten, befindet sich freilich etwas weiter westlich davon. Zwei aus Granit errichtete Vierecke ragen rund einen Meter aus der Erde, gleich breit und gleich lang wie die ursprünglichen Towers.
Blickt man in die Tiefe, sieht man darunter Wasser, das sich in einem kleineren Viereck verliert. Oben am Rand sind die Namen der Tausenden Opfer eingraviert, die damals ihr Leben verloren. Irgendjemand hat für "Anna Maria Clarke" eine blühende weiße Rose mitgebracht. Begonnen haben die Bauarbeiten für die Erinnerungsbecken vor 20 Jahren, fertiggestellt wurden sie freilich erst 2011.
Etwa zur gleichen Zeit veröffentlichte die Washington Post eine ausführliche Artikelserie, in der beschrieben wurde, wie die USA im Zuge der Ereignisse vom 11. September 2001 eine riesige Geheimdienstbürokratie aufbauten. Nicht einmal die Eingeweihten wussten Bescheid darüber, wer was, wann (und warum) alles macht. Nur ein paar Beispiele:

George Bush, der US-Präsident zum Zeitpunkt der Anschläge, war übriges ein Meister darin, den Kongress zu übergehen. Von ihm hat sich Donald Trump noch eine weitere Blaupause geholt. Bis zum ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit waren es über 750 Gesetze, über die er sich hinwegsetzte. Trump macht es ein wenig anders. Er wartet erst gar nicht, bis die Abgeordneten und Senatoren etwas beschließen, er erlässt einfach sogenannte "Executive Orders" und schon müssen alle danach handeln.
9/11 hat das Land, so wie ich es vor mehr als siebenundvierzig Jahren kennengelernt hatte, dramatisch verändert. Damals, das muss ich zugeben, hatte ich einen Diplomatenpass, da war ohnehin alles anders. Da reiste ich als persönlicher Pressesekretär mit dem österreichischen Außenminister nach New York, und anstatt mich umständlich und ewig bei Einreise- und Zollbeamten anzustellen, wurden wir vom Botschafter am Gate abgeholt, rasch in eine große, amerikanische Limousine verfrachtet und ab ging die Post.
Keine Fragen, wie lange man denn … und was man denn hier … und keine Fingerabdrücke … und kein Digitalfoto … das einzige, an das ich mich erinnere und das gleich geblieben war, bezog sich auf die (schon im Flugzeug auszufüllenden Papiere) ob und wie man am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hat … Aber das konnte ich (in diesem Fall dank der Gnade der späten Geburt … ohnehin immer verneinen.
Doch immer wieder hört man von Kollegen, oder auch Bekannten, manchmal sind es sogar völlig Fremde, die bei ihrer Einreise nicht weiter gekommen sind als bis ins Flughafen-Gebäude. Oder, wenn sie Pech hatten, für eine Nacht in einem nahe gelegenen Gefängnis landeten, um am nächsten Tag wieder zurückgeschickt zu werden.
Weil sie irgendwann einmal, bei einem ihrer früheren Aufenthalte in den USA, nicht rechtzeitig abgereist waren und jetzt die Macht der Bürokratie zu spüren bekommen. Oder sie haben, mit Eintragungen in sozialen Netzwerken, die Sicherheit der USA" gefährdet.
Wie anders war es noch, als ich in New York in den 1980er-Jahren einen jungen österreichischen Taxifahrer traf, der mir eine fast unglaubliche Geschichte erzählte: Er wollte unbedingt im Land bleiben, hatte aber keine gültigen Papiere mehr, es kann auch sein, dass ihm sein Pass gestohlen wurde.
Auf jeden Fall bekam er durch irgendeinen Kontakt mit der Unterwelt (so habe ich es jedenfalls in Erinnerung) einen neuen Führerschein (das wichtigste Ausweisdokument in den USA) – auf den Namen eines Mannes, der längst irgendwo in Queens auf dem unendlich großen Friedhof liegt - unter einem Marmorstein begraben und dessen Name niemandem mehr abgeht …

Heute, da bin ich mir sicher, sind sogar die Namen der Toten in den Computerlisten enthalten, die die Einwanderungsbeamten immer gegenchecken, wenn man in die USA einreist.
