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Jussi Adler-Olsen

Krebs, unheilbar: Wie Bestseller-Autor in seinen Büchern weiterlebt

Vor einem Jahr machte Jussi Adler-Olsen seine Diagnose öffentlich: Er ist unheilbar an Knochenmarkkrebs erkrankt. Band Nummer 10 der Thriller-Reihe um Ermittler Carl Mørck und das Sonderdezernat Q sollte der letzte sein. Aber es kam anders. Wie und warum?

"Also werde ich an dieser Krankheit sterben. Sie ist unheilbar"
"Also werde ich an dieser Krankheit sterben. Sie ist unheilbar"APA-Images / Action Press
Angela Szivatz
Akt. 02.01.2026 23:16 Uhr

"Tote Seelen singen nicht". So heißt der neue Thriller von Jussi Adler-Olsen. Wurde der Titel mit Absicht gewählt? "Ich hatte mir vorgestellt, älter zu sein als mein Vater. Und jetzt weiß ich, dass das nicht stimmen wird", erzählte der Däne der Zeitung "Politiken".

Das Interview erschien am 1. Februar 2025 und es ging um die Welt wie seine Bücher. Denn Jussi Adler-Olsen (75) machte nicht nur öffentlich, dass bei ihm Krebs diagnostiziert wurde, sondern auch, dass er an der Krankheit sterben werde. Das Gespräch war eine Art Vermächtnis. Aber einiges kam anders.

Schon im Frühjahr 2024 hatte Jussi Adler-Olsen angekündigt, dass der zehnte Fall seiner weltweit erfolgreichen Thriller-Serie rund um Ermittler Carl Mørck und das Sonderdezernat Q der letzte sein würde. Im Oktober aber erschien Band 11.

Das Buch hat nicht Adler-Olsen geschrieben, er hat es nur begleitet. Verfasst wurde es von Line Holm und Stine Bolther und es ist erstaunlich gut gelungen. Wie es dazu kam und was man über "Tote Seelen singen nicht" wissen muss:

Wie wurde Adler-Olsen bekannt?
Erstaunlich ist eher das Wann. Der Däne hatte bis zu seinem Debüt als Autor nämlich ein recht buntes Leben. Schriftsteller wurde er erst mit Mitte 40. Wirklich Erfolg hatte er, als andere schon an die Pension denken.

Heißt Jussi wirklich Jussi?
Nein, Adler-Olsen hat in Wirklichkeit drei Vornamen, Carl Valdemar und Henry, Jussi war sein Spitzname, er kam im Lauf der Karriere zum Namen dazu. Und Adler-Olsen heißt er auch nicht wirklich.

Sondern?
Eigentlich nur Olsen. Bei der Hochzeit mit seiner Frau Hanne fügte er den Mädchennamen seiner Mutter hinzu, später ergänzt mit einem Bindestrich und das aus einem trivialen Grund. Als Adler-Olsen erschien er aufgrund der alphabetischen Reihung in den Buchkatalogen der Verlage weiter oben.

Was bedeutet "buntes Leben"?
Adler-Olsen studierte einiges, von Medizin bis zu Politischer Geschichte, war Koordinator der dänischen Friedensbewegung, Reporter, betrieb einen Comic-Antiquitätenladen, war Verlagsschef der Fernseh-Zeitschrift TV Guiden, Manager, Mitinvestor in einem Unternehmen für Solarzellen. Sein Vater war klinischer Psychiater mit Praxis und das prägte sein Leben mit.

Wie ist das zu verstehen?
Als Bub galt Adler-Olsen als hochbegabt wie sein Vater, konnte früh lesen, setzte sich ans Klavier und spielte einfach los. Die Familie lebte am Klinikgelände, der Tod gehörte von Anfang an zum Leben dazu.

Wie äußerte sich das?
"Einmal fanden wir Kinder einen Patienten, der sich im Schuppen erhängt hatte", erzählte Adler-Olsen dem Spiegel. "Er war ein Patient meines Vaters, der seine Frau umgebracht hatte." Ein anderes Mal fand er einen Patienten regungslos im Wartezimmer. "Ich ging zu meinem Vater und sagte: Papa, ich glaube, der ist tot."

"Tote Seelen singen nicht", Jussi Adler Olsen, Line Holm & Stine Bolther, Thriller, 557 Seiten, Penguin, € 29,50
"Tote Seelen singen nicht", Jussi Adler Olsen, Line Holm & Stine Bolther, Thriller, 557 Seiten, Penguin, € 29,50
Verlag Penguin

Wie kam es dann zur Schriftstellerei?
Mit 45 begann Adler-Olsen zu schreiben. 1997 veröffentlichte er sein erstes Buch. Es war kein Flop, aber für Weltbekanntheit reichte es nicht.

Wann ging das richtig los?
2007, da war Adler-Olsen schon 57 Jahre alt und der erste Band erschien. Später vermarktete sein Verlag die Reihe als den "längsten Kriminalroman der Welt in zehn Kapiteln". Die Thriller um Carl Mørck wurden zu Welt-Bestellern und bisher rund 27 Millionen mal verkauft.

