Auf sofortige Preiseingriffe konnte sich die Regierung bisher nicht einigen. Aber sie gibt Öl-Notfallreserven frei und erlaubt Tankstellen nur mehr dreimal in der Woche Erhöhungen. Im Hintergrund wird das "Modell Kroatien" vorbereitet. Was das ist, was es bringt.

Die gute Nachricht vorab: Teurer als teuer wurde der Sprit am Dienstag nicht. Einmal am Tag, um 8 Uhr früh, veröffentlicht die E-Control die Durchschnittspreise an Österreichs Tankstellen. Die Messungen stammen jeweils vom Tag davor.
Es zeigte sich: Am Dienstag zahlte man für einen Liter Diesel im österreichweiten Durchschnitt 1,954 Euro, für Superbenzin 1,744 Euro. Das ist viel, aber nicht mehr als am Montag, als die Preise richtig nach oben schossen.
Der Vergleich mit Kroatien macht neidisch. Dort hat man am Dienstag eine Art "Flexi-Preisdeckel"eingeführt. Die Höchstpreise gibt die Regierung fix vor, sie reagiert aber flexibel und mit Marktbeobachtung. Der Diesel kostet deshalb in Kroatien pro Liter derzeit rund 40 Cent weniger als in Österreich.
Die Hintergründe der Krise sind hinlänglich bekannt. Durch den Krieg im Iran, Drohnenangriffe auf Förderstellen und Ölanlagen und durch die Sperre der Straße von Hormus brach der weltweite Markt für Treibstoffe ein. Die entscheidende Frage lautet nun, wie lange dieser Zustand anhält. Davon hängt ab, wie gravierend und nachhaltig die Folgen ausfallen.

Wenn die Straße von Hormus länger gesperrt bleibt, dann wären "die Folgen für die weltweiten Ölmärkte katastrophal", sagte Amin Nasser in einer Telefonkonferenz mit Reportern. Er ist CEO des weltgrößten Ölexporteurs Aramco.
Und: "Obwohl wir in der Vergangenheit bereits mit Störungen konfrontiert waren, ist dies mit Abstand die größte Krise, die die Öl- und Gasindustrie der Region je erlebt hat."
Und der Iran droht. Mit einer weiteren Totalsperre der Straße von Hormus. Einem Preis für ein Fass Rohöl von 200 US-Dollar, mehr als das Doppelte des gegenwärtigen Preises. Was Sie zur aktuellen Krise und zu den Maßnahmen dagegen wissen müssen:
Wie ist der aktuelle Stand in der Straße von Hormus?
Das 167 Kilometer lange und an der schmalsten Stelle nur 33 Kilometer breite Nadelöhr entwickelt sich immer mehr zum zentralen Kampfplatz im Nahen Osten. Am Mittwoch wurde ein unter thailändischer Flagge fahrendes Frachtschiff angegriffen.
Was passierte?
Die "Mayuree Naree“ wurde rund 18 Kilometer nördlich vom Oman von einem Geschoss getroffen und beschädigt. Fotos zeigen, wie Rauch aufsteigt.
Ein Einzelfall?
Nein, die britische Seeschifffahrtsbehörde (UKMTO) meldet, dass am Mittwoch insgesamt drei Frachtschiffe in der Meerenge von unbekannten Geschossen havariert wurden.

Was weiß man darüber?
Das unter japanischer Flagge fahrende Containerschiff "One Majesty" wurde 41 Kilometer Seemeilen nordwestlich von Ras Al Chaimah in den Vereinigten Arabischen Emiraten getroffen. Die "Star Gwyneth", ein griechisches Schiff unter der Flagge der Marshallinseln, wurde 80 Kilometer nordwestlich vor Dubai erfasst.
Wie gefährlich ist die Situation?
Das zeigt eine Mitteilung der USA. Das Militär gab ab, in der Nacht auf Mittwoch 16 iranische Minenleger in der Straße von Hormus zerstört zu haben.
Das passt ins Bild, oder?
Ja, der Iran droht derzeit der westlichen Welt so massiv wie noch nie. Man werde nicht zulassen, dass "auch nur ein einziger Liter Öl" die Straße von Hormus passiert, um in die USA, nach Israel und zu deren Partnern zu gelangen, hieß es.
Steckt da ein Strategiewechsel dahinter?
Offenbar, denn ein Sprecher des Militärkommandos Khatam al-Anbiya in Teheran sagte in einer Erklärung, dass der Iran seine Politik der Gegenschläge "beendet" habe. "Teherans Politik wird nun lauten: 'Schlag auf Schlag'", so Ebrahim Zolfaqari.
Was heißt das?
"Jedes Schiff oder jeder Tanker, der auf der Route unterwegs ist, wird ein legitimes Ziel sein," polterte Zolfaqari. Und: "Stellen Sie sich darauf ein, dass der Ölpreis bei 200 Dollar pro Barrel liegen wird. Denn der Ölpreis hängt von der regionalen Sicherheit ab, die Sie destabilisiert haben".
Was bedeutet das übersetzt?
Die Welt muss sich darauf einstellen, dass die Ölkrise gekommen ist, um zu bleiben.

