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Geld? Liebe? Freiheit?

Was ist eigentlich ein "gutes Leben"? Vier Frauen auf der Suche

Nadine Schneider hat mit "Das gute Leben" einen eindrucksvollen Roman geschrieben. Auf der Leipziger Buchmesse war sie eben eine der wichtigen Namen. In ihrem Buch schildert sie das Schicksal von vier Frauen aus vier Generationen. Männer spielen kaum eine Rolle.

Nadine Schneider: "Den Schrecken über ein paar Worte, in denen einmal etwas Ehrliches, etwas Wahres steckt, den werden wir nicht los"
Nadine Schneider: "Den Schrecken über ein paar Worte, in denen einmal etwas Ehrliches, etwas Wahres steckt, den werden wir nicht los"APA-Images
Angela Szivatz
Akt. 22.03.2026 23:30 Uhr

Mehr Geld, eine steile Karriere, Unabhängigkeit oder Freiheit von Unterdrückung? Was macht ein gutes Leben aus? Vier Generationen von Frauen stellen sich diese Fragen im neuen Roman von Nadine Schneider und finden sehr unterschiedliche Antworten darauf.

Eine der Frauen lebt in Rumänien, eine flieht nach Deutschland, um bei "Quelle" am Fließband zu stehen. Eine übersiedelt in die USA und lässt ihr Kind in Deutschland zurück. Das Buch zeigt die Härten des Lebens auf, auch die Härten, die sich die Frauen selbst zumuten, aber auch anderen gegenüber.

Die (deutsche) Leistungsgesellschaft der Nachkriegsjahre bildet die Hintergrund-Kulisse für den Roman. In den Boomjahren machte es nicht für allen Peng. Auch davon handelt "Das gute Leben". Was Sie über Buch und Autorin wissen müssen:

Wer ist die Nadine Schneider?
Sie wurde 1990 in Nürnberg geboren, ihre Eltern sind aus dem deutschsprachigen Teil in Rumänien eingewandert. Schneider studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin. Berufliche Stationen führten sie unter anderem an die Komische Oper und an die Vaganten Bühne Berlin. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Nürnberg.

"Das gute Leben“ von Nadine Schneider, Roman, 303 Seiten, S. Fischer Verlag, € 26,50
"Das gute Leben“ von Nadine Schneider, Roman, 303 Seiten, S. Fischer Verlag, € 26,50
S.Fischer

Ist es peinlich, wenn ich noch nie von ihr gehört habe?
Der "Bachmannpreis" 2021 hätte dafür eine Chance geboten. Da las Schneider aus einem Text namens "Quarz" vor. Er handelt von einem Mädchen, das in ein Dorf zieht. Die Jury war sich in der Beurteilung unschlüssig.

Und sonst so?
Schneiders erster Roman "Drei Kilometer" (2019) wurde unter anderem mit dem Hermann-Hesse-Förderpreis und dem Literaturpreis der Stadt Fulda ausgezeichnet. "Wohin ich immer gehe" (2021) war ihr zweiter Roman. Nun folgte eben "Das gute Leben".

Warum ist derzeit viel von Nadine Schneider zu hören?
Weil sie auf der Leipziger Buchmesse, die vom 19. bis 22. März stattfand, eine prominente Rolle spielte. Ihr neuer Roman passte thematisch mitten im Fokusthema des Literaturgipfels: "Donau – Unter Strom und zwischen Welten".

Weshalb Fokusthema Donau?
Weil die Donau schon seit Jahrhunderten zweierlei ist: Eine "Wasserstraße der Hoffnung und eine Deportationsroute", so die Veranstalter der Buchmesse. Banat, Siebenbürgen und Bukowina sind drei historische Regionen, deren Geschichte in vielerlei Hinsicht von deutschsprachigen Minderheiten geprägt wurden.

