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Häusliche Gewalt

Meine Schwester ist eine Mörderin, wie verhalte ich mich da?

Mit ihrem ersten Gesellschaftsroman gelang der Schwedin Sara Bergmark Elfgren ein Überraschungserfolg. Nun ist ihr Buch auf Deutsch erschienen. "Die Insel meiner Schwester" packt ein Thema an, das auch in Österreich hohe Relevanz hat – häusliche Gewalt.

Sara Bergmark Elfgren legt ist mit ihrem Debut-Gesellschaftsroman ein großer Wurf gelungen
Sara Bergmark Elfgren legt ist mit ihrem Debut-Gesellschaftsroman ein großer Wurf gelungenAnna Drvnik
Angela Szivatz
Akt. 06.02.2026 23:05 Uhr

Die Gründe dafür mögen sich nicht gleich auf den ersten Blick erschließen. Aber es ist ein Faktum, dass sich auch in unseren Breiten Autorinnen und Autoren aus dem hohen Norden einer großen Leserschaft erfreuen dürfen, besonders im Genre Krimi.

Vielleicht weil den Büchern und Serien eine Klarheit, Lebensnähe und oft auch schonungslose Offenheit inne liegt, zu der wir Mitteleuropäer meist noch finden müssen.

Stieg Larsson, Henning Mankell, Jo Nesbø, Håkan Nesser oder Jussi Adler-Olsen lassen uns gruseln, aber da gibt es auch noch Jonas Jonasson mit dem bezaubernden Roman "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg..." oder Jostein Gaarder mit "Sofies Welt".

Nun tritt eine neue Autorin ins Rampenlicht, die gar nicht so neu ist, aber in Schweden momentan abgefeiert wird. Sara Bergmark Elfgren ist mit ihrem Roman "Die Insel meiner Schwester" die Bestsellerlisten nicht emporklettert, sondern sie hat die Charts erstürmt. Nun gibt es das Buch auch auf Deutsch. Was sie über die Autorin und ihr Werk wissen müssen:

Wer ist Sara Bergmark Elfgren?
Sie wirkt ein bisschen mystisch, so wie viele ihrer Bücher. Die 45-Jährige hält ihr Privatleben aus der Öffentlichkeit heraus, selbst in den spärlichen Interviews erzählt sie nur ein bisschen was über ihre Kindheit. Dass sie häufig auf dem Schäreninseln vor Stockholm war, teils auf eine Privatschule ging, Abgehobenheit erlebt hat, eher eine Einzelgängerin blieb.

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für Newsflix
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für Newsflix
Helmut Graf

Nicht mehr?
Es gibt ein Instagram-Posting aus 2021, in dem sie angibt, in einer Beziehung mit der "Liebe meines Lebens" zu sein. Sonst sind über Sara Bergmark Elfgren nur biographische Details zu erfahren: Studium an der Filmhochschule in Stockholm, danach folgte eine multimediale Karriere: Film, Fernsehen, Kinder- und Jugendbücher.

Wodurch fiel sie erstmals auf?
Schweden lieben Mehrteiler, man denke nur an Stieg Larsson. Elfgren schrieb gemeinsam mit Mats Strandberg das Fantasy-Buch "Zirkel" (Cirkeln), der ersten Teil der Engelsfors-Trilogie wurde 2011 veröffentlicht. Damit gelang den beiden gleich der internationale Durchbruch. 2012 folgte "Feuer" (Eld), im Jahr darauf "Schlüssel" (Nyckeln).

Was fällt bei der Trilogie auf?
Vor allem auch ihr Umfang. Die drei Bücher sind auch auf Deutsch erschienen, alles in allem 2.272 Seiten. Allein der finale Band hat 928 Seiten.

Gibt es auch eine Verfilmung?
Ja, der erste Teil der Trilogie wurde verfilmt und von niemand Geringerem als dem ABBA-Mastermind Benny Andersson produziert. Auch für die Filmmusik zeichnet er verantwortlich. Der Musiker und Komponist wurde nicht nur für unzählige ABBA-Songs berühmt, sondern auch für die Musical-Versionen "Mamma Mia!" (2008) und "Mamma Mia! Here We Go Again" (2018).

Wurde die Autorin ausgezeichnet?
Elfgren wird in all den von ihr geschriebenen Genres von Kritikern ebenso gelobt wie von Lesern. Dieser Umstand hat ihr schon 2011 den "August-Preis" eingebracht, eine renommiertesten schwedischen Literatur-Auszeichnung, benannt nach August Strindberg. 2018 wurde Elfgren der Preis des Nordischen Rates für Kinder- und Jugendliteratur verliehen.

"Die Insel meiner Schwester", Sara B. Elfgren, Roman, 304 Seiten, 2026 Heyne, € 25,50
"Die Insel meiner Schwester", Sara B. Elfgren, Roman, 304 Seiten, 2026 Heyne, € 25,50
Heyne Verlag

Worum geht es in "Die Insel meiner Schwester"?
Alle großen Themen finden auf diesen 304 Seiten Platz: Verlust und Verrat, Liebe und was daraus werden kann, es geht im wahrsten Sinne um Leben und Tod. Im Mittelpunkt stehen die Erzählerin Mirjam und ihre geheime (Halb-) Schwester Nia.

