Anna Freud ist die Begründerin der Kinderpsychoanalyse, im Zweiten Weltkrieg gründete sie Kinderheime. Der Roman "Und sie schenkten ihnen ein Zuhause" setzt der Tochter von Sigmund Freud nun ein Denkmal. Und erzählt nebenbei eine zweite Geschichte.

Sie schreibt Kriminalromane, historische Krimis und klassische Romane rund um historische Persönlichkeiten wie Katharine Hepburn, Estée Lauder oder Maria Montessori. Einmal heißt sie Beate Maly (wie im richtigen Leben), dann Lina Jansen oder Laura Baldini.
Der neueste Roman von Maly heißt "Und sie schenkten ein Zuhause", ist eben erschienen und führt in Österreichs Kriegsjahre, aber nicht nur. Was sie über das Buch wissen müssen:
Wer ist Beate Maly – und wenn ja, wie viele?
Maly ist 1970 in Wien geboren und aufgewachsen, wurde zunächst Kindergartenpädagogin und veröffentlichte Kindergeschichten, Kinderbücher und pädagogische Fachbücher.
Wie ging es los mit der Zweitkarriere?
2007 erhielt sie für den Entwurf zu ihrem ersten historischen Roman "Die Hebamme von Wien" das Wiener Autorenstipendium. Seither schreibt sie laufend. Und das ist keine Übertreibung. Beate Maly lebt in Wien, hat drei Kinder und ist geschieden.
Arbeitet sie noch als Pädagogin?
Jein, nur noch wenige Stunden pro Woche. Nach einer Zusatzausbildung zur mobilen Frühförderin und einem Masterstudium spezialisierte sich Maly auf die Arbeit mit Kindern, die eine Autismus-Spektrum-Störung haben. Das brachte sie auf die Idee zu ihrem Buch "Aspergers Schüler" (2023), das von Dr. Hans Aspergers neuem Zugang zu dieser Störung in den 1920er Jahren handelt.

Ist das Asperger-Syndrom nach ihm benannt?
So ist es, denn der Arzt gilt als Erstbeschreiber dieser Form des Autismus. Während des Zweiten Weltkriegs an der Universität Wien beschäftigt, leistete Asperger aber auch Beihilfe zum Euthanasieprogramm der Nazis. Das konnte der Zeithistoriker Herwig Czech von der MedUni Wien in Studien belegen.
Wie vielschreibend ist die Vilschreiberin?
Beate Maly hat seit 2008 rund 40 Bücher veröffentlicht, darunter ihre beliebte Serie mit Ernestine Kirsch, pensionierte Lateinlehrerin, und Anton Böck, Apotheker als liebenswertes Ermittler-Paar in den 1920er Jahren.
Was schreibt sie noch?
Unvorstellbar viel und vielfältig: verschiedene Reihen historischer Wien-Krimis, historische Romane über bedeutende Frauen, die die Welt veränderten, Pädagogik-Fachbücher und Kinderbücher.
Schläft sie jemals?
Jedenfalls, sagt sie, nimmt das Schreiben von Jahr zu Jahr mehr Raum in ihrem Leben ein.
Gab es für das viele Schreiben auch viele Preise?
2019 für "Mord auf der Donau", 2023 war "Aurelia und die letzte Fahrt" für den Leo-Perutz-Preis nominiert. 2021 wurde Baldini/Maly für "Lehrerin einer neuen Zeit" mit dem Silbernen Homer (Preis für historische Romane bis 1930) ausgezeichnet.

Wie ist Malys neues Buch aufgebaut?
Es bespielt zwei Handlungsstränge. Einerseits ist da die fiktive Geschichte von Helene Moser, Lehrerin, und ihren Freundinnen in den Jahren 1938 bis 1946. Helene ist Mitarbeiterin von Anna Freud, Sigmund Freuds Tochter.
Und der zweite Erzählstrang?
Der spielt 1986 und handelt von Rose Brown, einer 28-jährigen Buchhändlerin in London. Roses alleinerziehende Mutter stirbt in diesem Jahr 44-jährig an Krebs. Für die Bestattung sucht Rose verzweifelt nach der Geburtsurkunde der Mutter und stößt auf lauter Rätsel.
Wovon handelt das neue Buch noch?
Hinter dem etwas sperrigen Titel "Und sie schenkten ein Zuhause" steckt vor allem die Geschichte der Kriegskinderheime, "War Nurseries", die von Anna Freud im England des Zweiten Weltkriegs gegründet wurden. Wie ihr Vater floh die Begründerin der Kinderpsychoanalyse als Jüdin vor den Nazis nach England. Helene war bereits in Wien bei Anna Freud beschäftigt und reist nach.
Wie kam Anna Freud auf die Idee der Heime?
Schon in Wien hatte Anna Freuds Interesse und Engagement für das Seelenleben von Kindern begonnen. Mit finanzieller Unterstützung gründete sie eine Einrichtung für die Kleinsten: Die Jackson-Krippe für kleine Kinder, die seelische Unterstützung brauchen. Die Erziehungsmethoden dort orientierten sich stark an Maria Montessoris Theorien.
Was war Anna Freud dabei besonders wichtig?
Sie legte Wert darauf, dass Kinder aus sozial schwachen Familien aufgenommen werden. Außerdem nutzten sie und ihre geschulten Mitarbeiterinnen den Umgang mit den Kindern auch dazu, Anna Freuds Theorien über die kindliche Entwicklung in der Praxis zu überprüfen.

