Vielleicht ist es Hassliebe. Robert Menasse und die EU können die Finger nicht voneinander lassen. Nun hat er der Autor Novelle "Die Lebensentscheidung" vorgelegt. Vordergründig geht es um den frustrierten EU-Beamten Franz Fiala, hintergründig um viel mehr.

Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.
Diese beliebte Äußerung des Volksmunds wird Wilhelm Busch zugeschrieben, auch wenn es bei ihm wortwörtlich anders hieß. Ihre Aussagekraft kann wohl jede und jeder aus irgendeiner Lebensphase selbst bestätigen. Sein neues Buch "Die Lebensentscheidung" hat Robert Menasse ganz und gar diesem Unerwarteten gewidmet.
Wer ist der Autor?
Die Kurzversion: Sohn eines Nationalteam-Fußballers, sieben Jahre Gast-Dozent in Brasilien, heute einer der bekanntesten Schriftsteller Österreichs.
Und die Langfassung?
Geboren in Wien, mittlerweile 71, studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. Danach lehrte Menasse sechs Jahre an der Universität São Paulo zu philosophischen und ästhetischen Theorien und über Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno. Seit 1988 lebt er als Literat und kulturkritischer Essayist hauptsächlich in Wien.
Was ist sein Schwerpunkt?
In den vergangenen Jahren jedenfalls die Europäische Union. Er hat zwei Romane mit EU-Schwerpunkt geschrieben, "Die Hauptstadt", spielt hauptsächlich in der EU-Hauptstadt Brüssel, "Die Erweiterung" beschäftigt sich bezaubernd mit Albanien.

Wie näherte sich Menasse dem Thema?
Mit einem gewissen Aufwand. Er mietete eine Wohnung in Brüssel und recherchierte vier Jahre lang dazu. Die Vorgeschichte, so Menasse in einem Interview, ist die Geschichte der Europäischen Union. Er wollte verstehen, welche Bedeutung sie hat und welchen Einfluss sie auf die Menschen hat. Das Buch wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichnet.
Hat er auch andere Preise gewonnen?
Nicht gewonnen, gesammelt, 27 sollen es sein! Nur einige davon seien hier erwähnt: 2024 gewann er den Kakehashi-Literaturpreis des Goethe-Instituts Tokyo, gemeinsam mit der japanischen Übersetzerin Dr. Tomoko Fukuma, 2023 und 2019 wurde ihm der Prix du livre européen (Europäischer Buchpreis) verliehen, im Jahr 2022 erhielt er den Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch.
Wie sieht er die EU?
Wohlwollend kritisch. Oder kritisch wohlwollend. In all seinen Interviews der letzten Jahre tritt Menasse als Verteidiger der Europäischen Union auf. Seine Vision eines künftigen Europas ist die einer "Republik Europa" mit den einzelnen Staaten als Regionen.
Wie äußerte sich das?
Am 10. November 2018 wurde im Rahmen der Kunstaktion "European Balcony Project" die "Europäische Republik" ausgerufen, tatsächlich von 150 Balkonen in 24 europäischen Ländern aus. Menasse war federführend an der Erstellung des Projekt-Manifestes beteiligt.

Was war das Ziel?
Eine Diskussion anzustoßen, so Menasse damals. Die zentrale Forderung ist dabei, für alle Bürgerinnen und Bürger der EU gleiche Rechte zu ermöglichen. Notwendig sei dafür die Auflösung der Nationen.
Wer machte mit?
In Österreich unter anderem das Burgtheater, das Volkstheater und die Schauspielhäuser in Graz und Wien. Peter Simonischek verlas auf dem Josef-Meinrad-Platz das Manifest des "European Balcony Project", die Europahymne wurde mit einer E-Gitarre und einem Bläserensemble vorgetragen.
Wie waren die Reaktionen?
Sehr unterschiedlich: "Zu isoliert, zu künstlerisch, zu literarisch" nannten es die einen, andere bezeichneten die Aktion als wichtig für die Zukunft Europas. Wegen seiner Beteiligung wurde Menasse vor allem aus der rechten Ecke stark kritisiert und der "Staatsverweigerung" bezichtigt.
Wovon handelt sein neues Buch?
Wieder geht es um die EU. Diesmal steht ein enttäuschter Beamter der Generaldirektion Umwelt in Brüssel im Mittelpunkt der Erzählung. In seiner "Arbeitszelle" kann man zwei Schritte machen zwischen Schreibtisch, Spind und einem der beiden Fenster. Er arbeitet auf der Unterebene Naturkapital und Ökosystemgesundheit.
Wie heißt der Protagonist?
Franz Fiala und er ist nach 28 Jahren im öffentlichen Dienst der EU-Kommission frustriert und wütend.
Was macht ihn so wütend?
Jahrelang hat er mitgearbeitet am Green Deal-Programm der EU-Kommission. Und nun drohen massive Streiks der Bauernschaft den ganzen Plan zu kippen, wie schon das Glyphosat-Verbot im Jahr davor. "Weniger als vier Prozent der Europäischen Union sind Bauern, und sie bekommen ein Drittel des EU-Budgets an Förderungen. Und dafür können sie kein Formular ausfüllen? Und sie können nicht mit einer Frist von zehn Jahren von krebserregenden Umweltgiften auf Alternativen umstellen?"
Und was tut der Protagonist?
Er trifft eine Lebensentscheidung. Statt ein Post-it auf seine Bürotür zu hängen mit der Aufschrift "bin im Hof rauchen/ auf einem Meeting/in der Kantine", strebt er die Frühpension im 58. Lebensjahr an. Nach zehn Jahren Beschäftigung bei der Kommission in Anspruch wird er trotz der Abschläge eine gute Pension erhalten.
Zieht er den Beschluss durch?
Ja, aber seiner 89-jährigen Mutter, die er regelmäßig in Wien besucht, verschweigt er ihn. Die Mama, deren ganzer Stolz sein Studium und seine "Karriere" waren, würde das zu sehr kränken. Ihr verdankt er schließlich seine Bildung. Im Lauf der Geschichte webt er ihr ein Spinnennetz aus Lügen, um die alte Frau glücklich zu machen.
Was behauptet er stattdessen?
Dass er nun Berater der Kommissionspräsidentin wäre und diese für eine zweite Amtszeit vorbereite, alles streng geheim. Damit kann er auch künftig ein weiteres Verbleiben in Brüssel begründen und muss nicht ganz nach Wien zurück, wo er nur eine Zimmer-Küche Wohnung hat.