Wie kam es dazu?
Menschen aus vielen Regionen Deutschlands sowie aus Österreich suchten im 17. Jahrhundert ein besseres Leben im Südosten Europas. Die Habsburger deportierten aber auch unliebsame Bürgerinnen und Bürger ins Banat, zum Beispiel sogenannte "liederliche" Frauen, die dann zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für Newsflix
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für Newsflix
Helmut Graf

Wann und wie kam es zur Umkehr?
Rumänien stand im Zweiten Weltkrieg an der Seite von Hitler-Deutschland, viele Deutschstämmige waren glühende Nationalsozialisten. Nach dem Krieg wurden viele verfolgt, enteignet oder auch zwangsübersiedelt. Damals begann, was in einigen Neuerscheinungen zum Messe-Fokus Donau heuer thematisiert wird: die freiwillige "Heimatsuche" im Land der Muttersprache, in Deutschland.

Welche Rolle spielt die Theamtik in Schneiders drittem Buch?
Die zentrale Figur ist Anni, eine deutschsprachige Rumänin, die Anfang der 1960er Jahre schwanger nach Deutschland flieht. Dort lassen sie alle Verwandten im Stich, bis auf ihren Bruder. Mit ihm und bald ihrer Tochter Helene haust sie jahrelang in einer winzigen Substandard-Wohnung.

Hat sich Anni das Leben in Deutschland so vorgestellt?
Ganz und gar nicht. Sie erkennt immer deutlicher, wie sehr sie sich verändert, sich fehl am Platz fühlt. Sie ist kreuzunglücklich, das Kind geht ihr auf die Nerven, sie fühlt sich eingesperrt, sehnt die monatlichen Anrufe bei ihrer Mutter herbei. Gern möchte Anni wieder nach Hause, doch die Mutter lehnt das kategorisch ab.

Wie reagiert sie darauf?
Anni beschließt, sich einen Job zu suchen und findet einen am Verpackungsfließband beim Versandhaus "Quelle", dessen Erfolgsgeschichte mit Milliardenumsätzen ein Symbol des Wirtschaftswunders wird. Als sie dort auch noch auf die Inhaberin Grete Schickedanz persönlich trifft, ist Annis Hingabe an das Unternehmen nicht mehr zu bremsen.

Klingt, als wäre alles gut
Jobmäßig ja, obwohl es nie zu einem Karriereschritt für Anni kommt. Immerhin erbt sie das kleine Häuschen mit Garten von ihrem Onkel, das nahe der Stadt Nürnberg liegt. Doch ihre Tochter Helene, inzwischen selbst eine junge Mutter, hat in der Greencard-Lotterie der USA gewonnen, wandert aus und lässt ihre kleine Tochter Christina bei Oma Anni zurück.

Wie reagiert Christina?
Obwohl sie die Oma liebt, ist Christina sehr traurig, fühlt sich verlassen und fragt sich, wie viele Kinder in dysfunktionalen Familien, was sie falsch gemacht hat. Allmählich weicht die Trauer einem gewissen Trotz und einer Genervtheit gegenüber Helene, die sie auch das ganze Buch hindurch nie Mama nennt. Und sie hat Anni, die immer zu ihr hält.

Wie schafft Anni das alles allein?
Mit Zähigkeit, Kraft und Pflichtbewusstsein. Christina wird groß, studiert, zieht nach Berlin, arbeitet in der PR. Als Anni nach 35 Jahren, zwei Jahre vor der Pensionierung, bei Quelle gekündigt wird, bricht ihre Welt beinahe zusammen. "Sie will den Weg zum Personaleingang nehmen und die vertraute Luft in den Gängen riechen, in den Hallen, diese immer ein wenig verbrauchte Luft, den Geruch nach Metall und Pappkartons, den Geruch nach Menschen."

Aber?
Sie rappelt sich auf und lebt noch 12 Jahre. Mit 75 stirbt sie überraschend nach einer Bypass-Operation. Ihr Haus hat sie Christina vererbt.

Was macht Christina?
Statt auf Urlaub mit ihren Freundinnen fährt sie zum Haus der Großmutter. Statt es zu räumen, versinkt sie immer mehr in Erinnerungen. An die Bettlade voll mit Quelle-Katalogen, an die Reisen mit der Großmutter nach Rumänien. Daran, wie lebendig ihre Oma dort wurde und wie sie allmählich wieder an Selbstsicherheit gewann. Und daran, wie ärmlich die Urgroßmutter in Rumänien lebte und dennoch nicht zu ihren Kindern übersiedeln wollte.