Meine erste Begegnung mit den Türmen des World Trade Centers geht auf den September 1978 zurück. Es war gleichzeitig mein erster Aufenthalt in New York, mit den Schluchten, dem großen, rechteckigen Park im Herzen der Stadt, mit den ungewöhnlichen Verhaltensweisen der Menschen.
Als Ordnung gewohnter Österreicher verstand ich lange nicht, wie jemand bei ROT die Straße überqueren konnte. Sogar "unser" Außenminister und seine Begleitung – vorwiegend US-affine Personen - hielten sich nicht an das "DON'T WALK". Sie marschierten schnurstracks weiter, zumindest dann, wenn kein Auto in der Nähe war. Und wenn dann doch eines auf sie – oder uns – zukam, dann bremste der Fahrer doch tatsächlich ab, nicht wie in Österreich, wo gehupt und aufs Gas gestiegen wird.
Es war aufregend, alles schien sich schneller zu bewegen, zumindest am Gehsteig. Rasch hatte man die Regel herausgefunden, dass man von einem Block zum andern (also zum Beispiel von der 65. zur 66. Straße) ziemlich genau eine Minute benötigte. So konnte man sich gut ausrechnen, wie lange man etwa von der 69th Street, wo das Konsulat untergebracht war und ist, bis zur 42nd Street brauchen würde.

Bis hinunter zum World Trade Center, das war klar, würde man es zu Fuß nicht schaffen. Doch eines Abends waren wir dort, eingeladen zum Abendessen, noch dazu im "Windows on the World", dem Restaurant im letzten Stock.
Schon die Lobby des WTC war überwältigend: sie glich einer Kathedrale, nicht zuletzt auch wegen der nach oben zugespitzten Fenster, so einen hohen Raum hatte ich noch nie gesehen und so viel Platz – nichts stand herum, alles war frei (erst später wurde mir klar, warum: täglich gingen dort zehntausende Menschen ein und aus, die meisten aus der U-Bahn kommend in die Büros über ihnen).
Man musste auch nicht unbedingt ein Landkind sein, um von der Fahrt nach oben fasziniert zu sein. Es gab zwar nicht 106 Knöpfe im Lift, für jeden Stock einen, aber es waren unzählige und ich erinnere mich, die ersten in der Kabine, die wir benützten, begannen mit der Zahl 70 – wer weniger weit hinauf wollte, musste eben einen anderen Lift benützen.
Und dann die Beschleunigung: ich hatte das Gefühl, es würde mich leicht zusammenpressen, jedenfalls zu Beginn, dann ging es gleichmäßig und mit hoher Geschwindigkeit weiter, bis die Kabine am Ende wieder abgebremst wurde und man in eine Art Schwebezustand verfiel.
Dann öffnete sich die Tür und – man sah vorerst nichts. Es war dunkel, getäfelt, eine Garderobe verstellte den Blick, auf den man sich schon eingestellt hatte. Aber dann, nach ein paar Schritten ums Eck, war es plötzlich da: ein Lichtermeer, wohin man auch blickte.
Der Süden war noch am wenigsten eindrucksvoll: dort war das Meer, oder jedenfalls der Zusammenfluss von East River und Hudson River (all das wusste ich damals noch nicht so genau, erst später, als ich ein paar Jahre in der Stadt wohnte, hatte ich mich mit den Besonderheiten der Stadt vertraut gemacht). Man konnte die Freiheitsstatue erkennen, Governors Island und viele Schiffe, einige von ihnen waren auf dem Weg nach oder kamen von Staten Island.

Im Osten zeigte sich ein viel dramatischeres Bild. Wenn man ganz vorn am Fenster stand, konnte man drei beleuchtete Brücken sehen, die Manhattan mit Brooklyn und Queens verbinden: die Brooklyn, die Manhattan und die Williamsburg Bridge (leicht zu merken: BMW). Auf allen dreien funkelten die Lichter der Fahrzeuge, die sie überquerten. Und Queens, selbst eine Millionenstadt, zog sich meilenweit gegen Osten.
