Europa zeigt sich nach der Orbán-Abwahl glückstrunken. Aber wird der Nachfolger die Erwartungen erfüllen? Péter Magyar arbeitete im Büro von Orbán, seine Ex-Frau war Justizministerin, er ist in der Migration härter als sein Vorgänger. Und Ukraine-skeptisch.

Das Interview sollte eigentlich nur 40 Minuten dauern, am Ende wurden 95 Minuten und 19 Sekunden daraus, wie die FAZ gestoppt hat. Obwohl der Gast zu Beginn recht einsilbig wirkte, fast ein bisschen mürrisch. Er saß da, die Haare an den Seiten raspelkurz geschnitten, schneeweißes Hemd. Krawatte, am Handgelenk eine sündteure Uhr.
Wer in ein paar Jahren gefragt wird, wann das alles begonnen hat, wird den 11. Februar 2024 als Datum nennen müssen. Da war Péter Magyar zu Gast in der Live-Sendung von Partizán, einem eher linken Sender. Das Video, das dabei entstand, zählt heute über drei Millionen Abrufe. Vielleicht auch, weil der Titel der Sendung wie eine Leimrute wirkte: "Judit Vargas Ex-Mann packt aus".
"Judit Vargas Ex-Mann, das ist Péter Magyar, seit Sonntag der neue Wunderwuzzi der europäischen Politik, von den meisten Regierungschefs in der EU fast wie ein Messis willkommen geheißen. Das passt ins Bild, "schlanker Jesus" – so nennen ihn seine Bewunderer und Gegner im Land, die einen wohlwollend scherzhaft, die anderen verächtlich.
Magyar kickte Viktor Orbán aus dem politischen Rennen. 16 Jahre lang hatte der Rechtspopulist Ungarn regiert und die Europäische Union an der Nase herumgeführt. Nun ist allgemeines Aufatmen angesagt, vielleicht sollte man besser kurz die Luft anhalten. Magyar verspricht derzeit sehr viel und die EU verspricht sich von ihm viel. Aber kann er das halten? Eine Spurensuche zu dem Mann der Stunde.

Das Ergebnis am Sonntag, 12. April, fiel deutlicher aus als in Umfragen erwartet. Magyar holte 52,4 Prozent, für Orbán blieben nur 39,2 Prozent. Es sind fast alle Stimmen ausgewählt, aber es handelt sich noch nicht um das Endergebnis, das soll erst am 4. Mai feststehen.
Aber viel relevanter war, dass Magyar die Zweidrittelmehrheit schaffte. Das ungarische Parlament bietet Platz für 199 Sitze, Tisza, die Partei von Magyar, holte sich 138 davon. Für Orbán blieben nur 55 übrig. Der künftige Ministerpräsident kann also Reformen angehen, auch die Verfassung, die sein Vorgänger zu seinen Gunsten getrimmt hatte, will er ändern.
Auf seiner ersten Pressekonferenz nach dem Erdrutschsieg gab sich Magyar tatendurstig. Er kündigte einen "Regimewechsel" an. Ein eigenes Ermittlungsbüro soll sich um die Korruption kümmern, auch die EU soll mitschnüffeln dürfen.
Premierminister sollen nur mehr zwei Perioden im Amt bleiben dürfen. Die Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk will Magyar aussetzen, bis sie wieder objektive Ergebnisse liefern. Die Medienlandschaft in Ungarn wird mehrheitlich Orbán zugerechnet.
Die Tür zu Europa wird aufgestoßen. Magyar möchte dem Euroraum beitreten. Der EU gegenüber will er sich "konstruktiv" verhalten, das hat durchaus pragmatische Gründe. Brüssel hält, vor allem wegen der grassierenden Korruption im Land, Gelder in Höhe von 19 Milliarden Euro zurück. Gut die Hälfte davon ist für Ungarn noch abrufbar.
