Die relevanteste Zeitung Amerikas feiert ihr 175-jähriges Bestehen. Seither berichtet sie über Ereignisse von Weltrang. Auch Österreich fand immer wieder Platz in der New York Times: Kreisky, Waldheim, Haider, Kurz – und ein Radiergummi, der zu einem Kondom wurde.

Rumms! Ein gewaltiger Knall reißt mich aus dem Schlaf. Draußen ist es noch dunkel an diesem Sonntag. Der Lärm kommt eindeutig von meiner Wohnungstür: Will jemand bei mir einbrechen?
Ich eile zum Eingang und blicke durch den Spion. Der Gang ist erleuchtet, doch niemand ist zu sehen. Vorsichtig öffne ich die Türe einen Spaltbreit. Ganz unten rutscht mir etwas entgegen. Entwarnung. Es ist die New York Times, am Sonntag rund vier Kilo schwer. Der Zeitungsausträger hatte sie auf die Fußmatte geworfen und mich damit aufgeweckt. So wird er das auch in den nächsten Wochen und Monaten regelmäßig tun.
Es waren die 1980er-Jahre, ich lebte und arbeitete in New York. Ein Tag ohne die "NYT", wie sie von allen nur abgekürzt wird, war nicht vorstellbar. Schon zum Frühstück lieferte sie mir das Weltgeschehen an den Tisch, aber auch die Chronik aus und um New York, den ausführlichen Kulturteil und natürlich den Sport. Mit dem konnte ich freilich am wenigsten anfangen, Baseball und Football, die Lieblingssportarten der Amerikaner, waren so meine Sache nicht.

Am Sonntag gab es noch eine ausführliche Literaturbeilage, den Wochenrückblick ("Week in Review") und – die sorgten für das ordentliche Gewicht – auch noch die Werbebeilagen der Fotohändler, der Spielzeuggeschäfte, der Hardware-Stores, der Drogerieläden, der Kaufhausketten Macy's und Bloomingdale's und viele mehr.
Aber auch die Zeitung selbst hatte seitenweise Anzeigen für Mode- und Bankhäuser und Kleinanzeigen für Immobilien, Fahrzeuge, Antiquitäten, Todesfälle. In der Millionenmetropole lässt sich viel verkaufen, für Lebende und Tote.
Schon am Samstagnachmittag kreuzten die blauen Lastwagen mit dem Logo der "NYT" durch alle fünf Bezirke von New York. Damals wurde noch mitten in der Stadt gedruckt, in der 43. Straße gleich neben dem Times Square. Von dort aus wurden die zahllosen Zeitungskiosks mit den dicken Bündeln der Sonntagsausgabe beliefert.
Nur der aktuelle, der vorderste Teil fehlte, der wurde in der Nacht nachgeliefert, dass die New Yorker in der Früh die komplette Zeitung für 2 Dollar kaufen konnten. Heute kostet die Sonntagsausgabe rund viermal so viel und ist dafür nur mehr ein Viertel so umfangreich.

Und, was mir in den letzten Jahren bei meinen Besuchen in New York aufgefallen ist: Es gibt fast keine Zeitungskiosks mehr. Das heißt, viele der Holz- und Blechhäuschen stehen zwar weiterhin am Straßenrand, aber verkauft werden nur noch Getränke oder Fast Food, keine Zeitungen, keine Magazine, keine Straßenpläne, nichts mehr, was auf Papier gedruckt wird.
Völlig verschwunden sind auch die blauen Blechkästen, die früher an jeder zweiten Straßenecke standen und aus denen man, gegen entsprechend eingeworfene Münzen, ein Exemplar der "NYT" entnehmen konnte.
Doch zurück zu den 1980er-Jahren. Im UNO-Hauptquartier – ich war damals auch für die Pressearbeit der österreichischen Mission bei den Vereinten Nationen zuständig – lernte ich bald auch den Korrespondenten der "New York Times, Richard Bernstein, kennen. Aus der beruflichen Zusammenarbeit sollte eine mehr als vier Jahrzehnte dauernde Freundschaft werden. Vor allem, als Richard später das "NYT"-Büro in Berlin leitete und damit auch für Österreich zuständig war, trafen wir einander auch in Europa immer wieder.