Wie definiert sich der Erfolg?
Die Bücher erschienen in 42 Sprachen, es können auch 45 sein. Sechs der Bände wurden von 2013 bis 2024 verfilmt. Im Jahr 2025 startete die große britische Netflix-Neuverfilmung der Sonderdezernat-Q-Reihe durch den US-Regisseur und preisgekrönten Drehbuchautor Scott Frank. Er wurde mit der Regie zur höchst erfolgreichen Netflix-Serie "Das Damengambit" (2019) bekannt.

Warum wollte er dann aufhören?
2024 griff Adler-Olsen zu einer Notlüge. Band 10 war erschienen und er sagte, es sei genug: "Ich hatte von Anfang an die ganze Geschichte vor Augen. In jedem Band habe ich Fährten zum großen Finale gelegt."

Warum Notlüge?
2025 gab der Autor bekannt, dass er an einem unheilbaren Knochenmarkskrebs leide und dies 2024 auch schon gewusst habe. Im November 2023 erschien sein Roman auf Dänisch, im Jänner 2024 sagte er plötzlich alle Termine ab, auch die Reise zu den Dreharbeiten der Netflix-Verfilmung nach Schottland.

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für Newsflix
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für Newsflix
Helmut Graf

Warum?
Am Tag vor der geplanten Reise nach Edinburgh war er ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Wie erfuhr er von seiner Krankheit?
Beim Schleppen von Umzugskartons, wie er Politiken erzählte. Der Rücken schmerzte, er stürzte. "Drei Wirbel waren zusammengebrochen, der Krebs hatte sei befallen, zwei weitere waren beschädigt."

Was folgte?
Eine lange Leidenszeit. Sechs Monate Krankenhaus, diskret unter dem Namen Carl Olsen aufgenommen, mit "kolossalen Schmerzen". Er nahm 20 Kilo ab, verlor sieben Zentimeter Körpergröße, bei der Therapie legte er zehn Kilo zu. Im Krankenbett, mit Rollstuhl, Rollator und Gehstock wurde er schließlich nach Haus gebracht.

Wie ist die Prognose?
Am Anfang hätten die Ärzte zu ihm gesagt: "Vielleicht noch drei Jahre, aber es gibt neue Ansätze. Sie könnten mir noch ein paar Jahre mehr schenken," sagte er dem Spiegel. Jeden Morgen muss Adler-Olsen einen Medikamenten-Cocktail schlucken, "Chemotherapie, Opioide, alles Mögliche".

Wie geht er mit der Diagnose um?
"Mir geht es gut. Den Umständen entsprechend", sagt er Politiken. "Aber ich halte daran fest. Ich werde an dieser Krankheit sterben. Sie ist unheilbar." Adler-Olsen leidet an multiplem Myelom, einer Form von Knochenmarkkrebs. Da er über 70 Jahre alt ist, verträgt er die zusätzliche Chemotherapie, die vielen anderen zu einem längeren Überleben verholfen hat, nicht.

Hat der Krebs eine Vorgeschichte?
Ja, im Jahr 2000 erkrankte Adler-Olsen an Darmkrebs, wurde operiert und schrieb weiter. 2009 dann folgte Prostatakrebs. Er schrieb weiter. Beide Male überlebte er, das macht Hoffnung.

Wer ist seine Stütze?
Ehefrau Hanne, sind sind seit 55 Jahren ein Paar, haben einen gemeinsamen Sohn, Kes.

Wie versuchte Adler-Olsen den Neuanfang?
Mit Unterstützung von zwei Autorinnen. Sie übernahmen die Hauptarbeit, er selbst bleib im Hintergrund involviert, so Adler-Olsen.

Wer schreibt für ihn?
Stine Bolther, 49, ist Journalistin, Autorin, Podcast- und TV-Moderatorin. Seit über 25 Jahren arbeitet sie als Gerichts- und Kriminalreporterin und hat Bücher über wahre Verbrechen geschrieben. Und Line Holm, 50, bekannte Investigativjournalistin, Kriminalreporterin und Buchautorin.

Haben die beiden schon zusammengearbeitet?
Ja, sie veröffentlichten auch die international erfolgreiche Thriller-Reihe um Kriminalhistorikerin Maria Just.

Was ändert sich im neuen Roman?
Ermittler Carl Mørck ist wieder mit von der Partie, wenn auch nicht mehr als Polizist, sondern als Autor. Nach mehrjähriger Haft hat er sich aus dem Polizeidienst großteils ins Familienleben zurückgezogen und ist nur noch beratend für das Sonderdezernat Q tätig. Dazwischen plagt er sich mit der Öffentlichkeitsarbeit rund um sein erstes True Crime-Buch und mit seiner Unlust daran, ein weiteres schreiben zu müssen.

Was ist das Sonderdezernat Q?
Der Däne Adler-Olsen hat damit eine Einheit der Kopenhagener Polizei erfunden, die sich mit ungelösten alten Fällen, sogenannten "Cold Cases" beschäftigt und diese immer wieder sehr erfolgreich löst. Wie schon bisher bleibt auch der 11. Band dem gewohnten Muster treu: Fälle aus der Vergangenheit werden aufgerollt und mit der Gegenwart verwoben.