Viele Pläne, was sich davon umsetzen lässt, sind unklar. Orbán hat in seinen 16 Jahren eine Struktur aufgebaut, manche Elemente davon werden auch für Magyar gut nutzbar sein, an anderen wird er sich die Zähne ausbeißen. Er wird an seinen Taten gemessen werden, national und international. Nicht mehr und nicht weniger
Ungarn hat 9,6 Millionen Einwohner. Eine Million Menschen sah sich am 11. Februar 2024 auf YouTube ein Interview an, das im Vorfeld vielversprechend geklungen hatte – und dann alle Erwartungen übertraf. Auf dem Kanal Partizán führte Péter Magyar aus, warum er von seiner eigenen Partei die Schnauze voll hatte.
"Alle haben mich davor gewarnt, Freunde, Familie, Bekannte", sagte er Moderator Márton Gulyás nach einem zähen Beginn, dem ein furioser zweiter Teil folgen sollte. "Offensichtlich bin ich schon sehr lange Teil dieses Systems, dieses Kreises."
Das Interview hatte eine Vorgeschichte und sie sorgte dafür, dass so viele Menschen jenen Mann live sehen wollte, der am Tag davor für einen Knalleffekt gesorgt hatte. Da war Péter Magyar nämlich mit sofortiger Wirkung von allen seinen staatlichen Ämtern (Positionen in zwei Staatsunternehmen und Aufsichtsrat einer teilstaatlichen Bank) zurückgetreten.
„Ich will keine Minute lang Teil eines Systems sein, in dem sich die wirklich Verantwortlichen hinter Frauenröcken verstecken", schrieb er um 18.45 Uhr abends auf seiner Webseite.
"Lange Zeit glaubte ich an eine Idee, ein nationales, souveränes, bürgerliches Ungarn, und viele Jahre lang versuchte ich mit meinen bescheidenen Mitteln dazu beizutragen, sie zu verwirklichen. Doch in den letzten Jahren habe ich allmählich und endgültig erkannt, dass all dies in Wirklichkeit nur ein politisches Produkt ist, ein beschönigender Anstrich, der lediglich zwei Zwecken dient: dem Verschleiern der Machtstrukturen und der Anhäufung immenser Reichtümer."
Das Schreiben schloss mit einem Appell: "Seit ich 12 Jahre alt bin, hallen mir die Worte unseres ersten frei gewählten Premierministers in den Ohren: "Ich diene, und ich werde dienen, solange die Nation davon profitiert. Ich werde es tun, solange ich kann. Habt keine Angst! Nichts währt ewig, wir sind ja auch nicht in einhundertfünfzig Jahren zu Türken geworden."
Es gab also einiges zu bereden auf Partizán. Vor allem war zu klären, was mit "die wirklich Verantwortlichen verstecken sich hinter Frauenröcken" gemeint war.

Die Vorgeschichte des YouTube-Interviews hat eine eigene Vorgeschichte, ein Skandal, der Ungarn nachhaltig erschütterte. Zwischen 2004 und 2016 hatte der pädophile Leiter des Kinderheims Bicske, János Vásárhelyi, mindestens zehn ihm anvertraute minderjährige Jungen zu Oralsex und anderen sexuellen Handlungen gezwungen.
Vásárhelyi – oder Onkel János, wie ihn die Kinder nannten – wurde 2011 wegen sexueller Belästigung angezeigt, zwei Mitarbeiterinnen des Kinderheims hatten die Behörden kontaktiert. Die Ermittlungen wurden schnell eingestellt oder verschleppt. Der pädophile Direktor erhielt von der Orbán-Regierung sogar mehrere staatliche Auszeichnungen – darunter das Ungarische Verdienstkreuz in Bronze.
Und das, obwohl Kinder in drei Videos detailliert beschrieben hatten, wie Vásárhelyi sie schikaniert hatte, ein RTL- Bericht deckte das auf. Im September 2016 beging eines der jungen Opfer Suizid, der Bub warf sich vor einen Zug.* In der Folge meldeten sich immer mehr Betroffene.