Wenn man genauer schaute, konnte man sogar die Flugzeuge sehen, die vom John F. Kennedy Flughafen starteten und landeten. Kleine leuchtende Punkte, die langsam aus dem schwarzen Himmel in jenes schmale Viereck eintauchten, das von schnurgeraden Lichtern umrahmt war, die Start- und Landebahn.
Im Norden zeigte sich die ganze majestätische Pracht von Manhattan: die Avenues, die wie mit einem Lineal gezogen parallel fast im Unendlichen endeten und diese eine breite Straße, die fast so etwas wie Chaos in die Ordnung brachte, mit ihrem schrägen Verlauf, keine Rücksicht nehmend auf das schachbrettartige Muster: der Broadway.
Und dann die vielen monumentalen Hochhäuser. Die meisten waren einen guten Kilometer entfernt, zwischen ihnen und dem World Trade Center erstreckten sich relativ niedrige Wohn- und Bürogebäude. Das Empire State Building war nicht zu übersehen, nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen Farben, in denen die letzten Stockwerke um die Aussichtsplattform herum beleuchtet waren; das Chrysler Building, mit dem Art-Déco-ähnlichen spitzen Turm.
Nicht weniger beeindruckend war das Citicorp Center, dieser quadratische, silberne Zeigefinger, der in den Nachthimmel ragte, oben um 45 Grad abgeschnitten, wie ein stark vergrößertes Barthaar, das von einer Rasierklinge abgeschnitten wurde.
Und gegen Westen war am Horizont noch eine letzte Spur der untergegangenen Sonne zu erkennen, dazwischen wieder das Lichtermeer von Hoboken, Jersey City und ganz vorn, am Hudson River, eine riesige Uhr neben der leuchtend roten Colgate-Lichtreklame. Ich konnte von dem Ausblick nicht genug bekommen. Zum Glück hatte ich meinen Fotoapparat mit und so wurde all das Geschilderte auch entsprechend festgehalten (und hilft auch dem Gedächtnis gelegentlich auf die Sprünge).
Die hochrangigen Gäste wurden langsam unruhig, schließlich hatte ich mich immer wieder entfernt, um die atemberaubende Kulisse zu genießen. Aber ich war das kleinste Rädchen in der Gruppe: neben Außenminister Willibald Pahr waren noch der damalige UNO-Botschafter und spätere Bundespräsident Thomas Klestil und seine Frau Edith dabei, Pahrs Kabinettschef Anton Prohaska und – es mag fast eine Ironie des Schicksals sein – auch Professor Friedrich Hacker.
Der in Los Angeles lebende, aber in Wien geborene Psychiater war damals Mitte sechzig und gehörte zu den bekanntesten Aggressionsforschern in den USA. "Die Brutalisierung der modernen Welt" und "Terror. Mythos, Realität, Analyse" sind jene Standardwerke, die ihn berühmt gemacht hatten. Niemand von uns konnte ahnen, dass der Platz, an dem wir saßen, fast auf den Tag genau 23 Jahre später, nach einem Terroranschlag, aus 400 Metern Höhe in die Tiefe krachen würde.
Während meines Jobs als Presseattaché in New York, die 1979 begann, war eine meiner Tätigkeiten auch damit verbunden, österreichische Politiker und deren Begleitung in die Sehenswürdigkeiten der Stadt einzuführen. Eines Tages kam Viktor Reimann zu Besuch, wenn ich mich richtig erinnere in Begleitung von Jörg Haider (oder umgekehrt?).
Reimann war Kulturchef der Kronen Zeitung. Er war Mitbegründer des VdU, des Verbandes der Unabhängigen, die Vorgänger-Organisation der FPÖ. Landesweit bekannt wurde er aber erst zu Beginn der Achtzigerjahre durch eine Serie, die die Kronen Zeitung "Die Juden in Österreich" nannte.


