Da isst Die Cuisinière einmal ohne Connaisseur – und nur Tage nach der Veröffentlichung ihrer Story auf NewsFlix berichtet von der SZ abwärts halb Medien-Deutschland über das aus dem Ruder gelaufene Menü. Nachschau auf eine Welle, die niemand angeschoben hat.

Dreißig Gramm … So viel wog, nach Angaben des Küchenchefs, jener Fisch, der es binnen vier Tagen von einer Menükarte am Wolfgangsee auf die Titelseite der Süddeutschen Zeitung geschafft hat. Drei Happen zu je zehn Gramm, als Amuse-Gueule, gratis ausgegeben, wie der Küchenchef betont. Was eigentlich keiner Betonung bedarf, so Die Cuisinière, weil das der Gruß der Küche gemeinhin sei. Rein betriebswirtschaftlich betrachtet war das aber der wohl teuerste Küchen-Gruß dieser Saison.
Bemerkenswert ist auch die Konstellation der Ereignisse. Die Cuisinière war an jenem Montagabend im Juli allein unterwegs, ausnahmsweise ohne den Connaisseur, und ausgerechnet bei einem anderen Fischer. Dieser andere Fischer, einer mit einem Michelin-Stern, servierte ihr einen "Taco vom Frauennervling".
Die Berichterstatterin aß zunächst, stutzte daraufhin und machte sich schließlich an die Recherche. Die Cuisinière & Der Connaisseur ackerten sich durch Fischereivorschriften und Rote Listen und fragten in der Folge mehrfach schriftlich beim "Atelier Fischer" in St. Gilgen am Wolfgangsee nach – ergebnislos. Also erschien die Geschichte – im Detail nachzulesen hier:
Und seither bekommt halb Medien-Deutschland Schnackerl. Was geschehen ist – und wie es dazu kommen konnte:
Am 14. September erschien die Recherche exklusiv auf NewsFlix und CuiCon. Kern der Story: Einen "Frauennervling" mit V, wie er acht Wochen lang auf der Karte des "Atelier Fischer" stand, gibt es nicht. Und der orthografisch korrekte Frauennerfling mit F steht österreichweit auf der Roten Liste der gefährdeten Arten und ist ganzjährig geschont.
Die Erklärungen des Hauses für diesen Sachverhalt widersprachen sich dabei auffällig. Zuerst war von einem "gezielten Fischen mit verschiedenen Ködern" die Rede, später wurde ein "natürliches Zufallsprinzip" für den unglücklichen Fang verantwortlich gemacht.

Am 15. September um 6 Uhr früh war der artgeschützte Taco österreichweit eine Nachricht. Die Gratiszeitung Heute brachte ihn online und in der Printausgabe, weitere Medien zogen nach. Die Kollegen von Heute fragten nochmals im Salzkammergut nach, ob nicht etwa eine unglückliche Verwechslung mit einem Perlfisch – wie von der Cuisinière und dem Connaisseur in den Raum gestellt - möglich sei. Die Antwort: Man verfüge über bestens geschultes Fachpersonal. Nicht sonderlich glücklich formuliert, aber sei's drum: Auch der Perlfisch ist ganzjährig geschont. Eine Verwechslung hätte also niemanden gerettet.
Am 16. September übernahm der süddeutsche Ippen-Medien-Verbund die Geschichte. Ein Text dazu erschien unter wechselnden Überschriften und mit leichten Adaptionen bei tz, Merkur, im Hanauer Anzeiger und einer Reihe weiterer Titel. Inzwischen erkannte man auch in St. Gilgen, dass es eventuell an der Zeit wäre, tätig zu werden. Der "Frauennervling" (bis zum Ende mit V geschrieben) verschwand von der Online-Karte des Hauses und wurde von einer Reinanke ersetzt..

