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Wie geht Trauer?

Und dann rief die Notärztin an und sagte: "Ihr Mann ist tot"

Die Bestseller-Autorin Geraldine Brooks schrieb ihr bisher persönlichstes Buch: "Der letzte Montag im Mai" beschreibt den Tag, an dem ihr Ehemann starb. Er fiel mitten auf der Straße um. Ihre Erinnerungen bewegen und helfen gleichzeitig bei der Trauerbewältigung.

"Unsere Kultur ist gegen das Traurigsein", sagt Geraldine Brooks
"Unsere Kultur ist gegen das Traurigsein", sagt Geraldine BrooksIMAGO/Roberto Gandola
Angela Szivatz
Akt. 02.06.2026 23:45 Uhr

Von hundert auf null in nicht einmal fünf Minuten. Eben noch war er der bewunderte, preisgekrönte Bestseller-Autor auf Lesereise, Vater und Ehemann. Dann streckte ein Herzinfarkt Tony Horwitz mitten auf den Straßen von Washington D.C. nieder.

„Ist dies das Zuhause von Tony Horwitz?“, fragte eine Stimme am Telefon. Es war der 27. Mai 2019, Geraldine Brooks saß auf Martha's Vineyard an ihrem Schreibtisch und arbeitete an ihrem sechsten Roman "Horse". "Ja", antwortete sie, das ist das Zuhause von Tony Horwitz, ihrem Ehemann seit 35 Jahren.

Am anderen Ende der Leitung war eine Notärztin aus einem Krankenhaus in Washington DC. Ihr Ehemann sei auf der Straße zusammengebrochen, sagt sie ohne viel Emotion.

"Ich erwarte, dass sie mir mitteilt: 'Und jetzt wird er operiert' oder: 'Wir behalten ihn zur Beobachtung'", schilderte Brooks dem TV-Sender Compass das Telefonat. "Stattdessen sagt sie: 'Er ist tot.' Einfach so."

Geraldine Brooks verarbeitet den Schock in ihrem neuen Buch "Der letzte Montag im Mai". Sie schreibt darin, wie die Trauer für Jahre zu ihrem Gefängnis wurde und wie sie sich davon befreien konnte. Das müssen Sie über den Tod und das neue Leben wissen:

Fangen wir bei der Autorin an?
Geraldine Brooks wurde 1955 in Sidney, Australien, geboren und ist Journalistin und Schriftstellerin. Nach einem Studium an der Sydney University und beruflichen Erfahrungen als Reporterin für den Sydney Morning Herald arbeitete sie von 1983 bis Mitte der 1990er Jahre als Auslandskorrespondentin für das Wall Street Journal.

"Der letzte Montag im Mai" von Geraldine Brooks, ab € 24,70
"Der letzte Montag im Mai" von Geraldine Brooks, ab € 24,70
BTB Verlag

Wann begann ihre Karriere als Autorin?
In ihrem ersten Buch, "Die Töchter Allahs", schildert sie ihre Erfahrungen unter muslimischen Frauen im Nahen Osten. Es erschien 1994, entwickelte sich zu einem internationalen Bestseller und wurde in 17 Sprachen übersetzt. Das Sachbuch "Die Berber-Frauen", Erinnerungen an ihre Reisen durch den Norden Afrikas, folgte 1997.

Die Romane kamen später?
Ja, unter dem Titel "Das Pesttuch" ("Year of wonders") erschien 2001 ihr erster Roman, auch er wurde international ein Bestseller und in 25 Sprachen übersetzt. 2025 kam "Auf freiem Feld" ("March") auf den Markt, für den sie mit dem Pulitzer-Preis für Fiktion ausgezeichnet wurde.

Blieb sie so erfolgreich?
Ja, mit "Die Hochzeitsgabe" (2008), "Insel zweier Welten" (2011) und "Das Gemälde" (2021) wurden weitere Romane von ihr veröffentlicht. Ihre Bücher sind allesamt New-York-Times-Bestseller, das unterstreicht auch ein warmer Regen an Preisen und Auszeichnungen.