Grete Schickedanz, Besitzerin des Versandhauses Quelle, mit ihrem Modeberater Heinz Oestergaard
Grete Schickedanz, Besitzerin des Versandhauses Quelle, mit ihrem Modeberater Heinz Oestergaard
APA-Images

Bleibt Christina in dem Haus?
Keine Sekunde lang kommt das für sie in Frage. Sie erlebt sogar Momente der Angst, noch nie zuvor hat sie allein dort übernachtet. Und das, obwohl ihr die Oma im ganzen Haus noch so präsent erscheint. Mit jedem Tag gewinnt Christina Abstand und die Freiheit, loszulassen, um sich auf die Suche zu machen, wo und wie für sie das gute Leben zu finden sein kann.

Was sie alle gemeinsam haben
Eine schmerzhafte Sprachlosigkeit und Härte im Umgang miteinander. Das Heimweh der Jungmama Anni bleibt bei ihrer in Rumänien verblieben Mutter ungehört. Die Lebendigkeit und kindliche Anhänglichkeit der kleinen Helene wird von der überforderten Anni mit Schlägen und Beschimpfungen bekämpft. Helene wiederum verlässt später ihre kleine Tochter Christina.

Wie äußert sich das?
Etwa in diesem Buchzitat: "Den Schrecken über ein paar Worte, in denen einmal etwas Ehrliches, etwas Wahres steckt, den werden wir nicht los, den hatte Anni, den hat Helene, den habe ich."

Und die Väter?
Die existieren in diesem Roman nur als marginale Randfiguren. Christinas Urgroßmutter wurde verlassen. Annis Vater spielte also in ihrem Leben kaum eine Rolle. Sie selbst wollte lieber schwanger das Land verlassen, als beim Vater ihres Kindes zu bleiben. Helenes Mann und Christinas Vater verlässt die Familie ebenfalls, als das Kind noch ganz klein ist.

Was die Autorin dazu sagt
"Die weibliche Perspektive war mir wichtig" sagt Schneider. Es geht ihr um Frauen, denen kein selbstverständlicher Platz in der Welt gegeben war. Sie mussten sich diesen mit Fleiß, Arbeit und Anpassung erarbeiten. Beim legendären Versandhaus "Quelle" waren beinahe ausschließlich Frauen beschäftigt. Gerade in den 1960er und 1970er Jahren wäre der wirtschaftliche Aufschwung ohne sie nicht möglich gewesen.

Wie viel Familienerfahrung steckt in der Geschichte?
Am meisten verbunden fühlt sich die Autorin mit Christina, die gleich alt wie sie ist. "Auch bei ihr läuft die Migrationsgeschichte ihrer rumänischen Familie in eine Sackgasse." Erst in der vierten Generation scheint sich der Druck des Migrationshintergrundes zu lockern, vielleicht sogar zu verflüchtigen. Gerade für Anni hat Nadine Schneider aber viel dem Sprachgebrauch ihrer Familie "nachgelauscht, besonders meinen Großeltern."

Was ist an "Das gute Leben" so besonders?
Durch die einfach und unprätentiös beschriebenen Alltagsszenen ziehen sich beinahe körperlich spürbar die Mühe und die viele Arbeit, die nur das Leben an sich schon macht. Erahnen lässt es sich bei der Urgroßmutter, beinahe täglich erlebbar ist es in den Textpassagen über Großmutter Anni, und über Helene, die sich wie eine Ertrinkende an ihren Zigaretten festhält.

Lohnt es sich, das Buch zu lesen?
Ja, vor allem, wenn man verstehen will, wie schwer ein Neuanfang fern der Heimat ist, selbst wenn er frei gewählt war. Wie schmerzhaft es ist, Sätze zu hören wie: „Nur, weil sie dieselbe Sprache spricht, gehört sie noch lange nicht dazu.“ Wie fremd man sich selbst werden kann und wie viel Zeit und wie viele Generationen es braucht, um im Neuen anzukommen.

"Das gute Leben“ von Nadine Schneider, Roman, 303 Seiten, 2026 S. Fischer Verlag, € 26,50

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für NewsFlix schreibt sie über aktuelle Literatur. Sie lebt in Wien. Im Vorjahr ist ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" erschienen.

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Angela Szivatz
Akt. 22.03.2026 23:30 Uhr