Was führt die beiden zusammen?
Mirjam ist 14, als sie von Nia erfährt, kurz darauf treffen die beiden Mädchen einander zum ersten Mal, heimlich, hinter dem Rücken ihrer Familien. Auch Mirjams jüngerer Bruder Egon hatte davor keine Ahnung.

Wieso wussten sie nichts voneinander?
So ganz stimmt das nicht. Nia wusste von klein an über ihre Geschwister Bescheid. Ihre Mutter Loan war offen damit umgegangen. Anders bei Mirjams Mutter, sie war die Betrogene, sprach nach der Trennung von Mirjams Vater nie darüber, dass er eine zweite Familie hatte.

Wie entwickelte sich die Beziehung der beiden Mädchen?
Sie wurden nach der ersten Begegnung rasch beste Freundinnen, nannten einander "Frester", durften irgendwann sogar die Sommer miteinander auf der Familieninsel Tallholmen verbringen. Es wurde ihr gemeinsames Paradies.

Bleiben die Schwestern so verbunden?
Zu Mirjams Kummer nein. Es entwickelt sich ein Hichschaubahn, die das Buch trägt.

ABBA-Mastermind Benny Andersson, sein Sohn Ludvig (trat mit seinem Vater als Produzent auf) mit den Autoren Sara Bergmark Elfgren und Mats Strandberg
ABBA-Mastermind Benny Andersson, sein Sohn Ludvig (trat mit seinem Vater als Produzent auf) mit den Autoren Sara Bergmark Elfgren und Mats Strandberg
APA-Images / TT News Agency / Roger Turesson

Was heißt das?
Wann immer Nia eine Männerbeziehung eingeht, verliert sie sich. Sie entfernt sich von ihrer Schwester und ihrer Familie. Sie heiratet, Ehemann Konrad bringt die beiden beinahe endgültig auseinander.

Warum?
Konrad kauf die Familieninsel vom gemeinsamen Vater der beiden Mädchen, er war in Geldnot geraten. Der Traum wird zum Alvtraum. Konrad baut ein Haus auf Tallholmen, zieht mit Nia auf die Insel, verbietet ihr, zu arbeiten. Er beherrscht und kontrolliert sie mehr und mehr. Jahrelang meldet sich Nia kaum bei ihrer Schwester Mirjam.

Was passiert dann?
Eines Tages taucht Nia mit einer Reisetasche in der Hand bei Mirjam auf und erzählt ihr die Wahrheit. Dass ihr Mann sie schlägt, sie beschimpft, ihren Asthmaspray versteckt, bis Nia beinahe erstickt. Nun versucht sie zum zweiten Mal, ider Gewalt zu entkommen und ihren Ehemann zu verlassen.

Schafft sie das?
Nein, obwohl Mirjam und ihr Bruder Egon alles unternehmen, um ihr zu helfen. Doch nach knapp einem Jahr und Konrads flehenden Bitten und Entschuldigungen kehrt Nia zu ihm zurück.

Wie geht es weiter?
Wieder ist ein Jahr ohne Kontakt zwischen Nia und Mirjam vergangen. Mirjam leidet besonders darunter und ist in Sorge um ihre Schwester. Dann passiert in ihrem eigenen Leben entscheidendes.

Nämlich?
Am Abend vor ihrem 40. Geburtstag wird Mirjam von Juan verlassen, der mehr als 10 Jahre lang ihr Partner und ihr bester Freund war. Für Mirjam bricht eine Welt zusammen. Ihre Trauer, ihr Schmerz bringen sie in die Nähe einer Depression. Nur mit Hilfe ihrer Freundin Catta schafft sie ihren Arbeitsalltag als Kunstlehrerin.

Kommen Nia und Mirjam wieder in Kontakt?
Ja, denn Nia lädt ihre Schwester überraschend zu ihrem 40. Geburtstag auf die Schäreninsel Tallholmen ein, die nun ihrem Mann Konrad gehört. Nia beteuert, dass es ein Frauentreffen sein würde, ohne Männer, ohne Konrad.

Glaubt sie der Beteuerung?
Mirjam berät sich mit ihrem Bruder, der sie warnt. Was, wenn der gewalttätige Konrad doch auftaucht? Was, wenn er beide Frauen gefährdet? Egon bietet an, am Telefon ständig in Bereitschaft zu sein und den Notruf zu verständigen, falls nötig.

Nimmt Mirjam die Einladung an?
Ja, sie entscheidet sich, nach fünf Jahren zum ersten Mal an den Ort zurückzukehren, an dem sie als Kinder alle glücklich waren. Sie hofft, dass Nia sie um Hilfe bitten wird, um ihren Mann endgültig zu verlassen.