Und ihr Ehemann?
Geraldine Brooks war seit 1984 mit dem ebenfalls Pulitzer-preisgekrönten Journalisten und Autor Tony Horwitz verheiratet. Ihm und seiner Familie zuliebe trat sie dem jüdischen Glauben bei. Nach einigen Wanderjahren im Ausland lebte das Ehepaar ab 2006 mit ihren zwei gemeinsamen Söhnen in Martha’s Vineyard in Massachusetts.

Wie darf man sich die Beziehung vorstellen?
Eng, schon in der Zeit im Journalismus. Als Korrespondenten teilten sich Brooks und Horwitz oft die Autorenzeilen und erhielten in der Redaktion des Wall Street Journal den Spitznamen "Hobro". Es war eine wilde Zeit. "Ich hatte in meiner Reisetasche einen Tschador und eine kugelsichere Weste,“ erzählte sie ABC.

Dann kam der letzte Montag im Mai ...?
"Ich konnte es einfach nicht fassen", sagt Brooks. Wie kann ein so fitter und vitaler Mann so plötzlich sterben? Horwitz ging fünf bis sechs Mal die Woche im Fitnesscenter, war immer noch so schlank wie in seinen jungen Jahren! Nun blieben sämtliche Reanimationsversuche erfolglos.

Wie erinnert sich an diese Momente?
Sie wollte schreien, weinen, sich auf den Boden werfen, sich die Haare ausreißen. Stattdessen unterdrückt sie alle Emotionen, weil sie allein ist. Weil niemand da ist, der ihr zur Seite stehen kann, die Söhne, Familie, alle weit weg. „In Büchern und Hollywoodfilmen ist niemand allein, wenn er eine solche Nachricht bekommt,“ sagt sie.

Wie tat sie sonst?
In die Fassungslosigkeit mischten sich immer mehr Fragen, manche mögen aus der Distanz trivial gewirkt haben, waren es aber im Moment keineswegs. Wo finde ich meinen Mann, wenn ich ins Krankenhaus komme? Das war so eine. Die erschöpfte Ärztin wimmelte sie ab. "Die Polizei von D.C. wird mit Ihnen sprechen müssen. Bitte sorgen Sie dafür, dass Sie erreichbar sind."

Sie blieb also nur warten?
Ja, denn niemand hatte nach ihrer Handynummer gefragt, nicht das Krankenhaus, nicht die Polizei. Geraldine begann, wie ferngesteuert erste organisatorische Dinge zu erledigen: Einen Platz auf der Fähre buchen, denn rund um das Memorial Day–Wochenende gab es keine freien Flüge von und nach Martha’s Vineyard. Josh, Tonys Bruder, anrufen. Dann meldete sich endlich die Polizei.

Erfuhr sie etwas Neues?
Nicht viel. Nur, dass umgehend Passanten da waren und versuchten zu helfen, leider vergebens. Dass es eine Autopsie geben musste, weil der Tod so plötzlich eingetreten war. Immerhin zeigte sich der Beamte bei dem Gespräch sehr freundlich und einfühlsam. Ohne etwas einzupacken, hastete Brooks zur Fähre. Sie wollte ihren Mann sehen. Doch es wird Stunden dauern, bis sie von Massachusetts nach Washington gelangt.

Was war die schwerste Aufgabe?
Wie es den beiden Söhnen sagen? Brooks überlegte hin und her, wollte den Jüngeren, Bizu, noch eine Nacht vor der grausamen Nachricht beschützen. Doch dann überkam sie die Angst, er könnte es aus dem Internet erfahren. Der Ältere, Nathaniel, befand sich gerade auf einem Flug nach Sydney. Noch bevor sie mit ihm sprechen konnte, hatte ihn ein Freund angerufen.