János Vásárhelyi wurde wegen wiederholten sexuellen Missbrauchs ihm anvertrauter Minderjähriger zu acht Jahren Haft verurteilt und erhielt ein lebenslanges Berufsverbot. Sein Stellvertreter Endre Kónya wurde wegen Beihilfe zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten verurteilt. Das sollte später noch eine Rolle spielen.
Für das Orbán-Regime war das Verfahren ein Desaster. Die Partei und ihr Ministerpräsident wollten für Kinderschutz stehen, der Kampf gegen Pädophilie war eine zentrale Botschaft in Wahlkämpfen. Aber es sollte noch schlimmer kommen.
Ende April 2023 besuchte Papst Franziskus Ungarn. Im allgemeinen Medientrubel kam es hinter den Kulissen zu einem bemerkenswerten Vorgang. Staatspräsidentin Katalin Novák begnadigte an einem einzigen Tag 22 Häftlinge. Die Liste der Begnadigten wurde streng geheim gehalten.
Ein purer Zufall machte alles öffentlich. Ein lokaler Anwalt, der aus Neugier regelmäßig Gerichtsentscheidungen durchlas, stieß auf Unterlagen zu Endre Kónya. Der stellvertretende Leiter des Kinderheims hatte nicht nur ein Begnadigungsgesuch eingereicht, sondern auch gegen sein Urteil in dritter Instanz berufen.
Im abschlägigen Urteil war erwähnt, dass Kónya begnadigt worden war. Die Präsidentin der Republik hatte einem pädophilen Komplizen die restliche Haftstrafe erlassen. Ein Skandal, aber er wuchs sich noch aus.

Die Begnadigung eines Verurteilten in einem Pädophilie-Skandal löste einen öffentlichen Aufschrei aus und er erfasste auch die Ex-Frau von Péter Magyar. Judit Varga hatte in der Fidesz-Partei einen rasanten Aufstieg genommen. Er endete damit, dass sie 2019 schließlich von Orbán zur Justizministerin ernannt wurde (um vier Jahre später von Magyar geschieden zu werden).
Die Begnadigung von Kónya war im Herbst 2023 still und heimlich durchgezogen worden, die Öffentlichkeit erfuhr davon nichts. Als der Skandal aufflog, stellte sich allerdings heraus, dass der Akt auch von Justizministerin Judit Varga unterschrieben worden war. Dann ging es Schlag auf Schlag.
Am 10. Februar trat erst Präsidentin Novák zurück, wenig später Justizministerin Varga. Am Tag darauf hatte Magyar seinen großen Auftritt bei Partizán. Der Rücktritt seiner ehemaligen Frau begründete also seine politische Karriere.
Magyar drehte den Fall zu seinen Gunsten. Statt die beiden Zurückgetretenen zu attackieren, stellte er sie als Bauernopfer dar, „Ich will keine Minute lang Teil eines Systems sein, in dem sich die wirklich Verantwortlichen hinter Frauenröcken verstecken" – der Satz sollte ein direkter Angriff auf das korrupte System sein. "Einige wenige Familien besitzen die Hälfte des Landes", schob er nach.
Wenige Tage danach bekam die Öffentlichkeit ein erstes Gefühl dafür, wie effizient Magyar die öffentliche Meinung für sich zu nutzen weiß. Am 16. Februar kam es zu einer Demonstration zum Schutz von Kindern. Motto: "Da draußen treiben sich Monster herum". Hunderttausende nannten den ungarischen Staat ein Monster. Die Saat war gelegt.
Für viele Ungarn tauchte Magyar vor zwei Jahren aus dem Nichts auf. Kaum jemand kannte seine Biografie, sein Gesicht. Er war eben der richtige Mann am richtigen Ort, das sollte sich schnell herausstellen.
Aber auch nach all der Zeit, der vielen Präsenz, der hunderten Auftritte blieb bis heute viel Ungewissheit. "Er hat in erstaunlicher Geschwindigkeit eine Oppositionsbewegung aufgebaut“, sagte Gábor Győri von Policy Solutions, einem politikwissenschaftlichen Forschungsinstitut in Budapest, im Guardian, "aber eigentlich wissen wir nicht viel über ihn."