Am 17. September übernahmen weitere Medien die Geschichte, darunter das Magazin Focus. Und in den Salzburger Nachrichten meldete sich erstmals der Küchenchef selbst zu Wort. "Atelier Fischer"-Chef Stefan Fischer schilderte einen Zufallsfang vor dem privaten Seegrundstück, sprach von einem schwer verletzten Fisch und drei Happen "Taco", die aus seinem mageren Körper gefertigt werden konnten, anstatt diesen Wegzuwerfen. Und er gipfelte in der Feststellung: Rückblickend sei das "blöd gewesen".
Ergänzend informierten die Salzburger Kollegen, dass es im Bundesland 58 Fischarten gebe, 43 davon gelten als heimisch und 21 sind ganzjährig geschützt. Vielleicht sollten sich selbst fischende Gastronomen eine davon Liste in die Küche hängen. Gekrönt war das Ganze mit einer Wizany-Karikatur, in der ein Kellner einem skeptischen Gast einen Amurleoparden als den Letzten seiner Art empfiehlt – womit die Pointe endgültig aus dem Salzkammergut ausgewandert war.

Denn am selben Tag stand die Geschichte in der Kolumne "Streiflicht" der Süddeutschen Zeitung, links oben auf der Titelseite, gleich neben Meldungen über die CDU-Länderchefs und die EU-Verteidigungspolitik. In bester Gesellschaft also. Der Autor arbeitete sich von japanischen Essgewohnheiten über Kabeljau und Thunfisch zum Frauennerfling vor, zitierte "Brehms Tierleben" kam zum Graunerfling, leitete den Namen vom lateinischen orphus für einen rötlichen Fisch her und schloss mit dem Befund, der Fisch habe Besseres verdient und möge bald legal und ohne Tamtam verspeist werden können.
Dass es Die Cuisinière & Der Connaisseur – vor allem er stets über jegliche Eitelkeit erhaben – in eine der bekanntesten und renommiertesten Kolumnen der deutschsprachigen Medienlandschaft schaffen würden, führte letztlich dann doch noch zu anerkennendem wechselweisen Schulterklopfen in Wien …

Was in vier Tagen aus dreißig Gramm Fisch (aus einem etwa 15 bis 18 Zentimeter großen Fischlein, vermutet Die Cuisinière) geworden ist, sagt indes weniger über eine Küche als über ein Muster unserer Medienwelt. Diese Geschichte hatte alles, was eine Redaktion braucht, um Aufmerksamkeit zu bekommen: einen Stern (von Michelin), einen Buchstabendreher, eine Rote Liste, zwei Erklärungen, die sich gegenseitig aufheben, und einen bekannten Ort mit Seeblick. Sie brauchte niemanden, der empört war. Sie lief von selbst.
1. Dass einige Kollegen Die Cuisinière als die "Lokalkritikerin Pfeiffer" bezeichneten, ohne das Schmankerl nachzuschieben, dass sie eigentlich selbst ein "Kochlöffel" (Eigendefinition) und mehrfach dekorierter Grand Master Chef ist. Was der Autorin diesfalls aber nicht gänzlich unrecht war, vermutet zumindest Der Connaisseur …
2. Die Cuisinière hat nie eine Strafe gefordert, keine Behörde angerufen und keinen Skandal ausgerufen. Sie hat lediglich gefragt, was auf ihrem Taco war, nachdem die Aussage auf der Karte dazu unergiebig war. Dass daraus eine internationale Medienlage wurde, war die Antwort des Hauses, nicht ihre Frage.
3. Legt Die Cuisinière Wert auf die Feststellung, dass das ganze Menü großartig gewesen sei (wie auch hier in der gesamten Gastro-Kritik nachzulesen ist, siehe Link unten). Fischer trage völlig zu Recht seinen Michelin-Stern. Der Connaisseur wähnte sich daraufhin in aller Bescheidenheit kurz angesprochen. "Wäre nicht diese Fauxpas", sagte sie nach kurzer Pause. Da wusste er, er war sicher nicht gemeint! Umso mehr liest Der Connaisseur die Ausschnitte jetzt besonders gründlich. Es sei ja, sagt er, nicht um ihn gegangen.
Ach so, übrigens haben Die Cuisinière & Der Connaisseur eine eigene Facebook-Seite und zum Newsletter kann man sich hier anmelden!
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