Als rechtskonservativer Autor war er in diesem Zusammenhang dem Vorwurf ausgesetzt, den Nährboden für ein Wiederaufleben des Antisemitismus zu bereiten. Um sich auch in New York einen entsprechenden Überblick zu verschaffen, wollten die Besucher die Aussichtsplattform auf dem WTC besichtigen. Und während ich mich bemühte, den Gästen die einzelnen Sehenswürdigkeiten zu erklären, fragte Viktor Reimann völlig unvermittelt: "Sagen Sie, wie hoch liegt eigentlich New York über dem Meeresspiegel?" Zum Glück wusste ich, wie hoch w i r uns gerade befanden, und konnte daher eine einigermaßen überzeugend klingende Antwort liefern …
Noch ein weiterer Besuch in diesem Gebäude blieb mir in Erinnerung, ein Besuch, der, sieht man die Fotos von damals, einen noch immer mit Gänsehaut erfüllt. Ed Fagan war ein amerikanischer Anwalt, der sich darauf spezialisiert hatte, sich Ereignisse mit besonderer medialer Strahlkraft zu eigen zu machen (das ist die Formulierung für ein persönliches und juridisches Verhalten, die nicht geklagt werden kann …).
Im Jahr 2000 hatte Fagan gerade wieder einmal einen derartigen Fall aufgegriffen und der ORF war interessiert daran, mit ihm darüber zu sprechen. Und weil der Anwalt auch nach außen blenden wollte, lud er mich in den 70. Stock des World Trade Centers zum Interview.
Während meine Kollegen die Videogeräte und die Scheinwerfer einrichteten, bemerkte ich, dass eines der Fenster leicht gekippt war und man darunter den Platz zwischen den beiden Türmen sah: so hielt ich meine Kamera durch den offenen Spalt und fotografierte die Aussicht: nicht mehr als kleine Pünktchen waren die Personen weit unten – es war, wie sich beim Attentat auf das WTC herausstellen sollte, ziemlich genau jener Bereich – und jener Ausblick – den die verzweifelten Büroangestellten hatten, die sich aus dem Gebäude stürzten, um dem Inferno zu entgehen.

Was muss in ihren Köpfen dabei vorgegangen sein: hinter ihnen die Feuersbrunst, vor ihnen der Abgrund – haben sie Zeit gehabt, sich zu überlegen, was ihren Tod erträglicher machen würde: der lange Sturz nach unten oder doch im Stockwerk auszuharren und im Feuer zu verbrennen? Entscheidungen über Tod oder Tod.
Nicht zu übersehen waren die beiden Türme auch beim Anflug auf New York. Wenn man vom Süden kam und auf La Guardia landete, lag die Einflugschneise entweder westlich oder östlich an den Gebäuden vorbei – in beiden Fällen war man so nahe daran, dass man die Besucher auf der Aussichtsterrasse sehen konnte – ich jedenfalls war immer wieder von der Klarheit, der Einfachheit dieser Wolkenkratzer beeindruckt.
Was sie für Menschen mit fotografischem Interesse auch so faszinierend machte war, dass man um sie nicht herum kam. Von meinem Wohnungsfenster im 16. Stock auf der Second Avenue, als Reflexion im UN-Plaza Hotel, als eine Art goldene Zaunpfähle am Ende von Manhattan im Abendlicht von New Jersey aus betrachtet, als markante Begrüßungspfeiler für Schiffrsreisende, als beleuchtete Kulisse beim Feuerwerk für die 100-Jahr-Feier der Brooklyn Bridge, oder als beeindruckende Wolkenkratzer, deren oberste Stockwerke an manchen Wintertagen in den Wolken verschwanden – Manhattan war für mich ohne WTC undenkbar.
Einmal hatte ich sogar das Glück, gleich zwei Blitzeinschläge in die oberste riesige Antenne fotografieren zu können. Wir waren bei einem Fotoshooting in einem Atelier irgendwo in Downtown, ein bildhübsches Modell sollte dort für eine Ö3-Kampagne gefilmt werden, plötzlich zog ein schweres Gewitter auf.
