Die Journalistin Annette Dittert lebt seit 18 Jahren auf einem Hausboot in London. In ihrem neuen Buch ergründet sie die Seele der Briten und erklärt das Land politisch. Wie Premier Keir Starmer abstürzte und damit Rechtspopulist Nigel Farage wiederbelebte.

Vor etwa 18 Jahren kam sie in London an, um für die deutsche ARD zu berichten. Für Annette Dittert war es Liebe auf den ersten Blick. 2025 nahm die Journalistin, Autorin und langjährige Auslandskorrespondentin in einem offiziellen Akt sogar die britische Staatsbürgerschaft an. Seither fühlt sich seither wie verheiratet mit London.
Dabei wäre der Brexit eigentlich ein Trennungsgrund für sie gewesen. Pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum des Referendums erscheint jetzt das Buch der Kennerin und Wahl-Londonerin Annette Dittert. Das müssen Sie über die Autorin und "Dear Britain" wissen:
Wer ist Annette Dittert?
Sie studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik in Deutschland. Seit 1983 arbeitet sie als Journalistin und Dokumentarfilmerin. Bekannt wurde sie mit ihrem Videoblog London Calling. In rund 100 Ausgaben berichtete sie bis 2021 launig aus dem britischen Leben. Hier gibt es die letzte Folge zu sehen.
Warum sollte ich Dittert kennen?
Als Moderatorin des ARD-Morgenmagazins (und stellvertretende Leiterin) war sie häufig am Bildschirm zu sehen. Als Studioleiterin und Korrespondentin in Warschau, New York, Moskau oder London tauchte sie regelmäßig in den Wohnzimmern auf. Auf Instagram hat sie 135.000 Follower.

Lebt sie in London?
Ja, aber sehr speziell.
Heißt was?
Annette Dittert wohnt seit mehr als zehn Jahren auf ihrem Hausboot Emilia am Regent's Canal, mitten in London. Das englische Kanalboot (hier gibt es Fotos) mit 18 Quadratmetern Wohnfläche hat sie selbst entworfen und dann bauen lassen. „Am Anfang dachte ich, das kann nicht gehen. Aber dann entdeckte ich, wie viel einfacher das Leben ohne überflüssige Dinge ist.”
War da nicht was mit einem Emmy?
Annette Dittert hat eine Reihe von Auszeichnungen erhalten, 2004 etwa den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für ihre Berichterstattung aus Polen, 2006 den Adolf-Grimme-Preis für die Doku "Abenteuer Glück". Im selben Jahr war sie für den International Emmy Award der International Academy of Television Arts & Sciences nominiert.
Worum geht es in "Dear Britain"?
Dittert tut, was sie immer schon getan hat: Sie versucht, die Seele Großbritanniens ergründen. Natürlich stellt sich schon bald heraus, dass es die gar nicht gibt. Denn die Waliser, die Nordiren und die Schotten empfinden sich selbst als sehr anders als die Engländer, obwohl Tony Blair ihnen 1999 erstmals regionale Parlamente ermöglicht hat.
Wurde dadurch alles besser?
Kommt auf die Perspektive an. Den radikalsten Einschnitt hatte es schon Jahre davor gegeben. In den Achtzigerjahren privatisierte die "Eiserne Lady" Margaret Thatcher die Staatsbetriebe gnadenlos. Das veränderte das Land tiefgreifend. Es gab Profiteure, für viele auf der Insel aber ging es bergab. Seit dem Ausstieg aus der EU 2019 kämpfen die Briten mit den Folgen des Brexit.

