Mit seinem neuen Roman "Einatmen, Ausatmen" gelingt dem deutschen Autor Maxim Leo ("Es ist nur eine Phase, Hase") einmal mehr der Balanceakt zwischen großer Tragik und subtiler Komik. An der Verfilmung wird bereits gearbeitet.

Alles ist angerichtet für den beruflichen Gipfelsieg von Marlene Buchholz, einer erfolgreichen, aber emotional verkümmerten Managerin. Doch statt an die Spitze des Unternehmens schickt ihr oberster Boss sie in Maxim Leos neuem Roman "Einatmen, Ausatmen" zunächst einmal zu einem Achtsamkeitsseminar – wegen ihrer emotionalen Verhärtung wäre es.
Doch was für Marlene zunächst nur aussieht wie ein kurzes Zwischenspiel auf dem Weg nach ganz oben, wird für sie zum Gamechanger. Die toughe Managerin erkennt, dass Karriere um jeden Preis nicht zwangsläufig der Weg zur Glückseligkeit ist, sondern auch eine Belastung sein kann. Und irgendwann muss sie sich fragen, wer sie eigentlich ist – und wie sie sich ihren weiteren Weg vorstellt.
Dem 56-jährigen Berliner Maxim Leo gelingt in seinen Werken regelmäßig der Balanceakt zwischen komödiantischer Überzeichnung und berührenden Momenten, zusammengehalten von glaubwürdigen, menschlichen Zwischentönen, die er den meisten seiner Protagonisten spendiert. "Einatmen, Ausatmen" macht da keine Ausnahme. Was Sie über Buch und Autor wissen müssen:
Wer ist Maxim Leo?
Der Autor zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellern in Deutschland. Er wurde 1970 in Ostberlin geboren, von 1990 bis 1995 studierte er Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und am Institut d’études politiques de Paris. Danach arbeitete er als Journalist, 2002 wurde ihm der Deutsch-Französische Journalistenpreis und 2006 der Theodor-Wolff-Preis verliehen.

Was hat er bisher veröffentlicht?
Jede Menge. Zum Beispiel 2005 gemeinsam mit Jochen-Martin Gutsch, ebenfalls Journalist und Autor, "Single. Family. Zwei Männer. Zwei Welten. 66 wahre Geschichten." 2009 erschien Maxim Leos autobiografisches Buch "Haltet euer Herz bereit – eine ostdeutsche Familiengeschichte". Dafür erhielt er 2011 den Europäischen Buchpreis.
Noch was?
2019 veröffentlichte er sein zweites autobiografisches Werk "Wo wir zu Hause sind", das die Geschichte seiner in die Welt vertriebenen jüdischen Familie erzählt und zum Bestseller wurde. Er verfasste auch eine Folge für den "Tatort" und schreibt eine Krimi-Reihe um Kommissar Voss, der in Brandenburg ermittelt.
Das war's jetzt aber, oder?
Nein, gemeinsam mit Jochen-Martin Gutsch veröffentlichte Leo auch noch "Sprechende Männer", "Du bleibst mein Sieger, Tiger" und "Es ist nur eine Phase, Hase". Alle drei handeln von den Merkwürdigkeiten im Leben mittelalter Männer. Letzterer wurde mit Christoph Maria Herbst und Christiane Paul in den Hauptrollen verfilmt. Maxim Leos 2022 erschienener Roman "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße" landete ebenfalls in den Charts und letztes Jahr auf der Leinwand, verfilmt mit Charly Hübner, Christiane Paul und Leonie Benesch.
Wovon handelt "Einatmen, Ausatmen"?
Klingt nach Yoga, hat auch damit zu tun. Außerdem mit gesunder Bewegung, vegetarischer Ayurveda-Ernährung, Alkohol- und Handyverbot sowie Selbstsuchen. All das begegnet Marlene, der superehrgeizigen Topmanagerin des Aviola-Konzerns, beim Achtsamkeitstraining, zu dem der Vorstandsvorsitzende Dr. Finckenstein sie verdonnert hat. Weil sich laufend Mitarbeiter über ihre mangelnde Empathie beschwert haben.
Was sagt Marlene dazu?
Wohl oder übel willigt sie ein, 14 Tage in "so eine Umerziehungsanstalt" zu fahren, obwohl sie keinerlei Bedarf für sich sieht. Aber das ist der Preis, damit sie die nächste Vorstandsvorsitzende werden kann. Auf Schloss Schönerlinde angekommen, mischt sie den Laden gleich ordentlich auf und fordert den Besitzer und Coaching-Leiter der "Academy", Alex Grow, bei ihrem ersten Einzelcoaching heraus.

