Es gibt politische Ideen, die riechen schon nach Kantine, bevor sie noch serviert sind, finden Die Cuisinière & Der Connaisseur. Und es gibt steuerliche Ideen, die klingen wie ein Rezept aus dem Ministerrats-Kochbuch. Das kann man verstehen, muss man aber nicht.

Seit 1. Juli 2026 also: 4,9 Prozent Mehrwertsteuer auf ausgewählte Grundnahrungsmittel. Brot. Milch. Butter. Joghurt. Eier. Reis. Mehl. Nudeln. Obst. Gemüse. Speisesalz. Kurz: alles, was der Mensch braucht. Bevor es beginnt, ein Problem zu werden.
"Das ist ja eigentlich sympathisch", sagte Der Connaisseur und griff zum Semmerl. "Je mehr ich mich damit befasse, desto mehr Gemeinsamkeiten sind mit meiner Cuisiniére festzustellen!" Und blickte in ihre großen, fragenden Augen. Nach einer Gedankenpause – des Spannungsbogens wegen – führte er aus: "Ebenso unkapriziert, unkompliziert und geradlinig, wenn auch nicht blond."
Die Cuisiniére, ob dieses vermeintlichen Kompliments sprachlos, pickte ihm sicherheitshalber ein Post-it mit "4,9 Prozent" auf die Brust. "Solange du sie nackt lässt", sagte sie. – "Wen", wollte er schon fragen, bis ihm das eigentliche Thema, die groß angekündigte Entlastung aller Haushalte, wieder einfiel.
Da lag es nun, das Semmerl, steuerlich begünstigt, moralisch unverdächtig, kulinarisch unterbeschäftigt. Ein Gebäck als Symbol der Republik. 4,9 Prozent Hoffnung aus Weizenmehl. Noch ohne Wurst, ohne Käse, ohne Gurkerl, ohne Senf, ohne Leben.
Denn sobald die Wurst dazu kommt, beginnt das Steuerdrama.

Die Cuisinière nahm die Semmel in die Hand, betrachtete sie mit ihrem kontrollierenden Blick wie einen neuen Mitarbeiter in ihrer Küchenbrigade bei der Mise en place und sagte: "Allein ist sie noch billig."
Der Connaisseur nickte in aller Trockenheit – so trocken wie das Semmerl. Er hatte in seinem Leben schon vieles verdächtig gefunden: Naturwein, Parteiprogramme, Männer mit Kurzarmhemden in Spitzenrestaurants. Aber ein Wurstsemmerl als steuerliche Eskalationsstufe war selbst ihm neu.
Das Semmerl allein: 4,9 Prozent.
Die Wurst allein: 10 Prozent.
Ein Essiggurkerl: 10 Prozent?
Die komplette Wurstsemmel: ebenfalls 10 Prozent.
Österreich hat wieder einmal geschafft, was Österreich am besten kann: Es hat sich selbst das Leben kompliziert gemacht. Oder besser: Es hat aus einer Jause eine Rechtsfrage gemacht. Denn in diesem Fall greift das "Infektionsprinzip" – sehr g'schmackig speziell bei Lebensmitteln. Die einfache Rechnung lautet 4,9 plus 10 ergibt 10! Also die 10-Prozent-Wurst infiziert das 4,9-Prozent-Semmerl! Klar?
"Das ist keine Steuerpolitik", sagte Die Cuisinière, "das ist ein Amuse-Bouche für Finanzbeamte." Und einmal in Fahrt, wollte sie ihre Liebe zum Extrawurstsemmerl mit viel Gurkerl nicht verheimlichen: "Das Ganze noch mit einem Almdudler und ich hab' mein Einser-Menü", gestand sie.
"Der exquisite Geschmack einer Haubenköchin", ätzte Der Connaisseur.