Was ist das sichtbare Zeichen?
"Seit 2016 sind sechs Premierminister in die Downing Street ein- und wieder ausgezogen, manche, wie Liz Truss, bereits nach nur 45 Tagen", schreibt Dittert. Und der aktuelle Regierungschef, Sir Keir Starmer von der Labour Party, wackelt gehörig.
Wie hat sich der Brexit ausgewirkt?
Der EU-Ausstieg haben weder die Schotten noch die Waliser mitgetragen, seine Auswirkungen zeigen sich schleichend. Rassismus und Nationalismus verbreiten sich rasant. Aber es gibt ein weiteres Merkmal.
Nämlich?
In London sind in den vergangenen beiden Jahren Zeltstädte von Obdachlosen entstanden. Jedes dritte Kind gilt in England als armutsgefährdet, während sich mehr als die Hälfte des Landes im Besitz von nur einem Prozent der Bevölkerung befindet. Großteils handelt es sich um alte – männliche – Erb-Lords.
Und was ist mit den Ladies?
Im britischen Adel gilt immer noch – wie zu Jane Austens Zeiten – das männliche Erbfolgerecht. Die Autorin erklärt das am Beispiel von Tanya Field. Die gebürtige Lady Tanya von Macclesfield und Erstgeborene ihres Vaters sollte seine Besitztümer erben, konnte es aber nicht. Dittert erklärt diese Praxis und zeigt, wie proaktiv und positiv Tanya mit dem Umstand umgeht.
Wie steht Dittert zur Monarchie?
Auch, wenn sie das Prinzip Monarchie nicht richtig findet, so attestiert sie Charles, ein sehr guter König zu sein. Er "verkörpert und vertritt" die Demokratie, wie er das Ende April bei seiner Rede im US-Kongress betont hat. Dittert gesteht auch ein, wie beeindruckend und bewegend sie selbst "The Queue", die kilometerlange Schlange vor der aufgebahrten Queen Elizabeth II. empfunden hat.


Wie wichtig ist das Königshaus tatsächlich noch?
Der britische Historiker und Biograf Andrew Lownie hat im Vorjahr das Enthüllungsbuch "Entitled: The Rise and Fall of the House of York" geschrieben. Trotz all der Skandale der letzten 20 Jahre in der Königsfamilie merkt er an: "Die Idee einer überparteilichen, konstitutionellen Monarchie an sich ist etwas Fantastisches."
Woran macht er das fest?
"Bei der Beerdigung der Queen hat man es gesehen: Die Institution der Krone hat auch jetzt noch die Fähigkeit, das Land zusammenzuhalten, die Nation zu heilen sogar."
Was verwundert?
Großbritannien hat keine schriftliche Verfassung. Tatsächlich folgen Parlament und Politik Regeln, Gesetzen und Traditionen. Die Macht liegt im – demokratisch gewählten – Unterhaus, das Oberhaus oder "House of Lords" kann aber Gesetzesvorhaben verändern, auch auf "die lange Bank" schieben.
Welche Rolle spielt das Königshaus politisch?
In allen wichtigen Fragen muss die Monarchie befragt werden. Königin oder König können in Ausnahmefällen ihre Zustimmung verweigern. "Das britische Königshaus ist damit trotz seiner vordergründigen Machtlosigkeit eine Art verfassungspolitische Notbremse".
Wie beschreibt Dittert die aktuelle politische Lage?
Überall in Großbritannien gewinnen die Rechtspopulisten der Reform UK Partei an Raum, angeführt von Nigel Farage, dem eigentlichen "Erfinder" des Brexit.