Richard war es auch, der mich an seine Vorgänger und Nachfolger in Berlin "weiterreichte": Roger Cohen, Steven Erlanger, Nicholas Kulish und Katrin Bennhold, die als einzige in Deutschland geboren war und fließend Deutsch sprach. Alle waren auch für Österreich zuständig. Immer wieder wurde ich kontaktiert, wenn es in Österreich etwas Berichtenswertes gab. Nationalratswahlen, die Entführung von Natascha Kampusch, der Inzestfall von Amstetten.
Nicht dabei war ich im Mai 1946, als die vier Mächte Großbritannien, Frankreich, Sowjetunion und die USA der österreichischen Forderung, Südtirol zurückzuerhalten, eine Abfuhr erteilten. Verfasst hatte den Artikel "Cy" Sulzberger, ein Familienmitglied der Besitzer der Zeitung, der lange Zeit der führende Auslandskorrespondent des Blattes war. Dass Österreich Südtirol allerdings vor allem wegen der Stauseen wieder haben wollte ("so wertvoll wegen der hydro-elektrischen Wasserkraft"), erscheint aus heutiger Sicht fragwürdig.

Doch zugegeben, unser Land selbst schaffte es insgesamt selten auf die Zeitungsseiten des angesehenen und einflussreichen Blattes. Da halfen selbst Versuche, den damaligen Bundeskanzler mit den Spitzen der Zeitung zusammentreffen zu lassen, wenig. Als Bruno Kreisky 1981 zu einem offiziellen Besuch in die USA kam, arrangierte Peter Marboe, zu jener Zeit Leiter des Presse- und Informationsdienstes in New York (ich war sein Stellvertreter), ein Treffen mit dem "Editorial Board" der NYT.
Das waren jene Journalisten, die – streng getrennt von den "normalen" Reportern – Meinungskommentare verfassen durften. Sie konnten also schreiben, was ihnen etwa an der Politik von Präsident Ronald Reagan nicht gefiel und begründeten das auch. Vom Gespräch mit Bruno Kreisky ist mir nur in Erinnerung, dass man damals vor allem an seiner Haltung, was den Nahen Osten betrifft, interessiert war. Der "NYT" war natürlich nicht entgangen, dass Kreisky sehr an einer Lösung des Palästinenser-Problems interessiert war und dazu auch eigene Konferenzen nach Wien einlud.

Nicht immer fiel eine Erwähnung Österreichs, noch dazu auf der Titelseite, zum Vorteil unseres Landes auf. Am 11. März 1982 zeigte die Zeitung ein Foto Bruno Kreiskys, Arm im Arm mit Muammar Gaddafi. Der libysche Diktator zählte damals zu den Erzfeinden der US-Administration.
Da war die Initiative des Chefs der Bundeswirtschaftskammer, Rudolf Sallinger, dem amerikanischen Präsidenten und Pferdenarren Ronald Reagan einen Lipizzaner zu schenken und das ganze auf dem Rasen des Weißen Hauses zu inszenieren, schon ein Public-Relations-Gag der Sonderklasse. An dem konnte und wollte auch die "NYT" nicht vorübergehen.
Manche Titelseiten der "NYT" hatten auch zeithistorischen Wert. Ich schnitt sie aus, laminierte sie und hatte so im Laufe der Jahre eine ganze Wandtapete von Schlagzeilen, vom Tod John Lennons im Dezember 1980 über die (missglückten) Attentate auf Ronald Reagan und Papst Johannes Paul II., oder die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat, letztere alle aus dem Jahr 1981.


Nach rund 250 Sonntagsausgaben der New York Times - und sechsmal so viel der täglichen Ausgabe - konnte ich mir nach meiner Rückkehr nach Österreich ein Leben ohne dieses Kraft-Paket nicht mehr vorstellen. Also abonnierte ich die "Sunday New York Times" nach Übersee. Ich weiß heute nicht mehr, wie teuer das war, aber es war mir jedenfalls jeden Schilling (oder Dollar) wert.
Die Zeitung kam immer am Mittwoch in Wien an, ich sehe den Briefträger noch heute vor mir, oder besser: vor der Türe. Denn er musste das schwere Exemplar immer zu mir in den vierten Stock bringen, im Postfach war dafür nicht genügend Platz. Und so schwelgte ich dann in Wien in der "Book Review", in der "Arts and Leisure" Beilage, sah nach, was "J and R" an neuen Kameras annoncierte, wie Ronald Reagan die zweite Amtszeit anlegte, und was sonst noch auf der Welt wichtig genug war, dass es in der "NYT" vorkommen musste.
Davon konnte auch Kurt Waldheim ein Lied singen, wenn auch eines mit großen Misstönen. Am 3. März 1986 erschien ein Bild von ihm auf der Titelseite, nicht als angesehener Diplomat der Vereinten Nationen, sondern als Wehrmachtsoffizier in Jugoslawien. Die Geschichte des ehemaligen UNO-Generalsekretärs als "Nazi" sollte die "NYT" noch monatelang, wenn nicht Jahre beschäftigen. 1988 wurde Waldheim auf die "Watchlist" gesetzt, was nichts anderes bedeutete, als dass er nicht mehr in die USA einreisen durfte. Auch darüber berichtete die Zeitung ausführlich.