Wie schaut die erste Reaktion aus?
Es werden weltweit Erdölreserven freigeschaltet, um die Preise zu stabilisieren. Die Internationale Energieagentur (IEA) verkündete am Mittwoch die "größte jemals erfolgte" Freigabe von 400 Millionen Barrel Öl. Alle 32 Mitgliedsländer hätten einstimmig für diesen Schritt gestimmt.
Mit welchem Ziel?
"Die Herausforderungen auf dem Ölmarkt, vor denen wir stehen, sind von beispiellosem Ausmaß. Deshalb bin ich sehr froh, dass die IEA-Mitgliedstaaten mit einer beispiellosen gemeinsamen Notfallmaßnahme reagiert haben", sagt IEA-Exekutivdirektor Fatih Biro
Ist Österreich Mitglied?
Ja, Österreich gehört zu den 16 Gründungsstaaten der IEA, die 1974 im Zuge der Ölkrise ins Leben gerufen wurde.
Wie oft gab es das schon?
Es ist das sechste Mal, dass die IEA eine koordinierte Freigabe von Ölreserven genehmigt hat. Passiert ist das in den Jahren 1991, 2005, 2011 und zweimal im Jahr 2022 aufgrund des Angriffs Russlands auf die Ukraine.
Regional gibt es das öfter, oder?
Ja, in Österreich etwa im Sommer 2022. Da kam es zu einem Unfall in der einzigen Raffinerie, die Treibstoffproduktion wurde lahmgelegt. Schon damals gab Österreich 373.000 Tonnen aus der Reserve frei, in einem mehrmonatigen Prozess wurden die Lager später wieder aufgefüllt.

Wie ist momentan die Situation am Weltmarkt?
Der Preis pro Fass Rohöl (159 Liter) hält sich derzeit relativ stabil und liegt bei rund 90 US-Dollar. Das ist eine Folge der Ankündigungen von Donald Trump, den Krieg bald zu beenden (später relativiert), und einen Plan zu haben, wie er die Spritpreise drückt.
Aber?
Der Economist berichtet von großer Nervosität unter Ölhändlern, nicht zuletzt, weil Trump die Kampfhandlungen nicht allein stoppen kann, selbst wenn er es ernst meint.
Warum ist die Straße von Hormus so bedeutend?
Die Schließung der Meerenge von Hormus stellt den abruptesten Schock für die globale Erdölversorgung in der Geschichte dar. Im vergangenen Jahr wurden täglich rund 14 Millionen Barrel Rohöl (14 % der Weltproduktion) sowie weitere 4 Millionen Barrel raffinierter Ölprodukte über diese Wasserstraße transportiert.
Gibt es keine Alternative?
Ein Teil davon kann über Pipelines in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten ( VAE ) umgeleitet werden, doch es verbleiben immer noch rund 15 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte pro Tag im Persischen Golf.
Was gibt es für Gegenmaßnahmen?
Genau genommen drei. Den Schiffsverkehr in Hormus erhöhen (was aus genannten Gründen kaum vorstellbar ist), Rohölexporte aus anderen Regionen steigern (das dauert). Oder strategische Reserven freigeben. Diese Hebel haben aber ihre Grenzen und bergen Risiken.

Warum lässt sich die Straße von Hormus nicht sichern?
Die USA haben das angekündigt, aber jedes Schiff ist auf der Passage ein potenzielles Ziel. Und die Versicherungen spielen nicht mit.
Aus Kostengründen?
Auch, ja. Die Bank JPMorgan Chase schätzt, dass 352 Milliarden US-Dollar benötigt würden, um alle festsitzenden Öltanker abzusichern – es sollen 320 sein, in anderen Quellen ist von 1.000 Schiffen die Rede.
Wie wirkt sich das auf die Polizzen aus?
Die Prämien sind auf ein bis zwei Prozent des Schiffswertes gestiegen – eine drei- bis sechsfache Steigerung gegenüber dem Vorkriegsniveau.
Unbezahlbar?
Die Reedereien können diese Kosten verkraften, da sich die Frachtraten vom Golf nach Asien mehr als verdoppelt haben. Schiffe meiden den Golf aber nicht etwa aus Versicherungsmangel, sondern weil sie den wahllosen Angriffen des Irans entgehen wollen.
Was ist mit einer Eskorte?
Ja, ginge, aber es dauert Wochen, bis genug Schiffe vor Ort sind und selbst dann wäre das nur ein Tropfen Öl auf den heißen Stein. Zwischen Juli 1987 und September 1988, mitten im Krieg zwischen Irak und Iran, eskortierten die USA mit Hilfe von über 30 Kriegsschiffen kuwaitische Tanker durch Hormus.
Aber?
Die Konvois, die durchschnittlich etwa einmal wöchentlich ablegten, bestanden in der Regel aus mehreren Kriegsschiffen und zwei bis drei Tankern. In diesem Tempo würde es aktuell zweieinhalb Jahre dauern, alle mimdestens 320 Schiffe, die derzeit im Golf festsitzen, herauszuholen.