Wer ist jetzt beim Sonderdezernat Q?
Der sympathische und überaus fähige Assad, gebürtiger Syrer mit Geheimdienst-Vergangenheit in seiner alten Heimat, wird nun zum Fels in der Brandung des neuen Teams. Und den braucht es auch. Denn Rose, die ausgesprochen exzentrische und kratzbürstige Kriminalpolizistin, befindet sich im Machtkampf und eifersüchtelt enorm gegen die Neue im Team.

Wer ist die Neue im Team?
Helena Henry, 44, eine durchtrainierte, französische Kripobeamtin aus Lyon mit Wurzeln in Dänemark. In Frankreich war sie bei der Abteilung "Organisiertes Verbrechen", übersiedelte dann nach Kopenhagen. Viel mehr erfahren die neuen Kollegen aber auch nicht. Alles um Helenas Vergangenheit wirkt geheimnisumwittert. Im Einsatz stellt Assad jedoch rasch fest, dass sie nicht nur mehrere Sprachen spricht, sondern top ausgebildet und erfahren ist.

Worum geht es im neuen Buch?
Wie schon die Vorgängerbände beginnt der Fall in der Vergangenheit. Genauer gesagt mit einer Notfallmeldung, die vier Jahre zuvor an niemanden weitergegeben wurde. Damals wurden offenbar ein alter Mann und eine alte Frau bedroht. Rasch lässt sich herausfinden, um wen es sich handelt und das Dezernat Q beginnt die Suche.

Jussi Adler-Olsen im Mai 2025 auf einer Netflix-Präsentation in London
Jussi Adler-Olsen im Mai 2025 auf einer Netflix-Präsentation in London
APA-Images / PA / Ian West

Was passiert dann?
Der große, neue Fischtrawler von Mads-Peter Vang fliegt in die Luft. An Bord stirbt dabei auch der Geliebte seiner Frau Ane. Konrad Horsten, der Sohn des Ehepaares aus der Notfallmeldung, gerät unter Verdacht, bei den bedrohlichen Erlebnissen seiner dementen Mutter und dem angeblichen Selbstmord seines Vaters die Finger im Spiel zu haben.

War es das schon?
Nein. Der Politiker Tommy Eckert musste nach einem Unfall mit Trunkenheit am Steuer, in dessen Folge seine junge Geliebte stirbt, zurücktreten. Kurz nach seinem Comeback zehn Jahre später wird er nun erpresst. Und in einer Schönheitsklinik, die immer wieder mit negativen Schlagzeilen auffällt, stirbt eine Patientin nach ihrem Termin beim Inhaber Chefarzt Dr. Kaare Berg.

Wer steckt dahinter?
Uns Lesern wird recht bald klar, dass wir Jakob Solveig dabei begleiten, wie er in aller Seelenruhe und Schritt für Schritt Rache nimmt an vier seiner früheren Schulkollegen aus dem Knabenchor an einer angesehenen Musikschule. 30 Jahre zuvor hatten sie ihn gedemütigt, bis aufs Blut erniedrigt, ihm, dem besten Sängerknaben der Schule, die Stimmbänder verätzt und ihn beinahe sterben lassen.

Das erinnert an früher, oder?
Adler-Olsen hat schon in früheren Interviews sein Interesse an der Vielschichtigkeit auf der Täterseite angesprochen. Für ihn gibt es nicht nur "den Guten" oder "den Schlechten".

Ist die Story spannend?
Unbedingt. Die "Täter -" und "Opfer -" Position wird in diesem Fall immer unklarer und vermischter. Das hält die Geschichte interessant und macht verständlich, weshalb die Zusammenhänge für die Polizei sehr lange unklar bleiben. Außerdem ist sie mit vielen witzigen Wortwechseln, Machtkämpfen und überraschenden Entdeckungen und Situationen innerhalb des Teams Q und während der Ermittlungen gespickt.

Lohnt es sich, das Buch zu lesen?
Ja, denn die "Neuauflage" ist absolut gelungen. Man bleibt gerne an den schon bisher geschätzten Figuren dran und bekommt dennoch etwas Neues, auch außerhalb des Falles. Die Mitarbeit der beiden Autorinnen bringt weibliche Perspektiven und Themenbereiche auf sympathische und stimmige Art in die bisher stark männlich dominierte Welt des Dezernat Q. Interessante Teaser machen neugierig darauf, wie es im Sonderdezernat weiter gehen wird.

Was ist das Glück?
Die Bände 12 und 13 sind schon in Arbeit. Ach ja: Der Vater von Adler-Olsen wurde 86 Jahre alt.

"Tote Seelen singen nicht", Jussi Adler Olsen, Line Holm & Stine Bolther, Thriller, 557 Seiten, Penguin, € 29,50

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für NewsFlix schreibt sie über aktuelle Literatur. Sie lebt in Wien. Ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" ist heuer erschienen.

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Angela Szivatz
Akt. 02.01.2026 23:16 Uhr