Was weiß man über die beiden Kinder?
Nathaniel ist 1996 geboren, war beim Tod seines Vaters also 23 Jahre alt. Heute ist er ein australisch-amerikanischer Investor, Unternehmer und investigativer Journalist. Bizu wurde 2003 in Äthiopien geboren und im Alter von fünf Jahren von Brooks und ihrem Ehemann adoptiert. Er ist Finanzanalyst in Australien.

Welche Aufgaben noch auf die Autorin zukamen?
Nun musste sich um alles kümmern, was in Tonys Verantwortung lag: Vermögensverwaltung, Altersvorsorge, Versicherungen. Ein Monat nach seinem Tod erfährt sie, dass die Krankenversicherung der ganzen Familie, die auf ihren Mann lief, aufgekündigt wurde, obwohl sie 5.000 Dollar hinterlegt hatte. Es langen laufend Anfragen von Medien ein, die einen Nachruf bringen wollen.

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für NewsFlix
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für NewsFlix
Helmut Graf

So hat sie sich ihr spätes Leben nicht vorgestellt?
Ganz im Gegenteil. Wie viele ältere Paare hatten Tony und Geraldine Pläne für ihre Zukunft: Entschleunigen, in Rente gehen, gemeinsame Abende in Schaukelstühlen in der untergehenden Sonne, auf Reisen sein, ganz ohne Arbeit, irgendwann einmal Großeltern werden …

Wie kam sie mit der Trauer zurecht?
Sie schob die Bewältigung zunächst auf, es war ja so viel zu tun. Selbst bei der Aufbahrung und Beerdigung kann sie nicht weinen, obwohl Worte gesprochen werden, die tief ins Herz gehen und Erinnerungen aufleben lassen. Wichtiger ist ihr, dass alle Trauerfeiern gut vonstattengehen und sie für ihre Söhne stark sein kann. Man funktioniert in solchen Situationen, wer das einmal erlebt hat, weiß was gemeint ist.

Wann ändert sich das?
An Schreiben ist zunächst nicht zu denken. Erst knapp drei Jahre später beschließt Brooks, eine Auszeit in ihrem geliebten Australien zu nehmen. Sie zieht sich nach Flinders Island, einer kleinen, stürmischen, wunderschönen und karg besiedelten Insel, zurück. In die selbstgewählte Einsamkeit. Und da erlebt sie die ersten Momente tiefer Traurigkeit.

Wie geht sie damit um?
Jetzt ist sie allein, das wird ihr bewusst. "Doch direkt nach dieser Traurigkeit macht sich eine mürrische innere Stimme bemerkbar, die japst wie ein schlecht gelaunter Terrier: Was ist denn mit dir los? Du kannst dich doch glücklich schätzen, hier zu sein, du kannst es dir leisten und hast Zeit," schreibt sie.

Wieso gerade diese Insel?
Weil sie mit ihrem Ehemann einmal gemeinsam dort war, auf der Suche nach Fakten zur brutalen Inselgeschichte, der "Black Line". 1830 bildeten Soldaten und Siedler eine Menschenkette, die "schwarze Linie" vertrieb die Ureinwohner. Die letzten 100 Tasmanier wurden gefangen genommen und nach Flinders Island umgesiedelt. Die meisten starben an den Folgen von Depressionen, Alkoholismus und anderen Krankheiten.

Geraldine Brooks zog sich für die Trauerarbeit auf Flinders Island zurück
Geraldine Brooks zog sich für die Trauerarbeit auf Flinders Island zurück
APA-Images / dpa Picture Alliance / Laurent Davoust

Was macht Brooks auf Flinders Island?
Einerseits spürt sie der Geraldine nach, die sie vielleicht auch hätte werden können, ohne die Begegnung mit Tony, ohne die Entscheidung, mit ihm in die USA zu übersiedeln. Sie reflektiert über die unterschiedlichen Trauerrituale der verschiedenen Religionen. Allmählich gelingt es ihr, die letzten drei Jahre aufzuarbeiten.