Magyar wird häufig als jähzornig, mitunter auch als schroff bezeichnet. Die Zuschreibung ist ihm durchaus bewusst. Auf die Frage, wie er sich seit seinem Einstieg in die Politik verändert habe, spielte Magyar auf Medienberichte an, die ihn als aufbrausend beschrieben. Er sagte: "Jetzt zähle ich bis zehn."
Viele wunden sich, warum er sich in der Rolle des Politikers zu rasch zurechtfand. Die Erklärung dafür ist recht einfach. Er konnte das Geschäft viele Jahre lang aus nächster Nähe beobachten, in seiner Familie und an der Seite seiner damaligen Frau.
Péter Magyar wurde am 16. März 1981 in Budapest geboren und das mitten hinein in einer der bekanntesten Familien des Landes. Sein Vater war Rechtsanwalt (der später gemeinsam mit seinem Sohn Opfer von Polizeigewalt vor Gericht vertrat).

Seine Mutter war Generalsekretärin des Obersten Gerichtshofs und Vizepräsidentin der Nationalen Justizbehörde (OBH), sein Großvater Richter am Obersten Gerichtshof; der Bruder seiner Großmutter, Ferenc Mádl, von 2000 bis 2005 Präsident Ungarns – und wurde sein Patenonkel.
Magyar schloss 2004 sein Studium an der Katholischen Universität Péter Pázmány in Budapest ab. Er wurde Justizassistent, ging in die Privatwirtschaft, beriet ausländische Unternehmen bei Investitionen in Ungarn.
Nach dem Machtantritt der Fidesz-Partei 2010 wurde er Teil des Orbán-Clans. Er arbeitete im Außenministerium. Ein Jahr später, während der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft, wurde er als Diplomat zur Ständigen Vertretung Ungarns in Brüssel entsandt. Ab 2015 war er im Büro von Orbán tätig und dort für die Beziehungen zwischen der Regierung und dem Europäischen Parlament zuständig.
Zwischen 2018 und 2024 bekleidete er verschiedene Führungspositionen in staatlichen Institutionen und Unternehmen, darunter bei der Ungarischen Entwicklungsbank (MFB), dem Studentenkreditzentrum, dem Ungarischen Straßenbauamt (MKNZRT) und dem Verkehrsunternehmen Volánbusz.
Neben fließendem Englisch spricht Magyar auch Deutsch. Im Alter von 21 Jahren studierte er im Rahmen des Erasmus-Programms ein Jahr lang an der Humboldt-Universität in Berlin.

Der eigentliche Star der Familie war aber Pál Erőss, lange Zeit eine Institution in Ungarn. Als Magyar ein Bub war, trat sein Großvater im einzigen Sender des Landes auf und gab launige juristische Alltagstipps. "Rechtsfälle" war ein Straßenfeger.
Die Sendung lief 12 Jahre lang, zwischen 1978 und 1989, einmal im Monat vor etwa sechs Millionen Menschen, zunächst auf Schwarzweiß- und später auf Farbfernsehbildschirmen. Erőss war gut aussehend und charmant, auch das trug zu seiner Popularität bei.
Er wurde zwischenzeitlich so bekannt, dass er nicht einmal mehr auf der Straße gehen konnte. Der gelernte Rechtsanwalt war gezwungen, in seinem Trabant herumzufahren, weil er ständig von Fernsehzuschauern angesprochen und mit juristischen Fragen bombardiert wurde.
"Ich erinnere mich genau, dass es der 1. April 2005 war, als sich auf einer Anwaltsparty ein Mann in einer braunen Jacke mir gegenüber hinsetzte – es war Péter. Ein gemeinsamer Bekannter stellte uns einander vor, wir kamen ins Gespräch und stellten innerhalb von Sekunden fest, dass wir uns unser Leben nach demselben Wertesystem vorstellten."