Rund ein Jahrzehnt später deckte die New York Times wieder einen "Skandal" mit Österreich-Bezug auf: Am 24. Dezember 1997 lieferte Judith Dobrzynski, die Kunstkritikerin der Zeitung, ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk vor die Türe. Sie hatte herausgefunden, dass zwei Schiele-Gemälde im Museum of Modern Art eine fragwürdige Provenienz aufwiesen. Erst folgte eine Ausfuhrsperre, danach ein langwieriger Prozess, was auch in der Zeitung seinen Niederschlag fand.
Lieferte Österreich tatsächlich nur negative Schlagzeilen? Jedenfalls nicht am 13. September 1998, wo man unter der Überschrift "Today's Quick Quiz: What's a Bagel?" überraschenderweise auf österreichische Lehrer stößt, die in New Yorks angespanntem Schulsystem aushelfen.
Dass einem dabei das Schul-Englisch in die Quere kommen kann, zeigte sich an einem Beispiel. Als ein Wiener Lehrer die Schüler erinnert, welche Utensilien sie in die Klasse mitbringen sollten und dabei für das Wort "Radiergummi" den englischen Begriff "Rubbers" anstatt "Eraser" verwendete, mischte sich der amerikanische Zweit-Lehrer rasch ein: "No sex education, please!" Er hatte, wie die meisten Schüler, darunter ein "Kondom" verstanden, nicht unbedingt ein Gegenstand, den man in der Schule täglich dabeihaben sollte.

"All the News That’s Fit to Print" – "Alle Nachrichten, die es wert sind, gedruckt zu werden" – lautet das ikonische Motto der New York Times seit mittlerweile 130 Jahren. Den Spruch erfand der Herausgeber Adolph S. Ochs, der die Zeitung kurz zuvor um 75.000 Dollar erworben hatte. Das war vergleichsweise günstig, befand sich die Publikation doch in großen finanziellen Schwierigkeiten. Sie war 1851 gegründet worden, nannte sich damals allerdings noch "The New York Daily Times". Die Ochs-Sulzberger Familie – Adolph Ochs' Tochter Iphigenie heiratete Arthur Hayes Sulzberger – ist bis heute Mehrheitseigentümerin der Zeitung.
Nicht alle Neuigkeiten waren im Laufe der Zeit freilich "fit to print". Zu Beginn des Irak-Krieges vertraute die angesehene Reporterin Judith Miller zu sehr ihren Quellen im US-Verteidigungsministerium und um Dick Cheney, dem Vizepräsidenten. Und so kamen viele irreführende Berichte in das Blatt, vor allem was die (nicht vorhandenen) Massenvernichtungswaffen des Irak betraf.
Beispiellos war danach freilich auch, mit welcher Akribie die "NYT" auf vielen Seiten diese Fehler richtigstellte. 2003 war für die Zeitung insgesamt ein "annus horribilis", also ein schreckliches Jahr: Ihr Mitarbeiter Jayson Blair, der von vielen Kollegen als Ausnahmetalent betrachtet wurde, entpuppte sich als grenzenloser Betrüger: Viele seiner Berichte waren frei erfunden oder von anderen Publikationen abgeschrieben. Der Skandal zog so weite Kreise, dass die halbe Chefredaktion zurücktreten musste. Auch hier entschuldigte sich die "NYT" bei ihren Lesern mit ausführlichen Richtigstellungen.