Man muss der Sache gerecht werden. Die Idee ist nicht böse. Lebensmittel sind teuer geworden. Haushalte sollen entlastet werden. Wer jeden Euro zweimal umdrehen muss, freut sich über jeden Cent, der am Ende nicht im Finanzministerium verschwindet.
Aber Küche ist Praxis. Handel ist Praxis. Gastronomie ist Praxis. Und Praxis hat die unangenehme Eigenschaft, sich nicht an Presseaussendungen zu halten.
Ein Apfel ist einfach. Zwei Äpfel auch. Eine Kiste Äpfel vermutlich ebenso. Aber was passiert, wenn sich eine Banane hineinlegt? Oder ein paar Ananaswürfel und Beeren? Und damit zum Obstsalat werden? Dann ist man in die "Zubereitungsfalle" getappt, denn alles, was bearbeitet wird, hat die alten 10 Prozent, auch wenn die Ingredienzien allesamt nur 4,9 Prozent verlangen.
Ähnlich kurios verhält es sich mit den Eiern: roh 4,9 Prozent, gekocht 10 Prozent. "Heißes Wasser hat eben auch seinen Preis!", zeigte sich die Profi vordergründig verständnisvoll.
Oder wenn eine Gemüsemischung plötzlich nicht mehr nur Gemüse ist, sondern steuerlich ein kleines Theater im Tiefkühlfach?
"In der Küche nennt man das Rezeptentwicklung", sagte Die Cuisinière. "Im Steuerrecht nennt man es Abgrenzungsproblem", entgegnete Der Connaisseur. Und sah auf seinen Einkauf. Milch, Butter, Eier, Brot, Salz. "Das schaut aus wie Fastenzeit", sagte sie.
"Nein", entgegenete er, "das ist der 4,9 Prozent-Warenkorb."

Natürlich wird es am Ende funktionieren. Irgendwie funktioniert in Österreich fast alles, wenn genug Formulare, Erlässe und Registrierkassen-Updates – alles auch nicht gratis – dazwischenliegen.
Die Supermärkte werden ihre Systeme umstellen. Die Bäcker werden fragen, ob der Stehtisch schon Dienstleistung ist. Die Feinkost wird unterscheiden, ob eine Semmel bloß neben der Wurst liegt oder sich bereits in eine Beziehung mit ihr begeben hat. Und irgendwo wird ein armer Mensch im Rechnungswesen erklären müssen, warum Salz jetzt günstiger besteuert wird, aber der gesalzene politische Hausverstand weiterhin dem Normalsatz unterliegt.
Der Connaisseur, alter weiser – manche meinen: weißer – Mann mit Taschenrechner im Bauch, rechnete sofort. "Wenn das alles vollständig weitergegeben wird, dann sinkt die Inflation laut Budgetdienst um ungefähr 0,15 Prozentpunkte."
Die Cuisinière sah ihn an. "Das ist weniger als der Schwund beim Schälen von Spargel."
"Aber 400 Millionen Mindereinnahmen pro Jahr", sagte er.
"Das ist mehr als der Schwund beim Schälen von Spargel."
Beide hatten recht. Was in der Politik selten genug vorkommt und daher nicht weiter vertieft werden soll.

Erst sollte das Essen billig werden, indem man der Gastronomie das Volksschnitzel als sozialpolitisches Pflichtgericht andachte. Jetzt soll der Einkauf günstiger werden, indem man Grundnahrungsmittel steuerlich entlastet. Der Unterschied ist wichtig.
Das Volksschnitzel griff in die Speisekarte ein. Die 4,9-Prozent-Semmel greift in den Kassabon ein. Das eine war Küchenromantik. Das andere ist Steuerakrobatik.
Beides kommt aus derselben Sehnsucht: Politik möchte zeigen, dass sie das Essen versteht. Aber Essen ist nicht nur Preis. Essen ist Arbeit, Herkunft, Energie, Personal, Handwerk, Risiko, Verlust, Timing, Verderb, Service, Einkauf, Kalkulation und manchmal auch ein Gast, der fragt, warum das Leitungswasser nicht mit Zitrone kommt.
"Die Politik denkt in Warenkörben", sagte Die Cuisinière, "die Küche in Abläufen."
"Und der Gast?" fragte Der Connaisseur.
"Der denkt, hoffentlich wird's billiger."
"Und wird's?"
"Vielleicht. Wenn die Senkung alle brav weitergeben."
"Also eh wie immer."

