NewsFlix.at Logo
"Woher kommst du?"

Warum ich in meiner Heimat immer eine Fremde bleiben werde

Rachel Khong kam im Alter von zwei Jahren in die USA. Ihre alte Heimat ist ihr heute fremd, in der neuen Heimat ist sie oft eine Fremde. Im US-Besteller "Real Americans" verarbeitet sie das Dilemma, das Buch ist nun auf Deutsch erschienen – und bezaubert viele.

Rachel Khong kam mit zwei Jahren in die USA: "Immer wenn meine Familie Malaysia besuchte, fühlte ich mich fremd"
Rachel Khong kam mit zwei Jahren in die USA: "Immer wenn meine Familie Malaysia besuchte, fühlte ich mich fremd"Andria Lo
Angela Szivatz
Akt. 24.02.2026 16:02 Uhr

Wenn sie an das Land denkt, in dem sie geboren wurde, fällt ihr das Essen ein. Es ist "vielleicht die einzige Verbindung, die ich zu vielen meiner Vorfahren habe", sagt Rachel Khong in einem Interview. Die 45-Jährige wurde in Malaysia geboren, ihre Eltern wanderten aus, als sie klein war.

"Immer wenn meine Familie Malaysia besuchte, fühlte ich mich fremd, weil ich weder Malaiisch noch die Dialekte meiner Familie sprechen konnte", sagt sie. "Ich hatte nie das Gefühl, dazuzugehören." Bei Assam Laksa, Ha Mee oder Nasi Lemak, den tradionellen Gerichten, gelingt das schon.

Rachel Khong ist eine Literatur-Gipfelstürmerin. Ihr zweites Buch, "Real Americans", wurde schon 2024 in den USA ein Bestseller, nun ist es auf Deutsch erschienen. Es handelt ein Thema ab, das Khong auch persönlich umtreibt: Wo schlagen wir wie Wurzeln? Was sie über "Real Americans" wissen müssen:

Wer ist Rachel Khong?
Sie wurde 1985 in Malaysia als Tochter einer malaysisch-chinesischen Familie geboren. Im Alter von zwei Jahren zog sie mit ihrer Familie in die Vereinigten Staaten. Sie hat einen Bachelor-Abschluss in Englisch von der Yale University und ein MFA-Studium in Fiction (kreatives Schreiben) an der University of Florida absolviert.

"Real Americans" von Rachel Khong, Roman, € 25,50
"Real Americans" von Rachel Khong, Roman, € 25,50
Kiepenheuer & Witsch

Wo lebt sie jetzt?
In Kalifornien. Sie ist mit Eli Horowitz verheiratet, Podcast- und Drehbuchautor der US-amerikanischen Psycho-Thriller-Serie "Homecoming", die auf Amazon läuft. In der ersten Staffel hat Julia Roberts die Hauptrolle gespielt.

War Rachel Khong immer Autorin?
Ja und nein, sie hat jedenfalls ein recht buntes Erwerbsleben vorzuweisen. 2011 bis 2016 war Rachel Khong Redaktionsleiterin des Magazins "Lucky Peach", einem schrägen Kulinarik-Magazin. 2018 gründete Khong in San Francisco The Ruby, laut Eigendefinition "ein Arbeits- und Veranstaltungsort für Autorinnen und nicht-binäre Künstler*innen".

Wo hat sie veröffentlicht?
Khongs Kurzgeschichten und Texte erschienen unter anderem in der New York Times Book Review, im Guardian, in The Cut und The Paris Review. Sie veranstaltet Schreibworkshops und veröffentlicht einmal monatlich eine Short Story Empfehlung.

Was war ihr erster Roman?
"Goodbye, Vitamin": Das Buch erschien 2017 und wurde von vielen namhaften Magazinen wie San Francisco Chronicle und Vogue als bestes Buch des Jahres ausgezeichnet. Khong gewann damit den California Book Award für das beste Debüt. Universal Pictures sicherte sich im Juni 2019 die Filmrechte mit Constance Wu als Hauptdarstellerin, der Film blieb jedoch "Projekt".

Erschien "Goodbye, Vitamin" auch bei auf Deutsch?
Ja, allerdings unter dem Titel "Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte“. Es geht in dem Buch um eine 30-jährige, die für ein Jahr in ihr Elternhaus zurückkehrt, um den an Alzheimer erkrankten Vater zu pflegen.

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für NewsFlix
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für NewsFlix
Helmut Graf

Wie arbeitet sie?
Sie schreibt so früh wie möglich am Morgen mit genau einer Tasse schwarzem Kaffee, nutzt Timer, um fokussiert zu bleiben, und zählt jeden Tag, an dem sie schreibt, als "Erfolg" – selbst wenn es nur wenige Worte sind.