Wie reagiert der?
Irritiert, denn ihn haben seine langjährige Selbstausbeutung und seine Selbstzweifel in einen erschöpften, von Panikattacken geplagten Zustand getrieben. Seine Finanzlage wird immer enger. Und dann ist da auch noch seine Bindungsangst in Beziehungen. Doch Alex wahrt den Schein und fordert von Marlene, sich dem Ungewohnten zu stellen und aus der Komfortzone zu kommen, es wird sich für sie lohnen.
Nimmt sie seinen Ratschlag an?
Zunächst nur zum Schein. Doch dann gerät sie bei ihrem ersten einsamen Waldspaziergang in eine beinahe existenziell bedrohliche Situation. Dadurch gerät in Marlene etwas in Bewegung. Und sie lernt Mattissen näher kennen, den Hausmeister des Schlosses, der auch Jäger ist und früher Forscher war. Er pflegt seine schwer krebskranke Mutter und trinkt heimlich Bier mit Marlene.
Wie geht es weiter mit Marlenes Entwicklung?
Sie stürzt sich in eine Familienaufstellung ihrer Ursprungsfamilie. Dabei entdeckt sie nicht nur, warum ihre Mutter ihr so viele Ängste und einen Mangel an Lebensfreude vermittelt hat. Sie erfährt auch, dass eigentlich die traumatischen Erlebnisse ihrer Großmutter die Ursache dafür waren – Generationenlasten. Und Marlene nimmt erstmals wahr, dass sie einsam und menschenscheu geworden ist.
Was ist der Großmutter passiert?
Auf der Flucht aus Schlesien nach dem Krieg stirbt nicht nur ihr kleiner Bruder, sie selbst wird vergewaltigt. Darüber ist aber nie gesprochen worden. Marlene erinnert sich nun an eine Kiste mit Dokumenten von der Großmutter und daran, dass diese ihr ab und zu etwas erzählt hatte, aber nicht die entscheidenden Traumata.
Wie geht es im Buch weiter?
Es kommt ein wenig viel auf einmal zusammen. Alex Grow versteckt die 14-jährige Ökoaktivistin Connie, die von zu Hause abgehauen ist, vor der Polizei. Mattissens Mutter stirbt und Marlene entscheidet sich, ihm als Trauerbegleiterin zur Seite zu stehen und dabei zu helfen, den Hausrat der Mutter zu entsorgen. Alex' Freundin will mehr von ihm. Und Marlenes Chef macht Alex eine Art Erpressungsangebot.
Was will der Aviola-Vorstand von Alex?
Der Coach soll Marlene innerhalb weniger Tage fit für ein Hearing als künftige Vorstandsvorsitzende machen. Falls ihm das gelänge, verlangt Alex, muss Dr. Finckenstein ihm zusichern, künftig den gesamten Schulungsbedarf des Unternehmens bei ihm abzuwickeln. Alex überschreitet damit eine der Grundregeln des Coachings: Nie ein eigenes Interesse am Ausgang einer Klienten-Entwicklung zu haben.

Wie reagiert Marlene darauf?
Sie ist im ersten Moment gar nicht interessiert an dem Aufstieg, denn sie fühlt sich in ihrer aktuellen Lage und Entwicklung nach einer Woche schon sehr wohl. Es bahnt sich sogar ein kurzer romantischer Moment zwischen ihr und Mattissen an. Das war es doch, was Dr. Finckenstein und die anderen von ihr wollten – Empathie und Mitgefühl zeigen, lebendig sein. Plötzlich fühlen sich ihre früheren Karriereträume gar nicht mehr so dringlich an.
Was passiert dann?
Alex Grow baut nach Marlenes Ablehnung einen Unfall. Seine Freundin Johanna taucht auf und kümmert sich, worauf er beschließt, sich auf die Liebe einzulassen, die er aber noch nicht fühlen kann. Dann begleitet er Connie zu einer Baumschutzdemo und nimmt das Kind danach bei sich auf – hier wird die Handlung leider unglaubwürdig.
Und Marlene?
Die entscheidet sich doch noch für das Karriere-Gespräch in der Firma. Es geht drunter und drüber in der Geschichte …
Gut oder schlecht?
Die Grundidee des Plots ist witzig, die Hauptfiguren sind gut getroffen, glaubwürdig und ihre Nöte nachvollziehbar. Humorvolles Auseinanderklauben der unterschiedlichen Welten ohne erhobenen Zeigefinger – da die Wellnessoase, dort der Konzernalltag – und tiefgründige Gedanken und Beobachtungen der Protagonisten wechseln einander ab. Hier war ein guter Beobachter am Werk.
Was sagt Maxim Leo über seine Schreibe?
"Ich wähle meine Themen nicht nach Trends", so der Autor im Interview. Trotzdem passt sein neues Buch sehr gut zu den aktuellen "New Health"-Ideen und zur Frage, was ein gutes Leben ist. Absicht? – Zufall, so Maxim Leo. Und er erzählt, dass er wie ein Beamter schreibt: Jeden Morgen von 9:30 bis 12:30 Uhr. Sein Ziel: drei Seiten täglich. Klappt das gut, schenkt er sich selbst ein Makronentörtchen.
Schreibt er die Drehbücher zu seinen Romanen selbst?
Nein, dafür bekommt er meist Angebote von anderen Drehbuchschreibern oder Produzenten. Nicht immer ist er mit dem Ergebnis zufrieden, wie etwa bei "Es ist nur eine Phase, Hase" (Trailer siehe oben). Auch für "Einatmen. Ausatmen." wird schon am Drehbuch geschrieben, von Elena Hell, die bereits "22 Bahnen" adaptiert hat. Bei ihr, so Maxim Leo, habe er gleich ein sehr gutes Gefühl gehabt.
Lesen oder lassen?
Insgesamt ist in die gute Story-Idee zu viel hineingestopft worden. Sehr viele Sehnsüchte und Traumata der Hauptfiguren mussten auf den 254 Seiten Platz finden. Im Lauf der inneren Reisen hätten die Romanfiguren aber mehr Entwicklungszeit und -raum gebraucht, um glaubhaft zu einem Happy End zu gelangen. Es hätte der Tiefe der Erzählung gutgetan, da und dort etwas wegzulassen – "to kill some darlings", wie es in der Creative-Writing-Szene heißt. Vielleicht gelingt das ja dann bei der Verfilmung.
"Einatmen, Ausatmen", von Maxim Leo, Roman, 254 Seiten, 2026, Kiepenheuer & Witsch, € 24,50
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für NewsFlix schreibt sie über aktuelle Literatur. Sie lebt in Wien. Im Vorjahr ist ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" erschienen.