In einem Interview vor Jahren schilderte Judit Varga, wie sie Péter Magyar kennenlernte. Was sie damals noch nicht wusste: Wenn es innerhalb von Sekunden funkt, heißt das nicht, dass der Motor einer Ehe für alle Ewigkeiten schnurrt.
Péter Magyar war von 2006 bis 2023 mit Judit Varga verheiratet. Das Paar bekam drei Kinder, Miklós (heute 11), Lóránt (13) und Levente (17). Es war eine ungewöhnliche Ehe. Nicht weil Magyar über lange Jahre im Schatten seiner Frau stand, sondern weil er aus dem Hintergrund ihre Karriere befeuerte – oder eben seine.
Er mengte sich in die Medienarbeit ein, als seine Frau Ministerin war. Er gestaltete ihre öffentlichen Auftritte mit. Er sorgte dafür, dass Ihre Followerzahl in den sozialen Medien rasch auf über 100.000 stieg. Mit dem Handy filmte er seine Frau Ministerin beim Gaberln mit einem Fußball, um das Ergebnis danach auf Facebook zu stellen.
Magyar hatte keinen offiziellen Job im Ministerium, aber er engagierte sich so intensiv, dass er der Belegschaft dort gehörig auf die Nerven ging. Er soll sogar die Verursacher von Tippfehler in Aussendungen mit scharfen Worten gemaßregelt haben.
2021 kamen Gerüchte auf, das Paar stecke in einer Ehekrise. Was anfangs dementiert wurde, kam schnell an die Öffentlichkeit. Peinliche Zwischenfälle im privaten Bereich tauchten in den Medien auf. Etwa, dass ein befreundetes Ehepaar zu Gast gewesen sei, sich aber Magyar und Varga bei einem Streit über Politik so in die Haare kriegten, dass die Gäste die Flucht ergriffen.
Im März 2023 folgte die Scheidung – nach 18 Jahren Beziehung und 17 Jahren Ehe. Ein Jahr, ehe die Karriere von Magyar abzuheben begann. Péter Magyar gab die Trennung als Erster auf seiner Facebook-Seite bekannt, zusammen mit einem gemeinsamen Foto.
Es gibt eine Geschichte aus der Kindheit, die Magyar seit Jahren verfolgt. Er war von klein auf Fan von Viktor Orbán. Was in Vergessenheit geraten ist: Der nunmehrige Rechtspopulist war früher ein Liberaler, eine Schlüsselfigur der Demokratiebewegung und auch eine Art Volksheld. Als glühender Antikommunist engagierte sich Orbán in den ersten freien Wahl 1990.
Magyar war da neun Jahre alt, er tapezierte sein Kinderzimmer mit Fotos von Politikern zu, erzählte er 2025 im Podcast "Fokuszcsoport". Über seinem Bett hing ein Bild von Orbán, dessen Karriere er 36 Jahre später beenden oder zumindest nachhaltig beschädigen sollte.

Politisch steht Magyar eher rechts der Mitte, dort, wo früher Orbán auch einmal war. Das fiel im Wahlkampf weniger auf, weil sich fast die gesamte Opposition, egal welcher Ausrichtung, hinter ihm versammelte. Viktor Orbán war das gemeinsame Feindbild, der Dämon, der vertrieben werden sollte. Das verband.
Es gibt ein Wahlprogramm von Tisza mit 240 Seiten, aber vieles ist sehr allgemein formuliert. Magyar setzte auf wenige Themen, er wollte vor allem Fidesz-Publikum nicht vor den Kopf stoßen.
Dazu kommt, dass er seine Partei wie eine One-Man-Show führt. Wer nun wichtig wird, wer Ämter bekommt, ist unklar. Magyar denkt an eine Expertenregierung.
In der Migrationspolitik will er sogar eine härtere Gagnart als Orbán einschlagen und das Gastarbeiterprogramm des Landes abschaffen. Er ist gegen EU-Quoten für die Aufnahme von Migranten und will den unter Orbán errichteten Grenzzaun zum Schutz vor illegaler Migration beibehalten.