Apropos: Mir fiel immer positiv auf, dass gleich auf Seite Zwei eine Spalte den "Corrections" gewidmet war. Darin wurde bis aufs kleinste Detail korrigiert, was am Tag zuvor oder auch früher einmal in der Berichterstattung nicht gestimmt hatte. Ein besonders schönes Beispiel fand ich in der Ausgabe vom 25. März 1999: "In unserem Bericht über den Naturforscher Harold Jefferson Coolidge haben wir die Tiere, die an seinem Arm hingen, falsch beschrieben. Es sind Gibbons, nicht Makaken."
Doch zurück zu Österreich und der "NYT". Niemand fand in der Zeitung so oft Erwähnung wie Jörg Haider. Vor allem im Zuge der Regierungsbildung im Jahr 2000 war Haider, damals Landeshauptmann von Kärnten, ständiger "Gast". Wurde zu Beginn noch vom "Aufstieg eines Österreichers, der links und rechts Leidenschaften auslöst" getitelt – man erfuhr erst im Bericht, wie der Mann heißt –, war er irgendwann schließlich so bekannt, dass weder das Land noch seine Funktion erwähnt wurden: "Eine Theorie zu Haiders Anreiz: keine Ideologie, viel Marketing", liest sich einmal die Überschrift in der Übersetzung.

Die meisten Artikel stammten aus der Feder von Roger Cohen, der zu jener Zeit das Berlin-Büro leitete. Cohen sah sich für diese Erkenntnis aber auch dort um, wo das Phänomen Haider am besten erklärt werden kann: in Kärnten selbst. Das zeigt sich in der Ortsangabe, die in Artikeln der "NYT" immer ganz am Anfang steht: "Bad Kleinkirchheim" (würden die US-Leser "Bad" mit "schlecht" missverstehen?).
Schon die allererste Zeile lässt jeden Kärnten-Fanatiker aufjauchzen: "Hier in der Mitte eines Postkarten-schönen Österreich – Skipisten von Föhren eingerahmt, die Sonne blendet, Familien, deren Wangen rosig glänzen und die Punsch trinken …" Auch wenn es dann bodenständiger weitergeht. Oder sagen wir: politischer: "Ein bisschen 'Thatcherism', eine Dosis Robin Hood, ein paar Designer Labels, ein Touch von 'Österreich zuerst'-Intoleranz, ein Farbkleks von 'Sagen-wie es-ist'. Dazu fanatische körperliche Fitness und heraus kommt ein moderner europäischer Magier, der es geschafft hat, seine Partei von fünf auf 27 Prozent hinaufzuschrauben."
Auch mit Roger Cohen kam ich immer wieder zusammen. Ein Artikel vom 30. April 2000, im Sonntagsmagazin, fiel mir dieser Tage wieder in die Hände: "Who's Afraid of Jörg Haider?" heißt es in blutroten Buchstaben auf der Titelseite. Die Kernaussage lautet folgendermaßen: "In Europa, das sich mit den Fragen der nationalen Identität quält, wird Jörg Haiders fanatischer Nationalismus wie ein Stamm der teutonischen Pest behandelt, der unter Quarantäne gestellt und nieder gestampft werden sollte, bevor er sich ausbreitet."
Haider, oder besser: sein überraschender Tod bei einem Verkehrsunfall, verschaffte mir auch persönlich eine unvergessliche Eintragung in der New York Times. Nicholas Kulish rief mich aus Berlin an und bat mich, ihm ein wenig Farbe für seinen Nachruf auf Jörg Haider zu liefern. So beschrieb ich unter anderem die Szene am Unfallort, ließ meine Nachbarin zu Wort kommen, die sagte, dass sie ihn "zwar nicht wirklich schätzte, aber (sein Tod) berührt mich doch".

Zu meiner Überraschung fand sich dann mein Name als Co-Autor über dem Artikel. Gut in Erinnerung ist mir auch noch, dass ich auf die Frage der Redaktion, wo ich mich befinde, Klagenfurt angab, mit dem Hinweis, das sei die nächst größere Stadt. "Aber wo sind sie wirklich?", bohrte die Mitarbeiterin nach. Ich antwortete: "In a hamlet named Lanzendorf." Und so heißt es nun unter dem Artikel: "Nicholas Kulish reported from Berlin, Eugen Freund from Lanzendorf, Austria."
Nicholas Kulish, inzwischen wieder in den USA, lud mich bei einem meiner New-York-Besuche in das vom renommierten Architekten Renzo Piano gebaute gläserne Verlagsgebäude der "NYT" ein. Nur zwei Blöcke entfernt vom ursprünglichen Stammhaus in der 43. Straße, beherbergt es eine der modernsten Redaktionen des Landes. Allein der riesige Arbeitsraum ist überwältigend, nur wenige Journalisten haben das Privileg eines abgeschlossenen Raumes. Dafür gibt es auch Audio- und Video-Aufnahmestationen, die verwendet werden, um den geschriebenen Text einzusprechen oder die Journalisten ihre Berichte erläutern zu lassen.
Auch das (kurzfristige) politische Phänomen Sebastian Kurz fand in der "NYT" Eingang. Vor allem, als die Koalition mit den Freiheitlichen nach einem Jahr und 277 Tagen plötzlich wieder vorbei war (Stichwort Ibiza-Video). Katrin Bennhold, die damalige Büro-Chefin in Berlin, flog nach Wien und grub mit einem fast ganzseitigen Artikel tief in die Kurz-sche Kanzlerschaft.