Aber?
Als sie auf Tallhomen ankommt, findet Mirjam Konrad im ersten Stock des Hauses leblos in der Badewanne. Kurz darauf treffen auch die anderen geladenen Gäste ein, die Jugendfreundinnen Amanda und Emelie mit ihrem Ehemann, dazu Knut, Konrads Cousin.

Was ist mit Konrad?
Das würde Mirjam auch gerne wissen. Nia hat gerade noch Zeit, ihr zu erzählen, dass Konrad sie vergiften wollte und sie ihm zuvorgekommen war. Mirjam ist geschockt: Nia eine Mörderin? Doch ihre Schwester sieht so elend und ängstlich aus! Dann geht im Erdgeschoss des Hauses schon die Geburtstagsfeier los. Den Gästen gegenüber behauptet Nia, Konrad habe eine böse Magen-Darmerkrankung, liege oben und könne heute keinesfalls zu ihnen stoßen.

Wie geht Mirjam damit um?
Während jede Menge Champagner getrunken und Austern und Krabben gegessen werden, quält sich Mirjam mit der Frage, wie weit sie für ihre Schwester gehen soll. Sie beschützen, wie sie es immer tun wollte? Darauf hoffen, dass Nia bei all der dokumentierten Gewalt auf Notwehr plädieren und eine geringe Strafe bekommen kann? Oder sollen sie das Haus anzünden, um alle Spuren zu beseitigen?

Wie spitzt sich alles weiter zu?
Rund um die Insel zieht ein heftiger Sturm auf, sie sind gefangen. Konrads Handy im ersten Stock macht "Pling", Nachrichten langen ein. Mirjam findet das Telefon, stellt fest, dass die Nachrichten von Emelie kamen und entsperrt das Gerät mit der Face-Erkennung des leblosen Konrad. Sie entdeckt, dass Emelie und Konrad seit zwei Jahren eine Affäre haben!

Wie geht es weiter?
Das wird hier selbstverständlich nicht verraten. Nur so viel: Die Story steigert sich zu einem Furioso und behält, von Rückblenden Mirjams immer wieder gekonnt unterbrochen, einen großartigen Rhythmus. Über allem schwebt ein gesellschaftlich relevantes Thema.

Was ist damit gemeint?
Häusliche Gewalt ist auch in Schweden eine erschütternde Realität. In Österreich hat jede dritte Frau im Alter von 18 bis 74 Jahren in ihrem Erwachsenenleben körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt. Die Autonomen Österreichischen Frauenhäuser zählten im Vorjahr bis Dezember 15 mutmaßliche Femizide und 34 Femizidversuche. Auch Kinder sind oft Opfer häuslicher Gewalt.

Eine Insel in den Schären von Stockholm spielt in dem Buch eine zentrale Rolle
Eine Insel in den Schären von Stockholm spielt in dem Buch eine zentrale Rolle
iStock

Wieso lässt sich das nicht stoppen?
Es gibt viele gute Worte, staatliche Bemühungen, öffentliche Kampagnen gegen Gewalt gegen Frauen, aber es ändert sich wenig. Weil Opfer nicht ernst genommen werden. Weil ihnen weniger geglaubt wird als den Tätern. Weil es sich oft um Männer aus der Mitte der Gesellschaft handelt. Weil Frauen sogar oft eine Mitschuld zugewiesen wird. Weil viele zögern, einen (Ex-) Partner anzuzeigen.

Wie sieht das die Autorin?
Sie beschreibt das Dilemma nachvollziehbar. Zeit, dass die Opfer meist einfach nur wegwollen. "Jeder wusste, dass es sie gibt, die Männer, die schlagen," schreibt Sara Bergmark Elfgren.

Was gelingt der Autorin besonderes gut?
Elfgren geleitet die Leserschaft mit ausgeprägtem psychologischem Gespür und viel Einfühlungsvermögen durch die Reflexionen ihrer Hauptfigur Mirjam. An etlichen Stellen fühlt man sich verstanden oder gut wiedergegeben in seinen eigenen Erlebnissen: den Höhen und Tiefen von Kindheit und Jugend, vor allem im Werden und Vergehen der Liebe und all dem Schmerz, der damit verbunden sein kann.

Ist das Buch empfehlenswert?
Ein klares Ja! Die Autorin schafft es, schon ab den ersten Seiten des ersten Kapitels einen Sog zu erzeugen, dem man sich nur schwer entziehen kann. Im Laufe des Romans entwickelt sich eine stetig wachsende, fesselnde Dichte. Elfgrens Erzählform ist phasenweise so bildhaft, dass man einige Szenen filmisch vor sich sieht. Sie ist eben auch eine geübte Drehbuchautorin!

"Die Insel meiner Schwester", Sara B. Elfgren, Roman, 304 Seiten, 2026 Heyne, € 25,50

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für NewsFlix schreibt sie über aktuelle Literatur. Sie lebt in Wien. Im Vorjahr ist ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" erschienen.

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Angela Szivatz
Akt. 06.02.2026 23:05 Uhr