Magyar steht grundsätzlich einem EU-Beitritt der Ukraine positiv gegenüber, ein beschleunigtes Verfahren lehnt er aber ab. Ebenso Waffenlieferungen an die Ukraine, da möchte er die Linie von Orbán fortsetzen.

Es mag vielleicht so aussehen, aber Tisza, die Partei von Magyar, ist kein Zufallsprodukt und ihr Chef ein Kontrollfreak. Der künftige Ministerpräsident ist 45, mit digitalen Medien aufgewachsen, er wusste sie von Anfang an, perfekt zu nutzen.
Vor der EU-Wahl 2024 besuchte Magyar auf einer 45-tägigen Blitzreise 200 Städte und Dörfer, alles wurde live auf Facebook übertragen. Vor der Parlamentswahl hielt er nun bis zu sechs Reden am Tag, auf jedem Schritt begleitete ihn ein Social Media-Team. Die Ausleuchtung, die Perspektive, der Schnitt, alles war perfekt inszeniert.
Magyar nahm Orbán den Patriotismus weg. Ungarns Sozialisten und Liberale nuscheln auf Wahlkampf-Auftritten die Nationalhymne nur vor sich hin; bei Orbán Fidesz-Kundgebungen hingegen sangen die Fans wie in einem Fußballstadion.
Magyar kopierte das. Nach jeder Kundgebung sang er gemeinsam mit der Menge eine mitreißende Version von "Tavaszi szel vizet araszt", ein Volkslied der Csangos, einer kleinen ungarischen Volksgruppe in Rumänien. („Wen soll ich jetzt wählen, meine Blume, meine Blume? Du wählst mich, und ich wähle dich“).
Die Fahne wurde zu seiner Symbolik. Es gibt wenige Bilder von der Kundgebung nach dem Wahlsieg, auf denen Magyar ohne ungarische Flagge zu sehen ist. Nationalismus hat ihm deshalb noch niemand vorgeworfen.

Die regierende Fidesz-Partei versuchte viel, um den neuen Herausforderer zu diskreditieren. Ein Vorfall in einem Nachtclub führte zu Anschuldigungen wegen Trunkenheit und unangemessenen Verhaltens gegenüber jungen Frauen. Laut Aussage von Magyar war es eine Falle, inszeniert von Fidesz-"Agenten".
Im Februar vor der Wahl ging Magyar plötzlich mit einer Geschichte an die Öffentlichkeit, die noch niemand am Schirm hatte. Fidesz plane, ihn zu erpressen, sagte er. Sie werden ein Video von ihm veröffentlichen, das ihn während eines "intimen Moments mit meiner damaligen Freundin" zeige. Es sei heimlich aufgenommen worden.
Der Gang an die Öffentlichkeit nahm dem vermeintlichen Skandal die Spitze. "Ja, ich bin ein 45-jähriger Mann; ich habe ein Sexualleben. Mit einer erwachsenen Partnerin", schrieb Magyar auf X. Einigen Journalisten war an diesem Tag ein Link zugeschickt worden.
Wer darauf klickte, sah ein Schwarz-Weiß-Überwachungsbild, ein mit Kameras ausgestatteter Raum war zu erkennen. Auf einem Tisch neben dem Bett lag etwas, das aussah wie Drogen. Ein Appetithappen offenbar für ein Sexvideo, das folgen sollte. Little Ibiza!
Magyar erfuhr davon und ging in die Offensive. Er gab zu, einvernehmlichen Sex mit einer Ex-Freundin gehabt zu haben, beteuerte aber, nichts auf dem Tisch berührt zu haben, und sagte, er sei in eine "Honigfalle" der Geheimdienste gelockt worden. "Liebe Fidesz-Feiglinge, legt endlich alles offen."
Bis heute wurde kein Sex-Video veröffentlicht, es ist nicht einmal klar, ob es je eines gegeben hatte.
* Bei psychischen oder suizidalen Krisen sowie im akuten Notfall ist es wichtig, rasch Krisentelefonnummern und Notrufnummern bei der Hand zu haben. Hier finden Sie eine österreichweite Übersicht.