Profitierte er davon?
Der Stern von Farage ging danach unter, um nun immer höher zu steigen. Die Wählerschaft läuft dem Rechtspopulisten scharenweise nach. Die Regional- und Kommunalwahlen Anfang Mai 2026 haben das deutlich bestätigt – ein Desaster für die Labour-Party.
Wie stürzte Labour ab?
Premierminister Keir Starmer trat 2024 an, um die soziale Situation der Briten zu verbessern. Wenige Monate nach seinem Wahlsieg musste er aber eingestehen, dass in der Staatskasse kein Geld dafür vorhanden ist.
Was passierte dann?
Starmer verschärfte die Regeln für die Zuwanderung (ohne nennenswert etwas zu erreichen), und kürzte ausgerechnet im Sozialbereich (für das Gegenteil war er gewählt worden). Seine Popularität und die der Labour Party stürzen ab. "Wir sind eine 'Working Class' ohne 'Work'" zitiert Annette Dittert einen Londoner Pub-Besucher.
Und wo bleibt nun die britische Seele?
Dittert nähert sich dem Thema nicht nur politisch, sondern auch historisch an. Besonders deutlich wird das im Kapitel "Mystic Mud", das von den "Mudlarkern" – auf österreichisch vielleicht mit "Gatsch-Stierler" übersetzbar – an den Ufern der Themse handelt. Bei Ebbe sinkt der Wasserstand kurzzeitig um sieben Meter und spült im Glücksfall Jahrhunderte alte Artefakte ans Ufer.
Was ist mit den berühmten englischen Gärten?
Ein ganzes Kapitel widmet die Autorin, inzwischen selbst begeisterte Gärtnerin, dem Thema. Die Engländer, zitiert sie George Orwell, haben keinen Sinn für Musik oder Malerei. Ihre Kunstform ist das Garteln. Zu den bekanntesten zählen Sissinghurst Castle Garden oder Kent Gardens, UNESCO-Weltkulturerbe und einer der bedeutendsten botanischen Gärten weltweit mit den größten viktorianischen Gewächshäusern.
Wie erklärt sich das?
All die Pflanzenpracht, das arbeitet Ditters klar heraus, gäbe es gar nicht ohne die britischen Kolonien. "Der von König Charles so geliebte blaue Rittersporn kam beispielsweise aus den Bergen des tropischen Afrikas". Glycinien, ja, selbst die zum Inbegriff englischer Gartenkunst gewordenen Rosen, stammen aus China.
Was imponiert ihr?
Im heutigen England hebt Dittert die "Great Dixter House & Gardens" besonders hervor. Dorthin kehrten auf Grund des Verzichts auf Dünger und anderer Maßnahmen in den letzten Jahren tausende Insektenarten zurück.
Was ist mit den Männerclans?
Auch dem legendären Clubwesen der Briten widmet Dittert ein Kapitel. Sie entstanden in den Kolonien und etablierten sich ab dem 17. Jahrhundert in London. Heute gibt es noch etwa 130 davon, davon bestehen 12 Clubs nach wie vor auf "men only". Einflussreiche Frauen lassen sich das nicht mehr einfach gefallen und klagen wegen Diskriminierung.
Warum?
Man darf die Clubs nicht unterschätzen. Sie haben großen Einfluss und werden für Absprachen genutzt. Der traditionelle Garrick Club kam 2024 in die Schlagzeilen. Der Guardian veröffentlichte die Liste der Mitglieder, die preisgekrönte Investigativ-Journalistin Amelia Gentleman hatte sie anonym erhalten. Das war augenöffnend.

Warum hat Dittert das Buch geschrieben?
Vor allem wollte sie sich ihrem Herzensland einmal von einer anderen Seite, ohne Mikrofon und mit neuem Blick, annähern. Dabei entdeckt sie Überraschendes, Charmantes und Erschütterndes.
Was hat Dittert erschüttert?
"Ganz viele Briten, Farage-Anhänger, haben mir auf der Recherche-Reise gesagt: 'Ich glaube gar nicht, dass der irgendwas besser macht, aber er jagt den ganzen Laden wenigstens in die Luft.' Sehr traurig", sagt sie.
Wie geht es bei der Autorin weiter?
Inzwischen hat Annette Dittert 2025 zunächst die ARD, dann auch den NDR verlassen. Ihrer Wahlheimat London bleibt sie treu und will von dort aus weiter als unabhängige Journalistin und Publizistin unterwegs sein. "Immer auf der Suche nach Geschichten, die die Welt erklären - und berühren".
Ist "Dear Britain" empfehlenswert?
Ja, ausgesprochen. Dittert widmet sich in ihrem Buch den schönen Seiten ihrer Wahlheimat, geht aber auch in die Tiefe und beleuchtet problematische Stellen, was an sich nicht so die englische Art sein dürfte. Sie ist eine profunde Analystin der britischen Politik und eine Kennerin des britischen Alltagslebens.
Was zeichnet das Buch aus?
Die elf Kapitel ihres Buches lesen sich spannend und unterhaltsam, manchmal schüttelt man sich, manchmal graut einem vor der Zukunft, die sich auf der Insel anbahnt. Zum Glück kann man bei der Lektüre an vielen Stellen auch staunen. Und lachen.
"Dear Britain – Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens" von Annette Dittert, 256 Seiten, Dumont Verlag, ab € 24,70
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für NewsFlix schreibt sie über aktuelle Literatur. Sie lebt in Wien. Im Vorjahr ist ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" erschienen.