Wie geht es in der Geschichte weiter?
Helene muss in Wien ihre Ausbildung zur psychoanalytisch geschulten Pädagogin abbrechen. Unter Tränen verabschiedet sie sich von ihren Freundinnen Lili, die mit ihren reichen Eltern in die USA auswandern kann, und von Lotte, die bald nach England nachkommen will, leider fehlen ihr dazu die Mittel.
Was passiert im London der 40er Jahre?
Zunächst als Kindermädchen beschäftigt, arbeitet Helene ab 1941 als Betreuerin im ersten Kriegskinderheim, das Anna Freud eröffnen kann. Waisen werden dort ebenso untergebracht wie Kinder, deren Eltern keinen Wohnplatz mehr haben und Arbeit suchen. Im Laufe der Zeit wird es insgesamt drei "War Nurseries" geben, in denen die Kinderseele und die Bedeutung von Bindung für eine resilientes Erwachsenenleben erforscht werden.
Welche Figuren sind noch wichtig?
Roses Großmutter. Von ihr erfährt sie endlich die Wahrheit: Roses Mama war adoptiert, 1946 aus einem kleinen Kinderheim in Lindsell. Mehr weiß Granny auch nicht über Claires Vergangenheit. Sie kennt nicht einmal den richtigen Namen ihrer Adoptivtochter. Das "Refugee Children Movement" (RCM) hatte bestimmt, dass die Kinder von ihrer Vergangenheit befreit werden sollten.
Das muss ein Schock gewesen sein?
Ja, Rose muss sich erst fassen, bevor sie sich gemeinsam mit ihrer besten Freundin auf den Weg nach Lindsell macht. Dort angekommen trifft sie auf den feschen, sympathischen Matthew, Lehrer, Anfang 30, denn das ehemalige Kinderheim gehört nun seinen Eltern. Doch die sind verreist und er weiß nichts von der Geschichte des Hauses. Matthew beschließt, Rose zu helfen.
Auf welche Art?
Er schlägt vor, in der British Library alte Zeitungen aus den Jahren 1941-46 durchzuackern. Tatsächlich stoßen sie auf einen hilfreichen Artikel in einer Zeitung über eine weitere "War Nurserie" in London aus den 1940er Jahren. Nun ist dort das Freud-Museum untergebracht, das Matthew und Rose bald aufsuchen.

Bringt sie das weiter?
Kaum, aber immerhin begegnen sie der Leiterin des Anna Freud Centres, an dem auch Kinderanalytikerinnen ausgebildet werden. "Anna war ihr ganzes Leben lang viel zu bescheiden, weshalb die großen Erfolge anderen zugeschrieben wurden. Aber genau genommen ist sie eine Pionierin der Bindungstheorie," (Zitat)
Da werden sie geholfen?
Die Frau verspricht, Listen mit den Kindernamen von damals zu organisieren und lädt Matthew und Rose zu einem Vortrag der amerikanischen Psychoanalytikerin Dr. Lili Meisel ein, die sich später als die emigrierte Freundin Helenes aus der Vorkriegszeit herausstellt.
Und was tut sich bei Rose und Matthew?
Da bahnt sich eine Liebesgeschichte mit echten Zukunftschancen an. Man stellt einander schon bald die Granny und die Eltern vor. Als Granny Claires alte Briefe an Helene Moser findet, sind alle perplex. Matthew hat schließlich die entscheidende Idee, was es mit Claires Vergangenheit auf sich haben könnte. Mehr wird hier nicht verraten …
Das sagt Laura Baldini/Beate Maly über ihr Buch?
Die meisten Personen sind historisch belegt, mit Ausnahme der Hauptfiguren. "Zur Recherche habe ich mit den Aufzeichnungen von Anna Freud gearbeitet." Wer Freuds Schriften liest (Fischer Verlag), wird echte Fallbesprechungen in Malys Buch wiederfinden. "Je mehr ich über die Heime las, desto klarer wurde mir, dass ich diese Geschichte erzählen will. Als Wienerin erfüllt es mich ein bisschen mit Stolz, dass die Wurzeln dieses einzigartigen Projekts bis in meine Heimatstadt reichen…"

Ist das Zufall oder steckt ein Plan dahinter?
Wenn man sich andere Bücher der Autorin und Frühförderin Maly ansieht, ist ihr großes Interesse an der Entwicklung der Pädagogik und der Arbeit mit Kindern deutlich. In "Lehrerin einer neuen Zeit" porträtierte sie Maria Montessori. Das Buch war über ein Jahr auf der "Spiegel"-Bestsellerliste und wurde in 21 Sprachen übersetzt. In "Die Pädagogin der glücklichen Kinder" steht die Kinderärztin Emmi Pikler im Mittelpunkt, deren Ansätze die Säuglings- und Kleinkindererziehung allmählich reformierten.
Was fällt bei der Lektüre auf?
Die verwendeten Zeiten sind "vertauscht", die 1940er Jahre sind in der Gegenwart formuliert, was das historische Geschehen aktueller wirken lässt. Die Passagen aus dem Jahr 1986 lesen sich locker und amüsant und so, wie wir es von den meisten Romanen gewohnt sind - im Imperfekt.
Lohnt es sich, das Buch zu lesen?
Ja, besonders für alle, die Interesse an der Psychoanalyse für Kinder, an der Person Anna Freud und der Bedeutung der Pädagogik und ihrer Entwicklungen haben. Sehr einfühlsam werden die Nöte und Ängste von Kindern und jungen Menschen beschrieben und die große Bedeutung von Vergangenheitsbewältigung klargemacht. Auch historisch und gesellschaftspolitisch ist der Roman interessant und aufschlussreich.
"Und sie schenkten ihnen ein Zuhause" von Laura Baldini, Roman, 329 Seiten, April 2026 Piper Verlag, € 23,50
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für NewsFlix schreibt sie über aktuelle Literatur. Sie lebt in Wien. Im Vorjahr ist ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" erschienen.