Und das neue Buch?
"Real Americans " landete gleich nach seinem Erscheinen auf Englisch (April 2024) auf der Bestsellerliste der New York Times. Dementsprechend begierig hat die Branche also auf die deutsche Übersetzung (Tobias Schnettler) gewartet und das Buch wird von Kritik und Leserschaft in höchsten Tönen gelobt.

Wovon handelt Real Americans?
Es erzählt über drei Generationen hinweg die Geschichte einer Familie mit chinesisch-amerikanischen Wurzeln und wirft essenzielle Fragen auf: Wie sehr muss oder will man sich anpassen? Wo durch bekommt man Zugehörigkeit? Welche Rolle spielt der Ehrgeiz der Eltern, wie wirkt er sich auf die Kinder aus? Und welche Lasten hinterlässt man den nächsten Generationen – gezielt oder unbewusst?

Wie die Geschichte aufgebaut ist
Nach einem kleinen Prolog, der sich erst später im Buch zu erschließen beginnt, beschreibt die Autorin in drei großen Teilen und aus drei Generations-Perspektiven: Vergangenes ab 1999, Gegenwart ab 2021 und Zukunft im Jahr 2030.

Womit beginnt die Erzählung?
Mit der 22-jährigen Lily Chen, Studentin der Kunstgeschichte und Kind chinesischer Einwanderer, die ihr die Muttersprache nie beigebracht haben – so sehr wollten sie Amerikaner sein. Beide Eltern sind Wissenschafter und gut situiert. Lily jedoch arbeitet als unbezahlte Praktikantin in einem Medienhaus und hat kaum Geld.

Was ist der erste Höhepunkt?
Auf der Weihnachtsfeier 1999 begegnet Lily dem Investment-Banker Matthew, künftiger Erbe eines Pharmaunternehmens. Obwohl aus sehr unterschiedlichen Milieus, funkt es sofort zwischen den beiden. Aus dem unprätentiösen, liebenswerten und großzügigen Matthew und der unkonventionellen, klugen Lily wird ein Paar.

Was ist ihre Wahrnehmung?
Bald fällt Lily auf, dass viele erfolgreiche weiße Amerikaner Freundinnen mit asiatischen Wurzeln haben. „Es war ein Gesicht, das die Leute fragen ließ: `Woher kommst du?´Im Spiegel sah ich einen typischen amerikanischen Mann mit einer ausländischen Frau, obwohl ich genauso typisch amerikanisch war.“

Kulturclash vorprogrammiert?
Ganz klar, und doch lässt sie sich auf diese Beziehung ein, wenn auch zaghaft. Aber Lily hat Schwierigkeiten mit den teuren Lokalen, Kleidern und Parfüms, die er ihr schenkt. „Ich hatte Angst, mein Selbst um eine Person zu formen, die genauso schnell aus meinem Leben verschwinden konnte, wie sie gekommen war.“

Trennt sie sich von ihm?
Ja, denn sie fühlt sich auch nicht akzeptiert in seiner Community. Matthew bleibt jedoch dran, denn er fühlt sich in seiner Familie noch unwohler. Zwei Jahre später kommen sie wieder zusammen und verloben sich nach einer Weile.

Kommt es zur Hochzeit?
Ja, und auch Lilys Eltern nehmen teil, obwohl ihre Mutter anfangs nicht begeistert ist. Sie hatte ehrgeizige Vorstellungen für ihre Tochter. Zumindest Wissenschafterin hätte sie werden sollen, so wie ihre Eltern. Oder sonst eine spannende Karriere anpeilen.

Funktioniert die Ehe?
Das Paar genießt das junge Glück. Dann wünscht sich Lily ein Kind, auch zu ihrer eigenen Überraschung, um noch glücklicher zu werden. „Eine amerikanische Frau wie ich, in diesem Jahrtausend? Konnte ich nicht meine Vorstellungskraft, meine Fähigkeiten dazu einsetzen, ein weniger konventionelles Leben zu leben?

Geht die Vorstellung auf?
Nein, Lily hat drei Fehlgeburten. Dann entscheiden sie sich für eine künstliche Befruchtung, um den Schwangerschaftsbeginn zu stabilisieren und die Embryos nach Gendefekten und Chromosomenfehlern auszusieben. Endlich bleibt Lily schwanger und ist zunächst selig.

Kommt da ein Aber?
Ja, unausweichlich. Selbst im achten Monat begleitet Lily ihren Mann auf eine große Reise. In Peking stellt sie Nachforschungen über die Studienzeit ihrer Eltern an und begegnet Ping. Von ihm erfährt sie neue Dinge über ihre Mutter. Ihr Baby Nico/Nick kommt zu früh und – Ironie des Schicksals – ausgerechnet in Peking auf die Welt. Es sieht Matthew so ähnlich, dass alle irritiert sind.