Durch das Fenster konnte man beide Türme sehen – als erfahrener "Blitzfotograf" war es für mich nur eine Frage der Zeit, bis der Blitz auch in die Antenne einschlagen würde. Und tatsächlich: Einer kam fast senkrecht von oben und versenkte seine Millionen Volt in die Stahlnadel, der zweite schien es sich noch ein wenig zu überlegen, machte erst einen Bogen, fühlte sich dann aber doch vom Metall so angezogen, dass er sich ebenfalls in der Spitze entlud.
(Zwei Anmerkungen: am Tag lassen sich Blitze nur dann fotografisch festhalten, wenn man in dem Moment auf den Auslöser drückt, in dem man den Blitz mit dem Auge durch den Sucher wahrnimmt – viel Zeit bleibt da nicht. Und: im Zeitalter der Digitalfotografie ist es auch notwendig darauf hinzuweisen, dass ich das Ergebnis erst Tage später nach dem Entwickeln der Negative überprüfen konnte – es hätte genauso gut auch gar nichts drauf sein können …)
Die Türme waren mir – wenn dieser Ausdruck bei vorwiegend ökonomisch genutzten Gebäuden gestattet ist – quasi ans Herz gewachsen. Und ich kannte jeden Quadratmeter von ihnen.

Die gesamte Redaktionskonferenz trifft sich wie jeden Tag im Sitzungszimmer, um über die Themen für die Zeit im Bild um 19.30 Uhr zu beraten. Es ist ein schwacher "News"-Tag ohne herausragende Ereignisse: Aus Bayern wird ein BSE-Fall gemeldet, Australien muss einige hundert Bootsflüchtlinge doch aufnehmen, Österreich überlegt, wie es sich für die bevorstehende Verkehrslawine aus den Mittel- und Osteuropäischen Ländern rüsten kann … genug also, um eine ZiB zu füllen.
Mein Aufenthalt als US-Korrespondent in Washington ist gerade erst vorüber, seit Anfang September muss ich mich wieder an die Routine der "normalen" Auslands-Redaktions-Tätigkeit am Küniglberg gewöhnen.
Im Konferenzzimmer stehen zwei TV-Geräte, die aber nicht immer eingeschaltet sind. Um ca. 14.50 Uhr drücke ich bei einem auf den Knopf, er ist auf CNN vorprogrammiert: nach ein paar Sekunden, bis sich die Röhre aufwärmt, sehe ich plötzlich eine Nahaufnahme eines brennenden Gebäudes: Rauch steigt auf, offenbar schon einige Minuten, denn die markanten Außenwände sind bereits schwarz eingefärbt. Ich rufe in den Raum, zu niemandem bestimmten: "Das ist das World Trade Center in New York, es brennt …"

Als die Kamera dann die Totale zeigt, ist jeder Zweifel zerstreut: Es ist die Südspitze von Manhattan und eines der markantesten Gebäude ist dort in Flammen. Ich laufe sofort in mein Zimmer, um dort in Ruhe – so glaubte ich - CNN weiterzuverfolgen. Meine Kollegin Hannelore Veit eilt ins Studio und geht knapp vor 15 Uhr auf Sendung. Ein paar Minuten später holt mich eine Sekretärin: "Du musst schnell zur Hannelore, wir machen weiter live."
Ohne ein Blatt Papier, ohne sonstige Unterlagen (und ohne Schminke) setze ich mich an den Moderationstisch, die Signation einer "Sonder- ZIB" läuft ab und wir zeigen die Bilder, die CNN in die ganze Welt ausstrahlt. Hannelore Veit meldet sich mit einer "kurzen Sonderausgabe der ZIB" und berichtet, "zwei Flieger sind in die Türme des World Trade Centers geflogen und haben dort riesige Löcher hineingerissen …"
"Wir erwarten in den nächsten Sekunden ein Video, auf dem man sieht, wie das zweite Flugzeug in den zweiten Turm des World Trade Centers hinein geflogen ist", füge ich hinzu. "Hier sehen Sie am unteren Bildrand die Explosion ..." Mir kommt zugute, dass ich den Tatort, im engeren und weiteren Sinn, fast wie meine sprichwörtliche Westentasche kenne. "Das Attentat, wenn man davon ausgehen kann, dass es ein solches war, hat sich vor etwa einer Dreiviertelstunde ereignet", informiere ich die Zuseher, die sich erst jetzt zugeschaltet haben, "es ist zu hoffen, dass zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu viele Personen in dem Gebäude beschäftigt waren ..."