Wer noch wichtig ist in seinem Leben
In Wien lebt seine beste, platonische Freundin Felicitas. Sie schütten einander ihre Herzen und Seelen aus, soweit ein Mann das eben tut. Ihr erzählt er als Erster von seinem Plan. Er könne nicht mehr. „Politik ist der Überlebenskampf der Prinzipienlosen. Und Demokratie? Idioten rennen Kriminellen nach, die Phrasen dreschende Regierungsdarsteller vor sich hertreiben.W"
Keine Liebesaffäre für Franz?
In Brüssel hat er seit vier Jahren eine Beziehung mit Nathalie. Man wohnt nicht zusammen, aber das möchte Franz in Zukunft ändern. Kündigen, zu Nathalie ziehen, das Verhältnis festigen. Er hält sogar um ihre Hand an, wenn auch sehr ungeschickt und bar jeder Romantik.
Was ist sein Plan?
Nur noch ab und zu will er nach Wien fliegen, zur Mutter. Seit der herrische, ungebildete Vater tot ist, lebt sie allein. Die Mutti hat allerdings bei seinem letzten Besuch sehr schlecht ausgesehen. Lange macht sie es nicht mehr, wer weiß, was da bald auf ihn zukommt. Wenn da nicht ständig seine eigenen unerträglichen Schmerzen wären …
Wieso geht er nicht zum Arzt?
Zuerst denkt er an Gastritis oder eine Darmentzündung. Erst, als nicht einmal mehr Schmerzmittel mit Alkohol die Qual dämpfen können, besucht er einen Gastroenterologen. Der verweist ihn schnurstracks ans AKH, wo Bauchspeicheldrüsen-Krebs diagnostiziert wird. Laut Dr. Google bedeutet das noch sechs Monate bis maximal ein Jahr.

Wie geht es mit Nathalie weiter?
Als Franz, wieder in Brüssel, im Restaurant mit ihr sitzt, zieht sie sich recht kühl aus der Affäre. Dabei hat er gar nichts von seiner Krebserkrankung erzählt. Offenbar gibt es auch schon einen anderen. "Ein gemeinsames Leben, eine lange Lebenszeit, die in ihrer Gleichförmigkeit letztlich wie ein langer Tag war, wurde in dieser Stunde ein Punkt."
Erzählt er irgendjemandem von der Erkrankung?
Nur seiner Freundin Feli in Wien. Die Mutter lügt er an, wiewohl sie ihm auf den Kopf zusagt, wie schlecht er aussieht. Als er zu einer großen Operation ins AKH muss, lässt er die Mutter glauben, er wäre in Brüssel bei der Arbeit. Er hat nun eine neue Lebensentscheidung getroffen. "Überleben konnte für ihn nur heißen, seine Mutter zu überleben. Vor ihr, bis zu ihrem Tod, seine Krankheit zu verheimlichen."
Wovon "Die Lebensentscheidung" noch handelt
Von Familienbanden, die trotz aller Reizbarkeiten und Generations-Unterschiede Wirkung entfalten und Bestand haben. Vom Gelingen und Misslingen persönlicher Beziehungen ebenso wie von Abschied und Trauer. Und vom Platzen beruflicher Utopien, in die man jahrzehntelang den Großteil seiner Energie und Kraft gesteckt hat, und was man deshalb alles nicht gemacht hat - Erlebnisse, Erfahrungen und Genüsse - obwohl es möglich gewesen wäre.
Was der Autor über "Die Lebensentscheidung" sagt
Der Stoff hat Menasse "angeweht", so der Autor im Verlagsgespräch. Vermutlich, weil im letzten Jahr drei nahe Bekannte in seinem Alter gestorben sind. Das hat ihn sehr berührt. Und aus seiner Sicht ist der Tod eines Kindes für eine Mutter das Schrecklichste.
Wie kann man das Buch auch sehen?
Menasse sagt selbst: "Ich will nicht leugnen, dass man die Novelle auch als Metapher auf den Untergang der Europäischen Union lesen kann."
Wodurch die Novelle besticht?
Robert Menasse ist hier eine Geschichte gelungen, die alle menschlichen Urgefühle – Freude, Überraschung, Angst, Wut, Ekel, Trauer und Verachtung – in einfühlsamer, intelligenter und knapper Form erlebbar macht. Mit Witz beschreibt er die Nöte des enttäuschten EU-Beamten. Immer wieder tauchen köstliche Analogien in der Erzählung auf. Auch die Selbstgespräche von Franz Fiala berühren beim Lesen. Ohne eine Sekunde kitschig zu sein.
"Die Lebensentscheidung", Robert Menasse, Novelle, 158 Seiten, 2026, Verlag Suhrkamp, € 22,70
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für NewsFlix schreibt sie über aktuelle Literatur. Sie lebt in Wien. Im Vorjahr ist ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" erschienen.