Am schönsten wäre natürlich die konsequente österreichische Lösung: Man verkauft künftig das Semmerl links, die Wurst rechts, das Gurkerl ideologisch neutral in der Mitte und reicht es dem Kunden samt Bastelanleitung weiter. Ein Selbstbau-Wurstsemmerl als steuerliche Selbstermächtigung.
Der Gast wird zum Bauherr seiner eigenen Jause. Der Handel bleibt korrekt. Die Republik ist gerettet. Und das Wurstsemmerl, dieses gefährliche Hybridwesen aus Kohlenhydrat und Aufschnitt, entsteht erst nach dem Bezahlvorgang, quasi im privaten Raum der persönlichen Genussverantwortung.
"Das wäre dann aber kein Wurstsemmerl mehr", sagte Die Cuisinière.
"Sondern?"
"Eine steueroptimierte Begegnung dreier Lebensmittel."
Der Connaisseur war gerührt. So schön hatte ihm noch nie jemand das Mittagessen zerstört.

"Man darf die Senkung nicht schlechtreden. Wer wenig hat, braucht Entlastung", sagte Die Cuisinière, sozial bewegt. Wer viel einkaufen muss, spüre auch kleine Beträge. Wenn Milch, Brot, Eier und Gemüse günstiger werden, ist das besser, als wenn gar nichts günstiger wird. Und man kann 70 Euro Ersparnis pro Haushalt pro Jahr (!) nicht negieren.
"5,80 Euro pro Monat um 400 Millionen mehr Staatsausgaben (= Schulden) scheinen aber eine unpassende Relation", fand der Manager im Connaisseur.
Aber man darf auch fragen, ob die Republik wirklich am meisten hilft, wenn sie die Semmel begünstigt und die Wurstsemmel verdächtigt. Ob sozialpolitische Klarheit nicht manchmal wertvoller wäre als steuerliche Fein-Ziselierung. Und ob die Menschen am Ende weniger unter der Mehrwertsteuer leiden oder mehr darunter, dass jede Hilfe zuerst durch eine Verordnung mariniert werden muss.
Die Cuisinière fasste es, wie meist, trockener zusammen: "Gutes Essen entsteht nicht dadurch, dass man den Steuersatz senkt." In diesem Sinne: "Macht's ma' mein Extra-Wurstsemmerl net deppat!"
Der Connaisseur biss in sein Semmerl, sein Ebenbild. Nackt natürlich. (Das Semmerl natürlich!) Aus Solidarität. Und vielleicht auch, weil er die Wurst separat versteuern wollte.
Am Ende bleibt die alte Erkenntnis: Die Politik isst, wie sie ist. Diesmal nicht als Schnitzel, sondern als Semmerl. Ungefüllt, begünstigt und mit 4,9 Prozent Hoffnung belegt. Unbefristet beschlossen, möge sich der ganze Aufwand wenigstens ein wenig rechnen.
Nur eines sollte man ihr nicht antun: sie zur Wurstsemmel machen. Dann wird es teuer.
Noch brennender als alle Steuerfragen bewegte Die Cuisinière allerdings – und das schon seit langem – ein noch bedeutenderes Thema: Nämlich, warum wird das Semmerl (durch "Infektion" – siehe oben – zum 10-Prozent-Objekt geworden), immer diagonal, quasi schief und nicht und nicht vertikal geschnitten?
Eine Frage, die sie hiermit der intelligenten Leserin, dem attraktiven Leser überantwortet. Quasi eine Selbsthilfegruppe, die investigativ der Frage nachgehen wird, befindet sich schon in Gründung. Auch hier werden Anregungen der geneigten Leserschaft freudig erwartet.

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