Was nahm sie aus ihrer Ehe mit?
Selbst nach seinem Tod vermochte es Tony, seine Frau noch zu überraschen. Anhand von vier Tagebüchern, die sie wahllos aus den vielen von ihm verfassten Bänden herausgegriffen hatte, entdeckte sie unbekannte Seiten an ihrem Mann. Zum Beispiel schrieb er nur dann Tagebuch, wenn ihn etwas sorgte oder plagte. Und sie hatte keine Ahnung, dass er gesundheitlich angeschlagener war, als er zugab.

War es rückblickend eine gute Ehe?
Eine sehr gute sogar, so lautet auch ihr Befund: Nähe, intellektuelle Forderung durch Austausch, gegenseitige Unterstützung, Halt. Sie spürt deutlich, wie glücklich sie sich schätzen kann. Und dass Tony, besonders hier in der Einsamkeit der Insel, trotz des Verlustes ohnehin ständig bei ihr ist.

War alles eitel Wonne?
Nein, aber das hatte nichts mit der Ehe zu tun, sondern richtet sich eher an die Allgemeinheit. Gegen Ende des Buches stellt Brooks einige Wünsche auf, wie sich die Gesellschaft im Fall eines plötzlichen Todes verhalten sollte.

Nämlich?
Mehr Empathie beim Überbringen der Nachricht durch Ärzte und Polizei. Kürzere Wartezeiten auf Autopsien und schonendere Beschreibungen. Mehr Zeit und Ruhe zum Trauern, statt der Ungeduld, es müsse doch jetzt dann einmal genug sein. "Unsere Kultur ist gegen das Traurigsein. Wir wollen, dass die Leute glücklich sind. Es bekümmert und kränkt uns, wenn sie es nicht sind."

"Wir wollen, dass die Leute glücklich sind. Es bekümmert und kränkt uns, wenn sie es nicht sind."
"Wir wollen, dass die Leute glücklich sind. Es bekümmert und kränkt uns, wenn sie es nicht sind."
IMAGO/opale.photo

Fand Brooks zum Schreiben zurück?
Glücklicherweise ja, sonst gäbe es dieses feine Buch nicht. Es ist so aufgebaut, dass sich immer ein Kapitel mit der Phase rund um die  Todesnachricht 2019, mit einem Kapitel aus der Zeit in Australien 2023 abwechselt. So rollt Brooks die Ereignisse auf, reflektiert über das Geschehene und zeigt, wie sie in der Natur genesen konnte.

Was die Autorin über ihr Buch sagt
Sie habe es schreiben müssen. Auch wenn die Trauer nicht vorüber sei, so ist sie doch manchmal zumindest schwächer. Das Leben, das sie sich ausgemalt habe, das aber sei weg und werde nicht wieder kommen. "Ich habe mir vorgenommen, das Leben, das ich habe, so lebendig und nachhaltig zu gestalten, wie ich kann," sagt sie.

Ist das Buch eine Empfehlung wert?
Auf jeden Fall. Denn es behandelt ein zentrales Lebensthema, das uns allen schon schmerzlich begegnet ist oder noch bevorsteht – den Verlust eines geliebten, vertrauten Menschen. Es zeigt den harten, meist kummervollen Weg des Abschiednehmens, gibt aber auch Anregung und Mut zu einem Neustart und der Würdigung und Dankbarkeit dem gegenüber, was man gehabt hat.

Was könnte als Motto bleiben?
Manchmal muss man eine Reise tun, um nach Hause zu kommen.

"Der letzte Montag im Mai" von Geraldine Brooks, Memoir, 224 Seiten, BTB Verlag, ab € 24,70

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für NewsFlix schreibt sie über aktuelle Literatur. Sie lebt in Wien. Im Vorjahr ist ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" erschienen.

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Angela Szivatz
Akt. 02.06.2026 23:45 Uhr