Bleibt also die Freigabe der Ölreserven?
Ja, es ist momentan die am schnellsten zu verwirklichende Maßnahme. Österreich gibt 325.000 Tonnen Rohöl aus den strategischen Reserven frei. Damit könnte man rund 5,4 Millionen Autotanks auffüllen (gerechnet auf 60 Liter).
Wie schnell kommt das Öl auf den Markt?
Laut internationaler Vereinbarung muss das innerhalb von 90 Tagen passieren. Die Menge wird international ausgesteuert, um einen möglichst hohen Lenkungseffekt auf die Preise auszuüben.
Wie viel hat Österreich als Reserve eingelagert?
Das errechnet sich aus den Nettoimporten. Österreich muss laut Erdölbevorratungsgesetz so viel Reserve eingelagert haben, dass man eine Versorgung von 90 Tagen sicherstellen kann. Die nun zugeschossene Menge entspricht 11 Tagen.
Wo wird die Reserve gelagert?
In 35 regionalen Depots, verwaltet von der Erdöllagergesellschaft (ELG). Das Unternehmen hat seinen Sitz in Lannach in der Steiermark. Die ELG steht im Eigentum von OMV, BP, ENI und Shell.
Kostet die Freigabe den Staat nun etwas?
Nein, sie erfolgt zu internationalen Marktpreisen.

Gäbe es weitere Maßnahmen, um den Preis an den Zapfsäulen zu drücken?
Ja, aber auf das große Paket konnte sich die Regierung bisher nicht verständigen. Die Ideen dazu liegen recht weit auseinander.
Was sind die Ideen?
ÖVP-Kanzler Christian Stocker ÖVP will eine "temporäre Senkung der Steuern auf Treibstoffe". Sprit wird auf dreierlei Art besteuert. Es gibt die Mineralölsteuer, die Umsatzsteuer und die CO2-Bepreisung, umgangssprachlich "Klimasteuer" genannt.
Was ist der grundlegende Unterschied?
Mineralölsteuer und Klimasteuer haben einen Fixpreis. Pro Liter Benzin zahlt man in Österreich 48,2 Cent, pro Liter Diesel 39,7 Cent Mineralölsteuer. Bei der CO₂-Bepreisung beträgt der Aufschlag 13,80 Cent bei Diesel und 12,50 Cent bei Benzin am Liter.
Und die Mehrwertsteuer?
Sprit wird mit 20 Prozent versteuert. Je höher der Preis, desto höher der Ertrag für das Budget. Aber es lassen sich für den Finanzminister damit keine goldenen Bananen verdienen.
Was will die SPÖ?
Vizekanzler Andreas Babler wünscht sich einen Preisdeckel. Der Vorschlag wurde nun präzisiert. Nicht der Literpreis an der Zapfsäule soll limitiert, sondern die Gewinne entlang der Lieferkette eingedämmt werden. Dafür gibt es ein Vorbild.

Was will der Finanzminister?
Er würde gern ein bisschen Kroatien sein. Beim ECOFIN-Rat, dem Treffen der europäischen Finanzminister, hat sich Markus Marterbauer am Dienstag mit seinem kroatischen Amtskollegen Tomislav Ćorić intensiv ausgetauscht.
Was hat Kroatien getan?
Ziemlich konkret in die Preise eingegriffen und das auf mehreren Ebenen. Es wurde mit Wirkung vom 10. März ein Höchstpreis festgelegt, den Tankstellen verlangen dürfen. Für Benzin höchstens 1,50 Euro pro Liter, für Diesel maximal 1,55 Euro pro Liter. Dabei blieb es nicht.
Sondern?
Es gibt ein Preis-Monitoring. Der Staat schaut sich an, wie sich etwa der Weltmarktpreis für Rohöl, Raffineriekosten und Gewinnmargen für Händler entwickeln. Aus diesen Faktoren wird ein aktueller Höchstpreis errechnet. Er kann sich flexibel an die Marktlage anpassen. Und: Die Gewinnmargen für Raffinerien, Großhändler und Tankstellen wurden limitiert.
Warum konnte Kroatien das so schnell einführen?
Weil es damit Erfahrungen gibt. Schon 2022 nach Beginn des Ukraine-Kriegs gab es solche Preisdeckel. 2025 wurden sie aufgehoben und nun wieder eingeführt. Vorerst für zwei Wochen.
Die Gefahr bei solchen Maßnahmen?
Dass Öl woanders hingeliefert wird, wo man eine höhere Marge erzielen kann. Oder dass die Raffinerien weniger ausliefern, um auf einen besseren Preis zu warten. Das würde zu Engpässen an den Zapfsäulen führen.
Kommt das auch bei uns?
Gut möglich. Der Finanzminister bereitet ein Gesetzespaket vor. Er muss nur noch die anderen Regierungsparteien davon überzeugen.
Was passiert akut?
Die Spritpreisverordnung wird geändert. Die Preise an den Zapfsäulen dürfen dann nicht mehr wie jetzt einmal am Tag erhöht werden, sondern nur höchstens dreimal in der Woche – Montag, Mittwoch und Freitag.