Um ca. 15.30 Uhr meldet sich Präsident George W. Bush zu Wort. Erst später erfahren wir, dass er in Florida ist, dort Schulkindern aus einem Märchenbuch vorliest. Andrew Card, ein enger Mitarbeiter des Präsidenten, kommt in den Raum, flüstert ihm etwas ins Ohr. Bush bleibt unbewegt. In der kurzen Rede danach spricht er davon, man werde die Terroristen jagen und zur Verantwortung ziehen.
Im Laufe des Nachmittags überschlagen sich dann die Ereignisse, Gerüchte sind von Tatsachen kaum mehr zu trennen: Explosionen vor dem US-Außenministerium in Washington werden gemeldet, ebenso, dass das Washington Monument gesprengt worden sei; ein Hubschrauber sei direkt vor dem Pentagon explodiert, danach stellt sich heraus, ein weiteres Flugzeug ist in das amerikanische Verteidigungsministerium gerast.
Das Kapitol, wo Senat und Repräsentantenhaus untergebracht sind, soll das nächste Ziel eines Anschlags werden, ebenso das Weiße Haus – alle Bundesgebäude werden evakuiert. Der Sears Tower in Chicago, das höchste Bauwerk der USA, soll ebenfalls im Visier von Terroristen sein. Apropos Terroristen: es wird heftig spekuliert, wer hinter den Anschlägen stünde.

Meine Überlegungen damals: "Wir sollten vorsichtig sein, was Schuldzuweisungen betrifft. Auch bei dem Anschlag auf das staatliche Bürogebäude in Oklahoma City im April 1995 wurde spekuliert, dass arabische Terroristen dafür verantwortlich seien. Danach hat sich herausgestellt, dass es ein einheimischer Rechtsradikaler war, der diesen grausamen Anschlag mit über 150 Toten ausgeführt hat ..."
Experten im Studio helfen uns aus, die Lücken zu füllen. Der oberste Feuerwehrchef von Wien wird über die Rettungsmöglichkeiten befragt, wie hoch Leitern hinauf reichen, ob die Sprinkler noch funktionieren … Alles läuft irgendwie automatisch ab: in einem Ohr steckt die Audio-Verbindung zu CNN, im anderen Ohr höre ich den Antworten zu, die Augen blicken auf den Bildschirm, der jeweils das aktuelle Geschehen wiedergibt.
Zeit zum Nachdenken, zum Atemholen, zum Verarbeiten der Bilder bleibt keine – alles passiert rasend schnell, mehr als ein Viertel Jahrhundert Erfahrung mit dem Medium lassen keine Emotionen zu: im Hinterkopf ist mir während der ganzen Zeit klar, dass das Ganze "live" abrollt, dass man keine Schwächen zeigen darf. Der "Reporter" steht an erster Stelle, der "Mensch" hat in Hintergrund zu bleiben. Diese "kurze Sonder-Zeit-im-Bild" wird zur längsten Nachrichtensendung, die der ORF je ausgestrahlt hat.

Präsident George W. Bush fand nur eine Antwort auf die Anschläge vom 11. September 2001: Kampf gegen den Terror. Erst mobilisierte er die Armee, damit sie gegen jene Männer in Afghanistan vorgeht, die er hinter den Terrorangriffen vermutete.
Nur wenige Monate später nahm er aber einen neuen Feind aufs Korn: den Irak und ganz speziell dessen Staatschef Saddam Hussein. Er wurde beschuldigt, Massenvernichtungswaffen zu häufen und das Terrornetzwerk von Al Kaida zu unterstützen. Am 20. März 2003 fielen die ersten Bomben auf die Hauptstadt Baghdad, Truppen amerikanischer und britischer Herkunft marschierten ein.