Auszug: "Gewählt im gleichen Jahr, als Donald Trump ins Weiße Haus einzog, wurde Herr Kurz in Europa sehr rasch als das Aushängeschild der aufsteigenden Rechten betrachtet, ein politisches Wunderkind, das den Konservativismus rettete, in dem er sich die Agenda der Rechts-Außen zu Hilfe nahm, sie ein wenig polierte und damit in die Mitte rückte … Es sah zu gut aus, um wahr zu sein. Das, so stellte sich heraus, war es auch."
Nur wenige Tage später erhielt ich einen Anruf von Vanessa Friedman. Sie ist die Moderedakteurin der "NYT". Ich konnte das nicht gleich einordnen, bis mir klar wurde, sie würde einen Bericht über den "Slim-fit"-Style der Premierminister, von Kanadas Justin Trudeau über Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bis eben Sebastian Kurz verfassen.
"Alles, was er tut, ist bis zum letzten Atem gestylt", werde ich danach zitiert. "Nicht nur was die Mode betrifft. Alles ist durchdacht: jede Handbewegung, die Art, wie er die Menschen anblickt und dabei seinen Kopf senkt, um Aufmerksamkeit zu signalisieren. Nichts wird dem Zufall überlassen." Sogar die Tatsache, dass Kurz einer der ersten war, der die Krawatte bei Auftritten beiseite ließ. … "Und diese spezifischen Hemdkragen, niemals 'Button-down', Haifisch-Kragen, die Enden immer weit auseinander …" All the news that's fit to wear.

Mit Richard Bernstein hielt ich immer Kontakt. Einmal bot er mir, dann meiner Tochter einen Schlafplatz in seinem Haus in Brooklyn an,. Zuletzt besuchte ich ihn 2025, nachdem er mir von seiner schweren Krankheit berichtet hatte, eine Woche vor seinem Tod am Krankenlager. Ein Jahr danach, im März dieses Jahres, lud mich sein Freund und Kollege Roger Cohen ein, bei einer Gedenkveranstaltung für Richard über ihn zu sprechen. In meiner Vorbereitung dazu fand ich ein Mail, in dem Richard – ausgerechnet – Bezug auf einen berühmten Kärntner Autor genommen hatte:
"Ich lese gerade Robert Musils 'Mann ohne Eigenschaften'. Es ist als würde man durch einen dicken Pudding auf der Suche nach einer Walnuss löffeln. Und wenn man dann endlich eine findet, ist es die köstlichste Nuss, die man je gegessen hat … Aber diese Suche dauert länger als sonst bei Walnüssen."

Am Ende wäre da noch etwas zu klären. Fast hätte man den Eindruck, die "NYT" schreibe am liebsten über Österreich, wenn es irgendwie um Nazis geht. Doch, nein, es scheint nur so: Erst kürzlich erschien ein Bericht über das neue "Sound-of-Music"-Museum, das in Salzburg eröffnet wurde. Wobei … die Trapp-Familie, das steht auch so richtigerweise in der "NYT", verließ Österreich, weil die Nationalsozialisten vor der Türe standen. Doch darum geht es wirklich nur am Rande.
Die New York Times bringt nämlich das Thema auf, ob man in Salzburg nach jahrzehntelangem Nicht-zur-Kenntnis-nehmen-Wollen oder Kopfschütteln über dieses "kitschige" Musical (oder den "kitschigen" Film), der die Stadt weltweit bekannt gemacht hat, nun quasi Frieden schließt mit dem Baron und seinem Kinderchor. Und gipfelt in der Frage: Wird das (das Museum nämlich) auch von Österreichern besucht, oder werden wieder nur Amerikaner und Japaner kommen?
Eine endgültige Antwort muss vorerst allerdings ausbleiben. Das Museum wurde erst am 20. September eingeweiht.
Eugen Freund war - mit Unterbrechungen - von 1974 bis 2013 Journalist im ORF. Von 2014 bis 2019 war er Abgeordneter im Europäischen Parlament. Sein jüngstes Buch "Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg – wie Europa und die USA auseinanderdriften" erschien im Oktober 2025 (Wieser Verlag, Klagenfurt).