Was passiert dann?
Ein Zeitsprung, es ist 18 Jahre später. Nick lebt mit seiner Mutter Lily auf einer kleinen Insel und weiß nichts über seinen Vater. Sein bester Freund Timothy überredet ihn, einen DNA-Test zu machen. Tatsächlich meldet sich nach einiger Zeit ein Mann namens Matthew. Schon bald begegnen sie einander, wieder sind alle frappiert von der Ähnlichkeit.

Drei Fehlgeburten, dann wird Lily via künstliche Befruchtung Mutter – ein entscheidender Faktor im Buch
Drei Fehlgeburten, dann wird Lily via künstliche Befruchtung Mutter – ein entscheidender Faktor im Buch
iStock

Was entwickelt sich daraus?
Nick trifft heimlich seinen Vater Matthew und lässt zu, dass er die Studiengebühren für ein Elitekollege bezahlt. Nach einiger Zeit entfremden sie sich, auch mit seiner Mutter plagt sich Nick. Er verzeiht ihr nicht, dass sie ihn angelogen hat und er ohne Vater aufwachsen musste.

Und auf der Uni?
Nur allmählich findet Nick tritt in seinen Studienrichtungen Molekular-, Zell- und Entwicklungsbiologie und Philosophie und lernt eifrig. Als seine erste Liebe scheitert, muss er sich an Matthew um Hilfe wenden.

Was sagt seine Mutter dazu?
Sie weiß es nicht, weil Nick nach einem bösen Streit nicht mehr mit ihr redet. "Sie hatte mein ganzes Leben lang Zeit gehabt und mir doch nie die Wahrheit erzählt. Meine Wut auf sie war hart wie Stein." Als Matthew Nick über die Vergangenheit aufklärt, realisiert Nick: Seine Mutter hatte ihm dasselbe angetan, was sie ihrer Mutter vorgeworfen hatte.

Was ist die Folge?
Nun gibt es einen großen Sprung ins Jahr 2030. Jetzt ist May die Erzählerin, die seit Jahren versucht, Vergebung von ihrer Tochter Lily zu bekommen. Früher war sie eine glänzende Wissenschaftlerin. Als junge Forscherin konnte sie mit ihrem Studienkollegen und Ehemann fliehen. Dank Mays herausragenden Entwicklungen in der Genetik bot man ihnen ein gutes Leben in den Staaten an.

Blieb Mays Leben gut?
Nein, in der Rente und nach einem langen Aufenthalt ihres Mannes im Pflegeheim ist sie verarmt. Sie lebt als Lumpensammlerin in San Fransisco in einer WG. Weil ihre Tochter Lily den Kontakt abgebrochen hat, will May wenigstens ihrem Enkel Nick nahe sein.

Begegnen sie einander?
Mehr als das, Nick entwickelt ein liebevolles, nahes Verhältnis zu seiner Großmutter. Sie löst letzte Geheimnisse auf, die alles verändern – für alle drei Generationen. Und sie erzählt über ihr Aufwachsen in China als wertlose Frau, mit einem rohen, brutalen Vater und im grausamen Regime unter Mao. Zuerst zum Studium zugelassen, dann zur Landarbeit gezwungen.

Ein großer historischer Rahmen
Rachel Khong war es sehr wichtig, dem Wahnsinn der chinesischen Kulturrevolution ausführlich Platz zu geben. Dafür hat sie sehr viele Quellen genau studiert und erschütternde Passagen aus Interviews mit Überlebenden dieser Ära verarbeitet. Auch markante Punkte der amerikanischen Geschichte wie die Angst vor der Jahrtausendwende, 9/11 und die Pandemiezeiten hat sie locker einfließen lassen.

Große Leseempfehlung?
Große Leseempfehlung! "Real Americans" ist ein überaus aktuelles und packendes Buch, gefühlvoll, humorvoll und scharfsinnig beobachtend zugleich. Mit spannenden Wendungen, mit viel Herz und Hirn stellt es zentrale Fragen des Lebens auch für uns hier in Europa.

Nämlich?
Wer sind wir? Was prägt uns mehr: die Kultur, die Ethnie oder die Familie? Wir durchschreiten bei der Lektüre 60 Jahre Geschichte in den USA, aber auch die brutalen Jahre des Mao-Regime in China.

Was ist, wenn ich Lust auf mehr habe?
Schon am 7. April erscheint das nächste Buch von Rachel Khong  in den USA. "My Dear You" ist eine Sammlung vin Kurzgeschichten.

"Real Americans" von Rachel Khong, Roman, 528 Seiten, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2026, € 25,50

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für NewsFlix schreibt sie über aktuelle Literatur. Sie lebt in Wien. Im Vorjahr ist ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" erschienen.

Weitere Artikel von Angela Szivatz

Angela Szivatz
Akt. 24.02.2026 16:02 Uhr