Dass diese mit Jubel begrüsst werden würden, wie Bush damals argumentierte, fand freilich nicht statt. Es folgte ein langer, blutiger Bürgerkrieg, 2011 zogen die letzten US-Soldaten aus dem Irak ab (einige Bataillone befinden sich freilich noch heute im Land). Viel länger dauerten die Kampfhandlungen in Afghanistan. Dort beendete Joe Biden das amerikanische Engagement im September 2021. Rund 200.000 Afghanen und Afghaninnen wurden im Verlauf des Krieges getötet, 2.300 US-Soldaten kamen ums Leben.

Alle 19 Beteiligten an den Anschlägen waren Mitglieder der Terrorgruppe Al Kaida, die vom Sohn einer Saudi-Arabischen Unternehmerfamilie namens Osama bin Laden in den 1990er-Jahren in Pakistan gegründet wurde. Vier der Terroristen wurden in den USA als Piloten ausgebildet.
Insgesamt kamen bei den Anschlägen knapp 3.000 Menschen ums Leben; die meisten (2.606) im World Trade Center. Im Verteidigungsministerium in Arlington bei Washington starben 184 Personen, beim Absturz einer Linienmaschine, die ebenfalls als Waffe eingesetzt hätte werden sollen, kamen 40 Passagiere und das Bordpersonal ums Leben.
Zusätzlich sind eine große Anzahl an Menschen in der Folge durch Atemwegserkrankungen oder durch Krebs gestorben, ausgelöst durch Staub und Asche der zusammengestürzten Türme in New York.
Osama bin Laden wurde nach einer beispiellosen Menschenjagd, die fast zehn Jahre dauerte, im Mai 2011 bei der Erstürmung seiner Residenz in Abbottabad (Pakistan) erschossen. Präsident Barack Obama verfolgte die Erstürmung des Gebäudes damals vom Weißen Haus aus quasi "live" mit.
Im Laufe der Ermittlungen wurden knapp 800 angebliche Mittäter in ein eigens eingerichtetes Straflager in Guantanamo auf Kuba eingesperrt. Unter den Unschuldigen war auch Murat Kurnaz, der in Bremen aufwuchs und vier Jahre festgehalten wurde. Das US-Militär, das das Gefängnis betreibt, gibt nur sehr sporadisch Auskünfte über die Zahl der noch Inhaftierten; es sollen zwischen 15 und 30 Personen sein. Kürzlich wurde verlautbart, dass der Prozess gegen Khalid Sheikh Mohammed, einem Drahtzieher der Anschläge, im Jahr 2028 stattfinden soll, 27 Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center.

Bis heute halten sich hartnäckig Verschwörungstheorien rund um die Anschläge. Am verbreitetsten ist die Behauptung, die Türme seien nicht durch die Flugzeuge in sich zusammengebrochen, sondern gesprengt worden. Also: Unbekannte hätten im Auftrag der Regierung Sprengladungen an einzelnen Geschossen angebracht und sie dann gezündet.
Wie so etwas unbemerkt geschehen konnte, wie es möglich ist, dass sich bis heute niemand gemeldet hat, um diesen Umstand zuzugeben, wird allerdings nicht erklärt.
Eine zweite Theorie stützt sich darauf, dass die beiden Maschinen, die in die Türme des WTC gerast sind, keine Linienflugzeuge waren, sondern Militärmaschinen, die möglicherweise von außen ferngesteuert, diesen Kurs eingenommen hatten. Auch dafür fehlen freilich jedwede Beweise. Und: was ist mit den Verkehrsmaschinen und den Passagieren, die damals von Boston aus gestartet sind? Wo sind die geblieben? Darauf gibt es - naturgemäß – keine Antworten.
Am 10. September 2026 wird in der Österreichisch-amerikanischen Gesellschaft (Wien 1, Stallburggasse 2) eine Fotoausstellung der WTC-Bilder von Eugen Freund gezeigt
Eugen Freund war - mit Unterbrechungen - von 1974 bis 2013 Journalist im ORF. Von 2014 bis 2019 war er Abgeordneter im Europäischen Parlament. Sein jüngstes Buch "Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg – wie Europa und die USA auseinanderdriften" erschien im Oktober 2025 (Wieser Verlag, Klagenfurt).